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H. G. Wells

Britischer Schriftsteller (1866-1946)

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Name: Herbert George Wells
Geboren: 21.9.1866 in Bromley/London
Gestorben: 13.8.1946 in London
Zum Zeitpunkt der Geburt seines Sohnes war der Vater von H. G. Wells Ladenbesitzer. Zuvor hatte er sein Geld als Kricketspieler und Gärtner verdient. Das Ladengeschäft ging ein, so dass Wells' Mutter, wie schon früher, als Haushälterin arbeiten musste. Ihr Bestreben, den Status der Familie auf das Niveau der Mittelklasse zu heben, führte dazu, dass sie »Bertie« zu einem Tuchhändler in die Ausbildung gab, wie zuvor dessen Brüder. Wells war jedoch von Anfang an zu verträumt, um in diesem Metier Erfolg zu haben. 1883 wurde er zuerst Schüler und schließlich Hilfslehrer an der Midhurst Grammar School. Ein Jahr später erhielt er ein Stipendium für die Londoner Normal School of Science. Dort studierte er Biologie. Sein wichtigster Lehrer war T. H. Huxley, der Chef des verzweigten und namhaften Huxley-Clans. Er war der berufenste Befürworter der Darwinschen Evolutionstheorie und ein wissenschaftlich denkender Humanist. Der Eindruck, den er bei seinem Schüler Wells hinterließ, war beachtlich. Die Wahrheit, dass die Menschheit aus einem evolutionären Prozess hervorgegangen ist und genauso wieder vom Angesicht der Erde verschwinden kann, durchzieht Wells' ganzes Werk.

Wells kehrte zu seiner eigenen Lehrtätigkeit zurück, machte seinen Abschluss nebenher und schrieb zwei Textbücher, während er gleichzeitig für das Fernkolleg der Hochschule arbeitete. Seine angegriffene Gesundheit – er litt an Tuberkulose – machte ihm schließlich eine weitere Lehrtätigkeit unmöglich. 1891 veröffentlichte er einen ersten wissenschaftsjournalistischen Artikel: »The Rediscovery of the Unique«. Ab 1893 verkaufte er regelmäßig Aufsätze und Kurzgeschichten. Die Themen der Artikel zeigten bereits seinen enormen Weitblick: »The Man of the Year Million« beschreibt den zukünftigen Menschen so, wie Wells dachte, dass die Evolution ihn formen müsse - mit einem riesigen Kopf und ebensolchen Augen, geschickten Händen und einem verkümmerten Körper; gezwungen, nach der Abkühlung der Sonne unter der Erde zu leben. Weitere Artikel drehten sich um die Möglichkeiten und Gefahren der Luftfahrt, die Vorgänge in der Sonne, Leben auf der Basis von Silizium und das Ende der Menschheit. Einige der Texte wurden 1975 von Robert M. Philmus und David Y. Hughes in H. G. Wells: Early Writings in Science and Science Fiction gesammelt.

Wells' frühe Geschichten kreisten um Begegnungen zwischen Menschen und seltsamen Lebensformen, wie in »The Stolen Bacillus«, »In the Avu Observatory«, »The Flowering of the Strange Orchid« und »Aepyornis Island« (alle 1894). Die erste Storysammlung erschien unter dem Titel The Stolen Bacillus (1895, dt. Der gestohlene Bazillus, 1901).

