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Lexikon

Professor George Edward Challenger

Romanfigur von Sir Arthur Conan Doyles

Karriere und Familie | Das verlorene Land | Im Giftstrom | Der Erfinder | Der Spiritist | Die Abenteurer | Dichtung und Wahrheit | Bibliographie

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Karriere und Familie

Der streitsüchtige und jähzornige Gelehrte trat zum ersten Mal in Sir Arthur Conan Doyles Abenteuerroman Die verlorene Welt (The Lost World, 1912) auf, der die Geschichte seiner Entdeckung eines Hochlandes mit prähistorischem Leben mitten im südamerikanischen Dschungel erzählt. Nach den Angaben dieses Berichtes wurde George Edward Challenger im Jahre 1863 im schottischen Städtchen Largs geboren. Er besuchte die Largs Academy und danach die Edinburgh University. 1892 wurde er Assistent am British Museum, wo er 1893 zum Kustos der Abteilung für vergleichende Anatomie ernannt wurde und im selben Jahr nach einem wissenschaftlichen Streit wieder zurücktrat. Er wurde mit der Crayston-Medaille für zoologische Untersuchungen ausgezeichnet und war Mitglied zahlreicher internationaler wissenschaftlicher Gesellschaften, unter anderem stand er zeitweise der Paläontologischen Gesellschaft als Präsident vor. Er veröffentlichte die Titel Some Observations Upon a Series of Kalmuck Skulls (Einige Untersuchungen über eine Reihe von Kalmückenschädeln), Outlines of Vertebrate Evolution (Abriß der Entwicklung der Wirbeltiere) und verschiedene Artikel wie »The Underlying Fallacy of Weissmannism« (Der dem Weissmannismus zugrunde liegende Irrtum), der auf dem Zoologischen Kongreß von Wien einen heftigen Streit auslöste.

Seit etwa 1900 war Professor Challenger mit seiner Gemahlin Jessie verheiratet, deren Elternhaus in Bedford steht. Um 1903 stellte die Familie den Diener Austin ein, der mindestens zehn Jahre lang den Haushalt der Challengers verwaltete. Ihre Tochter Enid wurde um 1905 geboren. Zu dieser Zeit wohnten sie im Enmore Park in Londoner Stadteil West Kensington.

 

 

Das verlorene Land

Um 1910 unternahm der begeisterte Wanderer und Bergsteiger zwei Expeditionen nach Südamerika. Bei der ersten traf er den Forscher Maple White aus Detroit, der ihm von einem geheimnisvollen »verlorenen Land« berichtete. Zwei Jahre später gelang es ihm zusammen mit seinem wissenschaftlichen Rivalen Professor Summerlee, dem Sportsmann und Abenteurer Lord John Roxton und dem Journalisten Edward Dunn Malone von der Londoner Zeitung Daily Gazette, das »Maple White Land« zu erkunden. Als Beweis für seine Theorie, daß die Dinosaurier dort nicht ausgestorben sind, brachte er einen Pterodactylus nach Europa, der die Gelehrtenversammlung in der Londoner Queen's Hall erschreckt, davonfliegt und spurlos verschwindet.
Danach hatte Professor Challenger vorübergehend die Stellung des Präsidenten des Zoologischen Instituts inne. Aus welchen Gründen er diesen Posten wieder verlor, ist leider nicht bekannt.

Im Giftstrom

Drei Jahre nach der Südamerika-Expedition machte Challenger erneut von sich reden, als er den wahren Grund über die mysteriöse Verwischung der Fraunhoferschen Linien im Spektrum des Sternenlichts erkannte. Diese dramatischen Ereignisse, an denen auch Summerlee, Roxton und Malone beteiligt waren, wurden von Arthur Conan Doyle in seinem Roman Im Giftstrom (The Poison Belt, 1913) beschrieben. Zu dieser Zeit besaßen die Challengers ein Haus in den South Downs bei London unter der Adresse The Briars, Rotherfield. Neben dem treuen Diener Austin hatten sie in der Zwischenzeit ein Hausmädchen namens Sarah eingestellt.

