Akt
1: 1977, Stockholm
»Heilige Kreuzotter, bist du hässlich!«
Walter starrte an die Stelle, wo vor einem Lidschlag noch die
verführerische junge Virginie gesessen hatte und wo jetzt ein altes und leider sehr
männliches Wesen die Couchpolster breit saß.
»April-April!« krächzte es. In den knappen Kleidern des Mädchens sah
die faltige Männergestalt absurd und lächerlich aus.
Mit einem knotigen Gefühl der Peinlichkeit wich Walter einige Schritte
zurück.
»Was fällt dir eigentlich ein, mich so zu erschrecken!«
Er ballte die Fäuste; Angst, Widerwille und Wut kochten in ihm hoch.
Mit zittrigen Händen schenkte Walter sich ein Glas Whisky aus der Minibar ein, um den
Inhalt in einem Zug hinunterzustürzen.
»Was ist falsch gelaufen, du Ekel?« Walter starrte auf die mit
weißgrauen Haaren übersäte Brust seines unnatürlichen Gegenübers. Widerwillig wandte
er sich ab.
»Mon Dieu, welsch arte Worte, Liebblienngg! Du ast
vergessen unsere Vertrahg? Den wier beinae geschriebben aben mit Blut aus
deine errlische Körperr?«
Das Whiskyglas traf gegen die Wand und zersplitterte.
»Verdammt, was ist damit?«
»Oui, oui, verdammt ist der rischtige Wort. Erinnere diesch
oderr nein, wier erinnern uns gemeinsam, niescht wahr? ...«
Akt 2: 1953 In der Brauerei
»Nachschub?« fragte der Wirt in die Runde, und alle nickten.
Sie hatten in den letzten Tagen ihre Zigaretten gespart und rauchten
nun, was die Lungen hergaben. Nächste Woche würde er sich sein erstes eigenes Auto
kaufen: einen VW Käfer, den auch Ärzte und Rechtsanwälte fuhren, und mit dem er mit
Trudi nach Süddeutschland in Urlaub fahren wollte.
Stalin war gestorben, in der Ostzone hatten die Sowjets einen
Arbeiteraufstand blutig niedergeschlagen, in Indochina und Korea tobte der Krieg. Und die
Tommies, für die Walter als mäßig bezahlter Übersetzer und Fahrer arbeitete, hatten
seit einigen Wochen ein Mädchen als König. Welch eine Welt!
Walter stand auf, um nebenan dem Druck der Blase nachzugeben. Das
alkoholduselige Geschwätz verklang. Er lehnte sich mit ausgestrecktem linkem Arm gegen
den kühlen Anstrich. Seine Augen fielen zu.
»Hallo Krieger!« Eine weibliche Reibeisenstimme! Hier, im Männerklo?
Er knöpfte die widerstrebende Hose zu, drehte sich möglichst
würdevoll um. Aber hallo, wegen dieser Figur würde selbst die Monroe neidisch!
»Eigentlich wollte ich fragen, ob Sie hier richtig sind!« grinste er,
immer wacher werdend. »Aber das muss wohl so sein.«
»Nur mal langsam, Großer! Der Buchhändler schickt mich nein,
nicht der aus dem Laden! Geh in die Bibliothek, wann immer du willst, und sprich dieses
Wort aus.«
Sie malte mit ihrem roten Lippenstift ein Wort auf den Spiegel über dem
Waschbecken.
»Wirst du auch dort sein?«
»Ich und alle meine einsamen Freundinnen!«
Akt 3: 1953 Die Bibliothek
»Willkommen!« Die Schönheit war leise hinter einem Bücherregal hervorgetreten, als
hätte sie auf ihn gewartet. »Bitte hier entlang.« Sie führte ihn zu einer gepolsterten
Tür, öffnete sie mit einer aufreizenden Bewegung.
Die Tür hatte er zuvor nie bemerkt gehabt. Walter machte einige
Schritte in den Leseraum hinein. Moderne Couches, einige Sessel, kleine nierenförmige
Tische mit Aschenbechern.
»Ist da jemand?« rief er.