Mit THE SCIENCE SCHOOLS JOURNAL brachte Wells eine eigene Amateurpublikation heraus. Darin veröffentlichte er 1888 eine Reihe von Essays mit dem Obertitel »The Chronic Argonauts«. Diese Aufsätze bilden die inhaltliche Basis für Wells' ersten Roman The Time Machine: An Invention (1895, dt. Die Zeitmaschine, 1904). Ein englischer Gentleman-Erfinder baut eine Zeitmaschine und reist damit 800.000 Jahre in die Zukunft. Dort wird er mit den letztlichen Auswirkungen des Klassenkampfes konfrontiert: Aus dem unterdrückten Proletariat sind die »Morlocks« entstanden, mutierte ausgebeutete Menschen, die unter der Erde die lebensnotwendigen Maschinen bedienen. Die Klasse der Besitzenden führt als Volk der »Eloi« an der Oberfläche ein Leben in Überfluss und Dekadenz. Beide menschlichen Rassen gehen durch die Abkühlung der Sonne zugrunde. Der Roman ist eine frühe Dystopie, die Samjatin, Huxley und Orwell vorwegnimmt. Durch die Verlegung der geschilderten Welt in die Zukunft musste Wells keine auf Inseln oder in fernen Ländern abgeschottete Gesellschaft erschaffen, um seine Geschichte zu erzählen, sondern konnte eine direkte Linie von den Ereignissen seiner Zeit bis zu ihren Folgen in der Zukunft ziehen. Für die Verfilmung von George Pal (The Time Machine, 1960, dt. Die Zeitmaschine) wurde die Rollenverteilung der beiden zukünftigen menschlichen Spezies mutwillig umgekehrt. Hier waren die Morlocks bösartige, menschenfressende Ungeheuer, die sich von den wehrlosen Eloi ernährten. Auch die Neuverfilmung durch Wells Urenkel Simon Wells (The Time Machine, 2001, dt. The Time Machine) hat diese Verfälschung bestehen lassen.

Ebenfalls 1895 erschien The Wonderful Visit, worin ein Engel die Verhältnisse im viktorianischen England kritisch unter die Lupe nimmt.

1896 folgte The Island of Dr. Moreau (dt. Die Insel des Dr. Moreau, 1904), eine bis heute gültige, allegorische Warnung vor den Auswirkungen der Gentechnologie. Die Grundlagen der Geschichte hatte Wells in dem Artikel »The Limits of Plasticity« entwickelt. Der im Titel genannte Wissenschaftler hat auf seinem Eiland Tieren durch Züchtung menschliche Eigenschaften zukommen lassen. Sie singen ständig ihre »Gesetze« vor sich her – eine Parodie der zehn Gebote. Ihre Zivilisiertheit ist jedoch nur eine dünne Tünche. Schließlich erheben sie sich gegen ihren selbstherrlichen »Schöpfer«. Drei Verfilmungen sind an diesem Stoff gescheitert, vor allem, weil die Darsteller in den Tierkostümen oft unfreiwillig komisch wirkten – Island of Lost Souls (USA 1932, dt..Insel der verlorenen Seelen), The Island of Dr. Moreau (USA 1976, dt. Die Insel des Dr. Moreau) und Island of Dr. Moreau (USA 1996, dt. DNA - Die Insel des Dr. Moreau)

Wells' Kurzgeschichten wurden in dieser Zeit kühner in ihrer Konzeption. Mit »A Story of the Stone Age« (1897) erkundete er aufs Neue den tierischen Ursprung des Menschen. »The Star« (1897) handelt von einer kosmischen Katastrophe. In »The Man who Could Work Miracles« (1898) erhält ein britischer Durchschnittsbürger gottgleiche Fähigkeiten und muss erfahren, dass sie ihm ohne Einfluss auf die Gefühle und Gedanken der Menschen nichts einbringen. Dieser Stoff wurde 1936 von Lothar Mendes verfilmt (The Man who Could Work Miracles, GB 1936, dt. Der Mann der die Welt verändern wollte).

Ebenso hilflos bleibt der Protagonist des Romans The Invisible Man, A Grotesque Romance (1897, dt. Der Unsichtbare, 1911). Seine Erfindung scheint ihm Macht zu verleihen, da er sich unbemerkt zwischen den Menschen bewegen kann. Er verfällt dieser Macht, wird mehr und mehr zum Terroristen und schließlich Opfer des Pöbels, zu dem seine Umtriebe die Menschen um ihn herum gemacht haben. Die erste Verfilmung (The Invisible Man, 1933, dt. Der Unsichtbare) von James Whale war Auftakt für eine Reihe weniger intelligenter Fortsetzungen. Der Film Hollow Man (USA 2000, dt. Hollow Man) muss als nicht gekennzeichnetes Remake angesehen werden.

