Spider-ManPeter Parker ist ein Loser. Der hornbebrillte New Yorker Teenager muss sich von seinen Mitschülern ständig ein Bein stellen lassen. Seine Mitschülerin Mary Jane kann er nur hilflos anschmachten. Sie hat allenfalls Mitleid für ihn übrig. Auch ein Besuch ihrer Schulklasse in einem Gentechnik-Labor ändert zunächst nichts an dieser deprimierenden Lage. Ganz im Gegenteil: Nachdem ihn eine genmanipulierte Spinne gebissen hat, die die Begabungen vieler Spezies in sich vereint, fühlt sich Parker zunächst einfach nur todkrank. Erst als er am nächsten Morgen erwacht, stellt er neue Qualitäten an sich fest. Die Augen haben kein Kassengestell mehr nötig. Die Muskeln sind plötzlich angeschwollen - ganz ohne Fitnesstraining oder Spinat. Onkel und Tante, die bei der Vollwaise Peter die Stelle der Eltern vertreten, kennen ihren auf einmal so agilen Zögling kaum wieder. In der Schule kann er endlich mit dem ekelhaftesten Raufbold abrechnen.
Auch wenn ihm seine neuen Kräfte zum Teil nicht geheuer sind, will Peter sie zum eigenen Vorteil nutzen. Bei einem Schaukampf gegen einen Wrestler behält er trotz einiger blauer Flecken die Oberhand. Die 3.000 Dollar Preisgeld will er in ein Cabrio investieren, mit dem sich Mary Jane vielleicht beeindrucken ließe. Doch der Veranstalter des Schaukampfs betrügt ihn um die Summe. Als ein kleiner Gauner kurz darauf die Tageseinnahmen stiehlt, grinst Peter nur hämisch und verzichtet darauf, den flüchtigen und unbewaffneten Räuber zu stellen. Wenig später ermordet der Dieb auch seinen Onkel. »Aus großer Kraft erwächst große Verantwortung«, hatte der immer gesagt. Und Peter begreift, was die Uhr für ihn geschlagen hat.
Keine Sekunde zu spät: Während sich der junge Parker mit den Folgen seiner Metamorphose auseinander setzt, kämpft der Rüstungsunternehmer Norman Osborn mit allen Mitteln um den Erhalt seiner Macht. Als der Aufsichtsrat seine Ablösung beschließt, schluckt Osborn nicht etwa Schlaftabletten, sondern ein neu entwickeltes, noch nicht erprobtes Mittel zur Leistungssteigerung von Soldaten. Ein gepanzerter Anzug und ein Ein-Mann-Düsengleiter aus eigener Produktion verhelfen ihm zur Rache. Der Aufsichtsrat wird durch eine spezielle Granate zerstrahlt. Über die Nebenwirkungen der Droge hat Osborn allerdings keine Kontrolle. Als »Grüner Kobold« terrorisiert er nun die Stadt. Alle sind ihm hilflos ausgeliefert. Wirklich alle? Nein! Peter Parker hat inzwischen gelernt, aus neu entstandenen Drüsen Netze auszuwerfen, an denen er sich mit Tarzan-Geschrei durch den Wolkenkratzer-Dschungel schwingen kann. Als Spider-Man rettet er Babys aus brennenden Häusern, Dollar-Millionen vor unbefugtem Zugriff und Mary Jane vor üblen Unholden. Der Grüne Kobold allerdings stellt ihn vor die erste lebensgefährliche Herausforderung in seinem frischen Leben als Superheld. Dass Osborn der Vater seines Mitschülers und besten Freundes Harry ist, macht die Sache nicht einfacher. Und natürlich weiß Mary Jane immer noch nichts davon, dass sich im Spinnenkostüm der schüchterne und hilflose Junge von nebenan verbirgt.
Als es dem Grünen Klabautermann gelingt, den Spinnenmenschen zur Schlacht zu stellen, spitzen sich die Ereignisse zu. Peter muss nicht nur seinen bisher härtesten Kampf führen, er muss auch völlig unerwartet eine schwierige moralische Entscheidung treffen ...

Foto: Columbia TriStar
Mit der Heftserie Spider-Man erhielt das Pantheon der amerikanischen Comic-Superhelden in den sechziger Jahren eine dringend nötige Blutauffrischung. Peter Parker war im selben Alter wie seine jugendlichen Fans. Mit frechen Sprüchen, eigenwilligen Angewohnheiten und einer erfrischenden Verwundbarkeit wurde er eine viel lebendigere Figur als der langweilig-überirdische Halbgott Superman oder der düster-philantropische Flattermann Batman.
Sam Raimi hat die Vorlage adäquat umgesetzt. In der Rolle des Peter Parker erscheint Tobey Maguire mit seinen großen wasserblauen Augen so harmlos, als wäre das Trüben eines Wässerchens für ihn reine Blasphemie. Um so größer ist der Gegensatz zu seinen Auftritten im Spinnenkostüm. Willem Dafoe gibt in seinen besten Momenten einen hervorragenden Jekyll/Hyde-Part. In grüner Maske ist er allerdings der Albernheit solcher Superschurken-Figuren ausgesetzt. Das hat schon den Batman-Filmen nicht gut getan. Die Superhelden-Geschichten verlieren an Reiz, wenn der Gegenspieler auf eine ähnliche Weise zum Freak wird wie der Held. Spannender wird es, wenn der strumpfbehoste Hauptakteur gegen Schurken wie etwa den Superman-Gegner Lex Luthor antritt, der noch recht normalsterbliche Dimensionen hat. Kirsten Dunst gibt als Mary Jane das perfekte nette Mädel von nebenan. Die Rollen von Onkel und Tante Parker sind mit Cliff Robertson und Rosemary Harris glänzend besetzt.
