Teil 3 von 3 
Schließlich kehrte ich mit einem kleinen Behälter in der Hand durch die mehrfach
gesicherten Schleusen aus dem Frachtraum der Darling zurück. Die Tür zur Kabine
der Kayloner stand immer noch offen, und die beiden diskutierten aufgeregt in ihrer
Sprache, als ich vorsichtshaber an den offenen Türrahmen klopfte und anfragte, ob ich
noch einmal ihre Privatsphäre verletzen dürfte.
»Ja, sicher«, sagte die Kaylonerin. »Mrs. Greedy, wir sind uns bewußt, daß es in
der Vergangenheit immer wieder zu unangenehmen Mißverständnissen zwischen unseren
Völkern gekommen ist. Trotzdem müssen wir darauf bestehen, daß Sie uns den Grund für
ihr Verhalten nennen, das wir als äußerst ... impertinent empfinden, wie Sie
vielleicht verstehen können.«
»Ich habe durchaus Verständnis für Ihre Reaktion, aber wie ich Ihnen angekündigt
habe, dürfte sich das Mißverständnis in Kürze aufklären«, erwiderte ich und ließ
den Behälter, den ich mitgebracht hatte, zwischen uns dreien in der Schwerelosigkeiten
hängen.
»Was ist das?« wollte Storm wissen.
Ich atmete einmal tief durch. »Das ist ein luftdicht versiegelter Kleincontainer«,
erklärte ich, »in dem sich eine Orange befindet.«
»Wie bitte?« rief Breeze entsetzt. »Was hat das zu bedeuten?«
»Ich weiß, daß ich ein gewisses Risiko eingehe. Ich habe keine Ahnung, was geschehen
wird, wenn ich diesen Behälter öffne. Aber ich möchte es trotzdem tun.«
»Was versprechen Sie sich davon?« fragte Breeze.
»Es hat wenig Sinn, wenn ich es Ihnen mit Worten erkläre«, sagte ich, »deshalb
möchte ich es einfach darauf ankommen lassen. Sind Sie bereit?«
Die beiden wirkten unsicher
und besprachen sich kurz. Schließlich wandten sie sich wieder mir zu. »Wir vertrauen
darauf, daß Sie sicherlich nicht wissentlich unvernünftig handeln würden. Und wir gehen
davon aus, daß uns dieses pflanzliche Produkt von der Erde zumindest keine unmittelbaren
körperlichen Schäden verursacht.«
»Das hoffe ich auch«, sagte ich und meinte es wirklich so.
Dann griff ich wieder nach dem Container, der inzwischen ein wenig zur Seite gedriftet
war, und legte meinen Daumen auf den Öffnungsmechanismus. Ich zählte stumm bis zehn, um
die Spannung ein wenig zu steigern, und drückte dann auf den Knopf.
Mit einem leisen Plopp sprang der Verschluß des Containers auf. Ich zog ihn
vorsichtig weg, so daß nun das frische, saftige Prachtexemplar einer terranischen Orange
zwischen uns im Raum schwebte.
Storm und Breeze hatten instinktiv ihre Riechlamellen verschlossen, bevor ich den
Druckknopf betätigt hatte. Nun bildeten sich winzige Schlitze in den Lamellen, die sich
kaum merklich erweiterten, während ich gespannt auf die Reaktion der beiden wartete.
Zunächst einmal wäre festzuhalten, daß sie sehr unterschiedlich reagierten. -
Inzwischen hatte ich einiges über kaylonische Gestik und Mimik gelernt, so daß ich die
Bewegungen ihrer Kopforgane recht gut deuten konnte.
Wenn ich es in menschliche Mimik übersetzen soll, würde ich sagen, daß Breeze
zunächst die Stirn runzelte. Dann riß sie fassungslos die Augen auf, während sich ihr
Mund vor Ekel und Widerwillen verzog.
Storms Reaktionen waren nicht so einfach zu deuten, aber ich kann mit ziemlicher
Gewißheit behaupten, daß nach der anfänglichen Verwirrung ein verzückter Ausdruck in
seine Augen trat, bis ein geradezu seliges Lächeln seine imaginären Lippen umspielte.
Während Breeze langsam von uns wegtrieb, griff Storm plötzlich nach der Orange -
geradezu gierig, wie ich hinzufügen möchte. Er hielt sie vor seine Riechlamellen und sog
genießerisch ihren Duft ein.
»Late Storm!« schrie Fair Breeze entsetzt, worauf er einen Augenstiel zu ihr
herumdrehte und mit dem anderen die Orange aus größerer Entfernung betrachtete. Der
erste Augenstiel wandte sich abwechselnd der Frucht und seiner Partnerin zu, bis er sich
wieder ganz auf das begehrenswerte Objekt in seinen Händen konzentrierte.