»Ganz recht!« Eine beeindruckende Gestalt sprach ihn von links an
und er schrak zurück, als hätte er einen Faustschlag in die Magengrube erhalten:
Die Person sah aus wie er selbst! Wie sein perfekter Zwilling! Und doch, vielleicht etwas
größer, gesünder, besser gekleidet, sportlicher...
Mit einer weit ausholenden Bewegung bat ihn sein Doppelgänger auf die
Sitzgelegenheit. Nein, er selbst würde sich nicht so großspurig benehmen. Das da war nur
äußerlich eine Kopie von ihm!
Zitternd setzte er sich in einen Sessel. Sein Herz raste wie nach einem
Vierhundertmeterlauf.
»Was soll das alles?«
»Noch einmal willkommen, lieber Walter«, sagte diese Person.
Es war seltsam, seine eigene Stimme aus einem anderen Walter-Körper zu
hören. Das Wesen setzte sich ihm gegenüber auf eine Couch, das rechte Bein überdeutlich
lässig über die Lehne gelegt.
»Ich habe dich hierher gebeten, weil du an einem Scheidepunkt stehst in
deinem Leben. Du wirst nun die Möglichkeit erhalten, das zu tun, wovon du in der
Kriegsgefangenschaft geträumt hast: Ein Schriftsteller zu werden. Du bist dazu berufen,
Großes zu vollbringen. Doch du wirst einen Mentor brauchen, der dich unterstützt und
fördert, einen Literaturagenten. Dieser möchte ich sein. Unsichtbar. Aber immer in der
Nähe. Ohne dass du dir Sorgen um deine Zukunft machen musst.«
»Verdammt, wer oder was sind Sie?« Er spannte seinen Körper.
»Du fragst dich, warum ich so gut über dich Bescheid weiß? Sagen wir:
Ich bin die Manifestation eines deiner Wünsche: Ein bekannter Schriftsteller zu werden!
Ich bin der Geist der Inspiration, des wohlgesponnenen Wortes; das Genie einer gelungenen
Formulierung; ich mache aus einem Nichts einen Anfang, aus dem Anfang ein Wort, aus dem
Wort einen Satz, aus dem Satz eine Struktur, und daraus ein begnadetes Werk. Viele
große Autoren haben meine Dienste in Anspruch genommen«, grinste der Dämon.
Walter sah auf seine körperliches Alter Ego. Dessen Augen waren voll
spritziger Bosheit und sadistischem Witz.
»Dann nennen Sie mir ein paar!«
»Johannes Baptist Basinus, Frans Orberg, Ernst Ellert, Ulrike Peth,
...«
»Moment! Diese Namen kenne ich nicht. Wären es wirklich die Besten,
hätte ich doch von ihnen gehört!«
Der Dämon lachte rückwärts. Es war fürchterlich anzuhören.
»Lieber, lieber Walter, es waren Talente, Begabte, sie wurden zu Genies
gemacht! Sie haben so wortgewaltige Bücher geschrieben, dass es dich beinahe umbringen
würde, sie zu lesen..«
»Wo sind ihre Bücher geblieben?«
Der Dämon kicherte und öffnete mit einer obszönen Gebärde die linke
Seite seines englischen Smoking Jacketts. Walter glaubte seinen Augen nicht zu trauen,
denn das Futter schien ein großes, tiefes Regal zu beinhalten, das aus schwarz
glänzendem Erz gefertigt war. Nur jeweils die obere Fläche eines Regalbodens war blank
poliert. Darauf standen reihenweise Bücher in den verschiedensten wertvollen Einbänden.
»Hier sind sie«, meckerte er. »Alles Unikate. Alle gehören sie mir.
Du fragst dich, warum ich diese unbezahlbaren Schätze besitze?«
»Ja.«
»Ihre Besitzer haben sie mir überlassen.«
»Bestimmt nicht freiwillig.«
»Oh, ganz bestimmt freiwillig. Sie konnten einfach nicht anders: Sie
hatten ihren Vertrag nicht erfüllt. Sie waren zu schwach. Am Ende waren auch sie nur
kleine Menschlein, die der Welt und ihren Versuchungen erlegen sind.«
»Verweile doch, du bist so schön?«
»Tja, so in der Art. Jener Herr übrigens hatte seinen Vertrag bei mir
mehr als erfüllt. Leider. Es wäre ja langweilig, immer zu gewinnen. Jeder bekommt eine
faire Chance.«
»Fair?«
»Nunja, mehr oder weniger. Du kämpfst nicht gegen mich, sondern nur
gegen dich selbst; es ist die Chance, die du dir selbst gibst.« Sein schlecht
unterdrücktes Kichern war abstoßend.
