Teil 3 von 3 
Es ist nicht zu übersehen, daß Hermann mit widerstrebenden Gefühlen
kämpft. Auf der einen Seite steht seine geistige Blockade, weil er mich zuvor mit dem
Stempel »weiblich - uninteressant« versehen hat, und auf der anderen die Unsicherheit,
weil ich plötzlich sein sexuelles Weltbild durcheinandergebracht habe. Doch dann
überwiegen seine Neugier und Abenteuerlust, und als wir schließlich wieder in meinem
Hotelzimmer gelandet sind, ist er gar nicht mehr so deutsch und keusch wie zuvor, sondern
erforscht mit einer Mischung aus Mißtrauen und Faszination jeden Zipfel und jede Ritze
meines Körpers, als könne er immer noch nicht fassen - oder als müsse er genau erfassen
- was mit mir geschehen ist.
Für mich ist ein solches Kunststück eigentlich gar keine große
Sache. Im Grunde ist es genau dasselbe, was die Medizin im Verlauf einer genetischen
Geschlechtsumwandlung bewirkt. Schließlich ist der biologische Unterschied zwischen
Weiblich und Männlich viel kleiner, als unsere auf A oder B geeichte Menschenwahrnehmung
uns einreden will. Ich muß nur die Fettreserven schrumpfen lassen, vor allem in
Oberschenkel, Po und Brust, und schon gewinnt meine Figur männlichere Attribute. Den
größten Teil dieser Biosubstanz wandle ich in Muskelmasse um, während nur ein winziger
Teil nötig ist, um meine Klitoris um ein paar Kubikzentimeter anschwellen zu lassen und
die gedehnten Schamlippen mit zwei eiförmigen Wucherungen auszustatten. Diese
Veränderungen finden ausschließlich an der Oberfläche statt, da ich im Innern eine Frau
geblieben bin und natürlich auch eine bleiben will. Auf jeden Fall ist Hermann mit dem
Ergebnis meiner Bemühungen sichtlich zufrieden.
*
Nach diesem Ausgleich der exotischen Eindrücke des ersten Tages durch
die erotischen Erkundungen der Nacht bin ich ausreichend für die zweite Verhandlungsrunde
gewappnet, die wesentlich unproblematischer als die erste verläuft. Natürlich haben wir
auf Arkadia zuvor ausführlich über die Vorschläge der Deutschen diskutiert (und uns
köstlich über ihre verrückten Vorstellungen amüsiert), aber von unserer Seite aus hat
es keine entscheidenden Einwände gegeben. Wenn sie die empfindliche Ökologie unserer
Welt in Ruhe lassen und sowieso die meiste Zeit in ihrer isolierten Anlage bleiben, ist es
uns ziemlich egal, auf welche Weise sie dort freier zu leben versuchen. Das
überzeugendste Argument ist ohnehin die stattliche Summe, die sie für die Nutzung
einiger Quadratkilometer arkadischen Bodens zu zahlen bereit sind.
Es gelingt mir sogar, zwanzig Prozent mehr als vorgesehen auszuhandeln.
Ich weiß nicht, ob das irgend etwas mit der Tatsache zu tun hat, daß ich unter meiner
oberflächlich neutralen Toga immer noch mit männlichen Attributen ausgestattet bin.
Angeblich sollen Männer ja durchsetzungsfähiger als Frauen sein, obwohl ich in meiner
gewohnten weiblichen Gestalt schon mehr als einen Kerl über den Tisch gezogen habe.
Ich werde ein wenig mißtrauisch, als Stein darauf besteht, daß wir
einen auf echtem Papier gedruckten Vertrag handschriftlich unterzeichnen. Aber obwohl ich
das Dokument von allen Seiten mustere, kann ich keinen Hinweis auf irgendwelche illegalen
Tricks entdecken. Was solls? Im Streitfall entscheidet sowieso nur der elektronische
Vertrag, ganz gleich, welche Geschäftspraktiken in diesem Land üblich sein mögen.
Nachdem wir in die Hotelbar umgezogen sind, um mit einem Bier auf
unseren erfolgreichen Geschäftsabschluß anzustoßen, machen sich die Herren Stein,
Wetter und Eiche bald auf den Rückweg, um nicht mehr Zeit als nötig im Sündenbabel
Berlin verbringen zu müssen, wie sie sich ausdrücken. Ich wage mir gar nicht
vorzustellen, welche Eindrücke ich von diesem Land gewonnen hätte, wenn wir uns nicht
auf Internationalem Territorium, sondern auf urdeutschem Boden getroffen hätten.
*
»Ich glaube, ich hatte gestern nacht einen ziemlich verrückten
Traum«, sagt Hermann, als wir nach dem offiziellen Teil des Tages erstmals die
Gelegenheit zu einem Privatgespräch haben.
»Wenn du willst, können wir ihn heute nacht noch einmal träumen«,
sage ich. »Ich habe meine maskuline Maskerade noch nicht wieder abgelegt.«
»Heißt das, ich war gar nicht so betrunken, daß ich mir alles nur
eingebildet habe?«
»Ich hatte den Eindruck, daß ich sehr reale Spuren an deinem Körper
hinterlassen habe«, erwidere ich. »Trozdem wäre es mir sehr lieb, wenn du es nicht
weiterzählst. Ich möchte nicht als wissenschaftliche Sensation in irgendeinem Labor
dahinvegetieren.«
Hermann betrachtet mich eine Weile schweigend, weil er offenbar einige
Zeit braucht, um sich zu seiner nächsten Frage durchzuringen.
