| Lieber und
verehrter Dieter Herrmann, sehr verehrte Damen und Herren! Als wir vor einem knappen
Jahr darüber nachdachten, was denn wohl zum 65. Geburtstag unseres verehrten Direktors
angemessen wäre, hatten wir die Idee zu diesem Ehrenkolloquium. Eine gute Idee in
mehrfacher Hinsicht, denn Geburtstag feiern ist eigentlich, salopp gesagt, nicht sein
Ding. Man feiert etwas, wofür man gar nichts kann, wofür man auch nichts selbst getan
hat. Es muss also eigentlich andere Gründe zum Feiern geben.
Und in der Tat, die gibt es reichlich im Leben unseres Jubilars, und dieses
Ehrenkolloquium ist daher die angemessene Form, die Arbeit des Wissenschaftlers und
Popularisators, aber auch die des langjährigen Direktors der größten Deutschen
Volkssternwarte, Prof. Dr. Dieter B. Herrmann, zu würdigen.
Der Keim zur Beschäftigung mit den Sternen wurde schon sehr früh gelegt. Es war das
Buch von Bruno H. Bürgel, Der Mensch und die Sterne, im Jahre 1946 in Berlin
erschienen, das ihn als Schüler fesselte. Schon die ersten Sätze hatten es ihm angetan,
und sie gelten uneingeschränkt noch heute. Ich darf zitieren:
»Schaut nur immer auf zu den Sternen, vor allem ihr Jungen, ihr Werdenden, und füllt
Geist und Herz mit ihrem magischen Glanz, ihrem ewigen Geheimnis; reich werden sie euch
beschenken! Glaubt nicht den Stumpfen, den Sachlich-Kühlen, die euch zurufen: Was
gehen uns die fernen Sterne an?! Unendlich viel gehen sie uns an, jedenfalls viel
mehr als die erschütternde Tatsache, daß irgendein Zeitgenosse den Kilometer 2,3
Sekunden schneller durchraste als ein anderer, und das jener nunmehr die Weltmeisterschaft
im Boxen errang.« Ende des Zitats.
So angestoßen führte es ihn als Schüler bereits im Jahre 1953 wissbegierig in die
Archenhold-Sternwarte zu Vorträgen und Arbeitsgemeinschaften, wo wir uns erstmalig
begegneten. Die zweite Neigung war eher künstlerischer Art, so spielte er als
13-jähriger im Haus des Kindes Theater. Diese beiden auf den ersten Blick
einander widersprechenden Neigungen waren dann in ihrer Kombination letztendlich
bestimmend für den weitaus größten Teil der beruflichen Laufbahn Dieter Herrmanns.
Ergänzend und eigentlich ebenso wichtig ist der innere Drang zu nennen, Erkenntnisse und
eigenes Wissen anderen mitzuteilen. Für die wirkungsvolle Umsetzung all dessen kommt dann
noch eine gehörige Portion Talent und Originalität hinzu, und das Ergebnis schließlich
gilt es hier zu loben.
Die Studienjahre der Physik an der Humboldt-Universität zu Berlin verliefen nicht ganz
so glatt. Zu verlockend waren neben dem Studium der exakten Naturwissenschaften das
Spielen im studentische Kabarett und an der Studentenbühne. Dort wurde gerade »Der
entfesselte Wotan« von Ernst Toller inszeniert und Herrmann spielte die gefeierte
Hauptrolle. So blieb zu wenig Zeit für Prüfungsvorbereitungen. Schließlich kam das Aus
für ein Jahr, bis eine wichtige Prüfung auf Antrag wiederholt werden durfte. Das Theater
lockte in dieser Zeit mit einem Angebot, aber schließlich obsiegte der Forscherdrang. Das
Jahr wurde mit der Arbeit in einem Industrielabor überbrückt, danach das Physikstudium
mit dem Diplom im Jahre 1963 erfolgreich beendet. Das Interesse für die Geschichte der
Naturwissenschaften wurde besonders durch die eindrucksvolle Persönlichkeit Prof.
