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Die Tore zum Paradies • Folge 5

Der Schauerroman

Jeff Gardiner führt uns zu den dunklen, verschrobenen und doppeldeutigen Usprüngen der modernen Phantastik

Science Fiction
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In seinem 1853 erschienenen Aufsatz »The Stones of Venice« untersucht der Philosoph John Ruskin die Eigenschaften der gotischen Architektur, und einige der Begriffe, die er verwendet, sind auch für die phantastische Literatur von Bedeutung, so zum Beispiel »Wildheit«, »Wechselhaftigkeit« und das »Groteske«. Ruskin hebt besonders die überbordende Vorstellungskraft der gotischen Architekten hervor, die für ihn »voller wölfischem Leben, grimmig wie der Wind« und »wechselhaft wie die Wolken« ist. Er fährt fort mit der Feststellung, »dass wir sie dennoch hierfür nicht etwa verachten oder gering schätzen. Ganz im Gegenteil: Ich glaube, dass nachgerade diese Eigenschaft unsere tiefste Wertschätzung verdient.« Verwandlungen, Wahnvorstellungen, Irrsinn und Tabuthemen wie Gewalt, Sexualität und Tod sind wiederkehrende Sujets in der phantastischen Literatur, und nirgendwo werden sie mit größerer Lebendigkeit behandelt wie in der großen Texten der Schauerliteratur. Schauerromane (im Englischen »gothic romance«) werden heute in Universitätsseminaren unterrichtet und haben als bedeutende »Bewegung« in der westlichen Literatur Anerkennung gefunden. Viele der besten Horror- oder Fantasyromane werden heutzutage nur wahrgenommen, wenn sie mit dem Begriff »Schauerroman« belegt werden.

Die aufschlussreichsten Bücher zum Thema sind das zweibändige Werk von David Punter The Literature of Terror (1980, in einer erweiterten Ausgabe 1996) und Fred Bottings Gothic (1996). Für Botting ist der Schauerroman vor allem eine Literatur des »Übermaßes« und der »Grenzüberschreitungen«, wobei er zentrale Begriffe wie Dekadenz, Verlangen, Entfremdung und Doppeldeutigkeit in den Vordergrund stellt. Die Schauerliteratur ist subversiv und häufig mehrdeutig – Eigenschaften, die für die Betrachtung der phantastischen Literatur im Allgemeinen von großer Bedeutung sind. Ihre subversiven Eigenschaften sind der Grund, warum die phantastische Literatur als Kultliteratur marginalisiert wurde, und warum viele Leser froh sind, dass sie Teil einer Subkultur ist und nicht in den Mainstream aufgenommen wurde: Teil einer Subkultur zu sein, ist cool.

Mehrdeutigkeit wird von der Literaturwissenschaft häufig als eine negative Eigenschaft verstanden, als würde Ambivalenz auf einen schlechten Schreibstil oder mangelnde Kontrolle des Autors über seinen Text hinweisen. Ganz im Gegenteil – Romane, die offen bleiben und den Leser herausfordern, sind häufig poetischer und philosophischer, und sie verlangen mit Sicherheit nach einem kreativeren Leser. Jorge Luis Borges beispielsweise setzt Mehrdeutigkeit und Reichtum – in literarischer Hinsicht – gleich.

Der Begriff des »Erhabenen« ist ein Schlüsselkonzept in der Beschäftigung mit dem Schauerroman. Er verweist auf ein Gefühl der Ehrfurcht und des Schreckens angesichts der Kräfte der Natur und des Übernatürlichen. Viele Texte der Schauerliteratur kreisen um Widersprüche und Gegensätze; zum Beispiel Leben und Tod, Gut und Böse, Ordnung und Chaos, Vernunft und Magie, Qual und Verzückung. Die besten Schauerromane führen uns in den Bereich des Irrationalen: innerhalb der spirituellen Begrifflichkeit das Übernatürliche, innerhalb der psychologischen das »Es«. Die Schauerliteratur gewinnt ihre subversive und aufrüttelnde Kraft daraus, dass sie die Ängste und Gefahren offenlegt, die sich unter der Oberfläche von Zivilisation und Logik verbergen.