Bis 1898 hatten die Autoren des noch nicht so genannten Science-Fiction-Genres den Mars überwiegend als friedliche, fortgeschrittene Utopie beschrieben, die unlogischerweise von den technisch weniger weit entwickelten Menschen besucht wird. Erst der Deutsche Kurd Laßwitz (Auf zwei Planeten, 1898) und im gleichen Jahr auch H. G. Wells kehrten die »Reiserichtung« um. Dabei blieben Laßwitz' »Martier« noch edle Wesen, mit denen Verständigung möglich ist. Wells dagegen kreierte das später zum Klischee gewordene Bild der räuberischen, monströsen Eroberer aus dem All. In der Kurzgeschichte »The Crystal Egg« (1997) hatte er bereits beschrieben, wie die Erde von den Marsianern ausgespäht wird. In seinem Roman The War of the Worlds (1898, dt. Der Krieg der Welten, 1901) vernichten sie schließlich das viktorianische England und seine Bevölkerung mit schnell einherschreitenden Kampfmaschinen, Hitzestrahlen und Giftgas. Die gejagten Menschen müssen sich in Keller verkriechen, bis die Feinde durch puren Zufall sterben. Sie werden zum Opfer von Bakterien, gegen die sie keine Antikörper entwickeln können. Dieser packende Roman ahnte die Schrecken des Ersten Weltkrieges voraus und hielt der selbstsicheren viktorianischen Gesellschaft den Spiegel vor. Nicht anders als die Marsianer war sie in Tasmanien zu Werke gegangen. Das Schreckensbild traf in der angstvollen Zeit unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg erneut den Nerv des Publikums, als Orson Welles den Roman zu einem Hörspiel verarbeitete (The War of the Worlds, USA 1938). Sechs Millionen Amerikaner hörten die Sendung, für die Welles die Marsianer in Flugmaschinen über New York herfallen ließ. Etwa zwei Millionen Zuhörer hielten die scheinbare Reportage für echt und gerieten in Panik, womit die Manipulierbarkeit des Publikums durch die Medien bewiesen war. Byron Haskins Verfilmung von 1953, in der Flugmaschinen Kalifornien angreifen, blieb vergleichsweise blass und brachte ein religiöses Element ins Spiel, das H. G. Wells' Werk völlig fremd ist. Überlebende des Angriffs drängen sich in einer Kirche zusammen und bleiben verschont, als die Marsianer an den Bakterien sterben, die, wie wir erfahren, Gott in seiner Weisheit geschaffen hat. Eine dilettantisch gemachte amerikanische TV-Serie von 1988 bis 1990 setzte die Handlung des Films unlogisch fort. Darin erwachen infizierte Marsianer zu neuem Leben und entwickeln die vorher nicht vorhandene Fähigkeit zur »Übernahme« menschlicher Körper. Die Zerstörung von ganz Los Angeles 1953 sei durch eine Vertuschungsaktion der Regierung geheim geblieben. – Es existieren Pläne, eine werkgetreue Verfilmung des Buches zu realisieren, die im 19. Jahrhundert spielt und in der die Marsianer und ihre Maschinen so zu sehen sind, wie Wells sie sich vorgestellt hat.

In dem Roman When the Sleeper Wakes (1899, dt. Wenn der Schläfer erwacht, 1906) gelangt der Protagonist durch einen langen Schlaf in die Zukunft, wo er zum Messias der Massen wird. An eine Befreiung des Proletariats aus eigenen Kräften glaubte Wells nicht. Er ging davon aus, dass gesellschaftliche Verbesserungen nur von einer wohlmeinenden Intelligenzschicht erreicht werden können.