»Wie oft verlieren Sie?«
Der Dämon blickte in den Himmel, breitete seine Arme aus und grinste
verschmitzt.
»Oft genug.«
»Und wenn du gewinnst?«
Das Dämonding stand auf, machte eine wehende Geste mit seinem Jackett,
als würde es eine Geliebte begrüßen.
»Dann führe ich dich in die Zeit zurück, kurz bevor wir uns zuerst
begegnet sind. Deine Erinnerung an das gelebte Leben wird verblassen und verschwimmen wie
ein Traum. Auch die Erinnerung an mich wirst Du nicht behalten und nur deine Aufgabe noch
wissen. Ich werde dir dann einige Aufgaben stellen, als Wiedergutmachung für die
Erfüllung deiner Extrawünsche. Waren diese gering, ist die Aufgabe sehr klein und
einfach lösbar.« Eine arrogante, wegwerfende Bewegung. »Waren sie groß und zahlreich,
werden deine Aufgaben groß und zahlreich sein.«
»Was ist, wenn ich sie nicht erfüllen kann?«
»Für jede Aufgabe, die du nicht erfüllen konntest, nehme ich mir ein
Buch von dir. Wenn du keines mehr hast, suche ich mir ein Buch aus, das mir gerade
gefällt: von einem Schriftsteller, wie es mir beliebt: aus einer mir genehmen Zeitepoche.
Wer, denkst du, hat die Bibliothek von Alexandria wirklich angezündet? Im anderen
Fall ... Nun, dann werde ich anderen die Chance geben, die Bücher, die ich besitze, der
Welt wieder zurück zu geben. Andere werden sie schreiben oder in der Vergangenheit oder
Zukunft geschrieben haben.« Wieder lachte es sein böses Lachen. »Doch was machst du dir
Gedanken? Hast du Angst, zu unbescheiden zu sein?«
»Wie wäre es mit etwas Bedenkzeit?«
»Dein Leben lang, wenn du willst, bis du alt bist.«
»Was sind die Bedingungen?«
»Sie sind kaum der Rede wert. Also: Du äußerst einen absoluten Wunsch
und musst dafür drei der besten Romane schreiben, zu denen du fähig bist. Jeder
Roman muss besser sein als derjenige zuvor. Doch je größer der Wunsch ist, um so länger
benötige ich zu seiner Realisierung.«
»Und was für ein Wunsch wäre so etwas, beispielsweise?«
»Wäre der Nobelpreis für Literatur angenehm?«
Walter keuchte nur.
»Kleinere Extrawünsche kommen mit kürzeren Texten weg. Beispielsweise
die Kleine, die dich hierher gebracht hat.« Die Augenbrauen des Dämons wippten, und
Walter verstand sofort.
»Okay«, sagte Walter grinsend, »Ich habe vier Extrawünsche.
Geht das in Ordnung?«
»Kein Problem. Nur vier? Warum nicht vierzig?«
»Ich weiß nicht...«
»Es ist alles möglich. Und ich werde dir bis zur Erfüllung deines
größten Wunsches alle anderen wichtigen Wünsche erfüllen. Dir beispielsweise das Leben
retten, wenn du möchtest.«
»Oh! Okay, einverstanden, in jedem Fall! Muss ich irgendwo
unterschreiben? Mit Blut oder so etwas?«
»Lieber Walter, wir sind doch nicht mehr im Mittelalter! Gib mir
einfach deine Hand drauf!«
Intermezzo 1: 1953 bis 1977
Walter Ernstings Erstlingsroman »Das Fenster« findet ein positives Echo. Seine
Darstellung der Arbeitswelt im von Engländern und Franzosen besetzten Westteil der
Bundesrepublik beschreibt den Wandel, der sich im Denken der Deutschen vollzogen hatte.
