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Hanns Kneifel

oder: (k)ein Haluter in Schwabing

von Christian Hoffmann

Science Fiction > Alien Contact
Personen-Lexikon
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Er gilt nicht nur als einer der fleißigsten, sondern vielen auch als einer der besten Autoren im Umfeld deutschsprachiger Heftroman-SF: Hanns Kneifel. Spätestens seit der renommierte Haffmans Verlag Werke von ihm in überarbeiteten Ausgaben neu auflegte, sind auch die Skeptiker unter den Lesern hellhörig geworden – was hat es auf sich mit diesem Hans Dampf in allen Gassen, der von SF über Fantasy bis hin zu voluminösen historischen Romanen alles schreibt, und alles mit sichtlichem Erfolg. Christian Hoffmann hat den Altmeister in seiner Münchner Wohnung besucht – und ließ sich von seiner freundlichen Ironie offenbar nicht wenig anstecken.
»In diese trüben Gefilde spazierte Hanns Kneifel, und plötzlich konnte man deutsche SF lesen. Da gab es mit einem Mal konturierte Personen, pfiffige Dialoge, blendende deskriptive Passagen, bestens visualisierte action; da schrieb jemand, der Kipling und Hemingway gelesen und verdaut hatte; da gab es plötzlich Literatur: Hintergründe..., gut aufgebaute plots, glaubhaft in die Umgebung eingepaßte Personen – solides Handwerk.«
(Gisbert Haefs in seinem Nachwort zur Neuausgabe von Hanns Kneifel: Das brennende Labyrinth im Haffmans Verlag 1989)
»In den meisten Werken geht die bemerkenswerte Handlungsarmut Hand in Hand mit gedrechselt wirkenden Dialogen. Die Hauptpersonen treten meist als blasierte Intellektuelle auf, die sich stets als erfolgreiche Karrieristen entpuppen. Mit den Romanen Der Traum der Maschine (1966) und Lichter des Grauens (1966) erweckte Kneifel einige Hoffnung, daß ein Zugewinn von Qualität zu erwarten sei, doch die Erwartungen erfüllten sich nicht. Der folgende Roman Das brennende Labyrinth (1967) war wieder ein Konglomerat aus der üblichen Abenteuerromantik mit allen sattsam bekannten Klischees der Heftchenschreiberei und belustigte allenfalls durch eine Fülle von Stilblüten.«
(Aus dem Eintrag zu Hanns Kneifel im Lexikon der Science Fiction Literatur von Alpers, Fuchs, Hahn, Jeschke, Heyne 1980)