The Castle of Otranto (1764) von Horace Walpole wird gemeinhin als erster Schauerroman bezeichnet, und obwohl er einige stilistische Schwächen aufweist, ist er doch ein hervorragendes Melodrama voller Geister, düsterer Verliese und Gewaltausbrüche vor einem mittelalterlichen Hintergrund. Der Roman erzählt eine gruselige Geschichte mit stereotypisierten feudalen Figuren, die in einer Welt des heidnischen Aberglaubens leben. Die großzügige Verwendung übernatürlicher Paraphernalia und unerklärlicher Geräusche in der Dunkelheit kommt uns heute wie ein Klischee vor, und in seinem Vorwort bekennt Walpole sich denn auch zum Einfluss Shakespeares. Die Erzählung schreitet in rasantem Tempo voran, die Ereignisse werden nur recht knapp beschrieben: »In diesem Augenblick gab das Porträt seines Großvaters, das über der Bank hing, auf der sie gesessen hatten, ein tiefes Seufzen von sich, während sich seine Brust hob und senkte.« Am Ende des Romans wird die aristokratische Gesellschaftsordnung wiederhergestellt, und wenn Walpole überhaupt didaktische Absichten gehabt hat, dann höchstens, dass er die Vorzüge des Zeitalters der Aufklärung gegenüber einer barbarischen Vergangenheit hervorheben und uns davor warnen wollte, in sie zurückzukehren (ganz im Gegensatz zu Walter Scotts späteren romantischen Vorlieben).

Ein weitaus besserer Schauerroman ist William Beckfords Vathek (1782), eine erschütternd unverblümte und gewalttätige orientalische Lastergeschichte, die mit der eher überflüssigen Bestrafung des Bösewichts endet, dem sie ihren Namen verdankt. Aus zeitgenössischer Sicht vielleicht noch skandalöser war Matthew Lewis‘ The Monk (1796), eine tückische Geschichte über das Böse, das die Unschuld verführt und zerstört. Wie Beckford enthält auch Lewis sich jeden moralischen Urteils und zieht es stattdessen vor, den Leser aufzuschrecken und zu schockieren. Hier ein kurzes Beispiel: »Unzählige Insekten ... tranken von dem Blut, das aus Ambrosios Verletzungen tröpfelte; ... und sie ließen sich auf seinen Wunden nieder, bohrten ihre Stachel in seinen Körper, bedeckten ihn in Scharen und erlegten ihm die außerordentlichsten und unerträglichsten Qualen auf.« Die Geschichte des Mönchs dreht sich um Vergewaltigung, Inzest und Mord, und beide Romane werden häufig als die ersten wirklichen Horrorromane bezeichnet.

In den 1790ern brachte es Ann Radcliffe mit ihren langen, verschlungenen Romanen und ihrer eher einfach gestrickten Vorstellung vom Verhältnis zwischen Gut und Böse zu einigem Erfolg. Sie neigte meist dazu, die Quellen des Bösen zu rationalisieren und entmystifizieren und ihren Ursprung auf Institutionen wie die spanische Inquisition zurückzuführen. Um die Jahrhundertwende versetzte das Triumvirat der romantischen Dichter Byron, Shelley und Keats die Welt mit ihren Schauergedichten in Entzücken, und ihre Abenteuer in der Villa Diodati inspirierten Mary Shelley dazu, den Roman Frankenstein (1818) zu verfassen, den Brian Aldiss als den ersten Science-Fiction-Roman überhaupt bezeichnet. Shelleys großartige Geschichte über Vereinsamung kann als Kritik an der Wissenschaft, der Familie, dem Rechtssystem und den politischen Verhältnissen ihrer Zeit verstanden werden. Shelleys Mutter war eine frühe Feministin und ihr Vater ein Anarchist. Das verstörendste Element des Romans ist die Art und Weise, wie die Autorin das Monster als eine sympathische und tragische Figur gestaltet, während Frankenstein selbst eher als Ungeheuer erscheint als der »Dämon«, den er geschaffen hat: Er wird ein Opfer der eigenen Anmaßung. Die Struktur des Romans ist fragmentiert, er wird in Briefen und Geschichten innerhalb von Geschichten erzählt, bis sich der Leser vollkommen in der komplexen Erzählung verloren hat, als seien auch wir vom Übereifer erfasst und würden den Verstand verlieren. Das Ende ist bewusst mehrdeutig gehalten und widersetzt sich einer Auflösung. Frankenstein ist ein moderner, zeitloser Mythos, der auch im 21. Jahrhundert außerordentliche Relevanz behält.

