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Die Tore zum Paradies • Folge 4

Die Theorie der Fantasy

von Jeff Gardiner

Science Fiction
Alien Contact
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Nicht ganz zu Unrecht herrscht der Eindruck, die phantastische Literatur würde von der universitären Literaturkritik nicht wahrgenommen. Allerdings gibt es auch Ausnahmen: In der aktuellen Folge seiner Kolumne beschäftigt sich Jeff Gardiner mit literaturwissenschaftlichen Untersuchungen zur Fantasy.
In der verwirrenden Welt der Literaturwissenschaft beruft man sich zur Erklärung der Fantasy für gewöhnlich auf Begriffe wie Abstraktion, Allegorie, Ambiguität, Surrealismus oder den verschwommenen Überbegriff des Postmodernen. Schlimmstenfalls wird die Fantasy einfach dem Bereich der ›Schundliteratur‹ zugeordnet. Die Schauerliteratur und der Magische Realismus haben Eingang in den literarischen Kanon gefunden, doch die meisten Literaturwissenschaftler ziehen es vor, sich überhaupt nicht mit phantastischer Literatur zu beschäftigen, wie man an vielen Nachschlagewerken erkennen kann.

M.H. Abrams’ A Glossary of Literary Terms beispielsweise, das den Anspruch erhebt, »ein grundlegendes Nachschlagewerk sowohl für Studenten als auch für Wissenschaftler« zu sein, handelt die ›phantastische Literatur‹ in vier Zeilen ab und beruft sich dabei lediglich auf den strukturalistischen Kritiker Tzvetan Todorov. Dem ›Realismus/Naturalismus‹ hingegen ist ein dreiseitiger Aufsatz gewidmet. Der komplexe Begriff ›Romance‹, mit dem ich mich in meiner letzten Kolumne beschäftigt habe, ist unter Wissenschaftlern weitaus beliebter. Abrams führt vor allem klassische Texte an und wählt nur wenige moderne Beispiele.

Viele der Begriffe, die mit Fantasy in Beziehung stehen, werden nur unter Vorbehalten behandelt, wie beispielsweise der Begriff ›Ambiguität‹, der häufig auf stilistische Mängel verweist. Mit Allegorien und Symbolismus wird die Fantasy wegerklärt, ohne sich überhaupt erst auf ihre Vielschichtigkeit einzulassen. Über die Science Fiction findet sich ein kurzer Absatz unter dem Stichwort ›Utopische Literatur‹, und Horror wird nicht als ernstzunehmendes Genre angesehen – stattdessen zieht man den Begriff ›Moderner Schauerroman‹ vor.

Innerhalb der Literaturkritik und -wissenschaft findet keinerlei Auseinandersetzung mit Fantasyliteratur statt und ihr wird auch kein Eingang in den äußerst begrenzten literarischen Kanon gewährt. Dabei hätten es Schriftsteller wie William Hope Hodgson, David Lindsay, Mervyn Peake, Gene Wolfe, Jonathan Carroll, John Crowley oder China Miéville durchaus verdient, nicht nur als Genreautoren wahrgenommen zu werden, sondern als Schöpfer herausragender Literatur, die eine Bereicherung für jedes Literaturseminar an den Universitäten darstellen würde.

Eine kleine Anzahl von Literaturwissenschaftlern hat eine Debatte über die Bedeutung der Fantasy in Gang gebracht, und das Thema stößt in den USA auf deutlich lebhafteres Interesse als in Großbritannien. Im Folgenden werde ich einige Positionen zur phantastischen Literatur (dieser Begriff wird dem der ›Fantasy‹ vorgezogen) zusammenfassen.

In seinem grundlegenden Werk Einführung in die fantastische Literatur (1970) beschäftigt sich Tzvetan Todorov ernsthaft mit Fantasytexten, und zwar unter strukturalistischen Gesichtspunkten. Das Phantastische verortet er in der Unschlüssigkeit, mit der Leser solchen Texten begegnen. Diese Unschlüssigkeit ruft Verunsicherung und Furcht hervor. Darüber hinaus unterscheidet er zwischen zwei Spielarten des Phantastischen: das ›Wunderbare‹, bei dem das Magische und das Übernatürliche als alltäglich dargestellt werden, und das ›Unheimliche‹ (ein Begriff, der von Freud stammt), bei dem das Übernatürliche eine rationale Erklärung erhält. Er stellt fest, dass das Unheimliche im Vergleich zum Wunderbaren an Bedeutung gewonnen hat, da die Gesellschaft das Vorhandensein von Magie zunehmend in Zweifel gezogen und psychologischen Erklärungen, die sich auf das Unbewusste berufen, den Vorzug gegeben hat.

Todorovs Untersuchung ist vor allem deshalb brauchbar, weil er häufig anzutreffende Themen des Phantastischen herausarbeitet, beispielsweise Wahnsinn, Halluzinationen, Metamorphosen, Sexualität, Verlangen, Sadismus, Tod und Exzesse. Während seine bahnbrechende Studie einen nützlichen Ausgangspunkt für die Debatte darstellt, ist sie in ihren Definitionen und ihrer Textauswahl vergleichsweise eingeschränkt. Als Strukturalist ist Todorov lediglich daran interessiert, Bücher bestimmten Kategorien zuzuordnen, statt die einzelnen Texte einer Bewertung zu unterziehen.