Hanns Kneifel ist, wie man an obigen Zitaten unschwer erkennen kann, ein durchaus umstrittener Schriftsteller – für die einen ein origineller Altmeister deutscher Science Fiction, für die anderen ein typischer Vertreter trivialer Schundliteratur. Nachdem ich ihn zufällig getroffen und festgestellt hatte, dass wir beide in München leben, wollte ich es genauer wissen: Nach ein, zwei Telefongesprächen vereinbarten wir einen Termin, an dem ich Gelegenheit bekommen sollte, ihn in seiner Wohnung im Stadtteil Schwabing zu besuchen, seine Weinvorräte zu reduzieren und herauszufinden, was für Mensch hinter dem Namen Hanns Kneifel steckt.
   Doch zunächst einige Daten zu Hanns Kneifels Leben und Schaffen. Geboren wurde er am 11. Juli 1936 in Gleiwitz/Oberschlesien, von wo es ihn während des Zweiten Weltkrieges zusammen mit seiner Familie nach Oberbayern verschlug. Schon bald zogen die Kneifels nach München, was Hanns den Besuch des Gymnasiums ermöglichte. Nach dem frühen Tod seiner Eltern absolvierte er eine Lehre als Konditor. Bereits zu dieser Zeit interessierte er sich für Science Fiction und begann selbst zu schreiben. 1956 erschien mit Uns riefen die Sterne der erste SF-Roman des frischgebackenen Konditorgehilfen. Nachdem er seine Ausbildung mit der Meisterprüfung erfolgreich abgeschlossen und nebenher weiterhin SF gelesen und geschrieben hatte, machte Kneifel 1962 sein Abitur nach und studierte Pädagogik. Als Berufsschullehrer verschlug es ihn nach dem Staatsexamen nach Kitzingen, was ihn dazu bewog, den sicheren Beruf des Lehrers gleich wieder an den Nagel zu hängen und stattdessen den weitaus unsichereren des freien Schriftstellers zu ergreifen. Seitdem hat er neben Hunderten von Heftromanen (95 Perry Rhodan-Hefte, über 130 Atlan-Hefte, außerdem Beiträge zu Dragon, Seewölfe, Mythor und Terra Astra) zahlreiche »richtige« Bücher, bzw. Taschenbücher geschrieben. Erwähnt seien hier nur seine über 80 Perry Rhodan-Planetenromane, die Bücher zur TV-Serie Raumpatrouille und vor allen Dingen in den letzten Jahren seine historischen Romane wie z. B. Der Traum des Pharao und Ich, Francis Drake. Zudem war Kneifel Chefredakteur des Stadtmagazins Wir Münchner, das zwar finanziell gesehen nicht gerade ein großer Erfolg war, aber immerhin eine neue Erfahrung für ihn darstellte. Oder, wie Kneifel es selbst ausdrückt: »... wenigstens hatte man fast überall freien Eintritt, lernte nette (aber auch miese) Leute kennen, und ich weiß seitdem, wie man eine Zeitschrift macht.«
   Heute lebt Hanns Kneifel im fünfzehnten Stock eines Hochhauses (ja, in München nennt man Häuser mit mehr als fünf Etagen so) im Norden Schwabings und verbringt immer noch viel Zeit mit dem Schreiben.
   Wie ja schon erwähnt, handelt es sich bei Kneifel um einen jener Autoren, welche von vielen Fans bewundert und gleichzeitig von einigen Kritikern regelmäßig scharf attackiert werden. Um mir selbst ein objektives Bild Kneifels machen zu können, beschloss ich, mich nicht nur auf mein journalistisches Gespür zu verlassen, sondern mich nach einem geeigneten Hilfsmittel umzusehen. Nachdem ich in verschiedenen SF-Werken Kneifels immer wieder über den sogenannten Extrasinn des Arkoniden Atlan (ein unsterblicher, humanoider Macho-Außerirdischer aus Perry Rhodan) gestolpert war, begann ich mich nach einer derartigen mentalen Stütze zu sehnen. Ein Extrasinn scheint in einer zusätzlichen Gehirnregion lokalisiert zu sein, und seine Funktion ist es offenbar, helfend einzugreifen, wenn der Rest des Hirns zu versagen droht. Eine Ermahnung hier, ein kluger Ratschlag da, hin und wieder ein paar spitze Bemerkungen. So eine Art Übermutter im Kopf also. Nun bin ich jedoch kein Arkonide und musste alleine zurechtkommen. Etwas angesäuert begann ich, um wenigstens auf dem Gebiet der Recherche ordentliche Arbeit zu leisten, ein weiteres Buch von Hanns Kneifel zu lesen. Ein Glückstreffer! In Der Traum der Maschine fürchtet der Held, der von merkwürdigen Träumen gequält wird, den Verstand zu verlieren, und sucht daher einen Psychologen auf. Und tatsächlich schafft es der wortgewandte Seelenklempner nicht nur, unseren verstörten Helden zu beruhigen, sondern brachte mich mit seinen Erklärungen auf eine geradezu geniale Idee:

»Das sogenannte Spaltungsirresein wirkt sich zunächst folgendermaßen aus: Man verliert die innerliche Einheitlichkeit der Person und danach den Kontakt mit der sozialen Gemeinschaft ... Schizophrene gelten vor Ausbruch ihrer Krankheit als scheu, empfindlich und eigenbrötlerisch. Nichts davon trifft auf Sie zu. Sie werden sich bestimmt nicht für Ramses, Napoleon oder de Gaulle halten.«
(Der Traum der Maschine, S. 96 f. der 1994 im Haffmanns Verlag erschienenen Ausgabe)

