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Bernhard Kempen

Greedy:
Freier leben

[Teil 1]
[Teil 3]

Teil 2 von 3

Natürlich bin ich wieder sittsam bekleidet, als ich zwei Stunden später den Konferenzraum betrete. Ich habe mich für eine leichte Toga im pseudorömischen Stil entschieden, weil ich mich als geborene Arkadierin immer noch nicht an Sachen mit Ärmeln oder Hosenbeinen gewöhnen konnte. Eigentlich sieht es die Mode vor, daß man unter einem solchen Gewand züchtige Unterwäsche wie Höschen und BH trägt, aber ich kann mich einfach nicht dazu durchringen, meinen Körper einer solchen Tortur auszusetzen.

Die drei Herren, die sich bei meinem Eintreffen artig von ihren Sitzplätzen erheben, tragen dunkelgrüne Hosen und Jacketts mit kompliziert genähten Revers und darunter gerüschte Hemden. Da ich dergleichen noch nie zuvor gesehen habe, vermute ich, daß es sich dabei um eine deutsche Nationaltracht handelt.

»Guten Tag, Fräulein Greedy«, begrüßt mich der Mann in der Mitte. »Willkommen in Deutschland.« Da er einen deutschen Dialekt mit weichen Konsonanten und dumpfen Vokalen spricht, brauche ich ein paar Sekunden, bis ich rekonstruieren kann, was er gesagt hat - und ich begreife, daß er eine Standard-Begrüßungsfloskel benutzt hat, die für meine bescheidenen Deutschkenntnisse im Grunde gar kein Problem darstellt. Wenn dieses Volk schon eine so komplizierte Sprache benutzt, könnte es sich wenigstens auf eine einheitliche Aussprache einigen.

»Und ich möchte Ihnen die Grüße der Gemeinschaft von Arkadia überbringen«, erwidere ich höflich. Ursprünglich wollte ich diesen Satz in deutscher Sprache aufsagen, weil ich grundsätzlich zu höflichen Gesten bereit bin, aber meine Sprechorgane waren einfach nicht in der Lage, die seltsamen Lautfolgen nachzubilden, die mir der Computer vorgekrächzt hat.

Zum Glück tritt nun Hermann als Dolmetscher in Aktion und stellt mir die Vertreter der Firma Licht- und Luft-Reisen DGmbH aus einem Städtchen namens Finsterwalde vor - Herrn Hartmut Stein, den »Beauftragten für internationale Handelsbeziehungen«, Herrn Klaus Wetter, den »Leiter der Ferien-Konzept-Entwicklung«, und Herrn Manfred Eiche, den »Rechnungsprüfer des Sekretariats Investitionen«. Irgendwie habe ich das Gefühl, daß die Leute sich diese wortreichen und offenbar wohlklingend gemeinten Titel nur zu unseren Verhandlungsgesprächen zugelegt haben, aber ich traue den Deutschen mittlerweile zu, daß in ihrer Firmenhierarchie tatsächlich solche Posten existieren.

Nachdem wir uns eine Weile mit diversen Nettigkeiten überhäuft haben, kommt Stein zur Sache. »Ich vermute, die Behörden von Arkadia haben sich inzwischen ausführlich mit unserem Projekt Freier leben beschäftigt«, sagt er. »Haben Sie schon eine Entscheidung getroffen, oder möchten Sie zunächst über einzelne Punkte verhandeln?«

»Bevor wir über Details reden«, erwidere ich, »würde ich gerne von Ihnen hören, wie Sie auf die Idee gekommen sind, ein solches Projekt ausgerechnet auf Arkadia realisieren zu wollen.«

»Wir Deutschen waren schon immer ein reiselustiges Volk«, beginnt Stein, und lehnt sich zurück, damit er genügend Platz für die ausladenden Gesten hat, mit denen er seinen Vortrag dekoriert. »Und wir lieben die Sonne und das Leben in der unberührten Natur. Nach getaner Arbeit wollen wir freier leben - und die Natur frei erleben. Man könnte Deutschland sogar als ein Ursprungsland der Nudisten von Arkadia bezeichnen, denn insbesondere die Deutschen sind schon seit Jahrhunderten begeisterte Anhänger der Freikörperkultur

Hermann braucht eine Weile, um mir das Wortspiel mit dem Projektnamen und den unübersetzbaren deutschen Begriff mit den vielen Knack- und Knarrlauten zu erklären. Offenbar haben viele Deutsche dieselben Probleme wie ich, da dieses Wortungetüm häufig mit dem handlichen Kürzel »FKK« wiedergegeben wird - was in meinen Ohren allerdings einen viel obszöneren Klang hat.

