ALIEN CONTACT

Samuel R. Delany

US-Amerikanischer Schriftsteller (* 1942)

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Samuel Ray Delany (jr.), neben Octavia Butler wohl der bedeutendste schwarze SF-Autor der USA, wurde am 1. April 1942 in New York geboren. Der Sohn puertoricanischer Einwanderer besuchte die Bronx High School of Sciences. In den frühen Sechzigern begann er ein Studium am New York City College, das er jedoch nach einem Jahr abbrach. Seinen ersten Roman, The Jewels of Aptor (dt. Die Juwelen von Aptor), schrieb er mit neunzehn, veröffentlicht wurde er 1962. Seine Trilogie The Fall of the Towers (dt. Die Türme von Toron) vollendete er bis zu seinem einundzwanzigsten Lebensjahr (wobei er spätere Auflagen überarbeitete). Mit knapp 20 Jahren heiratete Delany trotz seiner in erster Linie homosexuellen Lebensweise die Dichterin und Lektoratsgehilfin Marylin Hacker, mit der er eine Tochter hat. Die beiden waren bis 1980 miteinander verheiratet.

Spätestens 1966 etablierte Babel-17 (dt. Babel-17) Delany als einen Autor, der die Sprache als sein Handwerkszeug nicht nur beherrscht, sondern sie auch auf hohem Niveau zu seinem Thema macht. Babel-17 thematisiert, wie Sprache das Bewusstsein und die Wirklichkeit strukturiert. Gleichzeitig ist der Roman eine bildreich und poetisch erzählte Space Opera. Delany gewann mit diesem Roman den Nebula-Award, ebenso wie mit seinem Nachfolger The Einstein Intersection (1967, dt. Einstein, Orpheus und Andere). Hier tritt auch Delanys zweites großes Thema in den Vordergrund: In einer postatomaren Welt konfrontiert er seine Leser mit Menschen, die sich herkömmlichen Geschlechts- und Sexualkategorisierungen entziehen. Mit den beiden vorangenannten Romanen hatte Delany sich als freier Schriftsteller etabliert und wurde von den meisten Lesern der New Wave zugeordnet.

1968 folgte dann mit Nova (dt. Nova) eine weitere Space Opera, die thematisch mit Moby Dick verglichen wurde und nebenbei die Produktion historischen Wissens auf amüsante Weise zum Thema macht. Mit einem Maschinen-Körper-Interface taucht hier auch ein Motiv auf, das sehr viel später zentral für das Cyberpunk-Genre werden sollte.

Von 1968 bis etwa Mitte der Siebziger Jahre verfasste Delany eine Reihe von Kurzgeschichten, die größtenteils der SF zuzuordnen sind. Die Initialzündung dafür gab wohl Harlan Ellisons Anfrage nach einer Story für seine Anthologie Dangerous Visions, zu der Delany »Aye, and Gomorrah« beisteuerte, eine Erzählung über sexuelle Vorlieben des Raumfahrzeitalters. Der größte Teil von Delanys Kurzbelletristik ist in den Bänden Driftglass (1979, dt. Treibglas) und Distant Stars (1981, dt. ) gesammelt.

Ab 1975 unterrichtete Delany unregelmäßig an verschiedenen Universitäten. Im selben Jahr erschien mit Dhalgren (dt. Dhalgren) ein Roman, der bis heute zurecht als Delanys Meisterwerk gilt. In der postapokalyptischen Stadt Bellona macht sich ein junger Mann, der sein Gedächtnis verloren hat, auf die Suche nach Erfahrungen, die ihn definieren. Hauptthemen des Buches sind wiederum Sexualität und die Erzeugung von Bedeutung durch Sprach- und Benennungspraktiken. Darüber hinaus greift Delany hier politische Diskurse über Rassismus auf. In einem Interview (enthalten in Silent Interviews, s. u.) erklärte Delany selbst schließlich, dass für ihn das zentrale Thema des Romans die ungeheure Komplexität sozialer Beziehungen sei – selbst, wenn diese Beziehungen im scheinbar regellosen Umfeld einer Jugendgang angesiedelt sind. Dhalgren ist avantgardistisch, mischt ausgedehnte philosophische Dialogpassagen mit oft surrealen Handlungssequenzen von beklemmender Intensität und experimentiert auch mit typographischen Verfremdungselementen. Dennoch bleibt Delany der Romanform treu und erzählt eine nachvollziehbare, weitgehend lineare Geschichte.