Das war die Lösung! Da meine Frau in einer Psychiatrischen Klinik arbeitet, ließ sich mein Plan, zu dem mich das soeben gelesene inspiriert hatte, mit Leichtigkeit durchführen. Nach ein paar Telefonaten stand ich im Archiv der Königlich Bayrischen Psychiatrie und machte mich auf die Suche. Man muss wissen, dass Patienten, die unter dem oben erklärten Krankheitsbild der Schizophrenie – zu deutsch Spaltungsirresein – leiden, nach erfolgreicher Behandlung ihre krankhaften Persönlichkeitsauswüchse gleich einer Schlange, die sich häutet, ablegen. Während die Patienten damit die Einheitlichkeit ihrer Person wiedergefunden haben, bleiben diese nur scheinbar existenten Pseudopersönlichkeiten zurück und werden im Archiv der Klinik abgeheftet. Kurzerhand lieh ich mir von dem freundlichen Archivar, der lediglich durch ein leichtes, aber beständiges Zucken im Gesicht auffiel, die abgespaltene Persönlichkeit eines Patienten, der sich vor seiner Heilung für einen gewissen unsterblichen Außerirdischen gehalten hatte.
   Somit verfügte nun auch ich über einen Extrasinn, der mich während des Interviews mental unterstützen sollte. Bestens ausgerüstet machte ich mich ein paar Tage später auf den Weg zu Hanns Kneifel.

