Im Wandel der Zeiten

Die Ringbahn

Deutsche Bahn AG .
Kamen Reisende nun auf einem der Kopfbahnhöfe an, so mußten sie auf die Droschke umsteigen, um zum nächsten Bahnhof oder ins Stadtzentrum zu gelangen. Vor allem aber war das für den Güter- und Militärtransport äußerst hinderlich. Bei einer Truppenmobilisierung stellte sich heraus, daß mit solchen Lücken im Schienennetz kein Krieg zu gewinnen war. Eine Verbindungsbahn mußte her, und erstmals trat der Staat als Bahnbauherr auf. Die 1851 eröffnete erste Verbindungsbahn, deren Gleise direkt auf die Straßen verlegt worden sind, erwies sich jedoch als zu leistungsschwach und obendrein als Hindernis für den Straßenverkehr.


Eisenbahnknoten am Bahnhof Gesundbrunnen in den 20er Jahren. Die Fern-, Vorort- und Gütergleise der Stettiner Bahn (links) werden von der Ringbahn überquert. Rechts: Güter-Verbindungsgleise und ein Anschlußgleis zu den Lokomotivfabriken der AG (Brunnenstraße).

So wurden nach dem siegreichen Krieg gegen Österreich die Mittel für den Bau einer neuen Verbindungsbahn vor allem für den Güterverkehr bewilligt. Zwischen 1867 und 1877 entstand die insgesamt 40 km lange Strecke der Berliner Ringbahn. Sie verknüpfte neun Fernstrecken miteinander und wurde weitgehend über dem Straßenniveau geführt.

Zwischen Wiesen und Industriegebieten

Im Norden erschloß die Bahn Industriebetriebe wie die Schwartzkopff-Werke, die Maschinen und Lokomotiven produzierten. Im Osten erhielt der neue Viehhof dadurch ab 1870 eine Gleisverbindung zum Stettiner Bahnhof, wo die Viehzüge aus dem Norden eintrafen. Die südliche Strecke hingegen verlief weit außerhalb des Berliner Stadtgebietes, ihre Stationen waren ländliche Gemeinden: Rixdorf (heute Neukölln), Tempelhof, Schöneberg, Wilmersdorf, Schmargendorf. Da es innerhalb der (ehemaligen) Stadtmauer recht eng und die Wohnungsnot unerträglich geworden war, sollten nun »weiter draußen« gesündere und billigere Wohnungen entstehen. Die Ringbahn trug wesentlich dazu bei, daß sich Berlin im Industriezeitalter ausdehnen konnte. Die einstigen Dörfer am Stadtrand wuchsen im Südosten, Osten und Norden zu industriell geprägten Großstadtsiedlungen heran, die schon zur Jahrhundertwende ebenfalls aus den Nähten platzten. Der Westen hingegen wurde als »feinere« Wohngegend mit »Mietpalästen« und Villen ausgebaut. Heute umschließt die Ringbahn die Berliner Innenstadt und führt durch die bevölkerungsreichsten Stadtbezirke wie Wedding, Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Neukölln.


Verkehrsstreik
Ringbahnzüge waren für den Berufsverkehr unentbehrlich. So entstand Chaos während eines Verkehrsstreiks im Jahre 1919

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Die Strecke ohne Ende

Diente die Ringbahn anfangs vor allem dem Gütertransport, so erhielt die »Strecke ohne Ende« erst nach ihrer Verknüpfung mit der Stadtbahn im Jahre 1882 ihre eigentliche Vitalität. Bereits 1881 hatte sie an Attraktivität für die Berliner gewonnen, als mit der Südring-Spitzkehre von der Ringbahn bis zum Potsdamer Bahnhof eine direkte Verbindung zum Berliner Stadtzentrum eingerichtet worden war. Neben dem Potsdamer Bahnhof wurde ein separater »Flügelbahnhof« für die Ringbahnzüge gebaut.


Bahnhof Rixdorf
Bereits um 1900 hatte sich die südöstliche Randgemeinde von Berlin zu einem Großstadtbezirk entwickelt. Hier der um 1895 umgestaltete Ringbahnhof Rixdorf (heute Neukölln) auf einem Foto aus dem Jahre 1901. Auf den Gleisen des Bahnhofs stehen die kleinen Abteilwagen, gezogen von einer T 4-Lokomotive, davor fahren gerade zwei elektrische Wagen der südlichen Berliner Vorortbahn.

Rixdorfer Galgen

Die Berliner fuhren mit der Ringbahn zur Arbeit und zum »Vergnügen«. Je nach gesellschaftlicher Stellung und Geldbeutel wählten sie die Stationen und Ziele: die Fabriken des Nordens und Ostens, das Geschäfts- und Vergnügungsviertel im Zentrum, die Flugschau über dem Tempelhofer Feld, die Rennbahn für Rad- und Pferdesport in Charlottenburg, den Ausstellungspark in Treptow. Wegen des rasch zunehmenden Verkehrs wurde die Ringbahn zwischen 1887 und 1896 viergleisig ausgebaut, zwei Gleise waren fortan für den Personennahverkehr reserviert, zwei für den Güterverkehr.

Die S-Bahn

Nach knapp anderthalb Jahrzehnten hatte sich die Zahl der Fahrten auf der Stadt- und Ringbahn wiederum verdoppelt, sie stieg auf 157 Millionen im Jahre 1909. Der dampfbetriebene Zugverkehr war an der Grenze seiner Kapazität angelangt.

Die Elektrifizierung konnte jedoch wegen des Ersten Weltkrieges erst in den 20er Jahren in Angriff genommen werden. Hatte man zunächst den Einsatz von Elektroloks mit Wechselstrom geplant, so entschied man sich schließlich aus Kostengründen für die Anwendung von gleichstrombetriebenen Triebwagen mit seitlicher Stromschiene. Nach der Einführung dieser neuen Technik auf den drei Nordstrecken zwischen 1924 und 1927 begann dann 1928 die »große Elektrisierung« der übrigen Nahverkehrsstrecken. Eine Reihe von Neubauten wie Bahnhöfe, Schalt- und Gleichrichterwerke, Veränderungen an Bahnsteigen und Gleisanlagen mußten dafür vorgenommen werden.

Das Reisen wurde angenehmer, sauberer, schneller und sicherer. Seit der Aufnahme des S-Bahn-Verkehrs erweist sich die Ringbahn als Hauptbestandteil des Nahverkehrsystems, das damals als eines der modernsten der Welt galt.

Chronik

Entstehung der Berliner Ringbahn

  • 1851: erste Verbindungsbahn für Güter- und Militärtransporte
  • 1871: »Neue Verbindungsbahn« Moabit-Stralau-Schöneberg
  • 1877: Vollendung der Berliner Ringbahn
  • 1881: Südring-Spitzkehre von der Ringbahn zum Potsdamer Bahnhof in Berlin
  • 1882: Verkehr von Halbring-Zügen nach Eröffnung der Stadtbahn
  • 1887 bis 1910: viergleisiger Ausbau der gesamten Ringbahn, gleichzeitig Entstehung neuer Bahnhöfe, z.B. des Fern- und Umsteigebahnhofs Gesundbrunnen
  • 1928/1929: Elektrifizierung der Nahverkehrsgleise des »Vollringes« und der Südring-Spitzkehre

Aus: »Schienenverkehrsknoten Berlin - Im Wandel der Zeiten«, Herausgeber: Deutsche Bahn AG (1/1995)


Siehe auch:
Eisenbahnstadt Berlin
Ringbahn
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