»Wenn das so ist«, sage ich anschließend, »verstehe ich nicht, warum dann so wenige Deutsche nach Arkadia ausgewandert sind. Ich kenne nur eine einzige Arkadierin, von der ich zufällig weiß, daß ihre Eltern aus Deutschland stammen.«

»Es liegt mir natürlich fern, die sehr freizügige Lebensweise auf Ihrem Heimatplaneten zu kritisieren«, sagt Stein. »Aber wir betrachten den Nudismus ausschließlich als Freizeitvergnügen. Es widerspräche geradezu der Grundidee der Freikörperkultur, sie auch im Alltag oder gar im Arbeitsleben durchzusetzen. Da wir in erster Linie ein arbeitsames und ordnungsliebendes Volk sind, legen wir in diesem Zusammenhang größten Wert auf körperliche Hygiene und moralische Sittsamkeit.«

Unwillkürlich frage ich mich, warum die Deutschen dann eine so unbedeutende Rolle in der interstellaren Wirtschaft spielen. Angeblich sollen sie sogar die ersten Raketen erfunden haben, für militärische Zwecke, wenn ich mich recht entsinne, doch an der anschließenden friedlichen Erkundung des Weltraums haben sie sich kaum noch beteiligt.

Außerdem ist mir nicht ganz klar, was dieser Stein mit seiner Ansprache bezweckt. Wenn er mich als Vertreterin der arkadischen Gesellschaft auf diese Weise beleidigt, wird es ihm nur schwerlich gelingen, mich für sein Projekt zu begeistern.

»Dann sollten Sie ihren Freizeitpark vielleicht an einem anderen Ort errichten, wo die Gefahr geringer ist, daß Ihre Urlauber durch undeutsche Untugenden verdorben werden.«

»Unsere Planung, die Ihnen zumindest in groben Zügen vertraut sein müßte, Fräulein Greedy, sieht vor, die Kontakte zwischen unseren Gästen und der einheimischen Bevölkerung von Arkadia auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Die Freizeitangebote unserer Ferienanlage sind so vielfältig angelegt, daß es für den Urlauber von der Erde keinerlei Veranlassung gibt, das Gelände zu verlassen.«

»Wenn ich Sie richtig verstehe, wollen Sie Ihre Urlaubsnudisten völlig von den arkadischen Vollzeit-Nudisten isolieren«, fasse ich zusammen. »Warum bauen Sie dann nicht eine Raumstation oder kaufen sich eine unbewohnte Insel auf Terra Nova oder einem anderen Kolonialplaneten? Damit würden Sie jegliches Restrisiko vermeiden.«

»Ich glaube, Sie haben unsere Philosophie immer noch nicht richtig verstanden, meine Gute«, sagt Stein. »Es ist der Reiz des Exotischen, der Hauch von Abenteuer, der unsere deutschen Gäste in Scharen nach Arkadia locken wird. Wer viel Geld für seinen Urlaub bezahlt, will perfekte Illusionen und keine wirklichen Gefahren erleben. Unsere Gäste sollen einen Hauch der arkadischen Freiheit und Unbeschwertheit mitnehmen, aber sie sollen keinen Kulturschock erleiden.«

*

Diesen Schlag in die Magengrube muß ich erst einmal verdauen. Daher bitte ich um ein wenig Bedenkzeit, worauf wir uns einigen, die weiteren Verhandlungen auf morgen zu vertagen.

Etwas später sucht Hermann mich in meinem Hotelzimmer auf, weil wir uns für den Abend verabredet haben, um gemeinsam die Stadt zu erkunden.

Als er eintritt, zuckt er sichtlich zusammen, da ich mich in meinen eigenen vier Wänden natürlich so verhalte, wie ich es als Arkadierin gewöhnt bin.

»Wir haben den ganzen Tag lang über Freikörperkultur geredet, und wenn du plötzlich einem nackten Körper gegenüberstehst, bekommst du einen Schreck«, sage ich lachend und streichele seine Wange. »Du bist süß!«

»Wir Deutschen waren schon immer Meister in der feinen Unterscheidung von Theorie und Praxis«, erwidert Hermann schlagfertig.

