Invasion des Wahnsinns

Dino De Laurentiis

Italienischer Filmproduzent (*1919)

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Invasion des Wahnsinns
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Geboren: 8.8.1919 in Torre Annunziata, Italien
Es ist nicht überliefert, ob die Familie De Laurentiis ahnte, was kommen würde, als sie ihren 1919 geborenen Sohn auf den Namen »Dino« taufen ließ. Zunächst wuchs der Junge ganz unspektakulär im Städtchen Torre Annunziata am Golf von Neapel direkt am Fuße des Vesuv auf, während die Eltern ihren Lebensunterhalt mit der Produktion von Spaghetti verdienten. Doch den jungen Mann trieb es bald zum Film, und bereits mit 17 Jahren besuchte er das Centro Sperimentale di Cinematografia in Rom, wo er sich in aller Bescheidenheit zum Kameramann ausbilden ließ. Kurz darauf wandte er sich höheren Zielen zu, ging in den italienischen Norden nach Turin und produzierte 1941 für die legendäre Firma Lux seinen ersten Film - L'Amore canta (1941). Und wenig später gründete er seine eigene Firma, die Realcine, die nach gewissen Anlaufschwierigkeiten in die Lux integriert wurde. So war es ihm möglich, gemeinsam mit dem Produzenten Luigi Rovere das Werk Bandito (Il bandito, 1946) von Albert Lattuada auf die Leinwand und nach Cannes zu bringen, wo der Film zusammen mit Rossellinis Rom, offene Stadt (Roma, città aperta, 1945) als neue Hoffnung des italienischen Nachkriegsfilms gefeiert wurde. In den nächsten Jahren etablierte sich De Laurentiis als treibende Kraft des italienischen Neorealismus, insbesondere mit dem Erfolg Bitterer Reis (Riso amaro, 1948) von Giuseppe de Santis. Der Film machte das »Busenwunder« Silvana Mangano zum Star und ein Jahr darauf zum Ehemann des Produzenten.

1951 gründete er mit seinem Kumpel und Kollegen Carlo Ponti eine gemeinsame Produktionsgesellschaft. Sie drehten Filme mit dem italienischen Komiker Totò - darunter Totò a colori (1952), der erste italienische Farbfilm - und mit Federico Fellini. Ihr größter Erfolg war Fellinis La strada (1954), der 1956 mit einem Oscar für den besten ausländischen Film ausgezeichnet wurde - genauso wie Fellinis Die Nächte der Cabiria (Le notti di Cabiria, 1957). Doch das süße Leben in der großen italienischen Filmfamilie konnte nicht ewig währen. Bald kam es zum Bruch zwischen De Laurentiis und Fellini, und auch der hochgelobte Neorealismus wurde irgendwann schal.

Dino war klug genug gewesen, bereits in den fünfziger Jahren nicht allein auf die hehre Kunst zu setzen, sondern auch das Bedürfnis des Kinopublikums nach Sensationen zu befriedigen. Neben dem Tolstoi-Drama Krieg und Frieden (Guerra e Pace, 1956) produzierte er Sandalenschinken wie Die Fahrten des Odysseus (Ulisse, 1954), Attila, die Geißel Gottes (Attila, Flagello di Dio, 1954) oder Macistes größtes Abenteuer (Maciste contro il vampiro, 1961). Doch dann wurde aus dem Dino plötzlich ein ausgewachsener Dinosaurier. In den sechziger Jahren setzte er zunehmend auf europäische Co-Produktionen und errichtete gleich neben den berühmten Cinecittà-Studios bei Rom sein eigenes Italo-Hollywood, die »Dinocittà«, seinerzeit das größte Filmstudio der Welt. Hier drehte John Huston für De Laurentiis das Mammutwerk Die Bibel (La Bibbia, 1966). Obwohl Huston fünf Jahre für die Fertigstellung brauchte, bannte er lediglich die ersten paar Kapitel des meistverkauften Buches der Welt auf die Leinwand. Der Film war tatsächlich ein großer Erfolg, hätte den Produzenten aber trotzdem beinahe in den Ruin getrieben.

Wie geht ein Dino De Laurentiis mit Mißerfolgen um? Begnügt er sich damit, nun etwas bescheidener aufzutreten? Nein, im Gegenteil, er setzt noch einen drauf! Als er das Gefühl hatte, daß ihm Europa zu klein geworden war, verkaufte er die bankrotte Dinocittà und kehrte 1973 Italien den Rücken zu, um fortan in Hollywood die heile amerikanische Filmwelt aufzumischen - »wegen der Freiheit von Stempelpapier und absurden Gesetzen«, wie er es formulierte.

