Home
Suche
Dialog
Service
Ende

Xenosys

Anzeige

Bernhard Kempen

Greedy:
Der Duft der Orangen

[Teil 2]
[Teil 3]

rueck_0.gif (872 Byte) Teil 1 von 3

Wenn Sie regelmäßig die interstellaren Nachrichten verfolgen, haben Sie vielleicht davon gehört, daß die Kayloner vor kurzem das Problem der drohenden Überbevölkerung ihres Planeten lösen konnten. Es wird natürlich noch ein paar Jahre dauern, bis sich die Senkung der Geburtenrate allgemein bemerkbar macht, aber nach bisherigen Erfahrungen hat sich das neue Verhütungsmittel CS/O 66-0 als durchschlagender Erfolg erwiesen.

Vermutlich haben Sie sich gedacht, daß irgendwelche fleißigen Biologen nach jahrelanger Forschungsarbeit endlich den Durchbruch erzielt haben - falls Sie sich überhaupt etwas dabei gedacht haben. Aber wie so viele Dinge im Leben sieht die Wahrheit ganz anders aus. Diese Entdeckung haben die Kayloner nämlich nur dem Zufall zu verdanken, der sich beinahe zu einer Katastrophe entwickelt hätte. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich, Greedy, war dabei.

Die Geschichte beginnt im Erdorbit, genauer gesagt im Abfertigungsbereich des Raumdocks, wo ich gerade mein Raumschiff, die Darling, mit neuer Fracht beladen hatte, die ich im Auftrag von Polonius Enterprises zur Kolonialwelt New Terra bringen sollte. Ich wartete nur noch auf die Abfluggenehmigung und sehnte mich schon danach, an Bord meines kleinen Frachters endlich den unbequemen Raumfahreroverall ausziehen zu können, ohne daß ich ständig von verklemmten Erdenmännern wie das neunte Weltwunder bestaunt wurde. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch - ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn sich Männer für mich interessieren, im Gegenteil, aber ich mag es nicht, wenn sie zuerst große Augen machen und dann feige den Schwanz einziehen.

An dieser Stelle sollte ich vielleicht erwähnen, daß ich eine Arkadierin bin. Wie alle Menschen, die auf diesen Planeten ausgewandert oder wie ich dort geboren sind, fühle ich mich am wohlsten, wenn ich auf jede Art von Kleidung verzichten kann. Obwohl ich schon seit einigen Jahren im Weltraum unterwegs bin, fällt es mir immer noch schwer, mit der zwiespältigen Einstellung der Erdenmenschen zum Sex und anderen körperlichen Dingen zurechtzukommen. Ich spüre genau, daß vor allem die Männer beim Anblick meines kräftig gebauten und völlig haarlosen Körpers an fast nichts anderes mehr denken können, aber wenn ich sie darauf anspreche, reagieren sie sehr irritiert, als hätte ich sie bei einer Steuerhinterziehung oder einem ähnlich verwerflichen Tun ertappt.

Während ich also das Kommen und Gehen an Bord des Raumdocks beobachtete und zu erraten versuchte, was die Erdenmenschen unter ihrer abwechslungsreichen Kleidung verstecken, bemerkte ich, daß zwei Außerirdische zielstrebig in meine Richtung marschiert kamen. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich noch nie leibhaftig einem Kayloner begegnet. Aber da ich selbstverständlich die entsprechenden Holoprogramme kannte, gab es für mich keinen Zweifel, daß es sich um zwei Vertreter dieser Spezies handelte.

Wie Sie vielleicht wissen, sind die Kayloner aufgrund ihres äußerst gelenkigen Knochenbaus zu den tollsten Kunststückchen in der Lage. Aber diese beiden beschränkten sich darauf, die hinteren vier ihrer insgesamt sechs Gliedmaßen zum Laufen und die vorderen zwei zum Tragen verschiedener Gepäckstücke zu benutzen. Als sie dann direkt vor mir stehenblieben, hätte es mich fast aus den Socken gehauen - wenn ich jemals so etwas wie Socken tragen würde.

Natürlich hatte ich schon davon gehört, daß menschliche Nasen recht empfindlich auf die Nähe von Kaylonern reagieren können, aber es war etwas ganz anderes, tatsächlich mit dem muffigen Geruch ihres zottigen grauen Fells konfrontiert zu werden. Der Gestank erinnerte frappierend an nassen Hund oder feuchte Wolldecken, die wochenlang in einer dunklen Ecke vor sich hingegammelt hatten. Mir wurde schlagartig klar, warum sich die Kontakte zwischen unseren beiden Zivilisationen im allgemeinen auf das absolut notwendige Mindestmaß beschränkten.

