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| ALIEN CONTACT 59 |
| Science Fiction Alien Contact |
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| Die kritische Auseinandersetzung mit der Science Fiction ist weit verbreitet. Eine ernsthafte Beschäftigung mit jenen Spielarten der Literatur, die unter dem Begriff »Fantasy« subsumiert werden, findet dagegen nur selten statt. Eine lobens- und lesenswerte Ausnahme ist die Kolumne Gates of Elysium, die im britischen Internetmagazin THE ALIEN ONLINE erscheint. Jeff Gardiner nimmt darin Begrifflichkeiten, Strömungen und Autoren unter die Lupe. Seine Texte erscheinen nun auch regelmäßig in ALIEN CONTACT. | |
| Fantasy ist kein
literarisches Genre, sondern Ausdruck unserer Vorstellungskraft und eine Reaktion auf die
Realität. Als Triebkraft der Literatur ist Fantasy dem Realismus ebenbürtig. Die beste
Literatur vereint stets Fantasy und Realismus - deswegen ist »Phantastischer Realismus«
ein wichtiger Bestandteil literaturkritischer Terminologie. Gemeinhin sind wir nicht nur
gezwungen, zwischen Fantasy und Realismus zu unterscheiden, sondern müssen uns auch noch
dafür rechtfertigen oder sogar entschuldigen. Diese Tatsache allein ist Beweis genug für
die ungerechtfertigte Marginalisierung Phantastischer Literatur. Es wird den Kritikern und
Rezensenten der einzelnen Genres überlassen, für Fantasy und Science Fiction
einzutreten. Leider vollzieht sich die Entwicklung von Literaturtheorie und Rezeption in
diesem Bereich nur sehr langsam. Science Fiction ist hier schon sehr viel weiter -
wahrscheinlich, weil Fantasy so schwer zu definieren ist, während SF über ganz
spezifische Schwerpunkte verfügt. Grundsätzlich betrachtet ist Fantasy ein weit gefasster Begriff, der so unterschiedliche Formen und Genres wie Mythen, Sagen, Märchen, heroische Abenteuerliteratur, Schauerromane, Horrorromane, Science Fiction und Magischen Realismus einschließt. Allerdings werden Definitionen und Bezeichnungen häufig unabsichtlich verwechselt. Deswegen gibt es beispielsweise in manchen Buchhandlungen eine Abteilung für Science Fiction, in der dann auch Fantasy und Horror zu finden sind. Viele der einschlägigen Magazine ziehen die Bezeichnung Science Fiction vor, rezensieren und diskutieren aber auch Fantasytexte. Für sie ist Fantasy ein Teil der Science Fiction, was meiner Ansicht nach nur wenig Sinn ergibt. Warum ziehen manche Leute die Bezeichnung Science Fiction dem Begriff Fantasy vor? Unter Fantasy versteht man heute fälschlicherweise alles, was in irgendeiner Art und Weise Tolkien kopiert oder den Conan-Mythos plagiarisiert. Das hat zu unterschiedlichen Auffassungen geführt: Zum einen wird Fantasy herablassend als lustige Gute-Nacht-Geschichte für Kinder angesehen, bezeichnend dafür ist die Popularität Harry Potters (es ist in Ordnung, wenn Erwachsene das lesen, aber wir wissen, dass es sich eigentlich um Kinderliteratur gehandelt - Gott sei's den lieben Kleinen gedankt) und die Art und Weise, wie altehrwürdige Märchen in moralisierende Disney-Fabeln mit Happy End verwandelt werden. Zweitens wird Fantasy als schlecht geschriebene Pulp-Literatur betrachtet, die nur von besessenen Rollenspielern zur Erfüllung ihrer pubertären Wünsche gelesen wird - auf einer Ebene mit Pornographie. Drittens passt Fantasy nicht in unsere rationale, materialistische Kultur, die fortwährend alles Spirituelle oder Übernatürliche ablehnt. Wer will da schon unrealistische Geschichten über Magie, andere