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Der Pakt der Wölfe (Le Pacte des Loups • F 2001)

Interview mit dem Regisseur Christophe Gans


Frage: Was inspirierte Sie nach Ihrem internationalen Erfolg mit Crying Freeman eine Geschichte umzusetzen, die im ländlichen Frankreich des 18. Jahrhunderts spielt?

Gans: Als ich das Drehbuch las, sprangen mir die Charaktere regelrecht ins Gesicht. Natürlich kannte ich die Legende von der »Bestie von Gévaudan« schon vorher. Meine Eltern erzählten sie mir, als ich noch ein Kind war. Ich erinnere mich auch, dass ich in den 60ern einen schwarzweißen Dokumentarfilm darüber im Fernsehen gesehen habe. Somit war mir die Geschichte sehr vertraut. Wenn man sich Crying Freeman genauer betrachtet, wird man bemerken, dass es zwar eine Gangstergeschichte ist, aber stilistisch durchaus an einen Historienfilm erinnert. Ich würde sagen, dass Crying Freeman eigentlich ein Kostümdrama im Gewand eines Gangsterfilms ist. Somit war die Idee, jetzt einen Film mit Kostümen zu machen, gar nicht so abwegig, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Was mir am Drehbuch sogar am meisten gefiel, war die Möglichkeit, einen Film mit Kostümen, Kampfszenen, Dolchen und Ähnlichem drehen zu können, ohne einen asiatischen Bezug nehmen zu müssen. Für Crying Freeman entwickelte ich Ideen und Mythen, die genauso ins Mittelalter gepasst hätten. Bei Pakt der Wölfe ist es genau umgekehrt. Es reizte mich, aus einer historischen Perspektive zeitgenössische Themen zu entdecken.

Frage: Welche Teile des Films basieren auf tatsächlichen Ereignissen?

Gans: Das erste Drittel des Films entspricht genau den Tatsachen. Alle Charaktere existierten wirklich. Die einzige Ausnahme ist Mani, der von Mark Dacascos gespielt wird. Die »Bestie von Gévaudan« entwickelte sich damals zu einer Staatsaffäre. Wir Franzosen befanden uns mit den Engländern im Krieg, die sich auf unsere Kosten amüsierten, weil wir noch nicht mal in der Lage waren, einen Wolf einzufangen. Deshalb gab der König den Befehl, einfach einen Wolf zu töten und ihn als die Bestie am Hofe auszustellen. Doch die Angriffe gingen weiter. Was im Film passiert, ist natürlich unsere eigene Lösung für das Mysterium der Bestie, aber sie basiert auf Fakten. Auch wenn man die Angriffe aus heutiger Sicht beurteilt, steht fest, dass kein Wolf so etwas tun würde. Menschen hingegen haben schon immer ein sicheres Geschick gezeigt, die Natur zu verfälschen und damit Böses heraufzubeschwören. Im Film zeigen wir, dass die Wölfe die eigentlichen Opfer waren. Sie wurden zu Sündenböcken gemacht.

Frage: Welche Bedeutung hat die Figur des Mani?

Gans: Wir haben unseren Film für ein möglichst breites Publikum gemacht. Ein Film, der sich an Leute jeden Alters richtet. Trotzdem denke ich, dass eine gute Abenteuergeschichte auch eine Meinung vertreten muss. Es reicht nicht, wenn sich die Figuren gegenseitig die Köpfe einschlagen. Es ist weitaus interessanter, Figuren zu haben, die für die Verbesserung der Menschheit kämpfen. Mani ist ein geheimnisvoller Krieger, der für mich eine Ideologie repräsentiert, an die ich generell glaube. Es geht dabei um die Beziehung zwischen Mensch und Natur, zwischen Mensch und Tier. Mani ist eine Figur, mit der sich vor allem Jugendliche von heute identifizieren können. Ein poetischer Außenseiter, der eine magische Verbindung zu seiner Umwelt hat, und eher eine Distanz zu seinen Mitmenschen bewahrt. Er kommt direkt aus der zeitgenössischen Kultur der Mangas, die schon fast die offizielle Kultur der Kids von heute ist. Er könnte auch der Star eines Videospiels sein. Mani ist eine starke Figur, besonders für junge Zuschauer, die sich ansonsten eher widerwillig Kostümfilme ansehen, in denen die Charaktere Dialoge aus dem 18. Jahrhundert sprechen.

Es war Mani, der mir beim Lesen des Drehbuchs besonders gefiel, denn diese Figur trägt in sich meine Visionen und Ansichten. Eine Figur wie diese, und dazu noch in einem historischen Film, erlaubt es uns, einige sehr interessante Aspekte herauszustellen, die auf unsere Gegenwart verweisen. Man darf nicht vergessen, dass es die Zeit der Aufklärung war. Der Film handelt von Menschen mit progressiven Ansichten, die damit gegen die alten Dämonen des Fundamentalismus, der Rassentheorie und der reaktionären Gewalt ankämpfen. Leider ist das heute noch genauso wahr wie damals. Aber wir transportieren mit unserem Film keine Botschaft. Mir war es wichtiger, dass sich solche Ansichten ungezwungen aus der Handlung ergeben.

Frage: Verglichen mit Mani ist Fronsac weit weniger selbstsicher...