In ihrem hervorragenden Buch Fantasy: The Literature of Subversion (1981) betrachtet Rosemary Jackson die Fantasy eher als eine literarische Methode denn als ein Genre. Ihre These lautet, dass die Fantasy durch ihre vordringliche Beschäftigung mit dem Verlangen, mit Sehnsüchten viele Tabuthemen aufgreift und dadurch an Subversivität gewinnt. Jackson argumentiert aus einer psychoanalytischen Perspektive heraus und zeigt, wie die Projektion des Verlangens die kulturelle Stabilität unterwandern kann. Fantasy unterläuft gesellschaftliche Konventionen, Lebensstile, Strukturen und Definitionen und schafft dadurch Texte, die den Leser aufrütteln und herausfordern. Schließlich dient die Fantasy dazu, einen ›Mangel‹ auszugleichen und das Verlangen des Individuums nach Freiheit zu befriedigen.

Jackson verortet die Fantasy zwischen dem Wunderbaren und dem Mimetischen und stellt fest, dass das Phantastische dem, was gemeinhin als Realität bezeichnet wird, nicht konträr gegenübersteht, sondern dass es in einer symbiotischen Beziehung mit der Realität verknüpft ist. Dafür prägt sie den nützlichen, wenn auch eigentlich sinnlosen Begriff ›Phantastischer Realismus‹.

Kathryn Hume betrachtet die Fantasy weniger als eine Methode, sondern als eine literarische Triebkraft, der ebenso große Bedeutung zukommt wie dem Realismus. In Fantasy and Mimesis (1984) hebt sie besonders die Ambiguität der Fantasy hervor und untersucht eine breite Auswahl von Texten, die sie vier Hauptkategorien zuordnet, die für jedes Studium der Fantasy von Nutzen sein können. Unter dem Begriff ›illusionäre Literatur‹ fasst sie den Eskapismus der heroischen Abenteuerliteratur, Komödien und selbst Pornografie. Mit ›visionärer Literatur‹ bezeichnet sie Werke der phantastischen Literatur, in denen neue und alternative Welten geschaffen werden. ›Revisionäre Literatur‹ benennt didaktische Utopien und Satiren. Unter ›disillusionärer Literatur‹ versteht Hume Texte, die mit Formen und Konventionen brechen. Diese Literatur wird manchmal auch als ›perspektivistisch‹ bezeichnet, da sie sich einer objektiven Interpretation entzieht und jedem Individuum eine subjektive Lesart eröffnet.

In The Failure of Theory (1987) schlägt Patrick Parrinder die Bezeichnung ›Zeitalter der Phantastik‹ als Alternative zu dem Begriff Postmoderne vor. Vieles von dem, was als postmoderne Literatur definiert wird, sei in Wirklichkeit Fantasy. Auf anschauliche Weise zeigt Parrinder, wie Fantasy in einer Welt, in der sich die Menschen »nach unmittelbarer Anteilnahme an einem Leben voller Tragik, Ehrenhaftigkeit, Heldentum und Leidenschaft sehnen«, der Literatur neue Impulse gegeben hat.

In seinem Buch Strategies of Fantasy (1992) bezeichnet Brian Attebery Fantasy als einen ›verschwommenen‹ Begriff (»fuzzy set«). Während die Science Fiction als Genre klar umrissen werden kann, ist die Fantasy nur schwer einzugrenzen und hat darunter gelitten, dass sie sich nicht ohne weiteres in die Literaturgeschichte einordnen lässt. Gerade ihr geheimnisvoller Charakter macht ihre Faszination aus und erschwert es den Akademikern zugleich, sie genau zu definieren. Dies ist wohl der Hauptgrund für ihre Marginalisierung.

In The Modern British Novel (1993) weist Malcolm Bradbury nach, wie die Fantasy die moderne Literatur Großbritanniens beeinflusst hat und liefert eine brauchbare Definition, die es wert ist, vollständig zitiert zu werden. »Fantasy ist eine Form der künstlerischen Auflösung, des Überschreitens der Grenzen von Alltäglichkeit und Identität, die einen Zugang zum Anderen ermöglicht, indem sie das Spiel unbewusster Kräfte zulässt und mitunter einen vollständigen Verlust von Ordnung und Bedeutung in der Literatur herbeiführt. Darüber hinaus hat Fantasy die Literatur Großbritanniens für Formen geöffnet, die jenseits des Realismus existieren, der den Rahmen des allgemeinen gesellschaftlichen Konsenses bildet.«

In Theorising the Fantastic (1996) spricht sich Lucie Armitt dafür aus, der Fantasy statt ihrer Ghettoisierung im Genre wieder Eingang in den literarischen Mainstream zu gewähren. Armitt betrachtet die Fantasy aus verschiedenen Blickwinkeln, darunter auch aus dem psychoanalytischen und dem feministischen, und ordnet sie in den entsprechenden Kontext ein. Sie weist unter anderem auch auf die Bedeutung der ›spielerischen‹ Komponente in der Fantasy hin, die sich in Intertextualität, Risikobereitschaft, Sinnenfreude, Tabubruch und Humor ausdrückt.

