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V wie Vendetta

V for Vendetta • USA/D 2005


Handlung

Die USA haben einen Krieg geführt und damit ihren katastrophalen Niedergang eingeleitet. Großbritannien steht unter der Diktatur eines cholerischen »Großkanzlers« namens Adam Sutler. Vom Staat bezahlte Terror-Schwadronen drangsalieren jeden, der nicht stillhalten will.

In diesem düsteren Szenario gerät die junge Evey in Bedrängnis, als sie sich nach der Sperrstunde auf der Straße blicken lässt. Die so genannten »Fingermen«, die sie belästigen, werden von einem redseligen Rächer namens »V« verprügelt. Der exzentrische Vigilant trägt eine Guy-Fawkes-Maske und spricht am laufenden Meter, wie Shakespeare weiland nur schreiben konnte. Er lädt Evey zu einem »Konzert« ein. Tatsächlich wohnt sie kurze Zeit später der von Feuerwerk und klassischen Klängen untermalten Sprengung des Gerichtsgebäudes »Old Bailey« bei.

Ihre zweite Begegnung mit dem Maskierten hat Evey an ihrem Arbeitsplatz, dem staatlich kontrollierten Fernsehsender. V dringt ein und erzwingt, dass er der Nation eine unheilschwangere Ankündigung machen kann: Nach Ablauf eines Jahres will er, wie sein erfolgloses historisches Vorbild, am 5. November das britische Parlament in die Luft jagen. Evey rettet dem Fremden das Leben, als der sich auf den gefährlichen Heimweg machen will. Dabei wird sie verletzt und muss von V in dessen Versteck verarztet werden. Die unterirdische Wohnung der maskierten Ein-Mann-Guerilla ist ein Verlies, vollgestopft mit alten Kunstwerken, die dem Regime nicht mehr genehm sind. Dort übt der Rächer Fechten und schaut sich mit Vorliebe eine alte Verfilmung des Grafen von Monte Christo an, wenn er nicht gerade Repräsentanten und Schergen des Regimes umbringt. Damit sie sein Versteck nicht verraten kann, hält V Evey fest. Sie kooperiert scheinbar, will aber doch bei der ersten Möglichkeit fliehen. Statt in die Freiheit gerät sie jedoch in die Fänge der Staatsmacht.

Inzwischen fahndet der melancholische Inspektor Finch nach V und kann seinen Werdegang vom Normalbürger zum politischen Terroristen aufklären. Durch Hinweise eines geheimnisvollen Informanten kommt er außerdem auf die Spur eines Komplotts, das einst die Londoner Junta an die Macht gebracht hat. Gleichzeitig gelingt es V immer mehr, die Sympathien der Bevölkerung zu gewinnen. Die Uhr tickt. Zunehmend wird klar, dass die Sprengung des Parlamentsgebäudes am 5. November für das Regime das geringste Problem sein könnte ...


Foto: Warner Bros.

Kritik

Noch bevor er mit dem vielschichtigen Superhelden-Zyklus Watchmen brillierte, konnte der britische Comic-Autor Alan Moore mit der Vorlage zu V wie Vendetta auf sich aufmerksam machen. Mehrere Episoden erschienen zunächst von David Lloyd in Schwarz-Weiß gezeichnet im britischen Comic-Magazin Warrior. Dort konnte die Serie aber aufgrund der Einstellung des Magazins nicht abgeschlossen werden. Das ganze Werk kam deshalb erst nach Watchmen (gezeichnet von Dave Gibbons) in kolorierter Form bei DC Comics heraus. Beide Serien haben Eigenschaften, die sie weit über das Niveau selbst der bessern Graphic Novels hinausheben. Der Text ist vielschichtig und präsentiert gebrochene, lebensnahe Figuren in einem komplexen Universum, in dem verschachtelte Beziehungen zwischen der Haupt- und mehreren Nebenhandlungen bestehen. Die Sprechblasentexte werden durch umfangreiche Zusatztexte ergänzt, die den Hintergrund einzelner Figuren oder Situationen zusätzlich ausleuchten. Die Fragestellungen, die Moore aufwirft, sind das Gegenteil von trivial. Handlung und Dialoge genügen Ansprüchen der höheren Literatur. Wenn der Leser das letzte Heft aus der Hand legt, hat er eine lange, wendungsreiche Reise hinter sich und weiß ob des Ausgangs der Geschichte nicht zu sagen, wie er die offen gebliebenen Fragen beantworten würde. Im Comic-Bereich kann zurzeit niemand Alan Moore das Wasser reichen.