Nach einem guten Start mit Sidney Lumets Serpico (Serpico, 1974) wollte er unbedingt das ganz große Ding landen, und wer war dazu geeigneter als ein riesengroßer Gorilla? Seine erste amerikanische Großproduktion, das Remake King Kong (1976), war zwar kein Ruhmesblatt der Filmgeschichte, aber zumindest gelang es ihm damit, in Hollywood Fuß zu fassen. Doch bereits mit dem allzu sentimentalen Hurricane (The Hurricane, 1979) landete er seinen ersten Riesenflop. So ging lustig weiter, immer auf und ab: von der Peinlichkeit Flash Gordon (1980) zu Milos Formans Achtungserfolg Ragtime (1981), von den Schwarzenegger-Vehikeln Conan, der Barbar (Conan the Barbarian, 1982) und Conan, der Zerstörer (Conan the Destroyer, 1984) zum Flop Der Wüstenplanet (Dune, 1984), vom allzu heldenhaften Im Jahr des Drachens (Year of the Dragon, 1985) zu King Kong lebt (King Kong Lives, 1986), dem Aufguß des Aufgusses.

Mit diesen Filmen kann De Laurentiis unmöglich den großen Reibach gemacht haben - zumindest nicht über den Eintrittskartenverkauf. Für Gerüchte, daß seine Unternehmungen nur als monetäre Waschanlage für dubiose neapolitanische Geschäftsfreunde dienen, gibt es natürlich nicht den geringsten Beweis. Jedenfalls gelang es ihm irgendwie, genügend Geld aufzutreiben, um 1984 die Filmstudios der DEG (DeLaurentiis Entertainment Group) in Wilmington/North Carolina zu eröffnen. Kurz darauf ging er an die Börse, während Blue Velvet (1986) toppte und Tai Pan (1986) floppte. Es wird gemunkelt, daß er zu diesem Zeitpunkt 70 Millionen Dollar Verlust erwirtschaftet hatte, so daß De Laurentiis im Jahr 1988 den Konkurs seiner DEG anmelden mußte.

Inzwischen war der Tycoon siebzig geworden, ein Alter, in dem sich andere längst zur Ruhe gesetzt haben, um ihre Altersweisheit oder -demenz zu pflegen. Nicht so De Laurentiis. Kaum hatten die Konkursverwalter ihre Arbeit erledigt, gründete er flugs eine neue Produktionsfirma und warf neue Filme, die keiner braucht, auf den Markt: von Michael Ciminos überzogenen 24 Stunden in seiner Gewalt (Desperate Hours, 1990) über das peinliche Madonna-Vehikel Body of Evidence (1993) und den vergessenen Unforgettable (1996) bis zum immerhin passablen Breakdown (1997). Und ganz aktuell hat der mittlerweile Achtzigjährige längst neue Projekte für das Jahr 2000 angekündigt: Hannibal, die Fortsetzung zu Schweigen der Lämmer, und den U-Boot-Film U-571.

All diese Filme erwecken den Eindruck prall gefüllter, großer und bunter Luftballons, die unter dem ersten kritischen Blick platzen. Der Name De Laurentiis wurde in den vergangenen Jahrzehnten geradewegs zum Synonym für spektakuläre Megaproduktionen, denen es grundsätzlich an künstlerischer und technischer Sorgfalt fehlte. »Das Kino muß immer in großen Dimensionen denken«, sagt der Produzent. »Und von der Geschichte ausgehen. So funktioniert es auch im Fernsehen, der Film muß einen universalen Atem haben.« Aber mal ehrlich: Wem würde es wirklich auffallen, wenn all diese Titel plötzlich auf geheimnisvolle Weise aus der Filmgeschichte verschwinden würden?

Dennoch hat Dino niemals sein unglaubliches Selbstbewußtsein verloren. Mit jedem Film war er wieder davon überzeugt, nun ganz kurz vor dem wirklich großen Erfolg zu stehen und gar das Kino an sich revolutioniert zu haben. Zu King Kong sagte er: »All meine Projekte sind wichtig für mich. Der einzige Boß, den ich habe, ist mein Publikum, und das Publikum will King Kong sehen. Es will, daß alles gut gemacht wird.« Zum Filmstart von Dune tönte er: »Alle hatten mir erklärt, es sei unmöglich und ich müsse scheitern. Wir haben es trotzdem gemacht und es wird lange dauern, bis in diesem Genre wieder Vergleichbares entstehen wird.« Immer wieder fiel Dino auf die Nase, und immer wieder gelang es ihm, sich noch einmal aufzurappeln und neue Geldgeber für neue gigantomanische Megafilme zu finden.

