Teil 2 von 3 
Zu meiner Erleichterung erwiesen sich Late Storm und Fair Breeze als recht angenehme
Passagiere. Übrigens sind ihre Namen stark vereinfachte Übersetzungen aus dem
Kaylonischen, die sehr detailliert die klimatischen Bedingungen zum Zeitpunkt ihrer Geburt
beschreiben. Die beiden waren äußerst anpassungsfähig und rücksichtsvoll und nahmen
nicht den geringsten Anstoß daran, daß ich mich splitternackt in der Schwerelosigkeit
des Überlichtfluges aalte. Wahrscheinlich war mein völlig unbehaarter Körper für sie
genauso unerotisch wie ihr zottiger Pelz für mich. Sie baten nur darum, daß ich ihre
gemeinsame Kabine als Privatsphäre respektierte, was mir keinerlei Schwierigkeiten
bereitete. Es hätte mich schon interessiert, was das Pärchen hinter der verschlossenen
Tür trieb, aber ich erhielt den deutlichen Eindruck, daß es ihnen überhaupt nicht
gefallen hätte, dabei gestört zu werden.
Ansonsten waren die beiden sehr gebildete Personen, und wir verbrachten viele Stunden
damit, uns gegenseitig mit den Eigenarten von Kaylonern und Menschen beziehungsweise
Arkadiern vertraut zu machen. Natürlich legte ich großen Wert darauf, mich von
gewöhnlichen Erdenmenschen zu distanzieren. Schließlich wollte ich nicht für künftige
Mißverständnisse verantwortlich sein, wenn die Kayloner von mir auf die Bewohner des
Planeten Erde schlossen.
Storm und Breeze hatten sich in den vergangenen Wochen mit verschiedenen irdischen
Fachleuten getroffen, um über soziologische Modelle zu diskutieren, mit denen die
Kayloner möglicherweise ihre vielen Probleme in den Griff bekommen konnten. Wie Sie
vielleicht wissen, hat dieses merkwürdige Völkchen in den letzten Jahrzehnten eine sehr
wechselhafte Geschichte durchlebt. Zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung vor knapp einhundert
Jahren streiften nur wenige von ihnen als steinzeitliche Jäger und Sammler durch die
Eissteppen von Kaylo. Das irdische Erkundungsraumschiff hätte den unscheinbaren,
trostlosen Planeten damals beinahe übersehen. Als man beschloß, die Kayloner an den
Segnungen der Zivilisation teilhaben zu lassen, fiel ihnen nichts Besseres ein, als ihre
neugewonnenen Kenntnisse zur Herstellung möglichst gemeiner und tödlicher Waffen zu
verwenden, mit denen sie sich beinahe an den Rand der Ausrottung brachten.
Dieser Krieg tobte fast ein ganzes Jahrzehnt, bis es den terranischen Diplomaten
gelang, die Kayloner zur Vernunft zu bringen. Seitdem setzen sie ihre Waffen gegen die
aggressive Tierwelt von Kaylo ein, bauen feste Häuser statt Festungen und treiben Handel
statt Krieg. Doch schon bald schlug das Pendel zur anderen Seite aus. Denn zum Ausgleich
für die rauhen und unerbittlichen Lebensbedingungen ihres Heimatplaneten wurden die
Kayloner von der Natur mit einer phänomenalen Fruchtbarkeit ausgestattet. Bereits nach
dreißig Jahren hatte die Bevölkerung wieder ihren früheren Stand erreicht. Und weitere
dreißig Jahre später hatten die Kayloner ein neues Problem, nämlich zu viele Kayloner.
Unter der Last des schlechten Gewissens versuchte die irdische Regierung mehrfach, dem
Planeten großzügige Hilfsprogramme aufzudrängen, die entweder bereits im Ansatz
scheiterten oder von den Kaylonern als unrealistisch abgelehnt wurden. Mir wurde
allmählich klar, daß es noch lange dauern würde, bis ihre Gesellschaft den Sprung von
der Steinzeit ins Raumfahrtzeitalter vollzogen hatte.
Irgendwann kam natürlich auch die Geschichte zur Sprache, wie vor etwa siebzig Jahren
die kaylonische Botschafterin bei ihrem ersten Besuch auf der Erde einen Tobsuchtsanfall
erlitt, als man ihr neben anderen irdischen Speisen und Getränken auch ein Glas
Orangensaft vorsetzte. Die späteren Äußerungen der Botschafterin liefen darauf hinaus,
daß es sich für kaylonische Riechorgane um einen absolut widerwärtigen Gestank handeln
mußte. Genaueres war nicht bekannt, und auch meine beiden Gäste hatten natürlich keine
Ahnung, wie Orangen für sie rochen, da sie selbstredend niemals damit in Berührung
gekommen waren.
