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Gespräch mit Michael »Bully« Herbig

über Der Schuh des Manitu (D 2001)


Frage: Der Schuh des Manitu wäre ohne Karl Mays Winnetou undenkbar. Was verbindet Sie mit dem Häuptling der Apachen?

Antwort: Als ich jung war, gab es ja nur drei Fernsehprogramme und da gehörte es zu den absoluten Highlights, wenn ein Winnetou-Film kam. Ich habe mir auch sämtliche Artikel zum Thema aus den Zeitungen ausgeschnitten und sie mir übers Bett gehängt. Und als Winnetou in Winnetou III starb, habe ich’s einfach nicht glauben können. Im Prinzip ist Der Schuh des Manitu so eine Art Vergangenheitsbewältigung.

Frage: Hat Ihr Herz mehr für Pierre Brice geschlagen oder für Lex Barker?

Antwort: Als Kind ging mir mehr das Herz auf, wenn Winnetou kam. Auf den habe ich schon sehnsüchtiger gewartet als auf Lex Barker. Den fand ich auch cool, aber Winnetou hatte so etwas Edles, er war auch kein typischer Indianer. Das lag vielleicht auch an der perfekten deutschen Sprache, dass ich alles verstanden habe, was er gesagt hat. Deshalb war ich auch so bitter enttäuscht, als diese Fortsetzung im Fernsehen kam. Ich war wirklich glücklich, dass er überlebt hat, aber man hätte ihn echt synchronisieren sollen.

Frage: Ist Ihr Film so etwas wie eine Antwort auf diesen TV-Film?

Antwort: Nein, so weit würde ich nicht gehen. Unser Film sieht ganz einfach so aus, wie ich mir einen Western vorstelle. Das heißt: eine schöne, breite Cinemascope-Leinwand, die richtigen Motive und Farben, die richtige Musik. Und die richtigen Figuren - ganz klassisch: gut, böse, Blutsbruderschaft, Freundschaft und was halt sonst noch so wichtig ist für einen Western. Außerdem wird auch mit Vorurteilen aufgeräumt, das ist ausschlaggebend.

Frage: Mit welchen Vorurteilen?

Antwort: Es gibt sehr viele Irrtümer, was beispielsweise die Blutsbruderschaft angeht. Winnetou und Old Shatterhand waren nicht die einzigen, die das praktiziert haben. Deshalb wird hier - quasi parallel zu Winnetou und Old Shatterhand - die Geschichte von Abahachi und Ranger erzählt. Schade eigentlich, dass die beiden Duos nie aufeinander getroffen sind. Es wäre bestimmt eine nette Begegnung gewesen. Dass Blutsbruderschaft damals gang und gäbe war, will ich mit Der Schuh des Manitu beweisen. Dieses Ritual war gewissermaßen der Vorreiter von Piercing und Branding.

Frage: Sie sind als Komiker aus der Bullyparade berühmt geworden. Nach Ihrem Regie-Debüt Erkan & Stefan ist dies nun ein weiterer Kinofilm. Woher kommt das?

Antwort: Mit etwa neun Jahren wollte ich Schauspieler werden. Damals haben wir Schultheater gemacht, was ich irre komisch fand. Es gefiel mir, Leute aufzuheitern. Das soll jetzt nicht heißen, dass ich ein Klassenclown war. Aber es ergab sich für mich einfach die Möglichkeit, den Kindern Spaß zu bereiten.

Frage: Und wie ging es dann weiter?

Antwort: Mit 13, 14 habe ich mir Filme - vor allem die von Hitchcock - dann ganz anders angeguckt. Ich habe darüber nachgedacht, warum ich das alles so spannend finde. Natürlich sind die Darsteller das Wichtigste im Film, weil sie Emotionen transportieren. Aber letztendlich bist du als Schauspieler abhängig von deinem Regisseur.

Frage: Welche Maßstäbe setzen Sie sich als Regisseur?

Antwort: Ich finde es sehr schwierig, Kommerz, Unterhaltung und Kunst auseinander zu halten. Denn für mich ist Unterhaltung sehr wohl eine Kunst. Und ich glaube, dass dies sehr oft falsch verstanden wird. Jedes Genre und jede Art von Film haben ihre Berechtigung und ihre Zuschauer. Deshalb würde ich mich nie abwertend über ein Genre äußern. Und wenn du ein Genre gut bedienst und die Leute damit unterhältst, dann ist auch dies eine Form von Kunst.

Frage: Glauben Sie, dass Sie aus der Komiker-Schublade, in der Sie inzwischen stecken, so leicht wieder herauskommen können?

Antwort: Davor habe ich erstaunlicherweise überhaupt keine Angst. Ich habe auch keinen Zeitplan für mich entworfen. Aber immer, wenn der Zeitpunkt gekommen war, abzuspringen, etwas Neues auszuprobieren, hat sich das glücklicherweise auch ergeben. Ob das der Wechsel vom Radio zum Fernsehen war, oder vom Fernsehen zum reinen Darsteller. Vor allem Letzteres war für mich eine wahnsinnig wichtige Erfahrung. Dann folgte die Regie von Erkan & Stefan und inzwischen habe ich mich auch noch als Produzent von der Bullyparade und von Der Schuh des Manitu ausprobiert.

Frage: Ihre Karriere verläuft ja fast wie im Bilderbuch, eine Art amerikanische success story?