»Könntest du so etwas auch mit mir machen?«
Zunächst schweige ich ebenfalls, weil ich mir genau überlegen muß,
wie ich ihm antworte.
»Wenn ich richtig informiert bin, müßtest du in jeder besseren
Klinik der Erde eine Geschlechtsumwandlung durchführen lassen können. Oder ist so etwas
in Deutschland verboten?«
»Das meine ich gar nicht«, sagt Hermann. »Wie soll ich es erklären?
Ich habe einige recht unangenehme Erfahrungen gemacht, wenn ich an die falschen Männer
geraten bin. Es wäre sicherlich einfacher für mich, wenn ich in solchen Situationen als
Frau auftreten könnte.«
»Ich glaube, du stellst es dir etwas zu einfach vor«, sage ich. »Ich
wäre zwar in der Lage, dich in eine Frau oder auch etwas anderes zu verwandeln, aber
meine Fähigkeit der Verwandlung kann ich dir leider nicht mitgeben, weil ich selbst nicht
weiß, wie ich dazu gekommen bin. Du müßtest dich schon für eine Möglichkeit
entscheiden.«
»Warum kann es nicht mal etwas anderes sein als immer nur A oder B?«
klagt Hermann verzweifelt.
»Genau das habe ich dir gestern klarzumachen versucht. Es spielt
überhaupt keine Rolle, ob jemand Mann oder Frau oder sonstwas ist - wir können in jedem
Fall Spaß miteinander haben.«
»Leider ist das Leben nicht immer so spaßig, wie es sein könnte«,
erwidert Hermann.
»Wem sagst du das ...«
»Könntest du mich wenigstens für eine Nacht zur Frau machen?« fragt
Hermann.
*
Ich habe ihm seinen Wunsch erfüllt. Wenige Stunden nach dem Kuß der
Zauberfee haben seine umprogrammierten Körperzellen die Verwandlung vollzogen, und
Hermann, der nun Herr-Frau geworden ist, besteht darauf, daß ich all das mit ihm
mache, was Männer mit Frauen machen. Er genießt das Kribbeln empfindlicher Brustwarzen
unter meinen Händen, und erlebt, wie ich immer tiefer in seinen Leib eindringe. Und
nachdem meine Zunge ihn zu einem Höhepunkt jenseits männlicher Vorstellungskraft
gekitzelt hat, liegt er eine ganze Weile ermattet und nach Luft schnappend da.
»Hast du dich entschieden«, frage ich, als sich der Himmel über
Berlin allmählich von Schwarz nach Dunkelgrau aufhellt.
»Am liebsten würde ich mich gar nicht entscheiden«, murmelt er, der
vorübergehend sie ist, schläfrig zurück.
»Wenn ich den Zauber nicht mit einem zweiten Kuß aufhebe«, sage ich,
»bleibst du für den Rest deines Lebens eine Frau.«
»Wie habe ich dir am besten gefallen?« will er wissen.
»Ich selbst bin am liebsten eine Frau, das ist für mich überhaupt
keine Frage. Auch wenn ich mich als Frau rätselhafterweise mehr zu Männern hingezogen
fühle, finde ich Frauen im allgemeinen viel attraktiver und ästhetischer als Männer.«
»Wollen wir es noch einmal als Frau und Frau miteinander versuchen?«
schlägt Hermann vor.
»Ich glaube, diese Variante können wir uns ersparen. Als Frau-Weibchen
bist du im Grunde nicht mehr als eine Karikatur, als Herr-Männchen warst du
wesentlich überzeugender. Mehr du selbst. Herrlicher und männlicher.«
*
Letztlich hat sich Hermann von mir überzeugen lassen und wandelt nun
wieder so durch deutsche Lande, wie ihn der Herrgott oder Mutter Natur - je
nachdem, welche Perspektive man oder frau bevorzugt - erschaffen hat. Einige
Monate später habe ich von ihm eine Nachricht erhalten, in der er mir schildert, daß er
es inzwischen auch ein paarmal mit Frauen ausprobiert hat. Wenn wir uns irgendwann
wiedersehen, würde er gerne eine Nacht mit mir in dieser Konstellation verbringen, in
unserer wahren Gestalt - wozu mein kurzer Aufenthalt auf der Erde uns keine Zeit mehr
gelassen hat. Als er mir seine heterosexuellen Erlebnisse beschreibt, kommt er mir fast
wie die deutschen Nudisten auf Arkadia vor, die sich gelegentlich aus ihrer Ferienanlage
wagen und feststellen, daß die richtigen Arkadier trotz gewisser Unterschiede auch nur
Menschen sind, um sich nach diesem Abenteuer wieder in sichere Gefilde zurückzuziehen.
Trotzdem wurde die FKK-Anlage auf Arkadia inzwischen wieder
geschlossen, nachdem die Firma Licht- und Luft-Reisen Konkurs anmelden mußte. Die
Besucherzahlen ließen sehr zu wünschen übrig, da die meisten Urlauber es bei einem
einzigen Besuch bewenden ließen, während ein kleiner, aber immer noch besorgniserregend
großer Anteil sich das Ticket für den Rückflug erstatten ließ, um ein neues, wirklich
freieres Leben auf Arkadia zu beginnen.
Seitdem konnte ich bei diversen Besuchen auf meinem Heimatplaneten zu
meiner Überraschung feststellen, daß es außer Hermann auch noch viele andere nette
Deutsche gibt. Wer hätte das gedacht?

© copyright 2000 by Bernhard Kempen |