The phantastic Worlds of Science Fiction Roman - Leseprobe

Frank Böhmert

Die Traumkapseln

Perry Rhodan Odyssee Band 4
Roman • 2004 • Leseprobe

Science Fiction
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Bullys Geschichte seiner Narben

»Wow!«, entfuhr es Fran, als sich vor uns der Blick öffnete. »Die Senke des Grünen Sees. Ich hätte nie gedacht, dass er wirklich grün ist.«
   Der Anblick war herrlich. Je weiter es die Senke hinunterging, desto grüner wurde die Steppe. Am Ufer des Sees, der beinahe von der selben Farbe wie das satte Gras war, leuchteten Blüten über Blüten. Die Pracht endete abrupt an der Wasserlinie. Still, klar und grün lag der See da, wie ein Smaragd.
   Fran ritt vor mir. Ich bedauerte, dass die Sättel eine kleine Lehne für das Gesäß hatten. Fran sah prächtig aus. Sie trug heute eine dunkelgrüne Hose mit einem dunkelgrünen, gefransten Poncho. Die Farbe kontrastierte wunderbar mit ihren roten Haaren. Sie sah mehr denn je wie eine irische Elfe aus. »Wenn hier irgendwo Weiden wachsen oder so, schnitze ich dir einen Bogen«, sagte ich.
   »Wenn hier irgendwo Weiden wachsen oder so«, sagte Fran und grinste mich an, »dann taugen sie hoffentlich als Blickschutz.«
   »Oha«, machte ich.
   Sie lachte. Mir gefiel ihr Lachen. Sie drückte dann immer die Zungenspitze gegen die oberen Schneidezähne.
   »Aber danach«, sagte ich, »schnitze ich dir einen Bogen.«
   Wir fanden zwischen den Felsdurchbrüchen tatsächlich eine schöne Stelle. Nirgendwo wuchsen Weiden, aber einsehbar war die Stelle nur vom gegenüberliegenden Ufer aus, und das war weit weg.