Antwort: Vorgenommen habe ich mir das aber nicht. Alles, was ich bisher gemacht habe, ist aus reiner Überzeugung entstanden, und nie aus irgendwelchen Geldgründen oder aus einer latenten Profilneurose heraus. Es war nur der pure Spaß und der pure Glaube an die Idee. Im Moment habe ich so das Gefühl, dass ich eines Tages gerne mal komplett das Genre wechseln würde, um die Leute damit zu überraschen.

Frage: Haben Sie dafür irgendwelche Vorbilder im Kopf?

Antwort: Natürlich Tom Hanks, der sich zunächst als Comedian etablierte. Das gilt teilweise auch für Jim Carrey, aber bei Tom Hanks fiel der Karriereumschwung wesentlich extremer aus. Er hat sein Publikum quasi über Nacht mit Philadelphia überrascht. Auch ich habe am Anfang gedacht, Philadelphia sei eine Komödie. Aber als ich die Kritiken gelesen und den Film gesehen habe dachte ich mir nur: Gott sei Dank passiert so etwas. Das war großartig. Denn ich wehre mich extrem dagegen, wenn irgendjemand eine Schublade aufmacht und behauptet: Das ist jetzt ein Komiker und da lassen wir ihn nicht mehr raus.

Frage: Sie kennen vielleicht den Vorwurf, dass Komiker vor lauter Gags gerne die eigentliche Geschichte vergessen, wenn Sie einen Kinofilm inszenieren.

Antwort: Das kann schon schnell passieren. Deswegen spielt das Buch eine sehr wichtige Rolle. Ich persönlich finde es keine Schande, mit der achten, neunten oder gar zehnten Fassung ans Set zu gehen. Das hat auch nichts mit fehlendem Talent zu tun. Das kostet ja schließlich alles Geld. Und du willst das Beste rausholen. Man sollte so lange am Buch herumfeilen, bis man wirklich ein gutes Gefühl dabei hat.
Ich vergleiche den Filmemacher immer mit einem Maler. Er fängt an, ein Bild zu malen und dann merkt er plötzlich, dass ihm die Farben ausgehen. Er wird deshalb nicht das halb fertige Bild verkaufen, sondern in einen Laden gehen und sich neue Farben kaufen, um das Bild fertig zu stellen, das er sich vorgestellt hat.

Frage: Läuft das beim Filmemachen tatsächlich so ab?

Antwort: Klar. Ich finde es fast schon intolerant, ja respektlos, wenn Leute anfangen, sich darüber das Maul zu zerreißen, wenn man zu lange entwickelt oder noch einmal an eine Szene rangeht oder etwas überarbeitet. Ich bin der Meinung: Solange das Ding nicht im Kino läuft, ist es einfach nicht fertig. Und dazu gehört auch die Geschichte. Die Figuren müssen sich emotional entwickeln und dich berühren, sonst ist es dem Publikum nach 30 Minuten egal, was mit ihnen passiert.

Frage: Könnten Sie kurz den Plot von Der Schuh des Manitu skizzieren?

Antwort: Sehr einfach und sehr klassisch, wie das Genre eben so ist. Es gibt diesen großen Traum von einem Indianerhäuptling, der seinem Volk etwas Gutes tun möchte und ihm ein Stammlokal hinstellen will. Er glaubt so sehr an diesen Traum, dass er dafür Schulden bei den Schoschonen macht. Dann gerät er an einen miesen Geschäftsmann, der ihn übers Ohr haut und den Sohn der Schoschonen erschießt, der das Geld überbracht hat. Und plötzlich sind alle hinter Abahachi her. Es entsteht ein Wettlauf um einen Schatz. Sowohl die Bande als auch die Schoschonen sind hinter unseren beiden Helden her.
Dann kommt auch noch eine Frau ins Spiel, die die Blutsbrüderschaft gefährdet. Und es stellt sich heraus, dass nicht nur Ranger in sie verliebt ist, sondern dass auch Abahachi seit 25 Jahren glaubt, sie sei seine große Liebe, was er aber nie zugegeben hat. Und alles bricht auseinander ...

Frage: Also alles andere als ein lupenreiner Western?

Antwort: Richtig. Eher schon eine Mischung aus einem Shakespeare-Drama und einem Autorenfilm. Der Schuh des Manitu ist aber auch ein Mädchenfilm, weil Pferde darin vorkommen. Letztendlich werden ganz simple Sehnsüchte bedient.

Frage: Bei welchem Film haben Sie besonders viel geklaut?

Antwort: Klauen ist so ein gemeines Wort. Ich würde lieber fragen: Wo habe ich mich inspirieren lassen? Ich habe versucht, alles zu zitieren, was irgendetwas mit Indianern zu tun hat. Dazu gehört natürlich auch Indiana Jones. Karl May - und da insbesondere Der Schatz im Silbersee, aber auch Italo-Western und Der mit dem Wolf tanzt gehören dazu. Mir war es auch sehr wichtig, dass wir richtige Indianer besetzen. Das zeigt gerade in punkto Seriosität und Ernsthaftigkeit enorme Wirkung.

• Quelle: Constantin


Foto: Constantin
 

Foto: Constantin
Siehe auch:
Michael »Bully« Herbig (1968) Deutscher Schauspieler und Regisseur
Der Schuh des Manitu (D 2001)
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