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Invasion des Wahnsinns

Star Trek V - Am Rande des Universums

Star Trek V: The Final Frontier • USA 1988-89


»Wozu braucht Gott ein Raumschiff?« - »Wieso durfte William Shatner die Regie eines Star-Trek-Films übernehmen?« - »Warum lassen sich Fernsehserienfans immer wieder von der Leinwandumsetzung ihrer Jugenderinnerungen enttäuschen?« - Diese und ähnliche Fragen beschäftigen den ratlosen Zuschauer, der sich den fünften Spielfilm nach der Kultserie Raumschiff Enterprise (Star Trek, 1966-69) angetan hat. Der einzige Grund, der zu all diesen Verwirrungen führt, ist natürlich die Hoffnung der Produzenten, die dicke Kohle zu machen. Nachdem die Originalserie in den sechziger Jahren mit denkbar schlechten Quoten im Fernsehen gelaufen war und immer wieder kurz vor dem Aus stand, entwickelte sich Star Trek erst in den Siebzigern durch die zahlreichen Wiederholungen zum Kult-Phänomen. Daher faßte die Produktionsgesellschaft Paramount bald den wagemutigen Entschluß einer Neuauflage - was zu jener Zeit tatsächlich noch ein tollkühnes Unterfangen darstellte. Daß in der Fernseh- und Kinobranche heutzutage so häufig die Mottenkiste bemüht wird, statt sich etwas Neues einfallen zu lassen, liegt nicht zuletzt daran, daß die Neuauflage von Star Trek im Kino (bis dato neun Filme) und im Fernsehen (The Next Generation, Deep Space Nine und Voyager) unter dem Strich so erfolgreich waren.

Die Qualität der Star-Trek-Kinofilme folgt einem einfachen mathematischen Prinzip: Ganz passabel sind lediglich die Folgen mit den geraden Nummern - insbesondere Star Trek IV - Zurück in die Gegenwart (Star Trek IV: The Voyage Home, 1986), weil die Bemühungen der Rentner-Crew des Raumschiffs Enterprise hier durch den augenzwinkernden Humor erträglich gemacht werden. Die ungeraden Folgen muten sich nur absolute Fans und um Vollständigkeit bemühte Kino- oder SF-Freaks zu. Und der absolute Ausreißer nach unten ist die Nummer fünf, eben Star Trek V - Am Rande des Universums (Star Trek V: The Final Frontier, 1989). Selbst unter Trekkies gilt dieses Werk als apokryph, da die geschilderten Ereignisse mehrfach der Trek-Historie und -Logik widersprechen. Das Raumschiff Enterprise dring bis an den Rand des Universums vor und stößt dort auf niemand Geringeren als Gott:

Auf dem neutralen Planeten Nimbus III werden drei hochrangige Vertreter der Föderation, der Klingonen und der Romulaner von einem geheimnisvollen Vulkanier namens Sybok als Geiseln genommen. Dieser verlangt, den Planeten mit einem Föderationsraumschiff zu verlassen, und zufällig ist die Enterprise das einzig verfügbare Schiff, obwohl Scotty wieder einmal Reparaturen durchführt und Kirk, Spock und McCoy gerade Urlaub im Yosemite Park machen. Zu allem Überfluß stürzt Kirk bei einer Kletterpartie von einer Felswand ab, wird aber von Spock gerettet, der sich rechtzeitig Antigravstiefel überstreifen konnte. Nachdem endlich alle an Bord der Enterprise eingetroffen sind, kann es losgehen. Man landet auf Nimbus III und versucht die Geiseln zu befreien, die sich jedoch inzwischen auf die Seite des Geiselnehmers geschlagen haben. Nachdem man sich eines Angriffs durch die Klingonen erwehren mußte, die inzwischen ebenfalls auf der Bildfläche erschienen sind, wird Sybok an Bord der Enterprise gebracht, wo es ihm ähnlich wie auf dem Planeten bald gelingt, die Besatzung mit seinen quasi-hypnotischen Fähigkeiten zu beeinflussen. Außerdem stellt sich heraus, daß Sybok der Halbbruder von Spock ist.