»Mrs. Greedy?«, sagte einer der beiden in tadellosem Oxford-Akzent. »Mein Name ist Late Storm, und das ist meine Partnerin Fair Breeze. Wir haben schon überall nach Ihnen gesucht.«

Mist! Und ich hatte gehofft, die beiden wollten mich nur nach dem Weg fragen!

»Angenehm«, erwiderte ich, nachdem ich mich dazu durchgerungen hatte, die Gepflogenheiten der interstellaren Höflichkeit zu achten. »Was kann ich für Sie tun?«

Ich hatte wirklich keine Ahnung, was die beiden von mir wollten, da die »Mimik« eines Kayloners für Menschen nur sehr schwer zu entschlüsseln ist. Man kann in ihrem Fall nicht einmal von einem richtigen »Kopf« sprechen, da man sich unter dieser Bezeichnung normalerweise ein kompaktes Etwas mit verschiedenen Ein- und Ausstülpungen vorstellt. Auf der »Schulter« eines Kayloners - in der sich übrigens auch die Mundöffnung befindet, die auschließlich zur Nahrungsaufnahme gedacht ist - sitzt ein Büschel aus verschiedenen Organen, die sich am besten mit einem bunt gemischten Blumenstrauß vergleichen lassen. Die drei Augenstiele waren ständig in Bewegung, während die ähnlich geformten, aber dickeren Tentakel offenbar die Infrarotfühler darstellten. Daneben gab es zwei Hörtrichter und drei bis vier Blasebälge mit horizontalen Lamellen, die zum Atmen und Sprechen dienten. Ich hatte gehört, daß sie damit nahezu jede irdische Sprache akzentfrei artikulieren können.

»Von der Passagiervermittlung haben wir erfahren, daß Sie in Kürze mit Ihrem Frachtraumschiff zur Kolonie New Terra aufbrechen werden«, kam es aus den Sprechlamellen des Kayloners. »Da es von dort nur noch fünf Lichtjahre bis Kaylo sind, könnten Sie uns einen großen Gefallen erweisen, wenn Sie uns mitnehmen würden.«

Sie können mir glauben, daß ich unter normalen Umständen die letzte wäre, die eine einmalige Gelegenheit ausschlagen würde, Aliens näher kennenzulernen. Aber der Reiz des Exotischen dürfte sehr schnell verfliegen, wenn man vier Wochen lang auf engstem Raum mit müffelnden und mißgelaunten Kaylonern zusammenleben muß. Die Geschichte der Kontakte zwischen Menschen und Kaylonern war eine einzige Abfolge von diplomatischen Mißverständnissen und Tritten ins Fettnäpfchen. Es herrschte zwar keine offene Feindschaft zwischen unseren Völkern, aber beide Seiten hatten im Laufe der Zeit stillschweigend akzeptiert, daß man am besten miteinander auskam, wenn man einen möglichst weiten Bogen umeinander machte.

»Meinen Sie nicht, daß Sie an Bord eines Passagierraumers wesentlich komfortabler reisen könnten?« entgegnete ich diplomatisch. »Meine Darling ist nicht gerade eine Luxusyacht, wissen Sie, und ich bin überhaupt nicht auf außerirdische Gäste eingerichtet.«

»Wir sind bereit, gewisse Einschränkungen in Kauf zu nehmen«, sagte der Kayloner namens Storm. »Wir haben es nämlich sehr eilig, und mit Ihrem Schiff hätten wir im Augenblick die schnellste Verbindung.«

Das konnte ich mir durchaus vorstellen, da die Passagierschiffe unterwegs in mehreren Systemen Station machten und eine Reise von der Erde nach New Terra somit gute zwölf Wochen dauern konnte.

»Sie sind unsere einzige Hoffnung, Mrs. Greedy«, sagte Fair Breeze, offensichtlich eine kaylonische Frau, die sich äußerlich jedoch überhaupt nicht von ihrem Partner unterschied. »Ich habe an der Universität von Kaylo ein wenig terranische Psychologie und Verhaltenskunde studiert. Wir werden uns alle Mühe geben, Ihnen keine Schwierigkeiten zu machen«

Aus Höflichkeit verzichtete ich natürlich auf einen Kommentar zum Ruf dieser »Universität«. Doch allmählich konnte ich mich mit der Vorstellung anfreunden, die lange Reise sinnvoll zu nutzen und dieses merkwürdige Völkchen etwas näher kennenzulernen. Und schon jetzt begann ich, mich an ihren Körpergeruch zu gewöhnen. Außerdem schienen die beiden wirklich ganz verträglich zu sein. Und sie waren bestimmt bereit, ein nettes Sümmchen für die Passage springen zu lassen. Wenn ich den Frachttarif für meine Ladung hinzurechnete ...

