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von Rolf Giesen
| Science
Fiction > Film Invasion des Wahnsinns |
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| »Ich geh nicht ins Kino.« »Warum?« »Das Leben ist zu kurz.« [Robert Altman: The Player. 1992] |
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| Unsägliches
Leid hat der letzte Weltkrieg über die Menschheit gebracht. Unvorstellbare Todesopfer -
55 Millionen Tote - haben Kulturen in ihren Grundfesten erschüttert und jene sukzessive
Umwertung aller Werte, von der schon Nietzsche sprach, nach sich gezogen. Das, was man
Ästhetik nennt, wurde manchmal bis zur Unkenntlichkeit pervertiert. Mit der Bombe, der
letzten »Trumpfkarte«, die im Zweiten Weltkrieg ausgespielt wurde, beginnt eine neue
Zeitrechnung: nicht nur militärisch. Die Welt, unter dem Damoklesschwert der totalen
Vernichtung, würde nie wieder so sein, wie sie einmal war. Mehr und mehr äußerten sich
die ethisch verunsicherten Menschen jetzt in Richtung des Analen und des Destruktiven. Kot
und Tod, bemerkte Erich Fromm einmal, gingen sehr gut miteinander. Die Auswirkungen
können wir sehr genau in der sogenannten populären Kultur verfolgen, also auch im Film. In Amerika wurden gleich nach dem Krieg die Filmproduktionsfirmen und Kinoketten entflochten. Das bedeutete eine Chance für kleine, unabhängige Produzenten. Mitte der fünfziger Jahre begannen einige dieser Kleinen, an ihrer Spitze die aus der American Releasing Corporation hervorgegangenen American International Pictures, sich speziell an junge Leute zu wenden. Exploitation hieß das Stichwort der AIP-Firmengründer James H. Nicholson und Samuel Z. Arkoff und ihrer Vor- und Nachfahren (Bob Lippert, Allied Artists usw.). Wer sich aus Budgetgründen keine Stars leisten konnte, mußte Themen und Sujets finden, die dazu angetan waren, die Kids von der sich im ganzen Land wie eine Seuche verbreitenden Glotze wegzulocken: Motorräder - Gewalt - Monstren und atomare Mutationen. I Was a Teenage Werewolf ... I Was a Teenage Frankenstein ... Kurz: alles, was schräg und dementsprechend anal war. Der »Qualität« nach waren es second features, nicht mehr, eher weniger, d. h. sie füllten die zweite, untere Hälfte eines Doppelprogramms. Wolf-Eckart Bühler hat dieses Prinzip in einem seiner Artikel in der Filmkritik auf den Punkt gebracht: »Für keinen Markt hergestellt, aber den Grenzen des Marktes unterworfen. Second features, eine Konvention der Zeit, Waffe gegen das aufkommende Fernsehen. Werbegeschenke, kostenlose Dreingaben. Wobei sie weniger für die eigentliche Attraktion, den 'Hauptfilm', zu werben hatten, sondern für eine Abstraktion, für 'das Kino an sich'. Es hat sie keiner ernst genommen, es hat sie keiner sehen wollen, es hat keiner von ihnen einen Profit erwartet, es hat sie keiner rezensiert.« Das brachte die junge AIP in eine Schräglage, denn - so Arkoff: »All unsere Filme wollten die Kinobesitzer als second feature spielen. Zu einem vorher vereinbarten Festpreis - 100, 200, vielleicht 500 Dollar, aber keine Prozente. Doch allein mit second features hätten wir es nie geschafft.« Also kombinierten Nicholson und Arkoff ihre zweiten Filme zum Doppelprogramm ohne A-picture (»Two Sock-Shock Shows! NEW shocks! NEW thrills!«) - und weil das von den »Großen« erst einmal niemand haben wollte, guckten sie sich um und entdeckten die Drive-ins. Die Kids borgten sich damals von ihren Eltern einen fahrbaren Untersatz oder frisierten ihren eigenen preiswert, um ins Autokino zu fahren. In dieser Zeit entstanden schlechte SF-Filme sozusagen am laufenden Band. Für die Autokinos war es zeitweise das einzige Produkt, das sie billig geliefert bekamen. Die sogenannten Majors interessierten sich anfangs nur wenig für die neuen Drive-in-Spiel stellen, und als sie es taten, waren die Leinwände schon fest in der Hand der Kleinen. |
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Was sind die Indikatoren für schlechte Filme?Eine Idee, ein Stoff, ein Buch, die zu heavy für das Budget sind. Reißerische Plakate locken die Konsumenten in ein bescheidenes Filmchen. Auf beiden Seiten, der der Macher und jener der Konsumenten, wurde eine eher im unteren Bereich anzusiedelnde geistige Potenz durch eine blühende Phantasie wettgemacht, bisweilen beflügelt durch den Genuß geistiger Getränke.
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| Der Schwachsinn war kaum noch zu
überbieten, aber wenigstens war er so billig, daß ihn nur die wenigsten ernst nahmen.
(Auch wenn ein Billigproduzent plötzlich auf einer Filmmesse feststellen mußte, daß
exakt dieselbe Besetzung, die er in einem seiner Filmchen hatte, auch in einem von der
Konkurrenz auftauchte. Regisseur Jess Franco alias Jesus Franco Manera, der Eklektiker par
excellence, hatte unbemerkt und auf eigene Rechnung, die von dem anderen beglichen wurde,
in den Drehpausen ein zweites Produkt realisiert.) Da es sich um B-Filme, zweite Filme,
handelte, waren sie darüber hinaus angenehm kurz. Der Schrecken hielt sich also in
Grenzen und konnte so viel Unheil nicht anrichten.
Heute sind es freilich nicht mehr die Kleinen: Vielmehr werden eine Idee, ein Stoff, ein Buch, die nicht minder unausgegoren sind wie die Produkte von American International Pictures (in den siebziger Jahren in Filmways und später in Orion aufgegangen) oder Allied Artists, mit astronomischen Effektbudgets aufgebläht. Es ist, als stampften filmgewordene Riesensaurier über die Leinwand, mit erdnußkleinen Hirnen. Der Unterschied zwischen Ed Wood und Roland Emmerich liegt vornehmlich in den technischen und finanziellen Mitteln, die der eine kaum und der andere im Übermaß hatte. In puncto hirnverbrannter Drehbücher können dennoch beide miteinander konkurrieren. Die folgenden Listen, auf denen auch schon mal ein Lucas, ein Spielberg oder ein Kevin Costner erscheint, können selbstverständlich nur eine sehr subjektive Auswahl sein, aber sie beleuchten ein kulturelles Phänomen, das aus bescheidenen, lächerlichen Anfängen immer krasser um sich greift: Es geht nicht nur um eine durch die Bilder vermittelte Gewalt, sondern auch um eine Gewalt der Bilder, die mit tödlicher Präzision auf das Gehirn der Zuschauer einwirken (richtungweisende Filmtitel haben es voll erfaßt: The Brain Eaters, Brain Dead). Shit im Kopf war eine entlarvende Kurzgeschichte von Urs Widmer [Vor uns die Sintflut - Zürich 1998: »Dabei genügte ein Blick in die Nacht des Kosmos, und jeder müßte Bescheid wissen. Hunderttausende von Raumschiffen sind längst in Bereitschaft. Aber nicht alle sind freundlich. O nein, nicht alle. Viele nicht. Da am Nachthimmel oben blinken die zwar zum Verwechseln gleich, aber wenn ein Außerirdischer unfreundlich ist, werden unsre Star Wars zu süßen Märchen dagegen.« |
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