»Hier entlang«, donnerte mir eine voluminöse Stimme entgegen, als ich aus dem Aufzug trat. »Vorsicht, ein Haluter!« wisperte mein neu erworbener Extrasinn. Haluter zählen zu den beliebtesten Außerirdischen in der PR-Serie. Sie sind fast unbesiegbar und vermögen, wenn sie in Rage geraten, selbst fünfzehnstöckige Hochhäuser in Sekundenschnelle dem Erdboden gleichzumachen. Im übrigen sind sie für ihr friedliebendes Gemüt bekannt. Mutig ignorierte ich die Warnung des Extrasinns und bog ums Eck, wo mich kein vierarmiger Gigant mit drei glühenden Augen, sondern ein freundlich dreinblickender SF-Autor erwartete, dessen Stimmvolumen sich auch alsbald als durchschnittlich humanoid erweisen sollte. Nachdem Hanns Kneifel mich hereingebeten hatte und ich den beachtlichen Blick von seinem Balkon genießen durfte – man kann zumindest bei schönem Wetter über fast ganz München hinweg bis zu den Alpen blicken -, nahm ich in seinem geräumigen Wohn- und Arbeitszimmer Platz, ließ mir einen wohlschmeckenden Weißwein kredenzen, und begann damit, Fragen zu stellen.
   Was mich besonders interessierte, waren die wirtschaftlichen Umstände, unter denen sogenannte Unterhaltungsautoren zu »funktionieren« hatten und auch heute noch haben. Tatsächlich war der Verdienst pro Heftroman in den Sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts derart miserabel, dass man, wie Kneifel erzählte, monatlich im Schnitt drei Stück an die Verlage verkaufen musste, um überleben zu können. Dass die literarische Qualität dabei oftmals auf der Strecke bleiben musste, ist klar. Aber Kneifel steht auch heute noch zu seinen damals entstandenen Werken. Den Leser zu unterhalten war das, wofür er bezahlt wurde – und viel mehr konnte und wollte er nicht leisten. Außerdem ging das meiste nach Exposé, was bei Heftserien zumeist auch heute noch der Fall ist. Sehr anschaulich berichtete der Autor von seiner Studentenzeit, als er nebenbei seine ersten Perry Rhodan-Taschenbücher schrieb und zusätzlich noch an einer Tankstelle Nachtschicht schob. »Da lernt man einiges über das Leben«, erzählt er schmunzelnd. Und ich sah den jungen Hanns Kneifel bildlich vor mir, wie er morgens nach Diesel stinkend in der Trambahn saß und todmüde die Erlebnisse mit Fernfahrern, Besoffenen und anderen Nachtgewächsen Revue passieren ließ – nur um sich anschließend in die Uni oder an den Schreibtisch zu quälen. Nachdem Kneifel sich als Schriftsteller selbständig gemacht hatte, schrieb er in Akkordarbeit wohl mehr Romane als irgendein anderer deutschsprachiger SF-Autor nach dem Zweiten Weltkrieg. Staunend musterte ich gerade die Regalwand mit Hunderten von Belegexemplaren, als sich mein Extrasinn meldete: »Lass dich nicht täuschen – das meiste muss einfach triviales Zeug sein. Bei dieser Masse ist das anders gar nicht möglich!« Aber ich hatte keine Lust, mich mit meinem ausgeliehenen mentalen Anhängsel über sogenannte Trivialliteratur auseinander zu setzen, und trank lieber noch ein Glas des vorzüglichen Weißweines. »Dann frag wenigstens nach den politischen Vorwürfen, die Kneifel als Vertreter der angeblich reaktionären, wenn nicht gar faschistoiden bundesrepublikanischen Kommerz-SF über sich ergehen lassen musste und auch heute noch muss!« Natürlich hatte mein Extrasinn Recht – deswegen war ich ja da. Höchst interessant war die Antwort, die auf die entsprechende Frage kam: »Ein Fehler, den die meisten Kritiker – selbst die der angesehenen Süddeutschen Zeitung – machen, ist der, den Autor mit seinen Helden zu verwechseln. Perry Rhodan entsprach und entspricht natürlich dem herrschenden Zeitgeist. Aber einen direkten Zusammenhang zwischen der Gesinnung des Autors und den Inhalten von Abenteuer-SF zu sehen, wäre absurd.« Schelmisch lächelnd erklärte Kneifel, er sei zu den 68er Zeiten das gewesen, was man als Edelkommunisten bezeichnen könnte. Die sogenannten linken Kritiker etwa der Science Fiction Times hätten zumindest damals überhaupt keine Ahnung vom Leben gehabt. Die politisch motivierten Vorwürfe seien zumeist kaum mehr als Polemik gewesen. Bevor meinem vorlauten Extrasinn irgendeine ironische Bemerkung einfiel, schleuderte ich den Namen K. H. Scheer in den Raum. Der Mitvater von PR und Erschaffer der ZBV-Serie ist für militaristische und scharf antikommunistische SF-Szenarien berüchtigt. »Oh ja, der Scheer... das war einer...« Hanns Kneifel schüttelte die Hand, als hätte er sich die Finger verbrannt. Nach einer kurzen Pause, in der sogar mein Extrasinn schwieg, erklärte Kneifel, die erwähnten politischen Differenzen seien heute aber weitgehend beigelegt, habe doch eine erfreuliche Professionalisierung in der SF-Szene stattgefunden. Auf die Frage wie er zu Uwe Anton stehe, der früher in der SF Times als scharfer Kritiker der Trivial-SF bekannt war, heute jedoch selbst Stammautor bei Perry Rhodan und Atlan ist, meinte Hanns Kneifel, er sei ihm nicht mehr böse wegen der Kritiken in »diesem Käseblatt«, werde ihn aber irgendwann noch zu einem ernsteren Gespräch bei ein paar Bierchen zur Seite nehmen müssen.