Als das derartig hervorgetretene Genie die Drehbuch-Adaption der Matrix-Übeltäter Andy und Larry Wachowski gelesen hat, soll er nur »Bullshit« gerufen haben. Ein Grund dafür könnte sein, dass die Figur des Rächers zu positiv wegkommt. Der V des Comics ist kein idealistisch motivierter Held, der schlicht in modern gewendeter Mantel-und-Degen-Manier den Bösen Mores lehrt. An seinem Beispiel hat Moore vor allem die Frage gestellt, ob der Zweck die Mittel heiligt. Wenn der Comic-Leser den Kampf gegen das faschistische Regime verfolgt, kann er zunächst nicht anders, als den Maskierten zu bewundern und als positive Gestalt zu beurteilen. Doch so einfach liegt der Fall nicht. Evey, in die sich V verliebt hat, wird von ihm manipuliert, gefangen gehalten und sogar gefoltert. Als sie das Ausmaß dessen erkennt, was ihr komplizierter Bekannter ihr angetan hat, kann V ihr seine Manipulationen als notwendig verkaufen, ja sich sogar als Guru darstellen, der nur den Fortschritt ihrer geistigen Entwicklung im Sinn hatte. In diesem Moment kann der Kino-Zuschauer V nicht mehr leiden. So sollte es auch sein.

Die Wachowski-Brüder allerdings scheinen auch die fragwürdige Seite des gesichtslosen Helden uneingeschränkt zu bejahen. In den Matrix-Sequels haben sie den Helden Neo lieber intelligent gewordene Computerprogramme retten als lebende Menschen aus Kokons befreien lassen. Und auch jetzt ist die ideologische Aussage ihres Films schief. Der Versuch, wie einst Guy Fawkes das Parlamentsgebäude zu sprengen, drängt einen Vergleich mit deutschen Verhältnissen geradezu auf. So, wie es in diesem Film mit Westminster geschieht, wurde auch der Reichstag unverdient mit einer Diktatur identifiziert und als deren Symbol betrachtet. Dabei muss ein Diktator erst einmal das Parlament kalt stellen, bevor er totalitäre Macht erwerben kann. Die deutsche Politik hat nach der Wiedervereinigung eine Kehrtwendung vollzogen und den von den Nazis tatsächlich verhassten Bau mit der Symbolik der heutigen Demokratie aufgeladen, statt ihn etwa abreißen zu lassen oder einer weniger würdigen Nutzung zuzuführen. Die Sprengung eines Parlaments kann kein Symbol für den Kampf gegen eine Diktatur sein. Deshalb ist V auch nicht einfach ein durch ein gesundes Gerechtigkeitsgefühl motivierter Freiheitskämpfer. Seine Identität bleibt im Dunkeln. Er ist weniger ein Mensch, sondern eher die personifizierte Nemesis der britischen Selbstzufriedenheit in einem verzerrten, düsteren, aber keinesfalls völlig unmöglichen Szenario. Sein Vorbild Guy Fawkes, der übrigens mit dem misslungenen Anschlag des Jahres 1605 hauptsächlich den König und weniger das Parlament treffen wollte, ist in Großbritannien eine bekannte, aber durchaus nicht beliebte Figur. Am Guy-Fawkes-Day wird nicht der Anschlag sondern die Rettung des Königs gefeiert. Indem V sein Gesicht als Maske benutzt, beschwört er ein bedrohliches Gespenst der Vergangenheit herauf, das mit rachsüchtigem Zorn über das Land kommt und eine selbstsicher angekündigte Vernichtung bringen will statt der Freiheit, die er selbst vermisst. Wenn er sein Ziel erreicht, will er damit keine Freude, sondern allseitige Betroffenheit auslösen, dass es mit dem Land so weit kommen konnte.