Schließlich erreicht man hinter der Großen Barriere den geheimnisvollen Planeten Sha Ka Ree, wo man auf ein gottähnliches Wesen trifft, das den staunenden Helden in einer Feuersäule erscheint. Doch Kirk wird mißtrauisch, als das Wesen sie um eine Mitfluggelegenheit bittet, um seinen Einfluß auf die gesamte Galaxis erweitern zu können, worauf Kirk die berühmte Frage stellt, wozu Gott denn ein Raumschiff braucht. Darauf wird das Wesen sehr zornig und offenbart damit seine keineswegs lauteren Absichten. Im allgemeinen Chaos fällt Sybok dem Zorn des Gottes zum Opfer, und die Enterprise wird von den Klingonen - die sich immer noch in der Nähe herumtreiben - angegriffen, so daß Kirk ganz allein auf Sha Ka Ree zurückbleibt, weil wieder einmal der Transporter kaputtgegangen ist. Doch schließlich gelingt es Spock, gemeinsame Sache mit den Klingonen zu machen und den falschen Gott zu vernichten.

Bereits 1975 hatte Gene Roddenberry, der Schöpfer der Fernsehserie, der zu jener Zeit immer weniger Einfluß auf sein geistiges Kind nehmen konnte, für den ersten geplanten Kinofilm einen Drehbuchentwurf mit dem Arbeitstitel The God Thing vorgelegt. Der TV-Produzent Richard Colla gehörte zu den Auserwählten, die es gesehen hatten, und bemerkte später dazu:

»Dieses Drehbuch war recht gewagt. Darin zogen sie los und suchten nach diesem Wesen aus dem All, das überall seinen Einfluß hinterlassen hatte. Als sie dann das fremde Raumschiff und das Wesen erreichten, manifestierte es sich und fragte: ,Kennt ihr mich?‘ Kirk antwortete: ,Nein, wir haben keine Ahnung, wer du bist.‘ Das Wesen erwiderte: ,Seltsam. Wie könnt ihr nicht wissen, wer ich bin? Es ist soviel Zeit vergangen, daß ihr mich inzwischen kennen müßtet.‘ Dann verwandelt es seine Gestalt, bis es als Jesus von Nazareth erscheint. Es fragt: ,Erkennt ihr mich jetzt?‘ Darauf sagt Kirk: ,Ja, jetzt weiß ich, wer du bist.‘ Und das Wesen erwidert: ,Seltsam, daß ihr meine anderen Gestalten nicht kennt.‘ Gene hatte tatsächlich geschrieben, daß dieses ,Wesen‘ geschickt wurde, um das Gesetz zu verkünden, um das Gesetz des Universums bekanntzumachen.«

Shatner dagegen zeigte sich von der Idee begeistert:

»Es war ein faszinierendes Drehbuch, eine ähnliche Geschichte wie 2001. Die Dialoge waren unglaublich. Spock sollte darin die Logik eines übergeordneten Wesens hinterfragen, weil seine Handlungen sehr fragwürdig und widersprüchlich waren. Es wäre ein echter Science-Fiction-Klassiker geworden.«

