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Bernhard Kempen

Greedy:
Freier leben

[Teil 2]
[Teil 3]

Teil 1 von 3

Als ich auf dem Raumhafen Schönefeld lande, gießt es in Strömen. Die Fähre, die mich von der Orbitalstation auf die Erde bringt, taucht über Berlin in eine dicke, graue Wolkendecke ein, unter der ein schummriges Zwielicht herrscht, das mir sofort aufs Gemüt schlägt. Ich habe mich schon während des ganzen Fluges vergeblich gefragt, was hinter dem merkwürdigen Auftrag stecken mag, der mich ausgerechnet nach Deutschland geführt hat. Doch als ich nun einen unmittelbaren Eindruck von den klimatischen Verhältnissen dieser Erdregion erhalte, wird mir schlagartig klar, daß sich jeder, der hier aufgewachsen ist, einfach nach den sonnigen Hügeln meines Heimatplaneten Arkadia sehnen muß.

Nachdem ich den bürokratischen Spießrutenlauf von der Einreisekontrolle bis zur Zollabfertigung hinter mich gebracht habe, trete ich endlich in die Empfangshalle - die künstlich beleuchtet werden muß, obwohl Dach und Wände zum größten Teil aus Glas bestehen und die Sonne hoch am Himmel steht, auch wenn davon nichts zu sehen ist.

»Ich wünsche Ihnen einen guten Tag«, werde ich von einem hübschen jungen Mann mit sportlichem Körperbau, aber ungesunder blasser Hautfarbe begrüßt.

»Guten Tag«, erwidere ich ebenfalls auf deutsch und füge in Standard-Englisch hinzu: »Den Rest habe ich leider nicht verstanden.«

»Deshalb bin ich hier«, sagt er in tadellosem Englisch, das lediglich durch die Andeutung eines harten, konsonantenlastigen Akzents verunziert wird. »Mein Name ist Hermann Schulz. Ich bin Ihr Dolmetscher.«

»Und ich bin Greedy«, sage ich und schüttele die Hand, die er mir hinstreckt. Ich hatte in den letzten Jahren häufig genug mit verklemmten Erdbewohnern zu tun, um mich inzwischen an diese recht zurückhaltende Begrüßungssitte gewöhnt zu haben. »Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, während des Fluges ein paar Brocken Ihrer Sprache zu lernen. Aber dann bin ich an diesem abartigen Keuchlaut in der deutschen Entsprechung von ,Gute Nacht‘ verzweifelt.« Ich blicke zum tristgrauen Himmel hinauf, der nicht etwa heller, sondern noch dunkler zu werden scheint. »Sind Sie sicher, daß man bei diesen Lichtverhältnissen noch von einem Guten Tag sprechen kann?«

»Ich habe mich ein wenig über Arkadia sachkundig gemacht«, sagt Hermann und lächelt verlegen. »Ich hoffe, es fällt Ihnen nicht allzu schwer, sich bei uns einzugewöhnen.«

»Ich kann nur hoffen, daß Sie nicht an meinen Eigenarten verzweifeln«, erwidere ich, »so wie die deutschen Beamten, die nicht wußten, ob sie meinen Namen in das Feld für den Vor- oder den Nachnamen oder in beides eintragen sollen. Auf meinem Einreisedokument werde ich nun als Fräulein Greedy Greedy geführt.«

Hermann schüttelt bedauernd den Kopf, als er einen Blick auf die Urkunde wirft. Sie besteht aus altertümlichem Papier und ist mit einem Computerstempel versehen, der einen zu Tode erschrockenen Raubvogel darzustellen scheint. »Seien Sie froh«, bemerkt Hermann, »daß wir hier nicht mit einer Germanisierungssoftware arbeiten - wie zum Beispiel im Nationalstaat Bayern - sonst müßten Sie sich für die Zeit Ihres Aufenthalts an den Namen Fräulein Gierig gewöhnen.«

»War Bayern nicht die einzige Nation der Erde, die jemals versucht hat, aus der Gemeinschaft der UNO auszutreten?«

»Das konnte glücklicherweise verhindert werden, als die Erdregierung damit drohte, die Entwicklungshilfe für verarmte landwirtschaftliche Regionen zu streichen.«

»Ich habe die geschichtlichen Holos leider nur bis zu den Bauernkriegen studieren können«, gebe ich zu. »Aber seitdem scheint sich nicht allzuviel verändert zu haben.«

»Das mag sein«, sagt Hermann und blickt sich um, als würde er mit einem unverhofften Angriff rechnen. »Aber Sie sollten es in Gegenwart von Deutschen niemals erwähnen.«

