Mount Roraima

[Fakten] [Fiktion]

Lexikon
In seinem Roman Die verlorene Welt (The Lost World, 1912) beschreibt der britische Autor Arthur Conan Doyle ein fast unzugängliches Hochplateau irgendwo im südamerikanischen Dschungel, das nach ihrem Entdecker »Maple White Land« genannt wird und auf dem bis in die heutige Zeit prähistorische Flora und Fauna überlebt haben. Die Idee einer solchen »Lost World« mit Affenmenschen und Dinosauriern ist natürlich pure Science Fiction, doch für die geologische Formation des Plateaus gibt es ein durchaus reales Vorbild.

Fakten

Im Länderdreieck zwischen Brasilien, Venezuela und Guayana (ehemals Britisch-Guayana) befinden sich tatsächlich mehrere Tafelberge aus 1,7 Milliarden Jahre altem Sandstein, von denen der etwa 2800 Meter hohe Mount Roraima der bekannteste ist. Seine größte Ausdehnung beträgt etwa 15 Kilometer, und das Hochplateau erhebt sich bis zu 700 Meter über die Umgebung. Unmittelbar westlich davon befindet sich das auf venezolanischem Gebiet liegende Kukenam-Plateau. Die ortsansässigen Indianer nennen die Tafelberge »Tepuis«, die »Welt der Götter«, und haben nie versucht, sie zu besteigen, und auch die Forscher des achtzehnten und frühen neunzehnten Jahrhunderts konnten nur darüber spekulieren, was sich oben auf den Tafelbergen befinden mochte. Erst 1884 gelang dem britischen Forscher Everard Im Thurn die Besteigung des Mount Roraima, auf dem er jedoch nur Kräuter und niedrige Sträucher vorfand.

Kurz vor der Jahrhundertwende kam es zu einer internationalen Krise, als Großbritannien von Guayana aus die Region der Tafelberge in Besitz nehmen wollte. In der Umgebung waren wertvolle Bodenschätze und sogar Diamanten gefunden worden. Als der amerikanische Präsident Grover Cleveland davor warnte, er würde ein solches Vorgehen als Kriegserklärung betrachten, zogen sich die Briten wieder zurück. Im Jahre 1899 wurde ein internationales Tribunal in Paris einberufen, um die Streitfrage zu klären. Dabei wurde der größte Teil des Gebietes einschließlich des Mount Roraima Großbritannien zugeschlagen. Die Regierung von Venezuela fühlte sich durch diese Entscheidung betrogen, doch Großbritannien unternahm in der Folgezeit kaum Anstrengungen, das Gebiet zu erschließen, da der einzige Zugang bis heute nur von venezolanischer Seite möglich ist.

Der versierte Bergsteiger Hamish MacInnes verfaßte 1974 ein Buch mit dem Titel Climb to the Lost World, in dem er seine Besteigung des Mount Roraima beschrieb. In den letzten Jahren wurden mehrere Expeditionen mit Hubschraubern durchgeführt. Eine solche Erkundung wurde von Volker Arzt in seinem Fernsehbeitrag Terra X: Inseln über dem Regenwald (1991) dokumentiert. Die Forscher der Universität Simon Bolivar in Caracas entdeckten dabei viele bislang unbekannte Tier- und Pflanzenarten, von denen etwa 80 % auf den Tepuis endemisch sind, d. h. nur dort vorkommen. Die Landschaft ist keineswegs eine Hochebene, sondern ein zerklüftetes Felslabyrinth mit zum Teil mehrere hundert Meter tiefen Schluchten. Die Durchschnittstemperatur beträgt 10°C, womit es deutlich kühler als im feuchtheißen Regenwald der Umgebung ist. Aufgrund des Nährstoffmangels wachsen auf den Hochplateaus viele fleischfressende Pflanzen wie die Heliamphora, die sich vorwiegend von Insekten ernähren. Auf dem Auyan-Tepui, der etwa 200 Kilometer westlich vom Mount Roraima liegt und mit den erst 1934 entdeckten, 980 Meter hohen Angel-Fällen den höchsten Wasserfall der Erde aufweist, wurde ein mysteriöser »Saurier« gesichtet. Er konnte zwar nicht vor die Kamera gelockt werden, aber möglicherweise handelt es sich um eine unbekannte Krokodilart, die bis zu einem Meter lang werden könnte.