Von all dem ist in diesem Film nichts zu spüren. Im Gegenteil: Die Untertanen des Regimes identifizieren sich widerspruchslos und kitschig naiv mit dem Plan des multimedial bekannt gewordenen Terroristen. Die Wachowski-Brüder sind ein weiteres Mal ihrem eigenen Stoff auf den Leim gegangen und haben versucht, eine simple Helden-Mär zu erzählen. Der Film glänzt immer da mit überraschenden und packenden Passagen, wo ihnen dies nicht gelungen ist. So tötet V, der, wie gesagt, kein Held, sondern ein zorniges Opfer ist, eine medizinische Handlangerin des Regimes, die ihn einst peinigte. Zwischen dem als Gentleman auftretenden Rächer und der reuevollen Sterbenden entsteht in dieser Szene eine unerwartete Intimität, die Moores Genialität atmet. In einer anderen Szene wird eine Parallele zwischen der Befreiung Vs aus seiner früheren Gefangenschaft und den ersten Schritten Eveys in ihre neue Freiheit gezogen. Dabei werden die Elemente Feuer und Wasser geschickt und passend den beiden Figuren zugeordnet. Und es wird klar, dass V Unschuldigen Leiden zufügt, weil er selbst die schlimmsten Furchtbarkeiten über sich ergehen lassen musste. Dem Großkanzler Adam Sutler wird ein befriedigend tiefer Fall zuteil, wenn der brillante John Hurt nicht mehr von einer Riesenleinwand auf seine Paladine herabpoltern kann, sondern im Normalformat auf den Knien rutschen muss. V erscheint allerdings in einem unguten Licht, wenn er mit einem Teil der Staatsmacht paktiert, um den Diktator zu beseitigen.

Regisseur James McTeigue stand mit dem Comic eine optisch packende Vorlage zur Verfügung. Die Umsetzung ist ihm größtenteils gelungen. Seine Bilder und das, was von der Story übrig geblieben ist, reichen für einen ungewöhnlichen und hochinteressanten Kinoabend aus. Die Schauspieler tragen das Ihrige dazu bei. Natalie Portman als eigentliche Hauptfigur Evey kann auch völlig überraschende und betroffen machende Gefühlsaufwallungen glaubwürdig spielen. Dass sie nach ihrer Wandlung zur Widerstandskämpferin im Sinead-O’Connor-Look rumlaufen muss, hat sie nicht verdient. Erwartet gut ist Stephen Fry in der dankbaren Nebenrolle eines homosexuellen Regime-Opfers. Hugo Weaving muss gesichtslos bleiben, verleiht aber seiner Figur allein durch die Gestik und (Original-)Stimme ihre tragische Tiefe. Über logische Schwächen der Geschichte ließe sich schreiben und über den Kitsch der unerfüllten Liebe zwischen V und Evey. Das ist aber nebensächlich im Vergleich zum oben geschilderten Hauptproblem des Films - der einseitigen Charakterisierung der Hauptfigur.

Wer den Comic nicht kennt, sollte den Film sehen, um den Comic kennen zu lernen. Wer ihn kennt, mag sich über manche Bilder freuen und einsehen, dass Alan Moores Opus kaum in einen Film zu packen ist. In jedem Fall ist es notwendig, diesen gut gemachten Film kritisch zu betrachten und daraus sowohl einen ästhetischen als auch einen intellektuellen Nutzen zu ziehen. Dafür lohnt sich der Kino-Besuch unbedingt.

Arno BehrendALIEN CONTACT

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Credits

Originaltitel: V for Vendetta
deutscher Titel: V wie Vendetta
Land und Jahr: USA/D 2005
Regie: James McTeigue
Buch: The Wachowski Brothers
Vorlage: David Lloyd
Kamera: Adrian Biddle
Schnitt: Martin Walsh
Musik: Dario Marianelli
Produktionsdesign: Owen Paterson
Kostüme: Sammy Sheldon
Effekte: Dan Glass
Produktion: Joel Silver
Grant Hill
Andy Wachowski
Larry Wachowski
Ausführender Produzent: Benjamin Waisbren
deutscher Kinostart: 16.3.2006 (UIP)
Länge: 132 min.
FSK ab 16 Jahre

Darsteller

Evey: Natalie Portman
V: Hugo Weaving
Finch: Stephen Rea
Deitrich: Stephen Fry
Adam Sutler: John Hurt
Creedy: Tim Pigott-Smith
Dominic: Rupert Graves
Lewis Prothero: Roger Allam
Dascomb: Ben Miles
Delia Surridge: Sinead Cusack
Valerie: Natasha Wightman
Lilliman: John Standing
Etheridge: Eddie Marsan

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