ALIEN CONTACT
ALIEN CONTACT 58 Inhalt Archiv

Eckehard Rothenberg

Laudatio auf Prof. Dr. Dieter B. Herrmann

Science Fiction > Alien Contact
Personen-Lexikon
Momox-Books.de - Einfach verkaufen.
Prof. Dr. Dieter B. Herrmann ist Direktor der Archenhold-Sternwarte und des Zeiss-Großplanetariums Berlin. Er studierte von 1957-63 Physik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Bekannt wurde er als Moderator der Wissenschaftssendung AHA des DDR-Fernsehens. Herrmann ist Autor von rund 30 Büchern, 150 wissenschaftlichen und 2000 populärwissenschaftliche Publikationen.
Lieber und verehrter Dieter Herrmann, sehr verehrte Damen und Herren!

Als wir vor einem knappen Jahr darüber nachdachten, was denn wohl zum 65. Geburtstag unseres verehrten Direktors angemessen wäre, hatten wir die Idee zu diesem Ehrenkolloquium. Eine gute Idee in mehrfacher Hinsicht, denn Geburtstag feiern ist eigentlich, salopp gesagt, nicht sein Ding. Man feiert etwas, wofür man gar nichts kann, wofür man auch nichts selbst getan hat. Es muss also eigentlich andere Gründe zum Feiern geben.

Und in der Tat, die gibt es reichlich im Leben unseres Jubilars, und dieses Ehrenkolloquium ist daher die angemessene Form, die Arbeit des Wissenschaftlers und Popularisators, aber auch die des langjährigen Direktors der größten Deutschen Volkssternwarte, Prof. Dr. Dieter B. Herrmann, zu würdigen.

Der Keim zur Beschäftigung mit den Sternen wurde schon sehr früh gelegt. Es war das Buch von Bruno H. Bürgel, Der Mensch und die Sterne, im Jahre 1946 in Berlin erschienen, das ihn als Schüler fesselte. Schon die ersten Sätze hatten es ihm angetan, und sie gelten uneingeschränkt noch heute. Ich darf zitieren:

»Schaut nur immer auf zu den Sternen, vor allem ihr Jungen, ihr Werdenden, und füllt Geist und Herz mit ihrem magischen Glanz, ihrem ewigen Geheimnis; reich werden sie euch beschenken! Glaubt nicht den Stumpfen, den Sachlich-Kühlen, die euch zurufen: ›Was gehen uns die fernen Sterne an?!‹ Unendlich viel gehen sie uns an, jedenfalls viel mehr als die erschütternde Tatsache, daß irgendein Zeitgenosse den Kilometer 2,3 Sekunden schneller durchraste als ein anderer, und das jener nunmehr die Weltmeisterschaft im Boxen errang.« Ende des Zitats.

So angestoßen führte es ihn als Schüler bereits im Jahre 1953 wissbegierig in die Archenhold-Sternwarte zu Vorträgen und Arbeitsgemeinschaften, wo wir uns erstmalig begegneten. Die zweite Neigung war eher künstlerischer Art, so spielte er als 13-jähriger im Haus des Kindes Theater. Diese beiden auf den ersten Blick einander widersprechenden Neigungen waren dann in ihrer Kombination letztendlich bestimmend für den weitaus größten Teil der beruflichen Laufbahn Dieter Herrmanns. Ergänzend und eigentlich ebenso wichtig ist der innere Drang zu nennen, Erkenntnisse und eigenes Wissen anderen mitzuteilen. Für die wirkungsvolle Umsetzung all dessen kommt dann noch eine gehörige Portion Talent und Originalität hinzu, und das Ergebnis schließlich gilt es hier zu loben.