Friedrich Hernecks geweckt, der seinerzeit Vorlesungen zu philosophischen Problemen der
Naturwissenschaften hielt und später dann einer der Doktorväter unseres Jubilars wurde.
Während der Studienzeit wird auch noch ein weiteres künstlerisches Interessenfeld
aufgetan, das die zukünftige Wissenschaftlerpersönlichkeit prägen sollte, nämlich das
der Musik. Eine persönliche Freundschaft verband ihn mit Hanns Eisler während dessen
letzten beiden Lebensjahre 1960 bis 1962.
Wie führte nun aber der Weg zurück zur Astronomie? Die Verbindung zur
Archenhold-Sternwarte riss natürlich nicht ab. Bereits während der Oberschulzeit,
später dann während des Studiums gab es die freiwillige Mitarbeit im Führungsdienst der
Sternwarte. Der damalige Direktor der Archenhold-Sternwarte, Prof. Diedrich Wattenberg,
setzte mit eigenen astronomiegeschichtlichen Arbeiten die gewachsenen Traditionen an der
Archenhold-Sternwarte fort, und so bot sich für Dieter B. Herrmann die Möglichkeit an,
auch selbst in den etablierten Schriftenreihen der Sternwarte zu publizieren. Allerdings
waren Astronomie und Astronomiegeschichte zunächst nur Hobbytätigkeiten, denn die
Spezialisierung Astronomie war an der Humboldt-Universität nicht möglich. So wurde
daraus dann Biophysik mit einer anschließenden 6-jährigen Tätigkeit an der Staatlichen
Zentrale für Strahlenschutz der DDR.
1969 wurde dieser Lebensabschnitt mit der Promotion gekrönt. In Nebentätigkeit
sozusagen, denn das Thema: »Die Entwicklung der astronomischen Fachzeitschriften in
Deutschland (1798 bis 1821)« war ein astronomiegeschichtliches, von Prof. Wempe in
Potsdam betreut und nicht etwa der beruflichen Praxis der Messung radioaktiver Edelgase
entnommen.
Jetzt waren die Weichen gestellt. Anfang 1970 wurde Herrmann Leiter der gerade
gegründeten Abteilung »Astronomie-Geschichte« an der Archenhold-Sternwarte, und das war
von längerer Hand vorbereitet. Eine Abteilung, die zunächst nur aus ihrem Leiter
bestand. So gab es also freie Bahn für neue Ideen. Wissenschaftsgeschichte mathematisch
fassbar zu machen, von vielen bis heute noch als unmöglich erachtet, das war so eine
Idee, die konsequent verfolgt wurde. Das Untersuchungsgebiet war insbesondere die
Astrophysik des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Herrmann entwickelte interessante
methodische Verfahren zur zahlenmäßigen Erfassung wissenschaftsgeschichtlicher
Vorgänge. Es sei hier beispielhaft »Eine Methode zur Messung der Bedeutung von
Naturwissenschaftlern« als wichtige Grundlage für viele weiterführende Untersuchungen
genannt. Immer wurden auch die gesamtgesellschaftlichen Zusammenhänge dargestellt, oft
schon im Titel der Arbeiten zu erkennen, wie zum Beispiel »Sternwartengründungen,
Wissensproduktion und ökonomischer Fortschritt« oder »Astrofotometrie und Lichttechnik
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts«. Aber auch klassische Arbeiten zu
Quellenstudien ließen sich aufführen, insgesamt ergibt sich eine Liste von 86
wissenschaftshistorischen Veröffentlichungen. Wenn auch jede dieser Publikationen die
besondere Handschrift unseres Jubilars trägt, besonders ausgezeichnet durch präzise
Formulierung und Kürze, so möchte ich sie doch, aber vielleicht gerade deshalb als das
trockene Brot des Forschers bezeichnen.