Welten, sprechende Tiere oder mythische Geschöpfe lesen? Manche Leser akzeptieren bestimmte Fantasytexte, weil sie eindeutige Symbolismen oder allegorische Darstellungen enthalten und dadurch eine direkte Bedeutung in der realen Welt bekommen. Aber auch damit verweigert man sich dem Gesamtkonzept Fantasy. Schließlich und endlich haben manche Leser davor Angst, dass Fantasy lediglich ein weiterer nutzloser Fluchtversuch aus der realen Welt ist. So wird Fantasyliteratur auf dieselbe Gefahrenstufe wie harte Drogen gestellt. Aber warum sollte Flucht eigentlich eine schlechte Sache sein? Man muss sich im Klaren darüber sein, dass das Wort »Fantasy« sofort Misstrauen hervorruft - ja, dass sogar sexuelle Perversion und Lust impliziert werden. (Versuchen Sie einmal, »Fantasy« in eine Suchmaschine einzugeben, aber nur, wenn Sie über 18 sind.) Unsere westliche Kultur setzt Fantasy mit etwas Kapriziösem oder Absurdem gleich. Zu phantasieren bedeutet unglücklich oder unzufrieden zu sein. Im Collins Wörterbuch dagegen wird Fantasy als »von keiner Realität eingeschränkte Vorstellungskraft« definiert - ein sinnvoller und positiver Einstieg. Gerade weil Fantasyliteratur sowohl frei und uneingeschränkt als auch gefährlich und subversiv ist, wird sie aussagekräftig, und das ist auch gut so. Diese Freiheit bedeutet, dass Fantasy eine schwer fassbare und proteische Literaturform ist, dabei aber Traditionen und Grenzen überwindet, also genau das tut, was gute Literatur tun sollte. Die Definition des Wörterbuchs erinnert uns daran, dass Fantasy immer noch in der Realität verwurzelt ist und ein Bezug zur Wirklichkeit besteht, obwohl diese die Fantasy nicht begrenzen kann. Ich denke, es ist wichtig, daran zu erinnern, dass Vorstellungskraft, Träume, Wünsche und Spiritualität grundlegende Bestandteile der Realität sind und es gefährlich ist, sie zu ignorieren. Im Übrigen gefällt mir die Art und Weise, in der das Wort »phantastisch« zwanglos verwendet wird, um Bewunderung für etwas auszudrücken, ähnlich wie »unglaublich« oder »wundervoll«. So etwas kann Leute nur dazu ermuntern, Fantasy weniger misstrauisch gegenüberzustehen. Um Fantasy zu verstehen, ist es hilfreich, einige ihrer unterschiedlichen Ausprägungen zu kennen, die wir - in Ermangelung eines besseren Begriffes - »Genre« nennen wollen. Verschiedene Kritiker ziehen unterschiedliche Bezeichnungen vor, aber mit dem Folgenden wird wohl der größte Teil dessen, was wir als Fantasy bezeichnen, abgedeckt: Mythen, Legenden, Fabeln und Folklore: Diese Ursprungstexte enthalten Geschichten, Figuren, Symbolismen, Schauplätze und bildliche Ausdrücke, deren sich Fantasyautoren bedienen. Griechische, römische, nordische, hinduistische, pazifische, afrikanische, isländische, arabische und britische Mythen und Legenden finden fortwährend ihren Weg in die zeitgenössische Fantasy. Zu diesen von John Clute als »taproot texts« bezeichneten Texte gehören so einflussreiche Werke wie Die Canterbury Erzählungen, Die Elfenkönigin, Ein Sommernachtstraum, Don Quichote, Die Pilgerreise und sogar Gullivers Reisen. Die antropomorphischen Kinderbücher Der Wind in den Weiden und Unten am Fluss sind direkt von Fabeln beeinflusst, während E. T. A. Hoffmanns Geschichten düstere Märchen sind. Heroische Abenteuerliteratur: Der ritterliche oder mittelalterliche (Vers-)Roman wird am besten durch den Artus-Zyklus von Legenden und Gedichten, beispielsweise Sir Gawain und der Grüne Ritter oder Malorys Morte d'Arthur