In First Men in the Moon (1901, dt. Die ersten Menschen im Mond, 1905) ließ er zwei britische Abenteurer zum Erdtrabanten fliegen und dort einen strikt reglementierten Insektenstaat entdecken. Dessen Bürger sind zwar unfrei, gleichzeitig jedoch friedlich und weise. Wells lässt von den beiden sehr unterschiedlichen Reisenden sowohl die Vor- als auch die Nachteile dieser Gesellschaftsform schildern. Der Roman ist neben Jules Vernes De la terre a la lune (1865, dt. Von der Erde zum Mond, 1877) eines der beiden Bücher, die George Méliès dazu inspirierten, den ersten Science-Fiction-Spielfilm der Welt zu drehen: La voyage dans la lune (F 1902, dt. Die Reise zum Mond). Der französische Filmpionier ließ sich dabei von dem britischen Schriftsteller beraten. Eine nostalgische Verfilmung schuf später Nathan Juran (First Men in the Moon, GB 1964, dt. Die erste Fahrt zum Mond).

H. G. Wells bezeichnete seine frühen Romane zusammen mit dem phantastischen The Sea Lady (1902) als »Scientific Romances«, lange bevor der Begriff Science Fiction aufkam. Kein anderer Autor hat auf die Entwicklung des Genres einen so großen Einfluss ausgeübt wie Wells in dieser ersten Phase seines Schaffens. Seine Themen – Zeitreise, Genmanipulation, Unsichtbarkeit, außerirdische Invasoren – waren schon vorher in anderer Form umgesetzt worden. Er gab ihnen jedoch das Gepräge des neuen, industriellen Zeitalters und definierte damit das ganze Genre. Hatte Jules Verne noch mit den Mitteln der Science Fiction den Abenteuerroman fortgesetzt, machte Wells seine Romane zu Versuchslaboren der menschlichen Entwicklung. Obwohl dies in den USA gerne über Isaac Asimov gesagt wird, müsste man eher H. G. Wells zubilligen, die Wissenschaft zur Science Fiction hinzugefügt zu haben. Ironisch an seinen Erfolgen war, dass dem Publikum stets nur die Mittel und nicht das Ziel im Gedächtnis geblieben sind. Mit The Time Machine wollte Wells die Ausbeutung des Proletariats anklagen, doch der Roman wurde zum Urheber der modernen Zeitreisegeschichte. In The War of the Worlds ging es ihm um die Verbrechen, die die Briten in ihren Kolonien begangen hatten. Die Folge war die Entwicklung der amerikanisch geprägten Space Opera als schwungvolles Abenteuer im Weltraum.

Als Hugo Gernsback 1926 im Vorwort der ersten Ausgabe des amerikanischen Magazins AMAZING STORIES das junge Genre vorläufig »Scientifiction« taufte, beschrieb er die darunter zusammengefassten Geschichten als solche in der Art von Jules Verne, H. G. Wells und Edgar Allan Poe. Durch AMAZING STORIES, das sein damaliges Werk fast komplett publizierte, wurde Wells dem breiten amerikanischen Publikum bekannt und entfaltete damit auch dort einen ungeahnten Einfluss.

Der Autor selbst hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits von der rein abenteuerlichen Erzählung abgewandt. Wells begann, in seinen Aufsätzen mehr Wert auf exakte Vorhersagen zu legen. Er wurde so zu einem Begründer der Futurologie. Gesammelt wurde diese Aufsätze in Anticipations of the Reaction of Mechanical and Human Progress upon Human Life and Thought (1905, dt. Ausblicke auf die Folgen des technischen und wissenschaftlichen Fortschritts auf Leben und Denken des Menschen, 1905). Ausfluss der neuen Schaffensphase waren die utopischen Romane The Food of the Gods and How It Came to Earth (1904, dt. Die Riesen kommen, 1904), in dem eine neue Nahrung für größere Körper und Gehirne sorgt; The Days of the Comet (1906, dt. Im Jahre des Kometen, 1908), worin ein Kometenschweif die Verbesserung der Menschheit bewirkt; sowie A Modern Utopia (1905, dt. Jenseits des Sirius, 1911) und Men like Gods (1923, Menschen Göttern gleich, 1927), in denen es um technologisch fortgeschrittene und sozialistisch regierte Gesellschaften geht. Obwohl Wells in seinen frühen Romanen oft genug vor blindem Glauben an die Wissenschaft gewarnt hatte, wurde ihm im Zusammenhang mit diesen Büchern schrankenlose Fortschrittsbegeisterung vorgeworfen. Nach The Food of the Gods realisierte Bert I. Gordon eine schwach angelehnte Verfilmung (The Food of the Gods, USA 1976, dt. Die Insel der Ungeheuer), die auf Horror-Effekte abzielte, die von übergroßen Tieren ausgehen.