Dann schrie Breeze vor Entsetzen auf, als Storm plötzlich mit einem heftigen Ruck die
Frucht auseinanderriß. Die Safttropfen trieben in alle Richtungen davon, während er sich
je eine Hälfte der Orange an die Riechlamellen drückte.
Gleichzeitig konnte ich beobachten, wie sich das Fell an der bewußten Stelle auf
seinem Oberkörper teilte und sein Rüssel erneut zum Vorschein kam.
»Storm, nein ...!« protestierte seine Partnerin, doch der Kayloner ließ sich davon
nicht im geringsten beeindrucken. Seine Lamellen zogen sich zusammen, bis sein Atem mit
zischenden Geräuschen hindurchging, während sein Rüssel krampfhaft zuckte.
Ich konnte nicht anders, ich starrte nur noch wie gebannt auf das Organ. Keine zehn
Raumkreuzer hätten mich von diesem faszinierenden biologischen Vorgang weggebracht.
Dann schrien Fair Breeze und ich gleichzeitig auf, als der zuckende Rüssel plötzlich
eine zähflüssige, gelbliche Masse abfeuerte - der ich im letzten Moment mit einem
geschickten Salto ausweichen konnte, so daß die Suppe klatschend an der Wand landete.
Late Storm kam allmählich wieder zu Bewußtsein und blickte sich verwirrt um - zuerst
auf die davontreibenden Orangenhälften, dann auf Fair Breeze und schließlich auf mich.
»Jetzt verstehe ich ...« sagte er leise.
»Ich auch«, sagte ich.
Fair Breeze sagte nichts.
*
Zunächst einmal stand fest, daß wir einem unglaublichen Zufall der interstellaren
Evolutionsgeschichte auf die Spur gekommen waren. Anders läßt es nicht erklären, daß
der typische Geruch einer speziellen Frucht vom Planeten Erde chemisch nahezu identisch
mit dem weiblichen Sexualduft einer intelligenten Spezies vom Planeten Kaylo ist. Nachdem
sie ihren anfänglichen Schock überwunden hatten, waren Fair Breeze und Late Storm nun
genauso an einer detaillierteren Klärung der Zusammenhänge interessiert wie ich. Aber es
fiel ihnen sichtlich schwer, sozusagen ohne Blatt vor den Lamellen zu sprechen.
Im Gegensatz zu Menschen reagieren die Kayloner in sexueller Hinsicht überhaupt nicht
auf optische Reize - was offenbar damit zusammenhängt, daß sich die beiden Geschlechter
äußerlich fast gar nicht voneinander unterscheiden. Wenn sich ihre Sexualorgane in
Ruhestellung befinden, ist dem Brustfell nicht anzusehen, ob sich Männlein oder Weiblein
darunter verbirgt. Die Kayloner jedoch wittern sofort, wen sie vor sich haben. Die Männer
müffeln ständig vor sich hin, um ähnlich wie ihre Kollegen von der Erde zu
signalisieren, daß sie zum Zeugungsakt bereit sind. Die Frauen hingegen haben nur dann
Lust auf Männer, wenn sie im Abstand von etwa zwei Monaten ihren Eisprung bekommen. Und
genau dann sondern sie ihren Orangenduft ab.
Wenn ein Kayloner eine empfängnisbereite Kaylonerin wittert, verliert er den Verstand.
Er kann nicht anders, er muß sie unverzüglich beglücken. Wenn mehrere Männer in der
Nähe sind, kommt es natürlich zu gewissen Rangeleien, aber irgendeiner setzt sich
schließlich durch. Der Frau ist es im Grunde ziemlich egal, von wem sie besprungen wird.
Hauptsache, der Kerl müffelt gut und bringt sie damit in Stimmung. Und wenn die beiden
bei der Sache sind, kann sie nichts oder höchstens ein schwerer Schock von ihrem Tun
abbringen - zum Beispiel wenn ich unverhofft auf der Bildfläche erscheine.
Und genau das ist das große Problem der Kayloner. Menschen sind grundsätzlich in der
Lage, ihre Triebe zu beherrschen, auch wenn es ihnen manchmal schwer fällt. Kayloner
können das nicht. Sobald die verlockenden Düfte ihre Wirkung entfalten, gibt es kein
Zurück mehr. Und deshalb verpufft jeder Appell zur Geburtenkontrolle ohne die geringste
Wirkung.
Zwischen Zeugung und Geburt vergehen bei den Kaylonern im Schnitt elf Monate. Aber die
Natur hat durch einen weiteren Trick dafür gesorgt, daß diese Zeitspanne keineswegs
ungenutzt verstreicht. Denn die Kaylonerinnen sind nicht nur ständig, sondern auch
mehrfach schwanger. In ihrem Fortpflanzungtrakt befinden sich stets mehrere Embryonen in
unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Dieser Trakt beginnt im Brustbereich, wo die
Befruchtung stattfindet, dann wandern die künftigen Kayloner immer weiter nach hinten, wo
sie schließlich das Licht ihrer Welt erblicken. Das bedeutet, daß eine Kaylonerin pro
Erdenjahr mühelos ein halbes Dutzend Kinder bekommen kann.