»Ich werde es mir merken«, beruhige ich ihn. »Wie muß ich Sie übrigens anreden - mit Herr oder Herrlein Schulz? Oder wäre Hermännchen passender?«

Er lacht. »Eine spezielle Anrede für unverheiratete Männer konnte sich trotz der verschiedenen Versuche einer deutschen Sprachreform nie durchsetzen«, sagt er. »Einfach nur Hermann wäre mir am liebsten, wenn ich dich weiterhin Greedy nennen darf.«

»Kein Problem.«

»Wenn wir deutsch sprechen würden«, meint Hermann, »wären wir jetzt vermutlich vom ,Sie‘ zum ,du‘ übergegangen.«

»Sind das diese zwei Anredeformen, die davon abhängen, ob man jemanden sympathisch oder unsympathisch findet?«

»So ungefähr«, sagt Hermann lachend. »Genau diese Feinheiten sind der Grund, warum mein Beruf trotz hochentwickelter Computerprogramme immer noch nicht ausgestorben ist.«

*

Danach fliegen Hermann und ich mit dem Gleitertaxi - einer Luftdroschke, wie sich ein solches Gefährt auf deutsch nennt - in die Stadt. Der Raumhafen liegt ein Stück außerhalb von Berlin, innerhalb der Region Brandenburg, die zur Gemeinschaft des Deutschen Bundes gehört. Unter dieser Bezeichnung haben sich all die Regionen zusammengeschlossen, die nicht zu den größeren Nationen wie Bayern, Friesland oder Alemannien gehören.

Hermann stammt aus Potsdam, wie er mir unterwegs erzählt, einer Kleinstadt in der Nähe von Berlin. Potsdam war vor zweihundert Jahren recht berühmt, weil sich dort ein großes Studio für Flachfilme befand, aber dann hat man dort den Anschluß an die Entwicklung des Holofilms verschlafen, so daß heute nur noch Heimatfilme für den einheimischen Markt produziert werden.

Sobald Hermann volljährig geworden war, hatte er seine deutsche Nationalität abgelegt und war ins Internationale Territorium Berlin gezogen. Hier herrschen nicht so strenge Gesetzgebungen wie in den verschiedenen deutschen Nationen und Regionalbünden. Das ist übrigens auch der Grund, warum ich mich in Berlin mit den Vertretern der Touristikfirma treffe, die ihren Sitz in einer der konservativeren Provinzen des Deutschen Bundes hat. Der Versuch, eine Aufenthaltsgenehmigung für eine außerirdische Angehörige der arkadischen Anarchie zu erwirken, hätte ein unvorhersehbares Ausmaß an bürokratischen Komplikationen heraufbeschworen.

Allmählich verstehe ich, warum es nur noch etwas über zehn Millionen echte Deutsche gibt. Natürlich leben in den Internationalen Territorien Frankfurt, Ruhrstadt oder Berlin noch wesentlich mehr Schulzes, Schmidts oder Müllers. Aber seit die UNO zu Anfang des 21. Jahrhunderts als globale Regierung anerkannt worden war und jede kulturelle Gemeinschaft den Nationalstatus beantragen konnte, war es zum sogenannten Dörrpflaumen-Effekt gekommen. Während die Reste der alten irdischen Nationen sich immer stärker auf ihre traditionellen Werte konzentrierten, war ihre Bevölkerung im gleichen Maße durch die Landflucht weltoffenerer Geister geschrumpft, bis schließlich nur noch eine zähe, braune Masse rund um den harten Kern übrig geblieben war.

Erst als die Luftdroschke zur Landung ansetzt, kann ich undeutlich einige Gebäude der Stadt durch die vom prasselnden Regen verschlierten Fenster erkennen. Der Pilot, der während des ganzen Fluges nur mürrisch drei oder vier Worte gebrummt hat, setzt das Gefährt mit einem recht unsanften Ruck auf dem Dach des gewaltigen Hotelkomplexes ab, der vom chinesischen Xing-Konzern betrieben wird und diesen Teil der Innenstadt dominiert. Hermann und ein burmesisches Zimmermädchen im »Dirndl-Kleid« (eine weibliche Nationaltracht, die besonders stark entwickelte Brüste und Hüften vorgaukelt) bringen mich auf mein Hotelzimmer, wo ich mich sofort meiner ungewohnten Kleidung entledige - doch bevor ich mich für meine Unbesonnenheit entschuldigen kann, haben die beiden Erdenmenschen bereits die Flucht ergriffen.

*

Weiter im Teil 2


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27.08.10 • 02.09.10