In »Das Lager« rechnet er auf erschütternde Weise mit den
menschenunwürdigen Verhältnissen in Sibirien ab; dieser Roman und der in den Medien
losbrechende Sturm der Entrüstung ist mit ein Grund, dass Adenauer nach Moskau fliegt.
Gut ein Dutzend Jahre später wird dieser Roman in den USA unter dem Titel »Hungry«
verfilmt und ein großer Kinoerfolg. Spätestens seit diesem Zeitpunkt ist Walter Ernsting
auch einem weltweiten Publikum bekannt.
»Achtzehn Schüsse« spielt zwischen den Weltkriegen; es ist die Studie
eines zwischen Kunst und Wissenschaft hin- und hergerissenen Akademikers aus dem
Großbürgertum, der an seinen eigenen Ansprüchen und denen seiner Familie zu zerbrechen
droht. 1959 wird dieser Film verfilmt mit Curd Jürgens und Brigitte Bardot in den
Hauptrollen.
Sein Schwank »In der Nachbarschaft« wird vor allem von Volksbühnen in
Bayern aufgeführt. Erst einige Jahre später begreifen die Zuschauer, dass dieses Stück
eine Satire ist. Zum ersten Mal tituliert ihn der SPIEGEL als »genial«.
In »Die Werkstatt«, vom Publikum genüsslich goutiert, kritisiert er
in überzeugender Weise die beginnenden Verflechtungen der politischen Parteien. Der
Wutanfall des Verteidigungsministers Franz-Josef Strauß im Bundestag, als er sich über
diesen Roman aufregt, wird legendär. Kurz danach tritt Strauß zurück.
In kurzer Folge erscheinen nun gesellschaftspolitische Essays. Walter
Ernsting wird in die halbe Welt eingeladen, diskutiert mit John Steinbeck. Er wird Vater
von fünf Kindern von vier Frauen in drei verschiedenen Ländern.
Nach einer längeren Schaffenspause erscheint »Elegie«: Ein
engagierter Arzt, der in Afrika ein Krankenhaus eröffnet hat, erringt ein Dutzend kleiner
Siege, während Politik und Korruption sein Leben zerreiben. Die Leser zeigen sich über
diesen Roman zunächst verstört, doch danach bricht eine Welle der Hilfsbereitschaft aus.
Walter Ernsting wird zum Papst nach Rom gerufen und in fast jedes afrikanische Land
eingeladen. Als er, wenig diplomatisch, sowohl die dortigen Machthaber als auch die
ehemaligen Kolonialherren kritisiert, wird er schnell wieder ausgeladen. Weitere
afrikanische Staaten erklären sich unabhängig. Zum ersten Mal wird er für den
Nobelpreis nominiert. Er erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Sein zunächst in den USA erschienener Kurzroman »I met Tommy« wird
von der Kritik verrissen. Erst Jahre später wird das Stück als revolutionäre
Zusammenfassung der Hippie-Bewegung rehabilitiert. Ein Skylab-Astronaut hält das Buch in
seine Kamera. Für die nachfolgenden Auflagen wurden Gastkommentare und Interviews
beigefügt, unter anderem von Pete Townshend und The Who, Joe Cocker und John Lennon,
sowie weitere Zeitdokumente, so dass das Buch doppelt so dick und Pflichtlektüre in
vielen Schulen und Universitäten der Welt wird. Seine Vortragsreise durch die USA wird
gefeiert, er erhält zahlreiche Ehrendoktorhüte. Zwei Jahre darauf wird Bundespräsident
Walter Scheel ihm das Bundesverdienstkreuz verleihen.