Auf die Frage der Journalistin Gloria Satta, ob er eine Botschaft habe, antwortete er überraschend ehrlich: »Vielleicht, aber ohne einen Anspruch zu haben. Während Fellini La strada drehte, wollte er von mir wissen, welche Botschaft ich vermitteln wollte. Meine Antwort: Wenn ich die Kritiken gelesen habe, werde ich wissen, was ich sagen wollte.«

Insgesamt war er als Produzent an über 600 Kino- und TV-Filmen beteiligt. Die Liste seiner Oscar-Nominierungen ist beeindruckend: Insgesamt 38mal wurde er für die begehrte Hollywood-Trophäe vorgeschlagen. Bezeichnenderweise bekam er den Oscar doch nur ganze zwei Mal: zu seiner italienischen Glanzzeit in den fünfziger Jahren für die zwei genannten Fellini-Werke.

Was ist sein Geheimnis? Obwohl Dino unnahbar wirkt und nicht gerne mit Leuten spricht, die er nicht kennt, scheint von seiner Persönlichkeit eine merkwürdige Faszination auszugehen. Vermutlich ist es sein unerschütterlicher Glaube an seine eigenen Visionen, der vor allem auf die Amerikaner großen Eindruck macht. De Laurentiis dazu: »Das Problem der Schauspieler ist der Mangel an wahren Produzenten. Die heutigen denken nur daran, ans Fernsehen zu verkaufen. Sie haben nicht das heilige Feuer, das in uns brennt. (...) Mit den Regisseuren treffe ich klare Vereinbarungen: Sie können versuchen, mich von ihren Ansichten zu überzeugen, aber das letzte Wort habe ich. Die Italiener diskutieren, in Amerika streitet man sich nicht.«

Kurt Russel sagte anläßlich seines Engagements für den Thriller Breakdown: »Dino de Laurentiis ist einer der wenigen Menschen in dieser Stadt, mit denen ich unter allen Umständen zusammenarbeiten würde. Seine Leidenschaft für das Medium Film ist einfach umwerfend. Und das ist es, was diese Stadt so dringend braucht.« Auch David Lynch, der Regisseur von Dune, will erkannt haben, »daß Dino Filme wirklich liebt«. Nun, wer so lange im Filmgeschäft tätig ist und es trotz zahlloser Rückschläge und Pleiten immer wieder versucht, muß einfach ein absoluter Filmliebhaber sein. So absolut, daß er sich selbst für den größten Schwachsinn begeistern kann - Hauptsache, der Schwachsinn ist groß.

Inzwischen hat Dino längst dafür gesorgt, daß sein Name auch im 21. Jahrhundert nicht in Vergessenheit gerät. Seine zweite Tochter Rafaella De Laurentiis produzierte in den Fünfzigern zusammen mit Carlo Ponti einige angesehene italienische Filme, bevor auch sie sich auf internationale Großproduktionen verlegte und 1987 ihre eigene Produktionsgesellschaft gründete. Ihre Mutter war keine Geringere als die Schauspielerin Silvana Mangano, mit der De Laurentiis von von 1949 - kurz nachdem er sie mit Bitterer Reis zum Star gemacht hatte - bis zu ihrem Tod im Jahre 1989 verheiratet war. Ein Jahr später ehelichte Dino die vierzig Jahre jüngere Martha Schumacher, die er bereits 1980 am Set von Ragtime kennengelernt hatte. Auch sie ist inzwischen als Martha De Laurentiis im Produktionsbusiness tätig.

Übrigens wird Dinos Geburtsjahr gelegentlich mit 1918 angegeben, was offenbar falsch ist. Zumindest feierte der italienische Filmdinosaurier seinen 80. Geburtstag im August 1999 mit 170 geladenen Gästen in der Villa Eremo auf Capri. »Wissen Sie, warum mein offizielles Alter gar nicht zählt?« verriet er zu diesem Anlaß in einem Interview. »Weil ich noch die drei H besitze: Hirn, Herz und Hoden. Und einen großen Willen zu arbeiten und das Leben zu genießen.«

Bernhard Kempen

Das Buch zur Web-Site:
Rolf Giesen und Bernhard Kempen:
Invasion des Wahnsinns

Die schlechtesten Science-Fiction-Filme
 
Als Produzent (Auswahl)
Die Fahrten des Odysseus (Ulisse • I 1954)
Macistes größtes Abenteuer (Maciste contro il vampiro • I 1961)
Barbarella (Barbarella • I/F 1967)
King Kong / King Kong: The Legend Reborn (King Kong • USA 1976)
Flash Gordon (Flash Gordon • USA 1980)
Conan, der Barbar (Conan the Barbarian • USA 1982)
Conan, der Zerstörer (Conan the Destroyer • USA 1984)
Der Wüstenplanet (Dune • USA 1984)
Red Sonja (Red Sonja • USA 1985)
King Kong lebt (King Kong Lives • USA 1986)
Zebo, der 3. aus der Sternenmitte / Mein Liebhaber vom anderen Stern (Earth Girls Are Easy • USA 1989)
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