Der Erfinder

Vermutlich unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs wandte Challenger sich in den folgenden Jahren zunehmend von der Zoologie ab und entwickelte unter anderem eine Vorrichtung zur Abwehr von Torpedos und einige Verbesserungen für den drahtlosen Funkverkehr. In den zwanziger Jahren unternahm der Professor in Hengist Down/Sussex eine Tiefenbohrung, bei der er eine buchstäblich welterschütternde Entdeckung machte, und begutachtete die vom Letten Theodore Nemor erfundene »Auflösungsmaschine«, die dieser als ultimative Waffe an eine Weltmacht verkauft hatte, worauf der Professor das Problem auf seine ganz eigene Weise löste. Zu dieser Zeit stritt er sich übrigens mit dem Italiener Mazotti über die Entwicklung der Larven von tropischen Termiten. Die wichtigsten dieser Geschehnisse wurden von Arthur Conan Doyle in den Kurzgeschichten »Die Erde schreit« (»When the World Screamed«, 1928) und »Die Desintegrationsmaschine« (»The Disintegration Machine«, 1929) geschildert.

Der Spiritist

In dieser Zeit war Challenger Dozent für Physiologie an der London School of Sub-Tropical Hygiene und verlor diese Stellung bald darauf wegen einer Schlägerei. Mit über sechzig Jahren hatte der Professor viel von seiner früheren Lebhaftigkeit verloren, zumal seine Frau Jessie inzwischen an einer Lungenentzündung verstorben war. Danach gab Challenger offenbar das Haus in Rotherfield auf und zog in eine Wohnung im Londoner Stadtteil Victoria West Gardens. Um 1925 recherchierten Ed Malone und Challengers Tochter Enid gemeinsam für die Daily Gazette in spiritistischen Zirkeln, und zwar mit so großem Erfolg, daß sie schließlich sogar den Professor vom Geisterglauben überzeugen können, wie Arthur Conan Doyle im Roman Das Nebelland (The Land of Mist, 1926) beschrieb. Im Anschluß an diese Ereignisse wurden Edward Malone und Enid Challenger in den Whitehall Rooms in London von Reverend Charles Mason getraut. Über ihr weiteres Leben wurde leider nichts bekannt.

Die Abenteurer

Professor Challengers Rivale Summerlee, dessen Vorname übrigens in keinem der Berichte erwähnt wird, war ein Jahr zuvor in Neapel gestorben. Zum Zeitpunkt der Südamerika-Expedition war er Professor für Vergleichende Anatomie und sechsundsechzig Jahre alt, womit sein Geburtsjahr um 1844 anzusetzen wäre. Lord John Roxton war zwanzig Jahre jünger als Summerlee und hatte sich fünf Jahre vor der Expedition schon einmal im Amazonas-Gebiet aufgehalten, wo er am Putomayo-Fluß einen Schurken namens Lopez erschoß. Später nahm er in Ostafrika am Ersten Weltkrieg teil und erlitt durch einen Schuß aus einer Elefantenbüchse eine schwere Brustverletzung, von der er jedoch vollständig gesundete. Kurz vor Challengers spiritistischem Abenteuer kehrte Roxton von einer Großwildjagd aus Afrika zurück. Der Lord ist übrigens der dritte Sohn des Duke of Pomfret und wohnte in Albany. Edward Malone stammt aus Irland, wo er vermutlich um 1890 geboren wurde. Als junger Mann kam er nach London und wurde zu einem berühmten Reporter der Zeitung Daily Gazette. Er spielte jeden Sonntag in der Rugby-Mannschaft London Irish und gab diesen Sport irgendwann in den zwanziger Jahren auf. Er wohnte in der Hill Street Nr. 17 in Streatham. Über seine Familie wurde nur bekannt, daß seine Mutter um 1915 starb.

Dichtung und Wahrheit

Eine genauere Datierung dieser Begebenheiten ist kaum möglich, da der Chronist Doyle sich in dieser Hinsicht sehr bedeckt gehalten hat. Einige der genannten Daten scheinen den Leser sogar bewußt in die Irre zu führen. So wird verzeichnet, daß die Expeditionsteilnehmer an einem Dienstag, den 18. August, Kriegstrommeln vom »Maple White Land« hören, wofür im betreffenden Zeitraum nur die Jahre 1903 oder 1914 im Frage kommen. Und als sie sich drei Jahre später zum Jahrestag der Entdeckung des verlorenen Landes an einem Freitag, den 27. August, wiedertreffen, hätte dies nur in den Jahren 1897, 1909 oder 1915 geschehen können. Sicher ist, daß diese beiden genannten Daten niemals drei Jahre auseinanderliegen können, womit starke Zweifel an der Zuverlässigkeit der Berichte von Malone beziehungsweise Doyle angemeldet werden müssen.