Vielleicht der ultimative Schauerroman ist Charles Maturins Meisterwerk Melmoth the Wanderer (1820). Der gesamte Text verbreitet eine Atmosphäre des Unheilvollen und der Klaustrophobie, von Qual, Entfremdung und Paranoia. Als irischer Protestant war es Maturins Anliegen, die Tyrannei des Katholizismus anzuprangern und die Methoden der spanischen Inquisition und anderer obskurer religiöser Bruderschaften bloßzustellen. Melmoth liest sich zuweilen etwas schwierig, mit seinen komplexen, ineinander verschlungenen Erzählsträngen, doch der Roman ist eine eindringliche und kraftvolle Darstellung von Leiden und Schuld. Ein Teil des Buches spielt in einem Kloster und deckt Stück für Stück die grausame Verschwörung eines Geheimbundes auf, der beabsichtigt, einen jungen Mönch zu foltern, dessen einziges Verbrechen darin besteht, dass er in der Nacht Stimmen hört. »Ich erhob mich von meinem Stuhl – dann lehnte ich mich keuchend dagegen. ›Mein Gott!‹, sagte ich. ›Wofür all diese schrecklichen Vorbereitungen? Wessen bin ich schuldig? ... Warum sagt man mir nicht, was man mir vorwirft?‹« Die Hauptfigur, der Ewige Jude, muss Wahnsinn, Furcht, Mitleid, Neid, Hass und den Verlust der Liebe erleiden.

Inzwischen hatte die schauerliche Empfindsamkeit auch nordamerikanische Autoren wie Nathaniel Hawthorne und Herman Melville dazu veranlasst, Geistergeschichten zu schreiben; noch kompromissloser waren jedoch die grotesken und psychologischen Erzählungen Edgar Allen Poes. In Großbritannien verwendeten Charles Dickens, Wilkie Collins und die Brontë-Schwestern Elemente des Schauerromans in ihren heute klassischen Romanen wie Great Expectations (Dickens) und Wuthering Heights (Emily Brontë). 1886 verfasste Robert Louis Stevenson die große Erzählung der Doppeldeutigkeit: The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde. In Stevensons Kurzroman erweist sich ein »affenähnlicher« Mörder als das böse Alter Ego bzw. als Doppelgänger eines ehrbaren, gelehrten Gentleman. Der Roman wirft Fragen über Identität und das ›Ich‹ auf, aber noch erschreckender ist, dass Dr. Jekyll die Freuden eines hedonistischen, chaotischen Lebensstils zu schätzen lernt. Der Leser fühlt sich abgestoßen von dem Bild des »Tieres in meinem Inneren, das sich die Lefzen meiner Erinnerung leckt«; Darwins bahnbrechende und – damals – ketzerische Theorien hatten endlich ihren künstlerischen Ausdruck gefunden. Hyde stellt eine Regression in der Evolution dar, der uns zeigen soll, dass auch Menschen nur Tiere mit brutalen Instinkten sind. Freud war seinerzeit mit der Warnung an die Öffentlichkeit getreten, dass eine latente Unterdrückung der Libido Neurosen und heftige Frustrationen hervorrufen kann, und hier erschien ein Buch, das diesen neuen Erkenntnissen Ausdruck zu verleihen schien. Henry Jekyll gelangt zu der Einsicht, dass »in allen menschlichen Wesen, denen wir begegnen, das Gute und das Böse Seite an Seite leben«. Dieses Thema sollte später von anderen Autoren wie Joseph Conrad oder William Golding weiterentwickelt werden.

Die Ikonographie des Bösen fand ihr großartigstes Symbol im Vampir, insbesondere in Bram Stokers Dracula (1897), ein elegantes und makabres Werk, dem wir einen Ehrfurcht gebietenden Archetypus verdanken, der Eingang in unser kollektives Unbewusstes gefunden hat und zu einem zeitgenössischen Mythos geworden ist und dessen Einfluss dem der klassischen Mythen gleichkommt. Moderne Kritiker haben sich mit der Fremdenfeindlichkeit des Romans beschäftigt und mit dem Biss des Vampirs als Metapher für die sexuelle Penetration. Neurosen und Paranoia haben die Autoren phantastischer Literatur seit jeher fasziniert, und Henry James hat der Geistergeschichte mit seiner viel zitierten Novelle »The Turn of the Screw« eine neue Dimension verliehen. Die Mehrdeutigkeit dieser Geschichte kommt durch die unzuverlässige Erzählerin zustande, die möglicherweise lügt oder sich selbst etwas vormacht. Franz Kafka hat in den 20er Jahren die Paranoia und Klaustrophobie auf die Spitze getrieben. Seine politischen Verschwörungen schaffen existenzielle Albträume für das Individuum, das psychologischer Folter unterzogen wird.