Die Star-Trek-Produzenten zeichneten sich nie durch überragende Intelligenz aus, aber sie besaßen zumindest genügend Verstand, diese Idee Roddenberrys abzulehnen. Nicht daß die Story, die dann für das erste Werk der Reihe, Star Trek - Der Film (Star Trek: The Motion Picture, 1979), gewählt wurde, ein Geniestreich gewesen wäre. Die Geschichte um V’ger, die Bedrohung aus dem All, die sich schließlich als die mutierte Raumsonde Voyager aus dem 20. Jahrhundert entpuppt, hätte durchaus eine passable Fernsehfolge abgegeben, doch die Wirkung verpuffte auf der viel zu großen Kinoleinwand. Dennoch waren die Einspielergebnisse zumindest so gut, daß die Paramount weitere Produktionen in Auftrag gab. Und es war keine schlechte Entscheidung, Leonard Nimoy, den Darsteller des vulkanischen »Spitzohrs« Spock, mit der Regie der Folgen III und IV zu beauftragen. Der problematische Aspekt dieser Entwicklung lag allerdings darin begründet, daß Nimoy alias Spock eigentlich nur die Nummer zwei in der Trek-Hierarchie darstellt. An erster Stelle steht natürlich William Shatner alias Captain James T. Kirk (auch wenn die Fans und Zuschauer das anders sehen mögen). Und Shatners ausgeprägtes Ego hatte dringend eine Aufwertung nötig, nachdem Nimoy ihm endgültig die Schau zu stehlen drohte. Nur das ist der Grund, daß William Shatner nicht nur als Schauspieler mit fragwürdigen Qualitäten, sondern auch als Regisseur ohne jegliche Qualitäten in die Filmgeschichte einging.

Shatner behauptete später, von selbst auf die Idee zur Gott-Geschichte gekommen zu sein, obwohl die Parallelen zur Roddenberry-Idee wirklich zu frappant sind. Der wesentliche Unterschied besteht darin, daß »Gott« bei Shatner als außerirdisches Wesen entlarvt wird. Robbenberry war somit in zweifacher Hinsicht stinksauer - weil Shatner erstens die Grundidee geklaut und zweitens seine religiöse Botschaft auf diese Weise verunstaltet hatte. Shatner hingegen konnte wieder einmal überhaupt nicht verstehen, was die ganze Aufregung sollte, und bemerkte dazu in seiner typischen Naivität:

»Roddenberry hatte tatsächlich schwere Einwände gegen diese Geschichte, und er sorgte für einige negative und bedauernswerte Umstände. Warum sollte man nicht eine gute Geschichte über die Suche nach dem Sinn des Lebens erzählen? Dieses Thema liegt doch allen großen Geschichten zugrunde, ganz gleich, welche Form sie annehmen.«

Shatners Wunschkandidat für die Rolle des Sybok war Sean Connery, den man zusätzlich zu ködern versuchte, indem man seinen Namen zu »Sha Ka Ree«, dem Gott-Planeten hinter der Großen Barriere, verwurstete. Connery blieb es erspart, sich eine gute Ausrede einfallen lassen zu müssen, da er zu diesem Zeitpunkt längst zugesagt hatte, in Steven Spielbergs Indiana Jones und der letzte Kreuzzug (Indiana Jones and the Last Crusade, 1989) mitzuspielen. Schließlich wurde die Rolle des Bösewichts mit Laurence Luckinbill besetzt, der als James Danzer zur Stammbesetzung der Fernsehserie FBI (The F.B.I., 1965-74) gehört hatte.

Kurz vor Drehbeginn bekam Shatner plötzlich kalte Füße, als ihm bewußt wurde, daß die Aufgabe eines Filmregisseurs eine ganz besondere Herausforderung darstellte: »Mir wurde plötzlich klar, daß wir am nächsten Tag ins Studio gingen und daß Hunderte von Leuten mir Hunderte von Fragen stellen würden. Die Vorstellung, Hunderte von Antworten parat haben zu müssen, machte mich furchtbar nervös.«

Mit seiner Nervosität steckte er auch das Drehteam an. Shatner rastete immer wieder aus und beschimpfte grundlos die Mitarbeiter. Obendrein streikten gerade Lastwagenfahrer, aus einem Anhänger wurden Kostüme im Wert von 60.000 Dollar gestohlen, und in der Mojave-Wüste, wo die auf Nimbus III spielenden Szenen entstanden, herrschten um die 45 Grad.