Erfolgreich war Wells damit, die Schrecken zukünftiger Kriege vorherzusehen, so die des Panzerkrieges in The Land Ironclads (1903), des Luftkrieges in The War in the Air, and Particularly How Mr. Bert Smallways Fared, while It Lasted (1908, Der Luftkrieg, 1909) und schließlich den Einsatz von Atombomben, die aufgrund von Kettenreaktionen mehrfach explodieren, in The World Set Free: A Story of Mankind (1914). Seine eigene Arbeit für den Frieden hinderte ihn nicht daran, sich in fruchtlose Patentstreitigkeiten um die Erfindung des Panzerwagens zu verwickeln.

Die Bücher geben Wells' Auffassung Ausdruck, dass die alte Gesellschaftsordnung vernichtet werden müsse, damit man eine neue, gerechtere aufbauen könne. Bereits 1903 war Wells Mitglied der Fabian Society, eines Zusammenschlusses von Sozialisten, geworden. Seine futurologischen Essays hatten die damalige Führung der Gesellschaft auf ihn aufmerksam gemacht. 1906 versuchte er, die Leitung selbst zu übernehmen – erfolglos. 1908 schied er aus. Den Ersten Weltkrieg sah Wells als das Ereignis, das seine Vorstellungen von einem Neuanfang nach der Verheerung Wirklichkeit werden lassen könnte. Von ihm stammt das berühmte Wort vom »Krieg der allen Kriegen ein Ende machen wird«. Seine hochfliegenden Hoffnungen für die Zeit danach sind Thema seines damals bekanntesten Romans Mr. Britling Sees It Through (1916). Während des Krieges engagierte er sich in der Bewegung für den Völkerbund. In den Jahren darauf trat er für eine »offene Verschwörung« zur Gründung eines Weltstaats ein. Er propagierte die Idee und hielt Reden vor dem Petrograder Sowjet, dem Deutschen Reichstag und der Sorbonne. 1934 konferierte er sowohl mit Roosevelt als auch mit Stalin, um sie für seinen Plan zu gewinnen.

Gleichzeitig fand seine Enttäuschung über die Zwischenkriegszeit Ausdruck in seiner Prosa. Eine Folge war eine späte Hinwendung zur Religion mit den Texten God the Invisible King und The Soul of a Bishop (beide 1917). Mit The Undying Fire (1919) begann er außerdem eine Reihe von »sarcastic fantasies«. In dem Roman wird das Buch Hiob im zeitgenössischen England neu durchgespielt und der sterbende Held von verschiedenen sozialistischen Philosophen »getröstet«. In Mr. Blettsworthy on Rampole Island (1928, dt. Mr. Blettsworthy auf der Insel Rampole, 1929) versucht ein Schiffbrüchiger, abergläubische Wilde zur Vernunft zu bekehren, kann sich aber nicht durchsetzen. Am Ende erkennt er, dass er deliriert hat und dass Rampole in Wirklichkeit New York ist. In The Autocracy of Mr. Parham (1930, dt. Der Diktator, 1931) wird ein unauffälliger Charakter Opfer eines »master spirit«, der sich in ihm niederlässt und ihn dazu treibt, ein charismatischer Führer zu werden. In The Croquet Player: A Story wird ein Dorf von den Geistern der evolutionären Erben der Menschen heimgesucht. In The Camford Visitation (1937) wird die Routine an einer Universität durch eine körperlose, spöttische Stimme durcheinander gebracht. In All Aboard for Ararat (1940) wird ein neuer Noah von Gott gebeten, eine neue Arche zu bauen. Er erklärt sich unter der Bedingung einverstanden, dass Gott selbst als Passagier an Bord geht und die Menschen den Kurs selbst bestimmen dürfen. Versöhnlicher ist nur Star Begotten: A Biological Fantasia (1937). Darin verursachen möglicherweise – möglicherweise aber auch nicht – kosmische Strahlen vom Mars eine positive Veränderung der Menschheit. The Holy Terror (1939) schließlich ist eine beklemmend treffsichere Studie der Psychologie eines Diktators, basierend auf den Karrieren von Stalin, Mussolini und Hitler.