Da es außerhalb der Heftroman-Szene nur wenige deutschsprachige SF-Autoren gibt, die vom Schreiben leben können, wollte ich wissen, wie Kneifel die Nachwuchsförderung hierzulande einschätzte. Außer Günter M. Schelwokat, der zahlreiche Projekte bei Pabel und Moewig sowie anfangs die SF-Reihe bei Heyne betreut hatte, wollte Kneifel kaum jemanden als echten Förderer gelten lassen. Nachwuchstalente wie etwa Peter Terrid seien bei vielen Verlagen schlichtweg ignoriert worden, nur Schelwokat habe als Lektor und Herausgeber ernsthaft einheimische Autoren aufgebaut. Ich erwähnte die zahlreichen Anthologien verschiedener Verlage, in denen auch völlig unbekannte Autoren eine Chance gehabt haben. Kneifel schüttelte den Kopf. Für ihn ist es nicht damit getan, hin und wieder eine Story zu veröffentlichen. »Zum Glück«, meinte der Extrasinn und lenkte meinen Blick auf die Wand mit den zahllosen Werken Kneifels: »Wären alle Autoren derartig gefördert worden, dass sie eine vergleichbare Menge an Literatur hätten liefern können – die Welt wäre an SF-Büchern und Heften längst erstickt!«
   Ausnahmsweise musste ich meinem Extrasinn recht geben und belohnte ihn mit einem weiteren Schluck Wein, dessen geistige Wirkung allein für ihn bestimmt war.
   »Was können die Leser in Zukunft von Hanns Kneifel erwarten?«, war meine nächste Frage, die laut meinem beschwippsten Extrasinn obligatorisch für derartige Interviews und damit überaus langweilig sei. Die Antwort jedoch war alles andere als langweilig, bot Kneifel doch einen interessanten Überblick über seine literarischen Pläne: Neben einer Trilogie über die Kreuzzüge sei ein weiterer historischer Roman zu erwarten. Es handle sich dabei um eine Art Kriminalroman, der in der Renaissance spiele. Der besondere Ansatz dabei sei, neben der spannenden Handlung dem Leser zu vermitteln, wie das Weltbild der damaligen Menschen wirklich beschaffen gewesen ist. So eng sei die Welt nicht gewesen, wie man heute glaubt. »Neben dem Anspruch zu unterhalten, habe ich auch den Anspruch meinen Beitrag zur Volksbildung zu leisten«, erläuterte Kneifel und berichtete über die Recherchearbeit, die hinter ernst gemeinten historischen Romanen stehe. Interessanterweise arbeitet er nicht – wie heute üblich – mit Hilfe des Internets, sondern erschließt sich geschichtliches Hintergrundwissen aus Büchern oder geht in die Münchner Staatsbibliothek. Für SF-Leser von besonderem Interesse ist allerdings ein groß angelegter SF-Roman für den Heyne Verlag, an dem zu schreiben dem Autor momentan besondere Freude bereitet. Auf Heftromane aus Kneifels Feder wird man, von gelegentlichen Gastromanen abgesehen, in Zukunft hingegen verzichten müssen. »Das will ich nicht mehr, und ich könnte es auch nicht mehr.« – Offensichtlich ist Kneifel mehr als froh, dass er es nicht mehr nötig hat, am Fließband zu schreiben. »Na ja, aber ein Thomas Mann ist er deshalb trotzdem nicht!«, warf mein Extrasinn hämisch ein. »Was für ein unsinniger Vergleich«, wies ich ihn zurecht. Aber irgendwie kam das Gespräch tatsächlich auf Thomas Mann, von dem Kneifel besonders den umfangreichen Roman Joseph und seine Brüder schätzt. Nichts würde Kneifel ferner liegen, als sich selbst mit Mann zu vergleichen, aber gleichzeitig erscheint es ihm absurd, die Literatur nach dem bekannten U- und E-Schema zu unterscheiden, wobei U für »minderwertige« Unterhaltungsliteratur und E für »ernsthafte« Hochliteratur steht. Obwohl gerade dieses Thema noch Raum zu weiteren stundenlangen Diskussionen geboten hätte, verabschiedete ich mich schließlich von Hanns Kneifel, der sich nicht nur als freundlicher Gastgeber, sondern auch als kluger, humorvoller und manchmal sogar überaus selbstironischer Gesprächspartner entpuppt hatte.
   Noch am selben Abend fuhr ich in die Psychiatrische Klinik, um meinen Extrasinn, der mich mehr genervt als gut beraten hatte, wieder abzugeben. Ich zog ihn am Schopf aus mir heraus, faltete ihn sorgfältig zusammen und sprühte etwas Eau de Toilette darüber, um den Weißweingeruch, der von ihm ausströmte, zu mildern. Dem Archivar, der ihn freundlich zuckend in Empfang nahm, schenkte ich zum Dank je eine (von mir) handsignierte Ausgabe von Joseph und seine Brüder und Der Traum der Maschine.
   P. S.: »Spaltungsirresein« ist ein veralteter Begriff, der in der modernen Psychiatrie keine Verwendung mehr findet. Ebenso wenig gibt es tatsächlich »gespaltene Persönlichkeiten«, »Extrasinne« oder gar »Haluter«!

© 2005 Christian Hoffmann


Foto: Peter Fleissner

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