Irgendwann lag Fran auf mir und zog mit dem Finger die Narben auf meiner Stirn und meiner Wange nach. »Wo hast du die her?«
   Wir hatten die andere Hälfte der Decke über uns geschlagen, weil vom See her ein auf die Dauer recht kühler Wind wehte und wir uns noch nicht wieder anziehen wollten. »Ach, das ist tausend Jahre her«, sagte ich. Mit der einen Hand spielte ich in ihren Haaren, die andere hatte ich mir unter den Kopf geschoben. »Habe ich längst vergessen.«
   »Das ist aber schlecht.«
   »Wieso?«
   »Was soll ich meiner Mutter sagen, wenn sie mich danach fragt? Soll ich dann sagen, das will er mir nicht verraten? Ich weiß schon, was dann kommt. ›Verbrechervisage‹. ›Dunkle Vergangenheit‹. ›Du wirst es noch bereuen, Kind, merk dir meine Worte.‹«
   »Deine Frau Mutter lass mal meine Sorge sein. Du vergisst, was für ein Charmebolzen ich bin.«
   »Andere Leute nennen dich anders.«
   »Die haben ja auch andere Töchter.«
   Sie fuhr wieder die Narbe entlang. »Ach, bitte ...« Sie machte eine Schnute, und auf einmal konnte ich mir vorstellen, wie sie als Siebenjährige ausgesehen hatte.
   »Du musst die reinste Plage für deinen Vater gewesen sein. Hat er dir je etwas ausschlagen können?«
   »Lenk nicht ab.«
   Ich gähnte. »Worum ging es gerade?«
   »Die Akten geben nicht eine Zeile über die Narben her. Auf den meisten Bildern sind sie nicht mal zu sehen. Retuschiert eure Pressestelle die immer?«
   Ich sah zum Picknickkorb. »Komisch. Ich könnte schon wieder etwas vertragen.«
   »Bestimmt steckt eine schrecklich romantische Liebesgeschichte dahinter«, sagte Fran. »Darum willst du mir nichts verraten.«
   »Stimmt. Schrecklich romantisch.«
   Sie sah mich erwartungsvoll an, aber ich sagte nichts weiter.
   »Reginald!« Sie setzte sich auf und klatschte mir die flachen Hände auf die Brust.
   »Na schön«, sagte ich und schloss die Augen. »Du sollst es alles erfahren.«
   Sie seufzte und ließ sich neben mich fallen, kuschelte sich in meine Armbeuge.
   »Ich war noch ein junger Mann damals. Das war noch vor der Mondlandung. Lange vor der Mondlandung. Ich studierte noch und verdiente mir nebenbei etwas Geld an einer Tankstelle. Damals gab es noch Autos, also eine frühe Form von Gleitern, die –«
   »Du meinst Automobile? Mit Rädern unten dran? Du bist so etwas noch gefahren?«
   »Ja, genau. Die hatten Verbrennungsmotoren, fuhren also noch mit Benzin, und das holten sich die Besitzer an der Tankstelle. Kleine Reparaturen konnte man dort auch machen lassen. Jedenfalls war es Sommer, und ich jobbte als Tankwart. Es war eine abgelegene Tankstelle in einer Gegend, die man fast schon gottverlassen nennen konnte, und so arbeitete ich allein dort. Der Chef kam nur, wenn jemand einen Mechaniker brauchte, und natürlich abends zum Kasse machen. Es war ein wunderschöner Sommer, ungefähr so wie hier, aber wärmer natürlich. Eines Tages fuhr ein richtiger Straßenkreuzer vor. Nichts für ganz Reiche, aber schön. Weiße Lackierung, langgezogene, eckige Heckflossen. Eine Augenweide für einen jungen Mann, der sonst hauptsächlich Pickups und uralte Ford-Ts zu sehen bekam. Nicht dass dir das jetzt etwas sagen muss. Aber eine noch viel größere Augenweide war die Frau, die hinter dem Steuer saß.«
   »Ah«, machte Fran schläfrig. »Endlich.«
   »Eine richtige Lady von der 5th Avenue, mit Kopftuch, Sonnenbrille und weißen Lederhandschuhen. Adrettes Kostüm, Seidenstrümpfe, dezentes Makeup. Um die vierzig. Doppelt so alt wie ich. ›Volltanken‹, sagte sie. Wenn ich mich heute so zurückentsinne, weiß ich, dass ihr Gesicht Ärger bedeutete. Aber damals dachte ich einfach: Junge, ist die schön! Ich war damals fürchterlich schüchtern, auch wenn das heute kaum vorstellbar ist. Gehe also beflissen nach hinten und stehe da und tanke voll, da grinst mich durch die Scheibe jemand an. Ein Mädchen sitzt auf der Rückbank, vielleicht dreizehn oder vierzehn. Sie sieht ganz niedlich aus, aber ansonsten ist sie das genaue Gegenteil von ihrer Mutter. Trägt Turnschuhe, Jeans und ein Flanellhemd. Hat lange Zöpfe mit solchen Plastikkirschen an den Gummis.«