Wortreicher und verbindlicher verpackt finden wir die Gedanken in seinen Büchern
wieder. Bis heute sind es 31 an der Zahl. Darunter finden sich natürlich solche, die eng
mit seinen historischen Forschungen verbunden sind, wie die »Geschichte der Astronomie
von Herschel bis Hertzsprung«, die ersten wissenschaftlichen Biografien von Karl
Friedrich Zöllner und Ejnar Hertzsprung. Bücher mit mehr populärem Inhalt sind
beispielsweise die Entdecker des Himmels, Das Sternguckerbuch oder Besiedelt
die Menschheit das Weltall? sowie mehrere Schulbücher. Und damit haben wir den
Übergang zur zweiten Seite seines Schaffens, das Wissen um die Geheimnisse des Weltalls
allgemeinverständlich darzustellen und interessant verpackt zu präsentieren.
Mit der Berufung zum Direktor der Archenhold-Sternwarte im Jahre 1976 später,
1987, kam dann noch das Zeiss-Großplanetarium hinzu , waren die Möglichkeiten
gegeben, neue Formen der astronomischen Öffentlichkeitsarbeit auszuprobieren. Zuallererst
wurden die in den zurückliegenden Jahren verkümmerten Formen der Jugendarbeit aktiviert.
Es wurden Arbeitsgemeinschaften gegründet und die Amateurtätigkeit an den Instrumenten
der Sternwarte ermöglicht. Einige Mitglieder dieser Arbeitsgemeinschaften sind später
engagierte feste oder freie Mitarbeiter geworden.
Für das Programmangebot war es das erklärte Ziel, Kunst und Wissenschaft miteinander
zu verbinden, die Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse mit künstlerischen Mitteln
zu unterstützen und damit emotional erlebbar zu machen. Aber auch hier wurde nichts dem
Zufall überlassen, viele Dinge wurden ob ihrer Sinnhaftigkeit hinterfragt. Ein Beispiel
ist die Frage, welche Funktion Musikeinspielungen im Planetarium haben und welchen
Charakter diese dann folgerichtig haben sollten. »Lieben Sie Brahms?« ist die
diesbezügliche Arbeit von Herrmann betitelt, als Sonderdruck in der Sternwarte
erschienen. Jedes Medium wurde nach Möglichkeit optimal eingesetzt. Gestandene
Theaterleute führten Regie und sprachen Texte für Programme des Kleinplanetariums hier
in Treptow, später dann für das Großplanetarium in der Prenzlauer Allee. Komponisten
schrieben speziell für unsere Planetariumsprogramme die dramaturgisch eingesetzte Musik.
Autor und Regisseur der meisten Programme unseres Repertoires ist Dieter B. Herrmann, der
damit ein Millionenpublikum in Berlin erreichte.
Ein Millionenpublikum auf einmal erreicht man natürlich mit einer einzigen
Fernsehsendung. Im Jahre 1977 startete die populärwissenschaftliche monatliche Sendung AHA
im DDR-Fernsehen, und Herrmann war von Anbeginn ihr Moderator, bis die Reihe 1991
eingestellt werden musste. Das verhalf zu großer Popularität und wirkte sicherlich auch
positiv auf Sternwarte und Planetarium zurück. Verständlicherweise waren häufig auch
astronomische Themen in der Sendung vertreten. Seit 1988 gab es dann sogar eine
vierteljährliche Live-Sendung aus dem Foyer des Großplanetariums »Astro-live«,
ausschließlich astronomischen Themen gewidmet. Von Ausstattung, Anspruch und Realisation
auch nur annähernd Vergleichbares gab und gibt es bis heute in der deutschen
Fernsehlandschaft nicht. Von 1991 bis 1996 hatte Herrmann dann regelmäßige eigene
Wissenschaftssendungen im Hörfunk. Und schließlich sind rund 2000
populärwissenschaftliche Veröffentlichungen in Zeitungen und Zeitschriften zu erwähnen.