Die Tatsache, daß sich nur wenige Dutzend Meter hinter dem kugelförmigen Wohnbereich
der Darling tonnenweise frische Orangen für die ausgehungerten Siedler von New
Terra stapelten, verursachte den beiden bestimmt das kaylonische Äquivalent einer
Gänsehaut, aber sie waren durchaus dazu in der Lage, diese unheimliche Vorstellung mit
kleinen Scherzen zu überspielen.
Eines Abends - natürlich halte ich an Bord der Darling einen gewohnten
arkadischen Tag- und Nachtrhythmus ein, dem sich meine Gäste mühelos anpaßten - eines
Abends also hatte ich routinemäßig die Kontrollzentrale aufgesucht, um mich persönlich
davon zu überzeugen, daß in technischer Hinsicht alles seinen gewohnten Gang ging. Ich
hatte wieder einmal eine angeregte Diskussion mit Darling - so nenne ich auch den
Bordcomputer und die »Seele« meines Schiffes - weil sie mir zu diesen Anlässen
regelmäßig vorwirft, ich würde ihren Fähigkeiten nicht genügend Vertrauen
entgegenbringen. Ich arbeite im allgemeinen viel lieber mit organischen Computern als mit
reinen Blechkisten, aber die Vorteile werden manchmal dadurch aufgewogen, daß der Umgang
mit ihnen wesentlich mehr Geduld und Einfühlungsvermögen erfordert.
Nachdem die unvermeidlichen Diskussionen ausgestanden und meine Checks abgeschlossen
waren, machte ich mich auf den Weg zu meiner Kabine, um noch etwas zu lesen und dann zu
schlafen. Als ich durch den Hauptkorridor des Wohnbereichs schwebte und dabei auch an der
Kabine der beiden Kayloner vorbeikam, hätte ich mir plötzlich vor Schreck beinahe in die
Hose gemacht - wenn ich eine Hose getragen hätte.
Denn durch die nicht ganz luftdicht verschlossenen Ritzen der Kabinentür drang eine
intensive Duftmischung hervor. Der Geruch nach kaylonischem Zottelfell, den ich
normalerweise kaum noch wahrnahm, war beißend wie pures Ammoniak geworden, doch
wesentlich beunruhigender war die zweite Note - denn es handelte sich unverkennbar um den
Duft von frischen Orangen! Gleichzeitig hörte ich undefinierbare Geräusche aus der
Kabine - ein abgehacktes Zischen und dumpfe Stöße.
Meine Panik wuchs ins Unermeßliche. Hätte ich mich nur nicht breitschlagen lassen,
Kayloner in meinem Schiff mitzunehmen! Kayloner und Orangen - das konnte einfach nicht
gutgehen! Ich hatte keine Ahnung, wie es hatte passieren können, aber jetzt war es
passiert! Die Katastrophe war eingetreten - und das Schlimmste war, daß ich sie geradezu
herausgefordert hatte!
In diesen Sekundenbruchteilen gingen mir die schrecklichsten Vorstellungen durch den
Kopf, während ich hektisch in der Schwerelosigkeit herumstrampelte, um meinen Flug durch
den Korridor zu stoppen. Endlich hatte ich es geschafft, die Kabinentür zu erreichen, und
hämmerte verzweifelt auf den Öffnungskopf an der Wand.
»Gib die Sperre frei, Darling!« schrie ich verzweifelt. »Das ist ein Notfall,
verdammt nochmal!«
Darling mußte sofort begriffen haben, daß ich es ernst meinte, den sie
verzichtete sogar auf ihren obligatorischen Kommentar, als sie die Tür entriegelte.
Ich zog mich am Türrahmen in die Gästekabine und war zumindest wieder soweit bei
Verstand, mir zunächst einen Überblick zu verschaffen, bevor ich etwas Unbedachtes
unternahm.
Im Gegensatz zu meiner ersten hektischen Reaktion schien der nun folgende Augenblick
eine halbe Ewigkeit zu dauern. Ich brauchte wirklich sehr lange, bis ich begriff, was hier
vor sich ging. Wenn ich daran zurückdenke, weiß ich immer noch nicht, ob ich mich
darüber kaputtlachen soll oder ob mir die Schamesröte ins Gesicht steigen müßte - auch
wenn meine Freunde von der Erde behaupten, ich wäre zu einer solchen Reaktion überhaupt
nicht fähig.