repräsentiert. Diese Form des Heldenepos und seine Themen, wie die ritterliche Queste und Kämpfe zwischen Gut und Böse, diente als Vorlage für die klassische moderne Fantasyliteratur, deren Hauptvertreter William Morris, Lord Dunsany, George MacDonald, J. R. R. Tolkien, Fritz Leiber, Michael Moorcock und Stephen Donaldson sind. Diese Spielart der Fantasy wurde seitdem oft kopiert und wird häufig unter dem Begriff »Schwert und Zauberei« zusammengefasst. Das ist zwar durchaus ein aussagekräftiger Begriff, dennoch erscheint mir »Heroische Abenteuerliteratur« angemessener. Der Schauerroman: Die Romantik war eine künstlerische Bewegung im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts, die in Opposition zum Klassizismus der Wissenschaft und der Vernunft stand und sich übernatürlicher und mythologischer Elemente bediente. Zu den führenden Philosophen und Autoren der Romantik gehören unter anderen Rousseau, Goethe, Blake und Keats. Diese Bewegung brachte auch den Schauerroman hervor. Das erste Buch, das mit diesem Begriff bezeichnet wurde, ist Das Schloss von Otranto von Horace Walpole; andere Autoren sind Ann Radcliffe, Matthew Lewis und William Beckford. Zu den besten Beispielen zählen Melmoth der Wanderer von Charles Maturin und Frankenstein von Mary Shelley. Elemente des Schauerromans findet man aber auch im Werk von Charlotte and Emily Brontë, Charles Dickens, Daphne Du Maurier, Mervyn Peake and Tanith Lee. Horror: Horror entwickelte sich direkt aus Edgar Allan Poes Erzählungen, R. L. Stevensons Dr. Jekyll und Mr. Hyde und Bram Stokers Dracula. Manche Horrorgeschichten enthalten übernatürliche Elemente und sind eher phantastisch, während andere humanistischer sind - in ihnen können Gewalt und Geheimnis rational erklärt werden. Der Meister des Horror im zwanzigsten Jahrhundert ist natürlich H. P. Lovecraft, der zusammen mit Clark Ashton Smith einige der Klassiker des Übernatürlichen bzw. der »Dark Fantasy« schrieb. Nicht zu vergessen sind neben Arthur Machen, Sheridan Le Fanu und Guy de Maupassant auch zeitgenössische Bestsellerautoren wie Stephen King und Clive Barker. Science Fiction: Als ein Genre der Fantasy verwendet die SF typischerweise Themen wie Raumfahrt und Technologie in einem futuristischen Umfeld. Der Begriff »harte SF« steht für eine Form des explizit wissenschaftlichen Realismus. Begründet von H. G. Wells und Jules Verne, hatte die SF sowohl ein berühmtes »Goldenes Zeitalter«, in dem Isaac Asimov und Arthur C. Clarke schrieben, als auch eine »New Wave«, die von Michael Moorcock angeschoben wurde und die sich mehr mit dem Innenleben der Menschen und der Psychologie beschäftigte und somit die begrenzten Räume der SF für neue Themen öffnete. Cyberpunk ist das jüngste und wichtigste Subgenre. Auch Utopistische Fantasy und Alternativwelt-Geschichten werden oft als Science Fiction bezeichnet. »Science Fantasy« ist ein eher irreführender Begriff, der von Judith Merril vorgeschlagen wurde, um zu zeigen, dass SF ein Aspekt der Fantasyliteratur ist. Urbane Fantasy: Einige Fantasyerzählungen spielen in einer realen Stadt oder in einer, die so realistisch ist, dass die Grenzen zwischen Realität und Fantasy verschwimmen - daher der Begriff »phantastischer Realismus«. Manche Schauerromane und manche viktorianische Romane beschwören eine Atmosphäre herauf, die für Urbane Fantasy grundlegend ist. Ein gutes Beispiel ist Gaston Leroux's Phantom der Oper. Autoren wie M. John Harrison und China Miéville sind in diesem