Bei all dem wurde keinesfalls die wissenschaftliche Tätigkeit vernachlässigt. 1986
erfolgte die Habilitation an der Humboldt-Universität und die Berufung zum
Honorarprofessor dortselbst, seit 1995 ist Herrmann Lehrbeauftragter an der Technischen
Universität Berlin.
Er ist Mitglied in zahlreichen wissenschaftlichen Organisationen, u. a. der
Internationalen Astronomischen Union, der Astronomischen Gesellschaft, der
Leibnitz-Societät Berlin und der Berliner Wissenschaftlichen Gesellschaft.
Bisher war von der wissenschaftlichen Arbeit und der öffentlichen Präsentation von
Wissenschaft durch unseren Jubilar die Rede. Es galt aber auch in den vergangenen 27
Jahren, die Sternwarte und seit 1987 auch das Zeiss-Großplanetarium zu leiten. Für die
Mitarbeiter war es angenehm zu wissen, dass fachliche Dinge stets Vorrang hatten, dass man
ihn jederzeit direkt um Rat und Hilfe bitten konnte. Gemeinsame Mittagspausen und
Kaffeezeiten wurden meist auch zu Fachdiskussionen und Ideenfindung genutzt. Besonders
aber in den letzten 13 Jahren musste leider viel geistige Energie darauf verwendet werden,
die weitere Existenz der Archenhold-Sternwarte und des Zeiss-Großplanetariums überhaupt
zu sichern. Dass beide Einrichtungen trotz Sparzwängen und mancher engstirnigen
Entscheidung von Verwaltungsbeamten heute noch einigermaßen arbeitsfähig sind und sich
wachsender Besucherzahlen erfreuen, ist zum guten Teil den Ideen Herrmanns zu danken.
Das alles, was hier gelobt wurde, ist natürlich viel zu wenig und kann nur
schlaglichtartig die wichtigsten Aspekte der bisherigen Lebensarbeit kurz aufleuchten
lassen. »Die Geschichte der Astronomie als Aufgabe der Forschung und Popularisierung«,
so war die erste Publikation der neuen Forschungsabteilung im Jahre 1970 betitelt. Sie
meint damit auch, dass gerade die Darstellung des geschichtlichen Ablaufs des einzelnen
Erkenntnisgewinns zum besonderen und leichteren Verständnis dieser Erkenntnis beiträgt.
Mit außerordentlicher Konsequenz ist dieser Forderung in dem bisher letzten Buch durch
Dieter Herrmann Genüge getan worden. Im September vergangenen Jahres erschien in der
Kosmos-Astrobibliothek Die Milchstraße, ein äußerst lesenswertes
allgemeinverständliches Buch über Sterne, Nebel und unser Sternsystem.
Angefangen habe ich mit dem ersten Satz aus dem Buch von Bruno H. Bürgel Der
Mensch und die Sterne. Viele unserer Generation sind gerade durch Bürgels Bücher
zur näheren Beschäftigung mit der Astronomie gekommen. Heute sind es oft die populären
Bücher unseres verehrten Jubilars, die in dieser guten Tradition stehend, junge Menschen
zur Astronomie führen. Ich möchte daher an dieser Stelle enden mit dem letzten Satz aus
dem Buch von Dieter B. Herrmann Die Milchstraße:
»So mag unsere Vorstellung von den uns umgebenden kosmischen Welten immer vollkommener
und umfassender werden vollendet wird sie dennoch niemals sein. Deshalb bleibt der
Kosmos auch weiter, was er immer gewesen ist: voller Abenteuer für künftige Forscher.«
Lieber Dieter Herrmann, wir wünschen Gesundheit und Schaffenskraft für viele weitere
Jahre, nicht ganz uneigennützig, denn wir wünschen uns neue Bücher aus Deiner Feder.
Berlin, 9. Januar 2004
© 2004 Eckehard Rothenberg
Diese Laudatio erscheint in gedruckter Form im Sommer 2004 in
Acta Historica Astronomiae, Band 21. Frankfurt a. M., Verlag Harri Deutsch, 2004. |

Foto: Frank-Michael Arndt |