Die Studienjahre der Physik an der Humboldt-Universität zu Berlin verliefen nicht ganz so glatt. Zu verlockend waren neben dem Studium der exakten Naturwissenschaften das Spielen im studentische Kabarett und an der Studentenbühne. Dort wurde gerade »Der entfesselte Wotan« von Ernst Toller inszeniert und Herrmann spielte die gefeierte Hauptrolle. So blieb zu wenig Zeit für Prüfungsvorbereitungen. Schließlich kam das Aus für ein Jahr, bis eine wichtige Prüfung auf Antrag wiederholt werden durfte. Das Theater lockte in dieser Zeit mit einem Angebot, aber schließlich obsiegte der Forscherdrang. Das Jahr wurde mit der Arbeit in einem Industrielabor überbrückt, danach das Physikstudium mit dem Diplom im Jahre 1963 erfolgreich beendet. Das Interesse für die Geschichte der Naturwissenschaften wurde besonders durch die eindrucksvolle Persönlichkeit Prof. Friedrich Hernecks geweckt, der seinerzeit Vorlesungen zu philosophischen Problemen der Naturwissenschaften hielt und später dann einer der Doktorväter unseres Jubilars wurde. Während der Studienzeit wird auch noch ein weiteres künstlerisches Interessenfeld aufgetan, das die zukünftige Wissenschaftlerpersönlichkeit prägen sollte, nämlich das der Musik. Eine persönliche Freundschaft verband ihn mit Hanns Eisler während dessen letzten beiden Lebensjahre 1960 bis 1962.

Wie führte nun aber der Weg zurück zur Astronomie? Die Verbindung zur Archenhold-Sternwarte riss natürlich nicht ab. Bereits während der Oberschulzeit, später dann während des Studiums gab es die freiwillige Mitarbeit im Führungsdienst der Sternwarte. Der damalige Direktor der Archenhold-Sternwarte, Prof. Diedrich Wattenberg, setzte mit eigenen astronomiegeschichtlichen Arbeiten die gewachsenen Traditionen an der Archenhold-Sternwarte fort, und so bot sich für Dieter B. Herrmann die Möglichkeit an, auch selbst in den etablierten Schriftenreihen der Sternwarte zu publizieren. Allerdings waren Astronomie und Astronomiegeschichte zunächst nur Hobbytätigkeiten, denn die Spezialisierung Astronomie war an der Humboldt-Universität nicht möglich. So wurde daraus dann Biophysik mit einer anschließenden 6-jährigen Tätigkeit an der Staatlichen Zentrale für Strahlenschutz der DDR.

1969 wurde dieser Lebensabschnitt mit der Promotion gekrönt. In Nebentätigkeit sozusagen, denn das Thema: »Die Entwicklung der astronomischen Fachzeitschriften in Deutschland (1798 bis 1821)« war ein astronomiegeschichtliches, von Prof. Wempe in Potsdam betreut und nicht etwa der beruflichen Praxis der Messung radioaktiver Edelgase entnommen.

Jetzt waren die Weichen gestellt. Anfang 1970 wurde Herrmann Leiter der gerade gegründeten Abteilung »Astronomie-Geschichte« an der Archenhold-Sternwarte, und das war von längerer Hand vorbereitet. Eine Abteilung, die zunächst nur aus ihrem Leiter bestand. So gab es also freie Bahn für neue Ideen. Wissenschaftsgeschichte mathematisch fassbar zu machen, von vielen bis heute noch als unmöglich erachtet, das war so eine Idee, die konsequent verfolgt wurde. Das Untersuchungsgebiet war insbesondere die Astrophysik des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Herrmann entwickelte interessante methodische Verfahren zur zahlenmäßigen Erfassung wissenschaftsgeschichtlicher Vorgänge. Es sei hier beispielhaft »Eine Methode zur Messung der Bedeutung von Naturwissenschaftlern« als wichtige Grundlage für viele weiterführende Untersuchungen genannt. Immer wurden auch die gesamtgesellschaftlichen Zusammenhänge dargestellt, oft schon im Titel der Arbeiten zu erkennen, wie zum Beispiel »Sternwartengründungen, Wissensproduktion und ökonomischer Fortschritt« oder »Astrofotometrie und Lichttechnik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts«. Aber auch klassische Arbeiten zu Quellenstudien ließen sich aufführen, insgesamt ergibt sich eine Liste von 86 wissenschaftshistorischen Veröffentlichungen. Wenn auch jede dieser Publikationen die besondere Handschrift unseres Jubilars trägt, besonders ausgezeichnet durch präzise Formulierung und Kürze, so möchte ich sie doch, aber vielleicht gerade deshalb als das trockene Brot des Forschers bezeichnen.