»Moment mal!« sagte ich, als mir etwas einfiel, an das ich bislang noch gar nicht gedacht hatte. »Sie können auf gar keinen Fall in der Darling mitfliegen!«

Beide Kayloner drehten gleichzeitig ihre Augenstiele herum und blickten sich an.

»Diese Bemerkung überrascht mich ein wenig«, sagte die Kaylonerin. »Der Mitarbeiter in der Passagiervermittlung sagte uns, daß er Sie recht gut kennt. Und er hat uns ausdrücklich versichert, daß Sie bestimmt keine Vorbehalte gegen Außerirdische hegen.«

»Das ist auch nicht das Problem«, erwiderte ich, während ich überlegte, wie ich mich wegen dieser kleinen Gemeinheit an Takeo rächen konnte. Natürlich wußte er, daß ich schon häufiger die unterschiedlichsten Gäste in der Darling mitgenommen hatte, aber daß er mir ausgerechnet Kayloner auf den Hals schickte, ohne mich vorher zu fragen, ging etwas zu weit.

»Der allerseits geschätzte Takeo Hashima hat es offensichtlich versäumt, einen Blick in meine Frachtpapiere zu werfen«, erwiderte ich und versuchte, meine Erleichterung nicht zu offen zu zeigen, daß ich mich jetzt auf elegante und völlig saubere Weise aus der Affäre ziehen konnte. »Dann hätte er Sie nämlich darauf hinweisen müssen, daß ich ausgerechnet Orangen nach New Terra transportieren soll.«

Es überraschte mich nicht, daß die beiden Kayloner daraufhin unübersehbar zusammenzuckten. Nicht umsonst besagt eine stehende Redewendung des Raumfahrtzeitalters, daß jemand genauso allergisch auf etwas reagiert wie ein Kayloner auf Orangen.

»Davon hat man uns wirklich nichts gesagt«, entgegnete der männliche Kayloner mit sichtlicher Enttäuschung. »Das ist natürlich eine äußerst unangenehme Tatsache ... aber der Frachtraum ist doch sicherlich vom Wohnbereich Ihres Schiffes isoliert, oder?«

»Das schon ...« sagte ich. »Trotzdem wäre es ein ziemlich großes Risiko. Man wird mich für völlig übergeschnappt halten, wenn ich zwei Kayloner an Bord eines Orangenfrachters mitnehme! Wie soll ich das meiner Versicherung erklären, falls es doch zu Schwierigkeiten kommt?«

»Wenn Sie uns bitte für einen Augenblick entschuldigen würden ...« sagte der Kayloner, worauf die beiden sich angeregt in ihrer eigenen Sprache unterhielten, von der ich natürlich kein Wort verstand - falls darin überhaupt so etwas wie Wörter vorkamen.

Ein Angestellter des Raumdocks kam zu mir und gab mir meine Kreditkarte zurück. »Wir haben jetzt alle Formalitäten abgewickelt«, sagte er, während er sich kurz zu den Kaylonern umblickte und offensichtlich versuchte, nur durch den Mund zu atmen. »Sie können jetzt an Bord gehen und in fünfzehn Minuten abfliegen.«

»Besten Dank«, erwiderte ich und steckte die Karte in eine Tasche meines Overalls.

»Wir sind bereit, das Risiko einzugehen«, sagte der Kayloner daraufhin. Oder war es die Kaylonerin? Ich hätte es nicht bemerkt, wenn die beiden während ihrer Unterredung die Seiten getauscht hätten. »Der Geruch dieser terranischen Frucht soll zwar äußerst unangenehm für uns sein, aber es ist nicht bekannt, daß er sich schädlich auf unseren Organismus auswirkt.«

»Sie können sich vielleicht vorstellen«, sagte ich, »daß ich nur ungern mit einer Zeitbombe durchs All düse, die mir jederzeit unter dem Hintern explodieren kann ...«

»Wir werden die volle Verantwortung übernehmen«, erwiderte der Kayloner. »Und für den Notfall haben wir ohnehin Atemmasken dabei, die wir an Bord Ihres Schiffes ständig in Griffweite halten werden.«

Als er mir dann die Summe nannte, die er zu zahlen bereit war, kamen mir alle bisherigen Bedenken plötzlich äußerst unbedeutend vor. Ich sagte mir, daß ich Arkadia schließlich nicht verlassen hatte, um ein ruhiges und sicheres Leben zu führen. Außerdem konnte ich jetzt davon ausgehen, daß dieser Flug bestimmt nicht langweilig werden würde. Aber etwas mulmig war mir schon zumute, wenn ich ehrlich bin ...

*

Weiter im Teil 2


Home
Suche
Dialog
Service
Ende



© copyright 1990-2006 by SHAYOL.NET e.V. • Alle Rechte vorbehalten
eMail: dialog@epilog.de
21.05.06 • 10.06.06