Die Arbeit an seinen legendären Familienchroniken beginnt. Der erste
Teil, »Flügelmänner« beschreibt das Schicksal einer Frieden suchenden Familie von
Intellektuellen, die aus Hitlerdeutschland nach Nordamerika übergesiedelt war. Deren
Söhne und Enkel werden nun nach Vietnam, Laos und Kambodscha gesandt, um dort als
Soldaten zu sterben. »Der Putsch« erzählt das Schicksal einer Familie, die nach Chile
auswandert und dort nach und nach zwischen die politischen Fronten gerät. Beide Bücher
gelten als Agitation gegen politischen Dogmatismus jeglicher Couleur. Walter Ernsting
trifft Böll, Solschenizyn, Sacharow, Castro, Brandt und andere. Das Angebot des Berliner
Senats, Kulturminister für die geteilte Stadt zu werden, lehnt er ab. Er erhält eine
Ehrenprofessur an der Universität Santiago de Chile.
Als er gerade an der Arbeit an dem dritten Teil ist, in dem er das
Schicksal einer nach Israel ausgewanderten Familie darstellt, erhält er einen Anruf aus
Stockholm vom Vorsitzenden des Nobelpreiskomitees.
Akt 4: 1977, Stockholm
»Und?« fragte das dämonische Walter/Virginie-Wesen, »Habe ich meinen Teil des
Vertrages eingehalten?«
»Schon, ...«
Der absurde Inkubus zog theatralisch zwei wie antik wirkende
Schriftrollen aus seinem grauhaarigen Dekolltee.
»Gut. Du hast ein Werk vollbracht, das Anerkennung verdient. Hier
siehst du die Anzahl deiner Arbeiten.« Das aufgerollte Palimpsest zeigte eine dicke,
beeindruckende Zahl. »Kann das stimmen?«
»Ja«, brummte Walter, nicht ohne Stolz.
»Gut. Hier siehst du die Anzahl deiner durch mich erfüllten
Wünsche.« Das zweite aufgerollte Palimpsest zeigte eine absurd größere Zahl. »Kann
das stimmen?«
»Das glaube ich nicht.«
»Du hast eben sehr gut gelebt. Du hast eine große Schuld bei mir, die
durch deine Werke nicht eingelöst werden kann. Ich werde dir deine ganzen
Veröffentlichungen nehmen, wie ich es versprochen habe. Keiner wird jemals von ihnen
erfahren. Du erinnerst dich an unsere Vereinbarung? Ich werde also mir genehme
Werke der Weltliteratur aus der Existenz entfernen, sofern du deine weitere Schuld nicht
abarbeiten solltest.«
»Verdammt!« Durch seine Selbstsucht würden womöglich Künstler wie
Hemingway, Goethe, Zola, Joyce oder Shakespeare gelöscht? Das durfte nicht sein!
»Was muss ich tun?«
»Es hat sich nichts geändert: Für jede Situation, in der ich dein
Leben gerettet habe, musst du einen Roman schreiben.«
»Oh. Einschließlich der Fälle, in denen ich zu viel ...«
»Ja.«
»Das hättest du mir aber vorher sagen sollen!«
»Das habe ich gewiss. Weiter: Für jede Honoration, die du
eingeheimst hast, musst du einen Erzählung schreiben!«
An den Fingern und im Geiste zählte Walter kurz nach.
»Das ist hart. Aber machbar, wenn ich zweihundert Jahre alt werde.«
»Na gut: Ich halbiere deine Schuld unter einer Bedingung: Du darfst
keine hohe Literatur mehr schreiben.«
»Wie? Was soll ich denn sonst schreiben?? Kinderbücher? Drehbücher
für Afrika-Filme? Du weißt genau, dass man dafür Mitarbeiter braucht.«
»Wenn es von dir erfundene Figuren sind, mag das erlaubt sein.
Weiter: Für jede Ehe, die du durch mich gehabt hast, musst du einen langen Roman
schreiben, für jede Beziehung mindestens ein Essay, für jede Begegnung eine
Kurzgeschichte.«
»Was??« Walter zögerte einen Moment. »Moment, Moment, das ist unfair
und absolut unmöglich, kein Schriftsteller kann so viel ...«
Doch die Gestalt löste sich bereits auf.
»Doppelt oder nichts!« rief Walter.
Der Dämon rematerialisierte. Das Wesen trug diesmal einen Smoking. Sein
Haar war schwarzbraun gefärbt und pomadisiert nach hinten gekämmt. Sein gieriges Grinsen
wirkte wenig menschlich.
