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| Carl Amery erblickte als Christian Anton Mayer am 9. April 1922 in München
das Licht der Welt. Der Sohn aus gutbürgerlichem Haus wurde 1940 nach dem Abitur zur
Wehrmacht eingezogen und geriet 1943 in Kriegsgefangenschaft. Nachdem ihn die
US-Amerikaner 1946 entlassen hatten, studierte er in München und später an der
Washingtoner Catholic University of America Neuphilosophie und Literaturwissenschaft. Seit
1950 war Mayer im Wesentlichen als freier Autor tätig, aber auch als Dramaturg,
Rundfunkredakteur und von 19671971 als Direktor der Städtischen Bibliotheken in
München. Nebenbei war er immer ein schonungsloser Diagnostiker, scharfzüngiger Essayist
und engagierter Politaktivist. Nachdem ihm die SPD 1974 zunehmend von den Genossen der
Bosse dominiert schien, trat er nach achtjähriger Mitgliedschaft dort aus und wurde zu
einem Mitbegründer der Grünen, für die er 1979 für das Europaparlament kandidierte. Es
interessierten ihn an den Grünen wohl weniger die internen Rangeleien um Fundis und
Realos, sondern Fragen der Ökologie. Sofern war das Bündnis 90/Die Grünen schon lange
nicht mehr seine Partei, auch wenn er anläßlich ihres 25jährigen Bestehens noch einmal
auf dem Podium saß und mahnende Worte sprach. Um Ämter hat sich Mayer nie gedrückt, er war 1976/77 Vorsitzender des Verbandes Deutscher Schriftsteller in der IG Druck und Papier, 19801995 Gründungspräsident der E. F. Schumachergesellschaft für politische Ökologie und 19881991 Präsident des deutschen PEN-Zentrums. Auch an Auszeichnungen mangelte es nicht: Neben dem Bundesverdienstkreuz, dem Bayrischen Friedenspreis, dem Naturschutzpreis und dem Wilhelm-Hoegner-Preis der SPD konnte er sich 1972 auch über die Ludwig-Thoma-Medaille, 1985 und 1987 den Kurd Laßwitz Preis sowie 1991 über den Literaturpreis der Stadt München und den Phantastikpreis der Stadt Wetzlar freuen. Alles hochverdiente Ehrungen, die sein Lebenswerk als Moralist und Literat würdigen. Neben der Ökologie war das Schreiben seine zweite Profession. Nach seiner Rückkehr aus den USA veröffentlichte Christian Anton Mayer zunächst unter dem amerikanisierten Pseudonym Chris Mayer, bis er sich für Carl Amery entschied. Dieses Pseudonym Amery ist ein Anagramm von Mayer verdrängte bald seinen bürgerlichen Namen. Amery hat den dem breiten Publikum bekanntesten Teil seines Werkes als politische Streitschriften angelegt, u.a. ökologische Texte wie Natur als Politik. Die ökologische Chance des Menschen (1976) und Klimawechsel. Von der fossilen zur solaren Kultur (2001, mit Hermann Scheer), aber auch und besonders Bücher zu seinem Steckenpferd, der Kirchenkritik, die ihm den Ruf eines »Linkskatholiken« einbrachten. Bereits 1963 schockierte Carl Amery die katholische Leserschaft mit dem Buch Die Kapitulation oder Deutscher Katholizismus heute, in dem er den Wirtschaftswunder-Deutschen Anpasslertum und Unterwürfigkeit vorwarf. Später legte er mit Das Ende der Vorsehung. Die gnadenlosen Folgen des Christentums (1972) und Global Exit. Die Kirchen und der Totale Markt (2002) noch ordentlich nach. Kirchenkritik verbindet sich hier zunehmend mit der Kritik an der laufenden Umweltzerstörung. Sein bitteres Fazit ist: »Ich habe meine ökologische Perspektive seit 1972 nicht ändern müssen. Es ist vorauszusehen, daß die Lebenswelt, wie wir sie kennen und bewohnen, im Laufe des anhebenden Jahrtausends zusammenbrechen und unbewohnbar wird.« Sein jüngstes und letztes Buch, Briefe an den Reichtum, erschien im März 2005. Carl Amerys erste beiden Roman, Der Wettbewerb (1954)
und Die Große Deutsche Tour (1958), widmeten sich satirisch den verkrusteten
Strukturen der Adenauerzeit. Bayern war indes aber immer sein Lebenszentrum, nicht nur,
daß er eine sehr herzerfrischende Landeskunde und Geschichte dieser Region, Leb wohl
geliebtes Volk der Bayern (1980), geschrieben hat, auch sein sonstiges literarisches
Werk ist hier verwurzelt. Dieses ist fast gänzlich im Bereich der Phantastik angesiedelt,
denn die alternative, fiktive Geschichte hatte es ihm wie keine andere angetan. Carl Amery war allzeit ein wacher und kritischer Geist, noch einen Tag vor seinem Tod
gab er ein Interview zur aktuellen Debatte um Kapitalismus und Moral. Auch in seinen
SF-Romanen steckt viel von seiner Weisheit, die er mit hintergründigem Witz und skurrilem
Humor herüberbringt. Bei Amery stellt sich die ohnehin akademische Frage nach
Unterhaltungs- oder Hochliteratur einfach nicht. |
![]() Foto: Universität Bielefeld |
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