Was ich in der
Kabine der Kayloner vorfand, war zunächst einmal - keine einzige Orange. Storm und Breeze
hatten sich nicht heimlich Zugang zu den Frachträumen verschafft, sie waren nicht von
einer perversen Neugier auf den geheimnisumwitterten Orangengeruch getrieben worden und
wider besseres Wissen in ihr Verderben gerannt. Und es hatte sich auch keine einzige
Orange auf anderen unerfindlichen Wegen in die Kabine der Kayloner verirrt, um hier Chaos
und Verwirrung zu stiften. Was ich vorfand, waren einige halb ausgepackte Gepäckstücke
und die zwei Kayloner - mehr nicht.
Aber diese zwei Kayloner befanden sich tatsächlich in äußerst aufgeregter Stimmung -
oder in erregter Stimmung, wie ich wohl besser sagen sollte. Sie umklammerten sich
mit ihren sechs Gliedmaßen, ihre Atemlamellen gaben zischende Geräusche von sich, und
sie schienen alles um sich herum vergessen zu haben. Wenn ich in diesem Augenblick nicht
einen leisen, aber deutlich hörbaren Schrei der Überraschung ausgestoßen hätte, wäre
es vermutlich dabei geblieben. Aber so ruckten die Augenstiele der beiden plötzlich zu
mir herum, und jetzt waren sie es, die ein entsetztes Geschrei ausstießen.
Nun gab es nichts mehr zu beschönigen oder unter den Teppich zu kehren: Ich hatte die
beiden beim Sex überrascht. Sie strampelten und versuchten sich voneinander zu lösen,
was in der Schwerelosigkeit nicht so einfach war. Aber ich sah deutlich, wie der Kayloner
einen orangefarbenen Rüssel aus einem ähnlichen, aber kürzeren und dickeren Organ
seiner Partnerin zog, worauf diese beiden Gebilde zusehends schrumpften und wieder unter
dem Pelz des Oberkörpers verschwanden, wo sie normalerweise ihr verborgenes Dasein
führten. Zumindest ging ich in diesem Augenblick davon aus, daß das Verhältnis zwischen
Männlein und Weiblein bei den Kaylonern genauso wie bei den meisten Völkern des
bekannten Weltraums geregelt war - was sich im übrigen später bestätigte.
Ein Punkt, der mich immer noch maßlos irritierte, war der intensive Geruch nach
Orangen, der die Kabine erfüllte.
»Was erlauben Sie sich!« brüllte der Kayloner, bevor ich weiter darüber nachdenken
konnte. »Verlassen Sie sofort unsere Kabine!«
»Entschuldigen Sie, aber ...« Mehr fiel mir im Augenblick nicht ein, da ich wirklich
keine Ahnung hatte, was ich dazu sagen sollte.
»Wir hatten Sie ausdrücklich darum gebeten, unsere Privatsphäre zu respektieren!«
sagte die Kaylonerin pikiert.
Sie werden es vielleicht nicht glauben, aber mir fehlten immer noch die Worte.
»Das wird Folgen haben!« drohte der Kayloner. »Ich werde ...«
»Einen Augenblick, bitte«, sagte seine Partnerin. »Wir sollten keine voreiligen
Schlüsse ziehen. Vielleicht hat Mrs. Greedy eine Erklärung für ihr Verhalten.«
Diese Äußerung war ein deutliches Indiz, daß auch bei den Kaylonern die Frauen
wesentlich vernunftbegabter als die Männer sind.
»Eigentlich dachte ich, daß Sie mir eine Erklärung geben könnten«, erwiderte ich.
»Wie darf ich das verstehen?« fragte der Kayloner.
»Sie scheinen wirklich keine Ahnung zu haben«, sagte ich, während mir allmählich
die Zusammenhänge klar wurden - vor allem, nachdem der Orangenduft in der Kabine
allmählich schwächer geworden war.
»Wir werden die Sache jetzt ein für allemal klären«, sagte ich entschieden.
»Sobald ich zurück bin. Es wird nur ein paar Minuten dauern.«
»Was haben Sie vor?« fragte die Kaylonerin irritiert.
»Warten Sies einfach ab!«
*
Weiter im Teil 3
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