Walter drückte sich an die rückwärtige Wand.
»Du machst mir einen Vorschlag?« Langsam ging das Wesen auf
Walter zu. »Doppelt oder nichts?«
»Ja!« kreischte Walter. »Und bleib mir bloß vom Leib!«
»Du bist übergeschnappt. Das kannst du nicht wirklich wollen.«
»Du meinst, du würdest es nicht schaffen?«
»Du willst also noch einmal einen Nobelpreis?«
»Und wenn ich verliere, nimmst du doppelt so viele Werke mit.«
»Dann schlag ein!«
»Jede Neuauflage zählt, jede Übersetzung, jede Überarbeitung, jeder
Vortrag?«
»Wenn du meinst, dass dir das hilft, dann anteilig, warum nicht?!«
Und die beiden Walters, der eine angstbebend, der andere
freudestrahlend, schüttelten sich die Hände, zu einem Pakt, der die Grundfeste der
Kulturgeschichte der Menschheit erschüttern konnte.
Intermezzo 2: 1977 2003
In den nachfolgenden Jahren weist Walter Ernsting die Ehren, mit denen er überhäuft
werden soll, so gut wie alle zurück.
Als erstes schließt er seinen dritten Band der Familienchroniken ab.
Die linksgerichteten Parteien in Israel verschreien ihn als Nazi, die rechten als
Kommunist. Das Titelbild des NEWSWEEK zeigt ihn lachend als Kindergärtner der Welt,
während kleine Politikerfiguren sich wie wild prügeln. Walter Ernsting wandert nach
Irland aus und kuriert seine angeschlagenen Lungen.
Inspiriert von der neuen Umgebung erarbeitet er einen Band mit skurrilen
Kurzgeschichten. Dieser wird sofort in neun Sprachen übersetzt.
Vier düstere Novellen erscheinen. Er trennt sich von Frau und Familie,
die nach Deutschland zurückkehren.
»Der Wanderer« erscheint, ein surrealistisches Stück, das als
Theaterversion vor allem in den hispanischen Ländern große Erfolge zeitigt. Aus seinen
Familienchroniken entstehen viel beachtete Fernseh-Mehrteiler. Für zwei Jahre zieht er
nach Neuseeland.
»Mondlicht«, ein kitschiger Liebesroman, der in den Tropen spielt,
wird von den meisten Lesern ignoriert. Zwei Maori-Mädchen werden durch Walter Ernsting
schwanger, doch sie tragen die Kinder nicht aus. Durch Zufall entkommt er einem
wutentbrannten Nebenbuhler.
»Zwölf Abgründe« wird sein Meisterwerk: Ein Mönch durchwandert das
mittelalterliche Europa, um Nachrichten seines Abtes und Bischofs an Klöster, Gelehrte
und Geistliche zu überbringen. Die Diskussion des müden Mönches mit der Ordonnanz des
Papstes wird in allen wichtigen Magazinen der Welt als Buchauszug nachgedruckt. Wieder ist
Walter Ernsting für den Nobelpreis für Literatur nominiert, als erster Mensch könnte er
ihn zwei Mal erhalten. Er erleidet einen schweren Autounfall und muss für drei Monate ins
Hospital. Es dauert weitere sechs Monate, bis er wieder ohne Beschwerden gehen kann. Er
zieht in die Toscana. Die »Zwölf Abgründe« werden verfilmt und erhalten drei Oscars.
Walter Ernsting schreibt seine Autobiografie, unterstützt von drei
Rechercheuren und zwei Ghostwritern. Drei Exfrauen verklagen ihn daraufhin. Für ein Jahr
taucht er selbst unter.
Wieder in Irland, gibt er eine phantastische Kurzgeschichtensammlung
heraus. Er wird nach Israel eingeladen. Er nimmt an unter der Bedingung, dass alle mit ihm
zu Fuß in den Sinai gingen. Hier hält er eine durch alle Fernsehkanäle übertragene
Rede, die parteienübergreifend als historisch bezeichnet wird. Alle Ehrungen weist er
auch diesmal zurück. Zeitweilig benutzt er einen Rollstuhl, da ihm die alte Verletzung zu
schaffen macht.