   »Du hast mit ihrer Mutter etwas angefangen«, murmelte Fran, »und dann hat sie es mitgekriegt und sie zur Rede gestellt, und die beiden sind mit Küchenmessern aufeinander los, und du bist dazwischen gegangen und hast von der Mutter den einen und von der Tochter den anderen Schnitt verpasst bekommen.«
   »Wart's mal ab«, sagte ich. »Ich tankte also voll und guckte auch noch mal nach dem Kühlwasser und putzte die Frontscheibe, wie es halt damals so zum Service gehörte. Dann fuhren die beiden davon, und meine Wangenröte ließ langsam nach. Die siehst du nie wieder, dachte ich. Wie eine Schauspielerin hat sie ausgesehen, wie Audrey Hepburn! Die war damals das Damenhafteste, was man sich nur vorstellen konnte. Aber keine zwanzig Minuten später war die weiße Limousine wieder da. Dampf wallte unter der Motorhaube hervor. Ich machte auf, und was sah ich? Der Deckel vom Kühlwasserbehälter fehlte! Ich fand ihn in einem kleinen Spalt seitlich am Kühler. Ich füllte Wasser nach, nahm einen Lappen, schraubte den Deckel auf, zog ihn noch einmal fest an. Dann machte ich die Motorhaube wieder zu und ging zur Fahrertür und entschuldigte mich für meinen Fehler. Die Mutter sah mich mehr als skeptisch an. Sie tippte mit ihren weiß behandschuhten Fingern auf dem Lenkrad herum. ›Mama, ich will noch etwas trinken‹, sagte die Tochter. – ›Dann soll er dir etwas bringen‹, antwortet die Mutter. – ›Ich weiß aber noch nicht, welche Sorte ich will.‹ Also landen wir schließlich in dem kleinen Verkaufsraum. Ich zeige ihr, immer noch mit knallrotem Kopf, welche Limosorten wir haben, und sie kann sich einfach nicht entscheiden. Schließlich wurde es der Mutter zu bunt, und sie hupte. Tochter rein, Abgang mit spritzendem Schotter.«
   Ich lachte. »Kurz darauf waren sie wieder da. Mit dampfendem Kühler.«
   »Nein.« Fran hob den Kopf an, stützte ihn auf die Faust. Sie grinste erwartungsvoll.
   »Ja. Und der Deckel? Klemmte zwischen Kühler und Karosserie. ›Ich verstehe das nicht. Ich hatte ihn extra noch einmal fest angezogen‹, sagte ich. – ›Junger Mann.‹ Ihr Ton ist ganz eisig jetzt. ›Es mag ja sein, dass Sie so etwas witzig finden, aber ich versichere Ihnen, mein Mann, Bundesrichter so und so, wird darüber nicht lachen können.‹ Ich konnte es nicht fassen. ›Wie? Sie meinen, ich hätte ..?‹ – ›Ich sehe doch, wie Sie mich die ganze Zeit über anstarren! Glauben Sie, eine Frau merkt so etwas nicht?‹ Ich schnappte mehrmals nach Luft. Sicher, ich war ganz hingerissen von ihr. Aber ich war auch felsenfest davon überzeugt, dass ich diesen Deckel zumindest beim zweiten Mal richtig fest aufgeschraubt hatte. ›Mama, ich hab schon wieder Durst‹, sagte die Kleine hinten. – ›Hören Sie, Lady‹, sagte ich, ›Sie können gern mit nach vorn kommen und sich davon überzeugen, dass der Deckel jetzt sitzt.‹ Sie sah durch die Windschutzscheibe nach vorn. Ihre Hände in den weißen Lederhandschuhen öffneten und schlossen sich, immer wieder. ›Ma-ma!‹, tönte ihre Tochter, ›ich hab schon wieder Durst.‹ – ›Mildred‹, sagte sie schließlich, ›geh dir was zu trinken holen und dann geh mit dem Herrn nach vorn und lass dir zeigen, dass der Kühlerdeckel zu ist.‹ So machten wir das. Wieder stand ich mit Mildred in dem kleinen Laden, wieder konnte sie sich nicht recht entscheiden. Schließlich nahm sie eine Dr. Pepper's, und wir gingen zum Auto ihrer Mutter und sie ließ sich den Kühler und den vermaledeiten Deckel zeigen. ›Müsste da nicht mehr Wasser drin sein?‹, fragte sie. Ich lief dunkelrot an. ›Ich hab vergessen nachzufüllen‹, gab ich zerknirscht zu. ›Er hat vergessen Wasser nachzufüllen‹, erklärte Mildred ihrer Mutter, die über den Rand ihrer Sonnenbrille hinweg einen vernichtenden Blick auf mich abschoss. ›Aber jetzt hat er alles richtig gemacht, glaube ich.‹«
   Fran lachte auf.
   »Abgang in einer Staubwolke. Es war dermaßen peinlich«, sagte ich. »Erst die Erkenntnis, dass sie mir einen solchen Trick überhaupt zugetraut hatte, baute mich wieder auf. Ganze Kerle taten so etwas. Und ich konnte so etwas auch tun! Es war eine Lektion fürs Leben. Aber egal. Jedenfalls war das Auto nach zwanzig Minuten wieder da. Wieder in einer Dampfwolke.«
   Fran sah mich amüsiert und ungläubig an.