Gans: Ich habe es immer gemocht, wenn Helden mit ihren eigenen Widersprüchen konfrontiert werden. Ein wahrer Held ist eben nicht unfehlbar. Was ich an Fronsac mag ist, dass er ein edler und mutiger Mann mit harten Kanten ist. In seinen Beziehungen mit Frauen kann er extrem unbeholfen wirken, und nicht alles, was er in seinem Leben getan hat, ist ein glänzendes Beispiel. Das Publikum mag es, wenn sie ihren Helden ab und an bei einem Ungeschick erwischen, denn jeder macht Fehler und auf diese Weise sagen wir dem Zuschauer, dass auch er eines Tages ein Held sein könnte. Schon im ersten Drehbuchentwurf von Stéphane Cabel war Fronsac wunderbar beschrieben. Oft überlegte ich, wer wohl das Zeug hätte, Frankreichs neuer Actionheld zu werden. Ich habe den Verdacht, dass Samuel Le Bihan alle Eigenschaften hat, ein solcher Held zu werden.


Foto: Helkon

Frage: Es ist schon sehr ungewöhnlich, so viele junge Schauspieler als Hauptdarsteller in einem Kostümdrama zu sehen...

Gans: Je mehr wir am Skript arbeiteten, desto mehr gelang es uns, die jungen Charaktere in die vorderste Reihe der Handlung zu setzen. Die Amerikaner sind sehr gut darin, neue Gesichter, neue Stars zu entdecken, mit denen sich vor allem jüngere Zuschauer identifizieren können. Pakt der Wölfe gab mir die Möglichkeit, neue Ideen auszuprobieren, um junge Schauspieler in einem Historienfilm zu besetzen. Als ich Emilie Dequenne in Cannes sah, wie sie mit ihrer Trophäe als Beste Schauspielerin die Treppen hinunterging, fühlte ich einen Ansturm von Emotionen. Da dachte ich bei mir, ob es nicht großartig wäre, eine Frau mit diesem Aussehen und dieser Energie in einem Historienfilm zu erleben? Es ist sehr wichtig, das Kino immer wieder neu zu beleben.

Frage: Wie haben Sie sich Monica Belluccis Rolle der Sylvia vorgestellt?

Gans: Monicas Figur spielt im Film eine wichtige Rolle. Ich dachte, es wäre nur gut, wenn ich ihr die Möglichkeit gäbe, die Intelligenz und Komplexität zu zeigen, die hinter der Fassade dieser einmaligen Schönheit steckt. Monica wurde schon oft besetzt, um wunderschöne Frauen zu spielen. In Pakt der Wölfe erlebt man sie als Sylvia, eine sehr glamouröse Frau, die ihre Ausstrahlung für ihre eigenen Zwecke nutzt. Genauso wie mit Crying Freeman wollte ich einen Actionfilm machen, der auch Frauen anspricht. Ich wollte nicht, dass Monica Bellucci nur die dekorative Schöne spielt. Genauso wenig ist Marianne, gespielt von Emilie Dequenne, das unschuldige junge Ding, das darauf wartet, dass ihr Prinz vorbeireitet, um sie zu retten. Dafür ist sie viel zu schlau.

Frage: Welche Absicht verfolgen Sie mit dem Erzähler, der uns in die Geschichte des Films einführt und sie beendet?

Gans: Tatsache ist, dass der Erzähler sogar einer der Protagonisten der Geschehnisse im Film ist. Er ist das Bindeglied zwischen dem, was passiert ist und dem, was noch kommen wird. Das was kommen wird ist die französische Revolution. Die Bestie von Gévaudan wütete 25 Jahre vor der Französischen Revolution, die das Weltbild, wie wir es im Film beschreiben, hinwegfegte. In einer Hinsicht lautet die Moral der Geschichte, dass am Ende alles, wofür die Menschen standen und kämpften, zerstört wurde. Der Erzähler ist ein besonnener Mann und seiner Zeit weit voraus. Und diese Episode ereignete sich wirklich: Thomas d´Apcher wurde abgeführt, um exekutiert zu werden. Doch seine Angestellten retteten ihn vor der Guillotine.

Frage: Wie sind Sie vorgegangen, um die Action- und Kampfszenen umzusetzen?

Gans: In jener Zeit waren Waffen noch keine Massenprodukte. Im Film sieht man deshalb keine Szenen, in denen sich die Kämpfer mit ähnlich aussehenden Schwertern duellieren. Man sieht sie mit bizarren Waffen kämpfen, die ganz nach Maß für eine bestimmte Person angefertigt wurden, und diese Person musste lernen, mit ihr umzugehen. Dieser primitive und befremdliche Aspekt verleiht den Kampfszenen eine »erheiternde« Dimension, die man sonst nur aus Asienfilmen kennt.

Außerdem brachte unser Kampf-Koordinator aus Hongkong das gewisse Etwas in die Szenen. Diese und die Auftritte der Bestie, die durch digitale und animatronische Techniken und Roboter zum Leben erweckt wurde, ergeben eine explosive Mischung. Durch die Filmstory passen die beiden Elemente wunderbar zusammen. Das spürte ich bereits, als ich zum ersten Mal das Drehbuch las.

Frage: Am Film waren Künstler aus der ganzen Welt beteiligt. Der für den Schnitt verantwortliche David Wu kommt aus Hongkong und für die Kamera verpflichteten Sie Dan Laustsen...

Gans: ...einen Dänen, ja! Er arbeitete bereits in Hollywood an zwei großartigen Filmen: Nightwatch und Mimic, die ich gerade wegen seiner Kameraarbeit hervorragend fand. Er benutzt Schatten und Licht, ohne Farbe beizumischen. Seine Farben ergeben sich aus den Schattierungen auf der Haut, den Kostümen und den Orten, aber nicht durch die Kamera. Mir ist oft aufgefallen, dass Filme durch die Akzentuierung der Fotografie schon nach fünf Jahren unmodern aussehen. Ich wünsche mir, dass die Optik meiner Filme keinem modischen Diktat unterworfen ist und so den Test der Zeit bestehen kann.

• Quelle: Helcon

Siehe auch:
Interview mit Jawie Courtier - Creative Director Jim Hensons Creature Shop
www.paktderwoelfe.de
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