Autor und Regisseur haben der Person Peter Parker, ihren Konflikten und ihrer allmählichen Entwicklung viel Raum gelassen. Damit ist ein viel kompletterer Charakter entstanden als in den bisherigen Supehelden-Filmen. Sam Raimi überrascht außerdem mit einer sorgfältigen Inszenierung, in der das geübte Auge so manches Kabinettstückchen entdecken kann. Wenn Peter zum Beispiel aus der Schule flieht, weil seine Mitschüler vor seinen Kräften Angst bekommen, läuft er an einem Bio-Laden vorbei, an dem groß »Natural« steht. Genau das - ganz natürlich - kann er nicht mehr sein. Wenn Harry, der Parker-Freund und Osborn-Nachwuchs, Peter auf einer Beerdigung in die Arme nimmt, fallen seine schwarzen Handschuhe auf - ein erster Hinweis darauf, dass aus den beiden Burschen bald Todfeinde werden. Aber auch der Humor kommt nicht zu kurz. Wenn es um die Entstehung des Spinnenkostüms geht, atmet der Film den Geist der Comic-Vorlage. Und eine faustdicke Überraschung gibt es beim ersten Auftritt außerdem.
Die große Attraktion für das Massenpublikum sind selbstverständlich die Szenen, in denen sich der Spinnenmensch mit traumwandlerischer Sicherheit von Hochhaus zu Hochhaus schwingt, ganz ohne Umhang und sowieso viel furioser, als Superman dies jemals tun wird. Unvermeidlich ist wohl, dass der Film am Ende weder Kitsch noch amerikanisches Pathos scheut. Unerwartet ist dagegen eine Szene, in der die New Yorker den Grünen Kobold während des Zweikampfs der maskierten Widersacher mit allerlei Klamotten bewerfen. Jawohl, im Big Apple hält man nach den Terroranschlägen zusammen - auch wenn die Vorab-Plakate im September 2001 eiligst aus dem Verkehr gezogen wurden, weil der Spinnenmann sein Netz ausgerechnet zwischen den Türmen des World Trade Center gesponnen hatte.
Spaß gibt es in diesem Film reichlich, ebenso eine leidlich gute Story und eine sympathische Hauptfigur. Da ist es wohl als gute Nachricht zu werten, dass nach dem großen Kassenerfolg schon an der Fortsetzung gearbeitet wird. Alsdann - wie sagten bereits unsere Großeltern? Spinne am Abend: erquickend und labend!
Arno Behrend ALIEN CONTACT
| Originaltitel: | Spider-Man |
| Deutscher Titel: | Spider-Man |
| Land und Jahr: | USA 2002 |
| Regie: | Sam Raimi |
| Buch: | David Koepp |
| Vorlage | nach den Marvel Comics von Stan Lee und Steve Ditko |
| Kamera: | Don Burgess |
| Schnitt: | Arthur Coburn Bob Murawski |
| Musik: | Danny Elfman |
| Produktionsdesign: | Neil Spisak |
| Kostüme: | James Acheson |
| Visuelle Effekte: | Sony Pictures Imageworks Inc. John Dykstra (Leitung) |
| Casting: | Lynn Kressel Francine Maisler |
| Produktion: | Laura Ziskin Ian Bryce |
| Ausführende Produzenten: | Avi Arad Stan Lee |
| Co-Produzent: | Grant Curtis |
| Associate Producer: | Heidi Fugeman |
| deutscher Kinostart: | 6.6.2002 (Columbia) |
| Länge: | 123 Min. |
| Format: | Breitwand 1:1,85 |
| FSK: | ab 12 Jahre |
| Synchron | ||
| Peter Parker/Spider-Man: | Tobey Maguire | Marius Claren |
| Mary Jane Watson: | Kirsten Dunst | Marie Bierstedt |
| Norman Osborn/Grüner Kobold: | Willem Dafoe | Reiner Schöne |
| Harry Osborn: | James Franco | Kim Hasper |
| Onkel Ben: | Cliff Robertson | F. G. Beckhaus |
| Tante May: | Rosemary Harris | Bettina Schön |
| J. Jonah Jameson: | J. K. Simmons | Joachim Kerzel |
| Einbrecher: | Michael Papajohn | Lutz Schnell |
| Bone Saw McGraw: | »Macho Man« Randy Savage | Thilo Schmitz |
| Eugene »Flash« Thompson: | Joe Manganiello | Tobias Kluckert |
| Hoffman: | Ted Raimi | Bernhard Völger |
| Joe »Robbie« Robertson: | Bill Nunn | |
| Ringmoderator: | Bruce Campbell | Erich Räuker |