Glauben Sie mir bitte, was ich Ihnen hier so beiläufig erzähle, habe ich den beiden
Kaylonern in langer und mühsamer Arbeit aus den Sprechlamellen gezogen. Ihre Bereitschaft
zu sexuellen Aktivitäten steht im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Bereitschaft, darüber
zu reden. Ich bin überzeugt, daß sämtliche terranischen Xenobiologen mir die Füße
oder sonstwas geküßt hätten, um dabeisein zu dürfen.
Der neue Ansatz zur Lösung all dieser Probleme entwickelte sich erst im weiteren
Verlauf unserer Gespräche. Ich glaube, Late Storm war der erste, der die Möglichkeiten
erkannte, die in der Orange stecken. Fair Breeze war zunächst entsetzt, aber schließlich
mußte sie widerstrebend einsehen, daß eine sinnvolle Bevölkerungskontrolle wichtiger
als Prüderie ist.
Dazu sollte man sich einmal in allen Konsequenzen veranschaulichen, daß eine Orange
für kaylonische Männer so etwas wie heftigste Pornographie darstellt. Ihr Geruch
entspricht einer unmißverständlichen Aufforderung zum Sex. Und wie wir gemeinsam erlebt
hatten, können sie dieser Verlockung einfach nicht widerstehen. Late Storm machte sogar
einige Andeutungen, nach denen es mit einer Orange viel geiler als mit einer Kaylonerin
ist. Aus diesem Grund hatte die kaylonische Botschafterin vor siebzig Jahren so entsetzt
auf den Fruchtsaft reagiert. Wäre dieser Posten zu jener Zeit von einem männlichen
Kayloner besetzt gewesen, hätte sich die Geschichte eines ganzen Planeten möglicherweise
völlig anders entwickelt.
Wie im Fall meiner beiden Passagiere kommt es durchaus vor, daß sich unter Kaylonern
partnerschaftliche Beziehungen entwickeln. Doch das menschliche Konzept der ehelichen
Treue spielt darin aus naheliegenden Gründen nur eine untergeordnete Rolle. Fair Breeze
mußte und konnte damit leben, daß ihr Partner eine andere Kaylonerin begattete, sobald
sich die Gelegenheit dazu ergab. Schließlich konnte auch sie nicht vermeiden, daß etwa
die Hälfte ihrer Nachkommenschaft von anderen Männern gezeugt wurde. Viel größere
Schwierigkeiten bereitete ihr hingegen die Tatsache, daß eine schlichte Orange für ihren
Partner wesentlich verlockender als ihr eigenes Aroma war.
Aber schließlich sah sie ein, daß sich die kaylonische Geburtenrate drastisch senken
ließ, wenn die Männer gelegentlich an Orangen schnupperten. Der entscheidende Punkt
dabei ist nämlich der, daß sie etwa eine Woche zum Nachladen brauchen. Das würde
zwangsläufig dazu führen, daß nicht mehr jedes empfängnisbereite Weibchen begattet
wurde.
Als wir New Terra erreichten, setzte ich mich sofort mit Marco Evans in Verbindung, um
einen neuen Deal mit Polonius abzuschließen, der für alle Beteiligten äußerst
profitabel war. In den Nachrichten hieß es, daß die erwartete Orangenlieferung leider
unterwegs verdorben sei, während kurz darauf der durchschlagende Erfolg des neuen
Verhütungsmittels CS/O 66-0 auf Kaylo bekanntgegeben wurde. Mit Citrus sinensis oder
Orangen null Sex. Diese Verschlüsselung war übrigens Marcos Idee.
Natürlich freut es mich, daß ich mithelfen konnte, einen Planeten vor der
Überbevölkerung zu retten. Aber daß ich mir nun einige dringend benötigte Ersatzteile
für meine Darling und zwei Wochen Urlaub auf New Terra leisten konnte, war auch
nicht zu verachten. Ich fürchte nur, daß sich inzwischen auch unter der dortigen
Männerwelt herumgesprochen hat, was es bedeutet, wenn eine Arkadierin auf den Namen
Greedy getauft wird. Aber diese Geschichte erzähle ich Ihnen vielleicht ein andermal.
Trotzdem hätte ich es mir niemals träumen lassen, daß ausgerechnet ich die Kayloner
darin hindern würde, meiner Lieblingsbeschäftigung nachzugehen.

© copyright 1998 by Bernhard Kempen
Erstveröffentlichung in ALIEN CONTACT
Nr. 32 |