In den zwanziger Jahren wurde ein Film über die Südamerika-Expedition gedreht, der den Titel Die verlorene Welt (The Lost World, 1925) trägt. Die Figur des Professor Challenger wurde darin glaubwürdig durch den Schauspieler Wallace Beery verkörpert, doch die Ereignisse wurden aus kinematographischer Effekthascherei stark verfälscht. Natürlich ist nie ein Brontosaurus durch die Straßen von London gezogen, wie der Film am Schluß zeigt. Weitere Sensationsfilme, die sich angeblich auf Doyles Bericht stützen, wurden in den Jahren 1960 und 1992 mit den Schauspielern Claude Rains und John Rhys-Davies in der Rolle des streitbaren Professors gedreht, haben jedoch kaum noch etwas mit den tatsächlichen Ereignissen zu tun.

Als Vorbild für die Figur des Professor Challenger gilt Professor William Rutherford von der University of Edinburgh, bei dem Arthur Conan Doyle studiert hatte. Ob auch der Scharlatan Dr. George Budd aus Plymouth in den Charakter eingeflossen sein könnte, ist umstritten. Für die Figur des Lord Roxton standen vermutlich die Forschungsreisenden Sir Roger Casement und Percy Fawcett Pate. Letzterer verschwand übrigens spurlos im brasilianischen Dschungel, wo er nach verlorenen Städten suchte.

Bernhard Kempen

 

Bibliographie

der Challenger-Geschichten von Sir Arthur Conan Doyle

Die verlorene Welt, in: Strand Magazine, Apr. - Nov. 1912.
The Lost World (London, New York, Toronto: Hodder and Stoughton, 1912)
Die verlorene Welt, übersetzt von Karl Soll, illustriert von Richard Duschek (Berlin: Scherl, 1926)
Die vergessene Welt, übersetzt von Elisabeth Simon, illustriert von Hubert Schweizer, Erhard Ringer (München: Heyne, 1979) [H 3715]
The Poison Belt (1913)
Im Giftstrom, übersetzt von L. Wölfling (= Leopold von Toskana) (Wien: Stephenson/Stein Verlag, 1923) [Die phantastischen Bücher Band 2]
Das Ende der Welt, in Arthur Conan Doyle, Professor Challenger und das Ende der Welt, übersetzt von Ronald M. Hahn, illustriert von Klaus D. Schiemann (Bergisch Gladbach: Bastei 1981) [B 72 004], S. 13-134.
The Land of Mist (1926)
Das Nebelland, übersetzt von Eve Fritsche (Berlin: H. Wille Verlag, 1926) [Willes illustrierte Kriminal-Bücherei Band 27/28]
»When the World Screamed« (1928)
in: The Maracot Deep and other Stories (London: John Murray, 1929).
»Die Erde schreit«, in: Arthur Conan Doyle, Die Schreckenskammer (Hamburg: Mosaik, 1966) [Gesammelte Werke in Einzelausgaben Band 16]
»Als die Erde schrie«, in: Arthur Conan Doyle, Professor Challenger und das Ende der Welt, übersetzt von Ronald M. Hahn, illustriert von Klaus D. Schiemann (Bergisch Gladbach: Bastei 1981) [B 72 004], S. 135-182.
»The Disintegration Machine« (1929)
als »The Man Who Would Wreck the World«, in: Zeitschrift? 1929
als »The Disintegration Machine«, in: The Maracot Deep and other Stories (London: John Murray, 1929).
»Die Desintegrationsmaschine«, in: Arthur Conan Doyle, Professor Challenger und das Ende der Welt, übersetzt von Ronald M. Hahn, illustriert von Klaus D. Schiemann (Bergisch Gladbach: Bastei 1981) [B 72 004], S. 183-203.
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