Die Bibel für Fantasyleser, die von John Clute und John Grant herausgegebene Encyclopedia of Fantasy (1997), enthält in erster Linie Informationen über Autoren, Filme und Themen, die mit Fantasy in Beziehung stehen, aber es gibt auch einen umfassenden Eintrag von John Clute, in dem die Fantasy definiert und ihre Strukturen untersucht werden (pf_rot.gif (839 Byte) siehe hier). In Übereinstimmung mit Attebery stellt Clute fest, dass »sich die Fantasy am besten durch normative und aussagekräftige Beispiele beschreiben und definieren lässt«, und genau das leistet die Enzyklopädie. Bedeutsam für die Fantasy ist das Konzept der ›Geschichte‹, wie es aller Erzählliteratur zugrunde liegt.

In den USA wird die Debatte vor allem im Journal of the Fantastic in the Arts weitergeführt, einer akademischen Zeitschrift, die sich mit Fantasy in Literatur, Kunst und anderen Medien auseinander setzt. In einem Interview hat Michael Moorcock mir gegenüber einmal einen interessanten Gedanken geäußert: »Ich glaube gar nicht, dass es tatsächlich so etwas wie Fantasy oder Science Fiction oder Kriminalliteratur gibt. Ich denke eher, es gibt bestimmte Autoren, die auf ihrem Gebiet besonders glänzen, und jedes dieser Gebiete bringt einige sehr gute Autoren hervor ... Ich hasse Genrebezeichnungen.« Vielleicht sollten wir uns von Genres lösen und einfach schriftstellerisches Können honorieren, ganz gleich in welcher Form es in Erscheinung tritt.

Der Literaturwissenschaft mangelt es an einer brauchbaren Terminologie für eine fruchtbringende Auseinandersetzung mit der Fantasy. Im Grunde benutzt sie das falsche Handwerkszeug. Ein Paradigmenwechsel ist von Nöten, im Zuge dessen Begriffe neu definiert und eine neue Perspektive eröffnet werden könnte. Bis heute wurde die Literatur stets aus einem realistischen Blickwinkel betrachtet und Texte unter dem Gesichtspunkt bewertet, wie wahrheitsgetreu und mimetisch sie sind. C. N. Manlove schreibt über das »schwer fassbare Wesen der Fantasy«, und gerade diese Eigenschaft ist es, die Fantasy so geheimnisvoll und faszinierend macht. Die Literaturwissenschaftler versuchen noch immer, das Undefinierbare zu definieren, und vielleicht wird dieses Vorhaben ergebnislos bleiben. Auf jeden Fall treten darin die Grenzen der Literaturwissenschaft zu Tage.

Die Literaturttheorie macht seit jeher den Literaturstudenten das Leben schwer und hat sich inzwischen zu einer eigenen Disziplin entwickelt. Dennoch handelt es sich dabei genau genommen nicht um ein eigenständiges Fach, denn es umfasst lediglich die kritische Beurteilung der Methoden der Literaturwissenschaft. Wir müssen zum Text selbst zurückkehren und uns wieder auf die Wunder der Vorstellungskraft und die aufregenden und inspirierenden Eigenschaften von Büchern besinnen. Wir müssen uns vor Augen halten, dass jeder Roman in einem Bezugsgefüge existiert und jede Interpretation subjektiv ist, und wir sollten Texte im Hinblick auf ihre individuellen Stärken hin untersuchen. Persönlich nehme ich einen perspektivistischen Standpunkt ein und schließe mich J. G. Ballard an, der uns daran erinnert, dass es »der Zweck jeder Literatur ist, zu provozieren, zu erfrischen, zu unterhalten, zu informieren, zu amüsieren und zu schockieren«. Diesen Zweck erfüllt die Fantasy in jeder Hinsicht.

© 2003 by Jeff Gardiner
Mit freundlicher Genehmigung des Autors (thanks, Jeff!)
Erstveröffentlichung im Januar 2003 in THE ALIEN ONLINE
Das englische Original dieses Textes finden Sie hier
Deutsche Übersetzung von Sara Schade • Lektorat: Hannes Riffel
© 2004 Sara Schade & Shayol Verlag

 
Jeff Gardiner ist der Autor von Age of Chaos: The Multiverse of Michael Moorcock (BFS, 2002) und zahlreichen weiteren Artikeln. Er liest seit mehr als zwanzig Jahren Fantasy und hat kürzlich seinen Master in moderner Literatur gemacht. Er arbeitet als freier Publizist und Teilzeit-Englischlehrer.
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Siehe auch
Die Definition der Fantasy
Die Definition der Science Fiction
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