Zu den Autoren des 20. Jahrhunderts, die die Techniken des Schauerromans am wirkungsvollsten angewendet haben, gehören – unter anderen – Mervyn Peake, dessen meisterhafte Gormenghast-Trilogie sich durch einen humorvollen Erzählstil und eine barocke Sprache auszeichnet; Angela Carter, deren postmoderne Neuerzählungen klassischer Märchen vorgefasste Meinungen in Frage stellen und genauso Furcht erregend sind wie jeder moderne Horrorroman; und Anne Rice, deren Vampirromane epische Ausmaße annehmen und durch ihre farbenprächtige Erzählweise überzeugen. Der Schauerroman stellt natürlich den Ausgangspunkt der modernen Horrorliteratur dar, und seine Einflüsse sind zum Beispiel in der US-amerikanischen urbanen Schauerliteratur Stephen Kings deutlich erkennbar. Im zweiten Band von The Literature of Terror verweist David Punter zudem auf die Graphic Novels von Alan Moore und Neil Gaiman.

In der Welt des Films hat der Schauerroman zu unzähligen Adaptionen Anlass gegeben, in denen einige der bekanntesten Konventionen der filmischen Erzähltechnik geschaffen wurden. Nosferatu (1920), Psycho (1960), Der Exorzist (1971) und Blade Runner (1982) sind herausragende Filmkunstwerke, die sich der Tropen, Themen, Bilder und Atmosphäre des Schauerromans bedienen. In der Musik wären Heavy-Metal-Bands wie Black Sabbath oder Post-Punkbands wie Bauhaus zu nennen, deren Lieder, Texte und Bilder von der Schauerliteratur beeinflusst wurden und die ihrerseits großen Einfluss auf Gothic Bands wie The Sisters of Mercy und The Fields of the Nephilim ausübten.

Der Schauerroman wird auch weiterhin seine Spuren in der zeitgenössischen Kultur hinterlassen, denn die Menschen werden immer nach dem Furchterregenden, dem Wundersamen und nach Herausforderungen suchen. Der Wunsch nach subversiven Künstlern wird immer bestehen, und wir sollten weiterhin beständig Grenzen überschreiten und Konventionen aufbrechen. Philosophen und Theologen werden auch in Zukunft über den Ursprung des Bösen debattieren, und Psychologen werden die inneren Zusammenhänge des menschlichen Geistes erforschen. Die Schauerliteratur beschäftigt sich mit großen Themen, die das Individuum und die Gesellschaft betreffen. Es ist stets die Rolle der Religion gewesen, die Welt des Übernatürlichen zu erklären. Heutzutage hat jedoch die Religion der westlichen Welt – oder zumindest ihre Sprache – ihren Ursprung in der Psychoanalyse, die uns lehrt, dass wir uns unseren Ängsten und Sehnsüchten stellen müssen. Und eben das ist die Funktion der Schauerliteratur.

© 2003 by Jeff Gardiner
Mit freundlicher Genehmigung des Autors (thanks, Jeff!)
Erstveröffentlichung im Februar 2003 in THE ALIEN ONLINE
Das englische Original dieses Textes finden Sie hier
Deutsche Übersetzung von Sara Schade • Lektorat: Hannes Riffel
© 2005 Sara Schade & SHAYOL.NET

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Jeff Gardiner ist der Autor von Age of Chaos: The Multiverse of Michael Moorcock (BFS, 2002) und zahlreichen weiteren Artikeln. Er liest seit mehr als zwanzig Jahren Fantasy und hat kürzlich seinen Master in moderner Literatur gemacht. Er arbeitet als freier Publizist und Teilzeit-Englischlehrer.
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Siehe auch
Die Definition der Fantasy
Die Definition der Science Fiction
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