Genre erfolgreich, ebenso wie viele Comics und Graphic Novels. Steampunk ist ein Ableger davon und schreibt Historisches um oder benutzt direkt Elemente aus der viktorianischen Literatur; Beispiele dafür sind bei Christopher Priest und Colin Greenland zu finden. Magischer Realismus: Dem Surrealismus verwandt, interpretiert der Magische Realismus die Realität durch Traumbilder und abstrakten Symbolismus. Der Begriff Magischer Realismus wird insbesondere für einige lateinamerikanische Autoren wie Jorge Luis Borges und Gabriel Garcia Marquez verwendet. Borges tendiert dazu, intertextuelle Bezüge zu nutzen und labyrinthartige Abbilder der Realität zu schaffen. Darüber hinaus kann der Begriff auch auf Autoren wie Angela Carter und Salman Rushdie angewandt werden, die mit ihren Lesern postmoderne Spiele treiben. »Fabulation«: Autoren von »Fabulationen« tendieren dazu, Genregrenzen zu durchbrechen. In ihren eigentlich zum Mainstream gehörenden Bücher wird Fantasy dazu verwendet, die Realität zu unterwandern - zum Beispiel bei Anthony Burgess, William Burroughs, Italo Calvino, Umberto Eco, Franz Kafka und Michael Moorcock. Robert Scoles benutzt den Begriff »Fabulation«, um Autoren wie William Golding und Doris Lessing zu erfassen, die sowohl Mainstream- als auch Fantasyromane schreiben. Slipstream: Ein Begriff, den Bruce Sterling geprägt hat, um postmoderne Autoren wie Peter Ackroyd und J. G. Ballard zu bezeichnen, deren Bücher nicht im strengen Sinne realistisch sind, aber auch nicht explizit zur Fantasy oder SF gehören. Es ist klar, dass nicht jeder Fantasytext einer bestimmten Schublade zugeordnet werden kann und auch nicht zugeordnet werden sollte. Das liegt nicht an den Texten selbst, sondern zeigt lediglich, dass das System der Benennung und Einordnung von Literatur zu begrenzt und zu eng ist. Fantasy wird weiterhin nicht nur existierende Genres und Formen, sondern auch den Verständnis- und Analyseprozess selbst unterwandern, indem sie Literaturtheorie als begrenztes und letztendlich zweckloses Mittel derer entlarvt, die von Kategorien und Einordnungen besessen sind. Manche Kategorien sind durchaus nützlich, um Zusammenhänge aufzuzeigen, aber das Vokabular der Kritik muss noch stärker erweitert werden. Fantasy sollte auf keinen Fall als erklärungsbedürftiger, kümmerlicher Ableger des Realismus verkannt werden. Fantasy ist eine gehaltvolle und bereichernde Quelle, die jedem Autor offen steht, der die Vorstellungskraft seiner Leser erweitern und die Welt genauer erkunden möchte. Im Übrigen bin ich keineswegs ein Verfechter des Begriffs »Phantasy«. Ich bin stolz darauf, ein Fantasyleser zu sein und ich bin stolz darauf, dass meine Lieblingsliteratur eine Herausforderung darstellt, Erwartungshaltungen untergräbt, schockiert, erstaunt und inspiriert. © 2002 by Jeff GardinerMit freundlicher Genehmigung des Autors (thanks, Jeff!) Erstveröffentlichung im August 2002 in THE ALIEN ONLINE Das englische Original dieses Textes finden Sie hier Deutsche Übersetzung von Doris Peschelt © 2004 Doris Peschelt und Shayol Verlag |
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| Jeff Gardiner ist der Autor von Age of Chaos: The Multiverse of Michael Moorcock (BFS, 2002) und zahlreichen weiteren Artikeln. Er liest seit mehr als zwanzig Jahren Fantasy und hat kürzlich seinen Master in moderner Literatur gemacht. Er arbeitet als freier Publizist und Teilzeit-Englischlehrer. | |
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