1976 folgt Triton (dt. Triton, später neu aufgelegt als Trouble on Triton), das den Untertitel An Ambiguous Heterotopia trägt. Die dargestellte Gesellschaft von Triton ist sexuell ausgesprochen egalitär. Ihre Einwohner greifen häufig auf die Möglichkeit zurück, Geschlecht und Begehren mittels routinemäßiger operativer Eingriffe zu verändern. Die Hauptfigur des Romans versucht in diesem Umfeld, sich eine sichere heterosexuelle Identität zu konstruieren, und ruiniert dabei zusehends seine persönlichen Beziehungen. Im Anhang entwickelt Delany die SF-Idee des »Modularen Calculus«, eine Methode der Ereignisvorhersage, die für spätere Romane noch von Bedeutung sein wird. Wie schon Dhalgren folgt Triton zwar einerseits der Romanform, sperrt sich aber schon thematisch gegen ein befriedigendes Ende. Triton nimmt neben Ursula K. LeGuins The Dispossessed (dt. Planet der Habenichtse) mittlerweile eine Klassikerstellung unter den ambivalenten Utopien ein, insbesondere, weil es eines der wenigen Werke seiner Zeit ist, die für ihren Gesellschaftsentwurf einen dezidiert urbanen Hintergrund wählen.

In den Jahren 1977 und 1978 veröffentlichte Delany mit den Sammlungen The Jewel-Hinged Jaw: Notes on the Language of Science Fiction und The American Shore wissenschaftliche Literaturkritik (nicht nur) über Science Fiction. Mit seiner Neveryon-Reihe (dt. Nimmerya) unternahm Delany dann einen längeren Ausflug in phantastische Gefilde. Sie besteht aus den Bänden Tales of Neveryon (1979), Neveryona; or, The Tale of Signs and Cities (1983), Flight from Neveryon (1985) und The Bridge of Lost Desire (1987). Der erste Band ist eine Sammlung von miteinander verwobenen Novellen und Erzählungen, die in den Romanhandlungen und Erzählungen der Folgebände aufgenommen werden. Delany kehrt hier in eine mythische Vergangenheit zurück und erforscht weit spielerischer als in seinen vorangegangenen Romanen die Zusammenhänge von Sprache, Sexualität und Macht. In fiktiven wissenschaftlichen Anhängen dokumentiert er in Briefwechseln die frühgeschichtlichen Forschungen, auf denen die Neveryon-Geschichten augenzwinkernd zu beruhen vorgeben. Dabei greift er auch die Idee des "Modularen Calculus" aus Triton auf. Im dritten Band, Flight from Neveryon, reflektiert er das Auftauchen und den gesellschaftlichen Umgang mit HIV.

Stars in my Pockets like Grains of Sand (1984), wieder ein SF-Roman, ist die Geschichte eines unfreiwilligen Messias und gilt als ein weiterer stilistischer Durchbruch Delanys. 1988 erschien dann mit The Motion of Light in Water ein Memoirenband. 1993 legte Delany They Fly at Ciron vor – wieder ein SF-Roman, der sehr viel zugänglicher ist als frühere Werke. The Mad Man (1994) ist wegen seines sexuell-pornographischen Inhalts ausgesprochen umstritten, ähnlich wie Equinox (1994, dt. Äquinoktium), bei dem es sich um eine Überarbeitung des erstmalig 1973 erschienen Tides of Lust handelt. 1995 erschien Hogg, ein Roman von 1973, der sich sehr explizit mit sexueller Gewalt beschäftigt.

Darüber hinaus hat Delany verschiedene Comics getextet, darunter Empire (1978, zusammen mit Howard Chaykin), sowie den Bildband Bread and Wine: An Erotic Tale of New York City (1999). In den 80ern und 90ern veröffentlichte er unter anderem in den Sammelbänden Silent Interviews, Longer Views und Shorter Views zahlreiche wissenschaftliche Essays, die sich zum Teil mit SF beschäftigen. Daneben befasst er sich in verschiedenen Texten mit feministischer Politik und Queer Politics. Während das Auffälligste an Delany heute seine für die SF ungewöhnlichen Themen sind, galt gerade in seinen Anfangsjahren ein besonders starkes Interesse seinem puertoricanischen Hintergrund. Delany beschriebt das Verhältnis, dass viele Weiße ihm gegenüber einnahmen, in einem Interview allerdings eher als exotistische Neugier. Er war in erster Linie bekannt als »der schwarze, schwule SF-Autor«.

1988 nahm Delany eine Stelle an der University of Massachusetts, Amherst an, wo er seitdem als Professor für komparative Literaturwissenschaft unterrichtet.

Immerhin sind in den 80er Jahren bei Pabel und Bastei-Lübbe einige deutsche Übersetzungen von Delanys Werken erschienen (u.a. Nova, Babel-17, Dhalgren, Triton und Neveryon unter dem Titel Nimmerya). Die einzige derzeit lieferbare deutsche Übersetzung eines Delany-Romans ist jedoch Equinox als Äquinoktium bei Edition Phantasia (Hogg ist dort angekündigt). Auf www.editionphantasia.de findet sich auch eine Delany-Bibliographie, die nahezu alle englischen Originalveröffentlichungen verzeichnet sowie die vergriffenen deutschen Übersetzungen (die antiquarisch oft noch erhältlich sind).

• Jakob Schmidt • ALIEN CONTACT


Foto: Temple University

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