Xenosys

Bernhard Kempen

Greedy: Der Duft der Orangen

[Teil 1]
[Teil 2]

Teil 3 von 3

Schließlich kehrte ich mit einem kleinen Behälter in der Hand durch die mehrfach gesicherten Schleusen aus dem Frachtraum der Darling zurück. Die Tür zur Kabine der Kayloner stand immer noch offen, und die beiden diskutierten aufgeregt in ihrer Sprache, als ich vorsichtshaber an den offenen Türrahmen klopfte und anfragte, ob ich noch einmal ihre Privatsphäre verletzen dürfte.

»Ja, sicher«, sagte die Kaylonerin. »Mrs. Greedy, wir sind uns bewußt, daß es in der Vergangenheit immer wieder zu unangenehmen Mißverständnissen zwischen unseren Völkern gekommen ist. Trotzdem müssen wir darauf bestehen, daß Sie uns den Grund für ihr Verhalten nennen, das wir als äußerst ... impertinent empfinden, wie Sie vielleicht verstehen können.«

»Ich habe durchaus Verständnis für Ihre Reaktion, aber wie ich Ihnen angekündigt habe, dürfte sich das Mißverständnis in Kürze aufklären«, erwiderte ich und ließ den Behälter, den ich mitgebracht hatte, zwischen uns dreien in der Schwerelosigkeiten hängen.

»Was ist das?« wollte Storm wissen.

Ich atmete einmal tief durch. »Das ist ein luftdicht versiegelter Kleincontainer«, erklärte ich, »in dem sich eine Orange befindet.«

»Wie bitte?« rief Breeze entsetzt. »Was hat das zu bedeuten?«

»Ich weiß, daß ich ein gewisses Risiko eingehe. Ich habe keine Ahnung, was geschehen wird, wenn ich diesen Behälter öffne. Aber ich möchte es trotzdem tun.«

»Was versprechen Sie sich davon?« fragte Breeze.

»Es hat wenig Sinn, wenn ich es Ihnen mit Worten erkläre«, sagte ich, »deshalb möchte ich es einfach darauf ankommen lassen. Sind Sie bereit?«

Die beiden wirkten unsicher und besprachen sich kurz. Schließlich wandten sie sich wieder mir zu. »Wir vertrauen darauf, daß Sie sicherlich nicht wissentlich unvernünftig handeln würden. Und wir gehen davon aus, daß uns dieses pflanzliche Produkt von der Erde zumindest keine unmittelbaren körperlichen Schäden verursacht.«

»Das hoffe ich auch«, sagte ich und meinte es wirklich so.

Dann griff ich wieder nach dem Container, der inzwischen ein wenig zur Seite gedriftet war, und legte meinen Daumen auf den Öffnungsmechanismus. Ich zählte stumm bis zehn, um die Spannung ein wenig zu steigern, und drückte dann auf den Knopf.

Mit einem leisen Plopp sprang der Verschluß des Containers auf. Ich zog ihn vorsichtig weg, so daß nun das frische, saftige Prachtexemplar einer terranischen Orange zwischen uns im Raum schwebte.

Storm und Breeze hatten instinktiv ihre Riechlamellen verschlossen, bevor ich den Druckknopf betätigt hatte. Nun bildeten sich winzige Schlitze in den Lamellen, die sich kaum merklich erweiterten, während ich gespannt auf die Reaktion der beiden wartete.

Zunächst einmal wäre festzuhalten, daß sie sehr unterschiedlich reagierten. - Inzwischen hatte ich einiges über kaylonische Gestik und Mimik gelernt, so daß ich die Bewegungen ihrer Kopforgane recht gut deuten konnte.

Wenn ich es in menschliche Mimik übersetzen soll, würde ich sagen, daß Breeze zunächst die Stirn runzelte. Dann riß sie fassungslos die Augen auf, während sich ihr Mund vor Ekel und Widerwillen verzog.

Storms Reaktionen waren nicht so einfach zu deuten, aber ich kann mit ziemlicher Gewißheit behaupten, daß nach der anfänglichen Verwirrung ein verzückter Ausdruck in seine Augen trat, bis ein geradezu seliges Lächeln seine imaginären Lippen umspielte.

Während Breeze langsam von uns wegtrieb, griff Storm plötzlich nach der Orange - geradezu gierig, wie ich hinzufügen möchte. Er hielt sie vor seine Riechlamellen und sog genießerisch ihren Duft ein.

»Late Storm!« schrie Fair Breeze entsetzt, worauf er einen Augenstiel zu ihr herumdrehte und mit dem anderen die Orange aus größerer Entfernung betrachtete. Der erste Augenstiel wandte sich abwechselnd der Frucht und seiner Partnerin zu, bis er sich wieder ganz auf das begehrenswerte Objekt in seinen Händen konzentrierte.