Wortreicher und verbindlicher verpackt finden wir die Gedanken in seinen Büchern wieder. Bis heute sind es 31 an der Zahl. Darunter finden sich natürlich solche, die eng mit seinen historischen Forschungen verbunden sind, wie die »Geschichte der Astronomie von Herschel bis Hertzsprung«, die ersten wissenschaftlichen Biografien von Karl Friedrich Zöllner und Ejnar Hertzsprung. Bücher mit mehr populärem Inhalt sind beispielsweise die Entdecker des Himmels, Das Sternguckerbuch oder Besiedelt die Menschheit das Weltall? sowie mehrere Schulbücher. Und damit haben wir den Übergang zur zweiten Seite seines Schaffens, das Wissen um die Geheimnisse des Weltalls allgemeinverständlich darzustellen und interessant verpackt zu präsentieren.

Mit der Berufung zum Direktor der Archenhold-Sternwarte im Jahre 1976 – später, 1987, kam dann noch das Zeiss-Großplanetarium hinzu –, waren die Möglichkeiten gegeben, neue Formen der astronomischen Öffentlichkeitsarbeit auszuprobieren. Zuallererst wurden die in den zurückliegenden Jahren verkümmerten Formen der Jugendarbeit aktiviert. Es wurden Arbeitsgemeinschaften gegründet und die Amateurtätigkeit an den Instrumenten der Sternwarte ermöglicht. Einige Mitglieder dieser Arbeitsgemeinschaften sind später engagierte feste oder freie Mitarbeiter geworden.

Für das Programmangebot war es das erklärte Ziel, Kunst und Wissenschaft miteinander zu verbinden, die Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse mit künstlerischen Mitteln zu unterstützen und damit emotional erlebbar zu machen. Aber auch hier wurde nichts dem Zufall überlassen, viele Dinge wurden ob ihrer Sinnhaftigkeit hinterfragt. Ein Beispiel ist die Frage, welche Funktion Musikeinspielungen im Planetarium haben und welchen Charakter diese dann folgerichtig haben sollten. »Lieben Sie Brahms?« ist die diesbezügliche Arbeit von Herrmann betitelt, als Sonderdruck in der Sternwarte erschienen. Jedes Medium wurde nach Möglichkeit optimal eingesetzt. Gestandene Theaterleute führten Regie und sprachen Texte für Programme des Kleinplanetariums hier in Treptow, später dann für das Großplanetarium in der Prenzlauer Allee. Komponisten schrieben speziell für unsere Planetariumsprogramme die dramaturgisch eingesetzte Musik. Autor und Regisseur der meisten Programme unseres Repertoires ist Dieter B. Herrmann, der damit ein Millionenpublikum in Berlin erreichte.

Ein Millionenpublikum auf einmal erreicht man natürlich mit einer einzigen Fernsehsendung. Im Jahre 1977 startete die populärwissenschaftliche monatliche Sendung AHA im DDR-Fernsehen, und Herrmann war von Anbeginn ihr Moderator, bis die Reihe 1991 eingestellt werden musste. Das verhalf zu großer Popularität und wirkte sicherlich auch positiv auf Sternwarte und Planetarium zurück. Verständlicherweise waren häufig auch astronomische Themen in der Sendung vertreten. Seit 1988 gab es dann sogar eine vierteljährliche Live-Sendung aus dem Foyer des Großplanetariums – »Astro-live«, ausschließlich astronomischen Themen gewidmet. Von Ausstattung, Anspruch und Realisation auch nur annähernd Vergleichbares gab und gibt es bis heute in der deutschen Fernsehlandschaft nicht. Von 1991 bis 1996 hatte Herrmann dann regelmäßige eigene Wissenschaftssendungen im Hörfunk. Und schließlich sind rund 2000 populärwissenschaftliche Veröffentlichungen in Zeitungen und Zeitschriften zu erwähnen.

Bei all dem wurde keinesfalls die wissenschaftliche Tätigkeit vernachlässigt. 1986 erfolgte die Habilitation an der Humboldt-Universität und die Berufung zum Honorarprofessor dortselbst, seit 1995 ist Herrmann Lehrbeauftragter an der Technischen Universität Berlin.

Er ist Mitglied in zahlreichen wissenschaftlichen Organisationen, u. a. der Internationalen Astronomischen Union, der Astronomischen Gesellschaft, der Leibnitz-Societät Berlin und der Berliner Wissenschaftlichen Gesellschaft.