Das Londoner Reisebüro Geodyssey, das sich auf Abenteuerreisen nach Venezuela spezialisiert hat, bietet unter anderem einen »Trek to the Lost World« an, der siebzehn Tage dauert und etwa 2000 US-Dollar kosten soll. Der Trip beginnt in Caracas mit einem Flug nach Puerto Ordaz, von wo es mit dem Jeep über die Ebene Gran Sabana weitergeht. Am fünften Tag können die Teilnehmer nach einem längeren Fußmarsch den ersten Blick auf den Mount Roraima werfen. Am siebten Tag beginnt der Aufstieg, und am achten wird das Plateau erkundet. Nach der Rückkehr legt die Expedition einen Zwischenaufenthalt im Städtchen Santa Elena ein. Am zwölften Tag ist ein Flug über die Angel-Fälle vorgesehen, der in Ciudad Bolívar endet, von wo aus die Rückreise nach Caracas beginnt.

Fiktionen

Nicht nur Arthur Conan Doyle beschäftigte sich in literarischer Form mit dem Mount Roraima. Bereits 1870 veröffentlichte der britische Autor Frank Aubrey den Roman The Devil-Tree of Eldorado, in dem das Plateau von einer vorindianischen weißen Rasse besiedelt ist. Das einzige »Monstrum« ist ein menschenfressender Baum - möglicherweise hat Aubrey sich in diesem Punkt von Berichten über insektenfressende Pflanzen auf den Tepuis inspirieren lassen.

Fast dreißig Jahre später erschien unter dem Pseudonym »Noname« der Abenteuerroman Along the Orinoco (1896) aus der Serie um den Helden Frank Reade, der zusammen mit Professor Peregrine den Berg »Raraima« zu erreichen versucht, bis sie das Vorhaben schließlich aufgeben müssen. In der nur anderthalb Monate später veröffentlichten Geschichte The Island in the Air (1896) unternehmen Frank Reade und Professor Vaneyke einen neuen Versuch, der diesmal gelingt. Auf dem Plateau entdecken sie eine verlorene Inka-Rasse und außerdem Nachkommen antiker Griechen und Römer. Dinosauriern begegnen sie nicht, aber sie sehen Affenmenschen, Riesenelche (Megaceros) und ein Riesenfaultier (Megatherium). Die meisten der Frank-Reade-Geschichten wurden vom amerikanischen Schriftsteller Luis Senarens geschrieben, doch in diesem Fall könnte zumindest einer der beiden Romane von einem anderen Autor stammen, da es keinen engeren Zusammenhang zwischen den zwei Abenteuern gibt.

Es besteht kaum einen Zweifel daran, daß Arthur Conan Doyle sich in seinem Roman Die verlorene Welt (The Lost World, 1912) auf den Mount Roraima bezieht, obwohl er diesen Namen nirgendwo erwähnt. Theoretisch wäre die Region von der Stadt Manaus (wo sich die Abenteurer treffen) über den Rio Negro und den Rio Branco zu erreichen. Allerdings ist Doyle in seinen geographischen Angaben nicht sehr genau, zumal der Erzähler Ed Malone dem Expeditionsleiter Professor Challenger versprochen hat, über die exakte Lage des »Maple White Land« Stillschweigen zu bewahren. Der Umstand, daß Lord Roxton Diamanten am Tafelberg gefunden hat, ist ein weiterer Hinweis auf die Region um den Mount Roraima.

Es gibt einige Indizien, daß Doyle den Frank-Reade-Roman kannte oder sich zumindest bruchstückhaft an die Lektüre erinnerte, als er Die verlorene Welt schrieb. In beiden Geschichten wird am Fuß der Steilwand eine Leiche gefunden, bevor man über einen Baum Zugang zum Plateau gewinnt und durch einen Tunnel wieder herabsteigt (der bei Doyle allerdings verschüttet ist). [bk]


Literatur:
Hamish MacInnes, Climb to the Lost World (London: Hodder and Stoughton, 1974)
Everett F. Bleiler, "Lost Worlds and Lost Opportunities", in Science-Fiction Studies 70 (Nov. 1996), S. 355-362.
TV-Dokumentation:
Terra X: Inseln über dem Regenwald (1991)
Romane:
Frank Aubrey, The Devil-Tree of Eldorado (1870) - Nachdrucke: (New York: New Amsterdam Book Co., 1897) (London: Hutchinson, 1897)
"Noname", Along the Orinoco; or, with Frank Reade, Jr., in Venezuela, in: Frank Reade Library 130 (3.4.1896)
"Noname", The Island in the Air; or, Frank Reade, Jr.'s Trip to the Tropics, in: Frank Reade Library 133 (15.5.1896)
Arthur Conan Doyle, Die verlorene Welt (The Lost World, 1912)
Film:
Die verlorene Welt (The Lost World, 1925)
Abenteuerreise:
»Trek to the Lost World« • Adresse: GEODYSSEY, 29 Harberton Road, London N19 3JS, England • Internet: http://www.geodyssey.co.uk
Lieferbare Titel:
von Arthur Conan Doyle
mit dem Stichwort Terra-X

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