Dann schrie Breeze vor Entsetzen auf, als Storm plötzlich mit einem heftigen Ruck die Frucht auseinanderriß. Die Safttropfen trieben in alle Richtungen davon, während er sich je eine Hälfte der Orange an die Riechlamellen drückte.

Gleichzeitig konnte ich beobachten, wie sich das Fell an der bewußten Stelle auf seinem Oberkörper teilte und sein Rüssel erneut zum Vorschein kam.

»Storm, nein ...!« protestierte seine Partnerin, doch der Kayloner ließ sich davon nicht im geringsten beeindrucken. Seine Lamellen zogen sich zusammen, bis sein Atem mit zischenden Geräuschen hindurchging, während sein Rüssel krampfhaft zuckte.

Ich konnte nicht anders, ich starrte nur noch wie gebannt auf das Organ. Keine zehn Raumkreuzer hätten mich von diesem faszinierenden biologischen Vorgang weggebracht.

Dann schrien Fair Breeze und ich gleichzeitig auf, als der zuckende Rüssel plötzlich eine zähflüssige, gelbliche Masse abfeuerte - der ich im letzten Moment mit einem geschickten Salto ausweichen konnte, so daß die Suppe klatschend an der Wand landete.

Late Storm kam allmählich wieder zu Bewußtsein und blickte sich verwirrt um - zuerst auf die davontreibenden Orangenhälften, dann auf Fair Breeze und schließlich auf mich.

»Jetzt verstehe ich ...« sagte er leise.

»Ich auch«, sagte ich.

Fair Breeze sagte nichts.

*

Zunächst einmal stand fest, daß wir einem unglaublichen Zufall der interstellaren Evolutionsgeschichte auf die Spur gekommen waren. Anders läßt es nicht erklären, daß der typische Geruch einer speziellen Frucht vom Planeten Erde chemisch nahezu identisch mit dem weiblichen Sexualduft einer intelligenten Spezies vom Planeten Kaylo ist. Nachdem sie ihren anfänglichen Schock überwunden hatten, waren Fair Breeze und Late Storm nun genauso an einer detaillierteren Klärung der Zusammenhänge interessiert wie ich. Aber es fiel ihnen sichtlich schwer, sozusagen ohne Blatt vor den Lamellen zu sprechen.

Im Gegensatz zu Menschen reagieren die Kayloner in sexueller Hinsicht überhaupt nicht auf optische Reize - was offenbar damit zusammenhängt, daß sich die beiden Geschlechter äußerlich fast gar nicht voneinander unterscheiden. Wenn sich ihre Sexualorgane in Ruhestellung befinden, ist dem Brustfell nicht anzusehen, ob sich Männlein oder Weiblein darunter verbirgt. Die Kayloner jedoch wittern sofort, wen sie vor sich haben. Die Männer müffeln ständig vor sich hin, um ähnlich wie ihre Kollegen von der Erde zu signalisieren, daß sie zum Zeugungsakt bereit sind. Die Frauen hingegen haben nur dann Lust auf Männer, wenn sie im Abstand von etwa zwei Monaten ihren Eisprung bekommen. Und genau dann sondern sie ihren Orangenduft ab.

Wenn ein Kayloner eine empfängnisbereite Kaylonerin wittert, verliert er den Verstand. Er kann nicht anders, er muß sie unverzüglich beglücken. Wenn mehrere Männer in der Nähe sind, kommt es natürlich zu gewissen Rangeleien, aber irgendeiner setzt sich schließlich durch. Der Frau ist es im Grunde ziemlich egal, von wem sie besprungen wird. Hauptsache, der Kerl müffelt gut und bringt sie damit in Stimmung. Und wenn die beiden bei der Sache sind, kann sie nichts oder höchstens ein schwerer Schock von ihrem Tun abbringen - zum Beispiel wenn ich unverhofft auf der Bildfläche erscheine.

Und genau das ist das große Problem der Kayloner. Menschen sind grundsätzlich in der Lage, ihre Triebe zu beherrschen, auch wenn es ihnen manchmal schwer fällt. Kayloner können das nicht. Sobald die verlockenden Düfte ihre Wirkung entfalten, gibt es kein Zurück mehr. Und deshalb verpufft jeder Appell zur Geburtenkontrolle ohne die geringste Wirkung.

Zwischen Zeugung und Geburt vergehen bei den Kaylonern im Schnitt elf Monate. Aber die Natur hat durch einen weiteren Trick dafür gesorgt, daß diese Zeitspanne keineswegs ungenutzt verstreicht. Denn die Kaylonerinnen sind nicht nur ständig, sondern auch mehrfach schwanger. In ihrem Fortpflanzungtrakt befinden sich stets mehrere Embryonen in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Dieser Trakt beginnt im Brustbereich, wo die Befruchtung stattfindet, dann wandern die künftigen Kayloner immer weiter nach hinten, wo sie schließlich das Licht ihrer Welt erblicken. Das bedeutet, daß eine Kaylonerin pro Erdenjahr mühelos ein halbes Dutzend Kinder bekommen kann.