»Und was sagst du zu den nackten Tatsachen?« frage ich, während ich die Arme unter meinen Brüsten verschränke und ihn ansehe.

Hermann mustert mich skeptisch, bevor er antwortet. »Theoretisch scheinst du eine ausgesprochen hübsche Frau zu sein, auch wenn deine völlige Haarlosigkeit etwas irritierend wirkt. In praktischer Hinsicht bist du mir entschieden zu weiblich. Ich stehe mehr auf muskulöse Schultern und schmale Hüften, falls du verstehst, was ich damit andeuten will.«

Natürlich habe ich ihn verstanden. Ich hatte bislang noch nicht genauer über diesen Punkt nachgedacht, aber schon während unserer Begrüßung am Raumhafen hatte ich den Eindruck, daß Hermann mich offenbar ganz nett fand, daß aber der gewisse Funke ausgeblieben war, der fast immer überspringt, wenn ich einem männlichen Wesen begegne - daß Hermann gar nicht her man, sondern his man ist.

»Schade«, sage ich mit einem lässigen Achzelzucken und beginne, mir die Kleidung anzuziehen, die ich auf dem Bett bereitgelegt habe. »Aber ich denke, daß wir trotzdem einen netten Abend miteinander verbringen können.«

*

Bevor es in Deutschland völlig dunkel wird, zeigt mir Hermann verschiedene Berliner Sehenswürdigkeiten: die zu großen Teilen wiederrichtete Mauer in der Innenstadt, die Ruinen von Gedächtniskirche und Europa-Center, die historische Meile des Kurfürstendamms, die ganz im Stil des späten 20. Jahrhunderts gehalten ist, die holographische Projektion des Stadtschlosses, das nach der Zerstörung in einem der zahlreichen deutschen Kriege nie wiederaufgebaut wurde, den Erlebnispark »Kleine DDR«, der nach dem Einsturz des Fernsehturms im 21. Jahrhundert auf dem verwüsteten Alexanderplatz angelegt wurde, und vieles mehr. Danach suchen wir eine typische Berliner Kneipe auf, doch die penetranten Männer mit den dicken Bäuchen widern mich ebenso an wie die Speisekarte, auf der ausschließlich die Überreste von getöteten Tieren zum Verzehr angeboten werden.

Ich mache Hermann klar, daß ich für diesen Tag mehr an deutscher Exotik und barbarischen Gebräuchen erlebt habe, als ich zu ertragen bereit bin, worauf er mich ins chinesische Restaurant des Xing-Kempinski führt, das von sämtlichen Reiseführern einhellig als kulinarischer Höhepunkt dieser Stadt gelobt wird.

Nachdem uns die kultivierten Köstlichkeiten der neuen chinesischen Cuisine auf der Zunge zergangen sind, lasse ich mich von Hermann in sein erklärtes Lieblingslokal einladen. Da es nicht weit entfernt ist und es inzwischen zu regnen aufgehört hat, gehen wir zu Fuß zum Tuntentheater des Westens, einem ehemaligen Schauspielhaus, dessen pseudoklassische Fassade von knallbunt bemalten Skulpturen und anderen architektonischen Spielereien geziert wird.

»Ist es mir als weiblichem Wesen überhaupt erlaubt, diese heiligen Hallen der Homosexualität zu betreten?« fragte ich meinen herrmännlichen Begleiter.

»Natürlich«, antwortet er. »Solange du niemandem unsittliche Anträge machst ...«

»Ich werde mich zusammenreißen«, verspreche ich, »aber ich kann für nichts garantieren, wenn die Männer hier genauso schnuckelig wie du sind.«

»Dann könnte es gefährlich werden«, sagt Hermann grinsend. »Denn genau aus diesem Grund komme ich so gerne hierher.«

Er hat nicht zuviel versprochen. Denn im Tuntentheater tummeln sich keineswegs nur Transvestiten, wie der Name anzudeuten scheint, sondern die gesamte Spannweite männlicher Versuchungen. Von zarten Jünglingen in keuscher Toga bis zu drahtigen Kerlen in knallengem Macho-Kunstleder ist alles vertreten, doch am besten gefallen mir die Kellner, die mit nichts außer einem prall gefüllten Slip zwischen den Beinen herumlaufen. Meine arkadischen Überzeugungen drohen ins Wanken zu geraten, denn ich muß zu meiner Verblüffung feststellen, daß die geschickt angebrachte knappe Bekleidung extrem reizvoll ist, weil sie meine Phantasie auf Hochtouren bringt.