Eines morgens ruft erneut das Nobelpreis-Komitee an ...
Akt 5: 2003-1953, Stockholm bis Männertoilette
»Das mit dem doppelt oder nichts war schließlich nicht meine Idee«, kicherte der
Dämon. »Die ganzen Ehrungen! Und wie oft ich dir das Leben gerettet habe, da solltest du
dich doch freuen! Der verhinderte Flugzeugabsturz, das Schiffsunglück, ...«
»Ja, ja, hör auf!« schrie Walter. Er hätte sich erst gar nicht auf
diesen Handel einlassen sollen. »Aber es ist ja nicht der Literaturnobelpreis!«
»Davon war auch gar keine Rede!«
Der Buchhändler saß ihm gegenüber in der barocken Gildentracht eines
Gerbers. Eine Schriftrolle lag ausgebreitet auf dem Computertisch des noblen Hotelzimmers.
Auf ihr stand eine unverständlich große Zahl.
»Das bin ich dir schuldig?«
»Ja. Du weißt, was jetzt geschehen muss?«
»Erzähle!« Es war schon so lange her, ein Menschenalter!
»Du wirst schlafen gehen. Morgen, wenn du aufwachst, bist du wieder
jung. Dein Leben beginnt erneut, und zwar an der Stelle, an der es ohne mich
weitergegangen wäre. Vielleicht wirst du in deinem neuen Leben zu einem Schriftsteller,
vielleicht nicht. Deine Schuld aber bleibt, ohne dass du davon wissen wirst. Du wirst bis
an dein Lebensende Zeit haben, sie zu begleichen. Danach nehme ich mir einige Werke aus
dem Regal der Literatur der Menschheit oder ich gebe sie zurück.«
»Keine andere Chance?«
»Nein.«
»Dann weiche, Mephistopheles!«
Das Walter-Gerber-Buchhändler-Dämonwesen stand auf, zog seine
Lederkappe, verbeugte sich theatralisch und verschwand, als hätte man eine Seite eines
Bilderbuches weitergeblättert.
»Verdammt, verdammt... verdammt...«
Walter sank auf der Couch zusammen, legte sich auf die Seite, starrte in
die universale Leere. Seine Niederlage war absolut: Ein erfülltes Leben verloren, ein
begnadetes Talent erschüttert, die ideale Karriere zerstört, die Kunstwerke des Wortes
der Verdammnis übereignet. Dann gewann sein Wille wieder die Oberhand.
»Von wegen verloren«, brummte er, mit sich selbst redend, »Ich gebe
nicht so schnell auf. Schließlich bin ich morgen ja wieder jung. Fangen wir erst mal
klein an. Mit Übersetzungen meinetwegen. Und wenn alles nichts hilft, kann man ja immer
noch eine Serie machen.«
Beinahe schon hatte er vergessen, dass er vergessen würde.
ENDE
P.S.: Anmerkung des Autors:
Für die, die es nicht wissen: Walter Ernsting, geboren 1920, ist in
dieser Realität Autor vieler Bücher, vor allem SF, aber auch Western und Jugendbücher.
Unter dem Pseudonym Clark Darlton ist er als Mitinitiator der PERRY RHODAN-Serie weltweit
bekannt geworden. Diese Serie erscheint in vielen Ländern. In Deutschland erreichte die
Erstauflage im Oktober 2003 die Nummer 2.200! Lieber Walter, du hast es ihm
gezeigt, vielen Dank!
P.P.S.: Anmerkung des Autors:
Ach ja, lieber Leser, falls Sie sich wundern, woher ich das alles weiß,
was nicht einmal Walter mehr wissen kann: Verfolgen Sie doch einfach, wer den
Literaturnobelpreis erhält! Nach meiner Hochrechnung müsste mein Informant diesen
zwischen 2012 und 2015 verliehen bekommen. Nein, bevor Sie mich fragen: Ich selbst
bin es leider nicht! Verdammt, warum eigentlich nicht ich??
© 2004 by Frank G. Gerigk
Mit freundlicher Genehmigung des Autors |
 
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