An seinen Idealen hat Wells mit dem Roman The Shape of Things to Come (1933) festgehalten. Zugrunde lag diesem Buch die letzte Zusammenfassung von Wells' utopischer Philosophie, das Werk The Work, Wealth and Happiness of Mankind (2 Bde. 1931). Für die Verfilmung Things to Come (GB 1936, dt. Was kommen wird) schrieb Wells selbst das Drehbuch (1935) wie auch für die Umsetzung von The Man Who Could Work Miracles (GB 1936). Mehrere andere Drehbücher blieben unrealisiert.

Nach der Premiere von Fritz Langs Metropolis (D 1927) hatte Wells das Werk in der FRANKFURT ZEITUNG als »töricht« verrissen, als ungewöhnlichste Konzentration von »Dummheit, Klischee, Plattheit und Kuddelmuddel über technischen Fortschritt«. Der Produzent Alexander Korda gab ihm die Chance, seine eigenen Vorstellungen in einem Film umzusetzen.

Das Ergebnis Things to Come handelt von der Stadt Everytown, die von einem 26 Jahre (!) währenden Zweiten Weltkrieg vernichtet wird. Ein Diktator nimmt in der darauffolgenden Endzeit-Periode die Macht in seine Hände. Sein Versuch einer neuen Machtausdehnung wird schließlich von Piloten mehrerer Nationen vereitelt, die eine »Herrschaft der Vernunft und Wissenschaft« einführen. Der Sohn ihres Anführers regiert Jahre später eine blühende Metropole und schickt sich an, ein Raumschiff zum Mond zu schicken. Daran kann auch der Aufstand eines Künstlers nichts ändern, der glaubt, es müsse nun genug des Fortschritts gewesen sein. Die Kinder der beiden politischen Kontrahenten fliegen am Ende beide zum Mond. Der Film verdankt seine große Reputation den hervorragenden Bauten und Effekten. Da Wells kaum über Filmerfahrung verfügte und mit seinem Skript ständig ins Belehren verfällt, ist das Werk schwerfällig geschrieben und geschnitten. Ihm sind viele Mängel zu Eigen, die Wells zuvor an Metropolis kritisiert hatte. Insbesondere wirken die Menschen in der zerstörten Nachkriegswelt kostümiert und unfreiwillig komisch. Kontrovers ist auch die leuchtende Zukunftswelt zu beurteilen, die technokratische und diktatorische Anklänge hat, in der Künstler als nörgelnde Hofnarren gerade noch geduldet sind. Mit diesem Film zeigte sich, das Wells' sozialistische Ideen allmählich Patina ansetzten.

Der Zweite Weltkrieg ließ den stets um den Weltfrieden bemühten Autor an der Welt verzweifeln. Nach einer langen Karriere mit einer ungewöhnlich langen Liste an Veröffentlichungen war es ihm nicht gelungen, den ständig in seinem Werk reflektierten Widerspruch zwischen dem Fortschrittspotenzial des Menschen und den Fesseln seiner evolutionären Herkunft aufzulösen. Mit dem Aufsatz »Mind at the Edge of its Tether« (1945, dt. »Der Geist am Ende seiner Möglichkeiten«, 1946) riss er sein eigenes Gedankengebäude ein. Die Menschheit, heißt es darin, könne nicht überleben. Wells selbst starb ein Jahr später.