Zu schade, daß all diese Prachtburschen für meine ansonsten recht überzeugenden weiblichen Argumente unempfänglich sein dürften. Aber während ich mich von Hermann überreden lasse, eine einheimische Spezialität namens Bier zu probieren, und ich seine breiten Schultern und sinnlichen Lippen bewundere, kommt mir eine verwegene Idee ...

Unter normalen Umständen halte ich mich mit solchen Manipulationen sehr zurück, aber in diesem Fall kann ich dem Drang einfach nicht widerstehen, mit meinen Möglichkeiten zu spielen. Was soll schon passieren? Schlimmstenfalls mache ich mich lächerlich, was für mich noch nie ein Hinderungsgrund war.

Also beginne ich damit, mein Vorhaben in die Tat umzusetzen - was natürlich eine Weile dauert. Nach dem vierten Bier suche ich eine Toilette auf, um mich mit eigenen Augen von meinen Fortschritten zu überzeugen. Außerdem besitzt das deutsche Nationalgetränk die Eigenschaft, nur für kurze Zeit im menschlichen Körper zu zirkulieren. Die Sitte des Biertrinkens dient offensichtlich nur dem Zweck, in geselliger Runde große Flüssigkeitsmengen aufzunehmen, um sie dann ebenfalls in Gesellschaft wieder auszuscheiden, wobei begonnene Gesprächsthemen ohne Unterbrechung weitergeführt werden können. All der Aufwand soll offenbar auf geschickte Weise verschleiern, daß während des Biertrinkens eine beträchtliche Menge Alkohol ihre Wirkung im Gehirn entfaltet. Für mich ist es jedoch eine der leichteren Übungen, diese Psychodroge nicht zu absorbieren, sondern mit dem Urin abzugeben.

»Hallo, Greedy«, ruft Hermann, als er mich zurückkommen sieht. »Wo warssu so lange?«

Der übermäßige Genuß von Bier wirkt sich außerdem nachteilig auf die Artikulationsfähigkeit aus, worauf mir einige Eigenarten der deutschen Sprache etwas verständlicher werden.

»Ich habe mit den Jungs auf der Toilette ein Wettpinkeln veranstaltet«, erwidere ich.

Hermann lacht sich schlapp. »Und wer hat gewonnen?« fragt er.

»Ich natürlich«, entgegne ich grinsend, als ich mich wieder neben ihn setze.

»Du scheinss wirklich ne ganze Menge ssu vertragen«, sagt Hermann schleppend. »Du wirkst eigentlich kein bißchen betrunken.«

Ich winke lässig ab. »Ich bin sozusagen seit Geburt gegen solche Gifte immun«, erkläre ich ihm. »Ich kann die Wirkung ohne besondere Mühe unterdrücken.«

»Echt?« staunt Hermann und runzelt nachdenklich die Stirn. »Dann entgeht dir ja der ganze Spaß!«

»Oh, ich amüsiere mich trotzdem prächtig«, erwidere ich und schaue sehnsüchtig einem knackigen Hintern nach.

»Dabei fällt mir auf ... bin ich schon völlig blau, oder siehst du irgendwie anders aus?«

»Findest du?« frage ich unschuldig zurück.

»Ja ... als hättest du plötzlich abgenommen, diese weichen wabbeligen Fettpölsterchen verloren.«

»Gefalle ich dir so besser?« frage ich und rücke ein Stückchen näher an ihn heran.

»Ich verstehe nicht ...«

Hermann hat natürlich keine Ahnung, was geschehen ist, aber jetzt scheint der richtige Augenblick gekommen zu sein, ihn damit zu überraschen. »Ich würde dir gerne etwas zeigen«, sage ich und nehme seine Hand.

»Was hast du vor?«

Ohne weitere Erklärung ziehe ich seine Hand noch näher heran und führe sie unter meine Toga. Ich spüre, wie seine Finger zunächst zurückzucken, als sie das Ergebnis meiner Metamorphose berühren. Dann wagen sie sich noch einmal vor und erkunden es neugierig, während Hermanns Augen im gleichen Maße größer werden wie das Ding zwischen meinen Beinen.

»Wie kann das sein ...?« stammelt Hermann fassungslos. »Was hast du gemacht?«

»Du bist nicht der erste, den ich mit meinen verborgenen Talenten verblüffen konnte«, erwidere ich.

*

Weiter im Teil 3

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27.08.10 • 08.09.10