   »Das muss irgendein perverses Spielchen sein, das diese feine Lady sich in ihrer feine-Lady-Langeweile ausgedacht hat, denke ich. Aber diesmal bin ich fest entschlossen, nicht mehr mitzuspielen. ›Hören Sie, Mrs Bundesrichter. Und wenn Sie die Frau des Präsidenten wären, diesen Deckel schrauben Sie hübsch selber wieder drauf.‹ Damit drehe ich mich um und stapfe zu dem Campingstuhl, der vor der Werkstatt steht. Setze mich hin und verschränke demonstrativ die Arme vor der Brust. Mrs Bundesrichter hebt die weiß behandschuhte Hand und drückt die Hupe. Und lässt die Hupe nicht mehr los. Ein einziger endloser Ton, der immer stärker vibriert, je länger man ihn hört, der flimmert wie die Luft über den Feldern.«
   Ich wartete, bis Fran zu lachen aufhörte.
   »›Schon gut! Schon gut!‹, brülle ich irgendwann und springe auf. Sie nimmt mit einem Lächeln die Hand von der Hupe und entriegelt die Motorhaube. Klack, springt die Haube den Spalt hoch. Ich warte, bis der Dampf einigermaßen verflogen ist, dann reiße ich die Haube auf. Reiße sie in meiner jugendlichen Wut richtig weit auf. Der Motor läuft noch. »Motor aus!‹, rufe ich. Sie scheint es nicht zu hören unter ihrem schicken Kopftuch. Ach, was soll's, denke ich. Finde diesen vermaledeiten Schraubdeckel wieder in diesem Spalt und schraube ihn auf. Passe dabei schön auf, dass ich nicht in den sirrenden Lüfterflügel komme. Den musst du dir wie so einen altmodischen Ventilator vorstellen, nur ohne Schutzgitter drumherum. Ich will gerade die Motorhaube runterklappen, da –«
   Ich stutzte. »Ach so. Ich habe etwas zu erzählen vergessen. Diese Hauben hatten eine ›Automatik‹. Heute würde das niemand mehr so nennen. Es waren einfach Federn an Doppelscharnieren, die die Haube in der Schwebe hielten. Das funkionierte ganz prima, so lange man nicht die Haube so weit aufklappte, dass die Federn sich völlig entspannten. Dann konnten sie sich nämlich aus der Halterung lösen. Und wenn man das nicht merkte, zum Beispiel weil man gerade blind vor Wut war, dann knallte man sich die Haube beim Runterklappen voll auf den Schädel. Gut. Ich will also gerade die Motorhaube runterklappen, da steht auf einmal die kleine Mildred neben mir und ruft: ›Wir können uns so nicht mehr treffen! Meine Mutter wird misstrauisch!‹«
   »Oh nein!«, kreischte Fran auf und schlug sich dann die Hand vor den Mund.
   »Ich fuhr zu der Kleinen herum, und bekam die schwere Haube voll hinten drauf. Peinlich, aber wahr. Patsch, hing ich mit einem Arm und dem Kopf im Motorraum fest. Für einen Moment nur. Aber der reichte, dass mir der Lüfterflügel die hier ins Gesicht fräsen konnte ...«
   Ich ging auf einen Ellenbogen und zog mit dem Daumen die Narben nach. »Ich kann von Glück reden, dass ich damals das Auge behalten habe.«
   »Oh, nein ...« Fran hielt sich immer noch die Hand vor den Mund. In ihren Augen spiegelte sich eine rasche Abfolge von Gefühlen wieder. Amüsiertheit. Mitgefühl. Ungläubigkeit. Misstrauen.
   »Wie sich herausstellte, war die kleine Mildred telekinetisch begabt«, fügte ich hinzu. »Sie riss mit ihrer Mutantenfähigkeit die Motorhaube nämlich so heftig wieder hoch, dass das schwere Ding glatt die Frontscheibe zerschlug und dann nur noch an einem Scharnier baumelte. Wer weiß, wie ich ansonsten ausgesehen hätte.«
   Ich zuckte die Achseln. »Als wir dann später für die Dritte Macht das Mutantenkorps rekrutierten, habe ich versucht, Mildred und ihre Mutter wiederzufinden. Aber sämtliche Spuren führten ins Leere. Das«, sagte ich, »ist die Geschichte meiner Narben.«
   »Reginald«, sagte Fran langsam. »Wenn das ein Witz sein soll, dann lass dir gesagt sein, das ist nicht witzig.«
   »Also dafür, dass du es nicht lustig fandst, hast du ganz schön viel gelacht«, sagte ich und setzte mich auf. »Ich freue mich schon darauf, deine Frau Mutter kennen zu lernen. Darf ich dabei sein, wenn du ihr das von den Narben erzählst?«

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Mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlages

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Originalausgabe
Frank Böhmert, Die Traumkapseln (Perry Rhodan Odyssee Band 4)
(München: Heyne, 2003) [01/19010] Bestellen
Umschlagbild von Oliver Scholl
Siehe auch
Perry Rhodan - Deutsche Science-Fiction-Heftserie
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