In seiner frühen schriftstellerischen Phase hat Wells auch Komödien über die britische Mittelklasse geschrieben, weswegen er zeitweilig als »zweiter Dickens« angesehen wurde. Diese sind Wheels of Chance (1896), Kipps (1905), Tono-Bungay (1909), The History of Mr. Polly (1910) und Bealby: A Holiday (1915). Weitere realistische Romane waren Love and Mr. Lewisham (1900), Ann Veronica (1909), ein polemischer Text über die Situation der Frauen, des Weiteren der politische Roman The New Machiavelli (1910), The Dream (1924) und The World of William Clissold (1926, 3 Bde.).

Zu den Projekten für die Wells eintrat, gehörte die Sammlung allen menschlichen Wissens. Er selbst schrieb neben The Work, Wealth and Happiness of Mankind noch zwei weitere enzyklopädische Werke: The Outline of History (1920, dt. Die Geschichte unserer Welt, 1926) und The Science of Life (1930).

Wells gab sich auch privat als Freidenker und propagierte die »Freie Liebe«, nicht ohne Eigennutz, wie man annehmen darf. Er liebte seine zweite Ehefrau, hatte aber viele Affären. Seine nach Honig riechende Haut soll ihm diese Abenteuer erleichtert haben. Ein anderes auffälliges Attribut seiner Person war eine überraschend hohe Fistelstimme. Damit setzte er zum Beispiel die rund 50 Besucher der ersten »World Science Fiction Convention« im Jahr 1939 in Erstaunen, deren Ehrengast Wells war. Über sein Leben schrieb der Autor in Experiment in Autobiography: Discoveries and Conclusions of a Very Ordinary Brain (ab 1866, erschienen 1935). Herausgekürzte Stellen sexuellen Inhalts, die sich auf noch lebende Personen bezogen, erschienen erst 1984 in H. G. Wells in Love: Postscript to an Experiment in Autobiography.

1927 wurden The Complete Short Stories herausgegeben. Die deutschen Werke in Einzelausgaben veröffentlichte O. Mendel 1927-1931. Seit 1979 gibt es eine H. G. Wells-Edition bei Zsolnay.

Wells' klassische Romane haben viele ungefragte Fortsetzungen erfahren. The Time Machine wurde mit Erlaubnis der Erben von Stephen Baxter mit Time Ships (1995, dt. Zeitschiffe, 1995) fortgesetzt. Der große Respekt vor dem Urahn des Genres bedingt, dass Wells, ähnlich wie Cyrano de Bergerac, längst selbst eine beliebte literarische Figur geworden ist. Neben Baxter schilderten ihn Cristopher Priest in The Space Machine (1976, dt. Sir Williams Maschine, 1977), Karl Alexander in Time After Time (1976) verfilmt von Nicholas Meyer als Time After Time (1979, dt. Flucht in die Zukunft), Jerry Yulsman in Elleander Morning (1984, dt. Elleander Morning oder: Der Krieg der nie stattfand, 1986) und Eric Brown in The Inheritors of Earth (1990). Die spielerische Annahme besteht häufig darin, dass Wells selbst eine Zeitmaschine besessen habe, so auch in drei Episoden der Fernsehserie Lois and Clark: The New Adventures of Superman (dt. Superman: Die Abenteuer von Lois & Clark). Unter dieser Prämisse wurde er auch auf den 9. Science Fiction Tagen NRW in Dortmund 1997 zu neuem Leben erweckt. Und schließlich haben auch die Autoren der neuen Verfilmung von The Time Machine nicht versäumt, den genialen britischen Autor im Film persönlich zu würdigen.

Arno BehrendALIEN CONTACT

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