Bisher war von der wissenschaftlichen Arbeit und der öffentlichen Präsentation von Wissenschaft durch unseren Jubilar die Rede. Es galt aber auch in den vergangenen 27 Jahren, die Sternwarte und seit 1987 auch das Zeiss-Großplanetarium zu leiten. Für die Mitarbeiter war es angenehm zu wissen, dass fachliche Dinge stets Vorrang hatten, dass man ihn jederzeit direkt um Rat und Hilfe bitten konnte. Gemeinsame Mittagspausen und Kaffeezeiten wurden meist auch zu Fachdiskussionen und Ideenfindung genutzt. Besonders aber in den letzten 13 Jahren musste leider viel geistige Energie darauf verwendet werden, die weitere Existenz der Archenhold-Sternwarte und des Zeiss-Großplanetariums überhaupt zu sichern. Dass beide Einrichtungen trotz Sparzwängen und mancher engstirnigen Entscheidung von Verwaltungsbeamten heute noch einigermaßen arbeitsfähig sind und sich wachsender Besucherzahlen erfreuen, ist zum guten Teil den Ideen Herrmanns zu danken.

Das alles, was hier gelobt wurde, ist natürlich viel zu wenig und kann nur schlaglichtartig die wichtigsten Aspekte der bisherigen Lebensarbeit kurz aufleuchten lassen. »Die Geschichte der Astronomie als Aufgabe der Forschung und Popularisierung«, so war die erste Publikation der neuen Forschungsabteilung im Jahre 1970 betitelt. Sie meint damit auch, dass gerade die Darstellung des geschichtlichen Ablaufs des einzelnen Erkenntnisgewinns zum besonderen und leichteren Verständnis dieser Erkenntnis beiträgt. Mit außerordentlicher Konsequenz ist dieser Forderung in dem bisher letzten Buch durch Dieter Herrmann Genüge getan worden. Im September vergangenen Jahres erschien in der Kosmos-Astrobibliothek Die Milchstraße, ein äußerst lesenswertes allgemeinverständliches Buch über Sterne, Nebel und unser Sternsystem.

Angefangen habe ich mit dem ersten Satz aus dem Buch von Bruno H. Bürgel Der Mensch und die Sterne. Viele unserer Generation sind gerade durch Bürgels Bücher zur näheren Beschäftigung mit der Astronomie gekommen. Heute sind es oft die populären Bücher unseres verehrten Jubilars, die in dieser guten Tradition stehend, junge Menschen zur Astronomie führen. Ich möchte daher an dieser Stelle enden mit dem letzten Satz aus dem Buch von Dieter B. Herrmann Die Milchstraße:

»So mag unsere Vorstellung von den uns umgebenden kosmischen Welten immer vollkommener und umfassender werden – vollendet wird sie dennoch niemals sein. Deshalb bleibt der Kosmos auch weiter, was er immer gewesen ist: voller Abenteuer für künftige Forscher.«

Lieber Dieter Herrmann, wir wünschen Gesundheit und Schaffenskraft für viele weitere Jahre, nicht ganz uneigennützig, denn wir wünschen uns neue Bücher aus Deiner Feder.

Berlin, 9. Januar 2004

© 2004 Eckehard Rothenberg

Diese Laudatio erscheint in gedruckter Form im Sommer 2004 in
Acta Historica Astronomiae, Band 21. Frankfurt a. M., Verlag Harri Deutsch, 2004.


Foto: Frank-Michael Arndt
Archenhold_SW_FR_B_150.jpg (4523 Byte)
Der Refraktor der Archenhold Sternwarte
Foto: Bernhard Hoppe
Alle Rechte vorbehalten. Dieser Text ist, wie alle Texte in epilog.de, durch das Urheberrecht geschützt. Die unautorisierte Reproduktion, auch in Online- und Offlinemedien, ist verboten und wird straf- und zivilrechtlich verfolgt.
Siehe auch
Antimaterie - Im Gespräch mit Prof. Dr. Dieter B. Herrmann
Dieter B. Herrmann über seine Studienzeit und den Spagat zwischen Wissenschaft und Kunst
Leser-Service
Lieferbare Titel von Prof. Dr. Dieter B. Herrmann
ALIEN CONTACT 58 Inhalt Archiv
© copyright 1997-2011 by EPILOGmedia • Alle Rechte vorbehalten
eMail: dialog@epilog.de | Impressum | AGB + Widerrufsrecht