Leonard Nimoy brachte das Besondere an Star Trek V treffend auf den Punkt: »Es ist ein Shatner-Film - was allem Anschein nach darauf hinausläuft, daß viel mehr herumgerannt und herumgesprungen wird als in allen vorigen Star-Trek-Filmen zusammen. Die anderen Filme waren relativ ruhig, doch in diesem reiten wir auf Pferden, besteigen Berge und fliegen an Sicherungsleinen durch die Luft.«

Selbst während des Filmschnitts legte Shatner sich immer wieder mit den Cuttern an, weil diese sich weigerten, seine unprofessionellen und unüblichen Forderungen umzusetzen. Der Produzent Harve Bennett charakterisierte Shatners Bemühungen so:

»Es ist etwas anderes, ob man vor oder hinter der Kamera steht, und daß er bei etlichen Episoden von T. J. Hooker Regie führte, hat Bill Shatner nicht auf das vorbereitet, was für die große Leinwand notwendig ist. Bill brauchte einige Zeit, den doppelten Sprung vom Fernsehschauspieler zum Kinoregisseur zu schaffen. Obwohl wir ein Jahr lang auf ihn eingeredet haben, war er überhaupt nicht auf das vorbereitet, was ihn in den ersten Tagen des Schnitts von Star Trek V erwartete. Es ist seltsam, daß Regiedebütanten immer wieder das Rad neu erfinden wollen.«

Immerhin bewies Shatner später die Fähigkeit zur Einsicht und Selbstkritik, als er in seinen Memoiren schrieb: »Ich betrachte Star Trek V als gescheiterten, aber gutgemeinten Versuch, einen Film zu drehen, der tiefe Einblicke in die Seelen seiner Charaktere erlaubt und sich philosophisch mit dem ewigen Bedürfnis der Menschheit, an etwas glauben zu können, auseinandersetzt. Aber ganz offensichtlich ist dabei nicht das herausgekommen, was ich mir erhofft hatte. Schließlich kam ich doch zu der Einsicht, mein Ziel verfehlt zu haben.«

Nichelle »Uhura« Nichols formulierte es etwas drastischer: »Star Trek V hatte keine gute Geschichte. Wenn man nach Gott sucht und dabei nicht einmal sich selbst findet, wonach sucht man dann überhaupt? Die Sache war ein einziger großer Schwindel, eine Ausflucht. Wenn man keine Aussage treffen will, wer oder was Gott ist, warum sagt man dann überhaupt etwas dazu?«

Trotz allem war Star Trek V: The Final Frontier 1989 der erfolgreichste Film aller Zeiten - allerdings nur eine Woche lang, bis nämlich Batman und Indiana Jones and the Last Crusade in die Kinos kamen. Insgesamt spielte er nur 52 Millionen Dollar ein, etwa die Hälfte von Star Trek IV und immer noch 20 Prozent weniger als die ersten drei Filme.

Man hat nach den Sternen gegriffen, als man in den siebziger Jahren begann, Star Trek für das Kino zu reaktivieren. Warum funktioniert der Mythos auf der großen Leinwand nicht genauso wie in der Flimmerkiste? Ganz einfach: Die Star-Trek-Filme wurden zwar auf Zelluloid gedreht, sind aber auf dem Niveau der Fernsehproduktionen stehengeblieben.

Bernhard Kempen

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Credits

Originalitel: Star Trek V: The Final Frontier
deutscher Titel: Star Trek V - Am Rande des Universums
Land und Jahr: USA 1988-89
Regie: William Shatner
Drehbuch: David Loughery nach einer Story von David Loughery
William Shatner
Harve Bennett
Kamera: Andrew Laszlo
Musik: Jerry Goldsmith
Spezialeffekte: Bran Ferren
Peter Wallach
Richard Snell
Michael L. Wood
Visual Concept Engineering
Produktion: Paramount
deutscher Kinostart: 16.11.1989 (UIP)
Länge: 105 Minuten
Farbe/Scope
FSK 12 Jahre

Darsteller

Kirk: William Shatner
Spock: Leonard Nimoy
McCoy: DeForest Kelley
Scotty: James Doohan
Chekov: Walter Koenig
Uhura: Nichelle Nichols
Sulu: George Takei
St. John Talbo:t David Warner
Sybok: Laurence Luckinbill

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