Glauben Sie mir bitte, was ich Ihnen hier so beiläufig erzähle, habe ich den beiden Kaylonern in langer und mühsamer Arbeit aus den Sprechlamellen gezogen. Ihre Bereitschaft zu sexuellen Aktivitäten steht im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Bereitschaft, darüber zu reden. Ich bin überzeugt, daß sämtliche terranischen Xenobiologen mir die Füße oder sonstwas geküßt hätten, um dabeisein zu dürfen.

Der neue Ansatz zur Lösung all dieser Probleme entwickelte sich erst im weiteren Verlauf unserer Gespräche. Ich glaube, Late Storm war der erste, der die Möglichkeiten erkannte, die in der Orange stecken. Fair Breeze war zunächst entsetzt, aber schließlich mußte sie widerstrebend einsehen, daß eine sinnvolle Bevölkerungskontrolle wichtiger als Prüderie ist.

Dazu sollte man sich einmal in allen Konsequenzen veranschaulichen, daß eine Orange für kaylonische Männer so etwas wie heftigste Pornographie darstellt. Ihr Geruch entspricht einer unmißverständlichen Aufforderung zum Sex. Und wie wir gemeinsam erlebt hatten, können sie dieser Verlockung einfach nicht widerstehen. Late Storm machte sogar einige Andeutungen, nach denen es mit einer Orange viel geiler als mit einer Kaylonerin ist. Aus diesem Grund hatte die kaylonische Botschafterin vor siebzig Jahren so entsetzt auf den Fruchtsaft reagiert. Wäre dieser Posten zu jener Zeit von einem männlichen Kayloner besetzt gewesen, hätte sich die Geschichte eines ganzen Planeten möglicherweise völlig anders entwickelt.

Wie im Fall meiner beiden Passagiere kommt es durchaus vor, daß sich unter Kaylonern partnerschaftliche Beziehungen entwickeln. Doch das menschliche Konzept der ehelichen Treue spielt darin aus naheliegenden Gründen nur eine untergeordnete Rolle. Fair Breeze mußte und konnte damit leben, daß ihr Partner eine andere Kaylonerin begattete, sobald sich die Gelegenheit dazu ergab. Schließlich konnte auch sie nicht vermeiden, daß etwa die Hälfte ihrer Nachkommenschaft von anderen Männern gezeugt wurde. Viel größere Schwierigkeiten bereitete ihr hingegen die Tatsache, daß eine schlichte Orange für ihren Partner wesentlich verlockender als ihr eigenes Aroma war.

Aber schließlich sah sie ein, daß sich die kaylonische Geburtenrate drastisch senken ließ, wenn die Männer gelegentlich an Orangen schnupperten. Der entscheidende Punkt dabei ist nämlich der, daß sie etwa eine Woche zum Nachladen brauchen. Das würde zwangsläufig dazu führen, daß nicht mehr jedes empfängnisbereite Weibchen begattet wurde.

Als wir New Terra erreichten, setzte ich mich sofort mit Marco Evans in Verbindung, um einen neuen Deal mit Polonius abzuschließen, der für alle Beteiligten äußerst profitabel war. In den Nachrichten hieß es, daß die erwartete Orangenlieferung leider unterwegs verdorben sei, während kurz darauf der durchschlagende Erfolg des neuen Verhütungsmittels CS/O 66-0 auf Kaylo bekanntgegeben wurde. Mit Citrus sinensis oder Orangen null Sex. Diese Verschlüsselung war übrigens Marcos Idee.

Natürlich freut es mich, daß ich mithelfen konnte, einen Planeten vor der Überbevölkerung zu retten. Aber daß ich mir nun einige dringend benötigte Ersatzteile für meine Darling und zwei Wochen Urlaub auf New Terra leisten konnte, war auch nicht zu verachten. Ich fürchte nur, daß sich inzwischen auch unter der dortigen Männerwelt herumgesprochen hat, was es bedeutet, wenn eine Arkadierin auf den Namen Greedy getauft wird. Aber diese Geschichte erzähle ich Ihnen vielleicht ein andermal.

Trotzdem hätte ich es mir niemals träumen lassen, daß ausgerechnet ich die Kayloner darin hindern würde, meiner Lieblingsbeschäftigung nachzugehen.

Xenosys

© copyright 1998 by Bernhard Kempen
Erstveröffentlichung in ALIEN CONTACT Nr. 32


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