Xenosys

Bernhard Kempen

Greedy:
Freier leben

[Teil 1]
[Teil 2]

Teil 3 von 3

Es ist nicht zu übersehen, daß Hermann mit widerstrebenden Gefühlen kämpft. Auf der einen Seite steht seine geistige Blockade, weil er mich zuvor mit dem Stempel »weiblich - uninteressant« versehen hat, und auf der anderen die Unsicherheit, weil ich plötzlich sein sexuelles Weltbild durcheinandergebracht habe. Doch dann überwiegen seine Neugier und Abenteuerlust, und als wir schließlich wieder in meinem Hotelzimmer gelandet sind, ist er gar nicht mehr so deutsch und keusch wie zuvor, sondern erforscht mit einer Mischung aus Mißtrauen und Faszination jeden Zipfel und jede Ritze meines Körpers, als könne er immer noch nicht fassen - oder als müsse er genau erfassen - was mit mir geschehen ist.

Für mich ist ein solches Kunststück eigentlich gar keine große Sache. Im Grunde ist es genau dasselbe, was die Medizin im Verlauf einer genetischen Geschlechtsumwandlung bewirkt. Schließlich ist der biologische Unterschied zwischen Weiblich und Männlich viel kleiner, als unsere auf A oder B geeichte Menschenwahrnehmung uns einreden will. Ich muß nur die Fettreserven schrumpfen lassen, vor allem in Oberschenkel, Po und Brust, und schon gewinnt meine Figur männlichere Attribute. Den größten Teil dieser Biosubstanz wandle ich in Muskelmasse um, während nur ein winziger Teil nötig ist, um meine Klitoris um ein paar Kubikzentimeter anschwellen zu lassen und die gedehnten Schamlippen mit zwei eiförmigen Wucherungen auszustatten. Diese Veränderungen finden ausschließlich an der Oberfläche statt, da ich im Innern eine Frau geblieben bin und natürlich auch eine bleiben will. Auf jeden Fall ist Hermann mit dem Ergebnis meiner Bemühungen sichtlich zufrieden.

*

Nach diesem Ausgleich der exotischen Eindrücke des ersten Tages durch die erotischen Erkundungen der Nacht bin ich ausreichend für die zweite Verhandlungsrunde gewappnet, die wesentlich unproblematischer als die erste verläuft. Natürlich haben wir auf Arkadia zuvor ausführlich über die Vorschläge der Deutschen diskutiert (und uns köstlich über ihre verrückten Vorstellungen amüsiert), aber von unserer Seite aus hat es keine entscheidenden Einwände gegeben. Wenn sie die empfindliche Ökologie unserer Welt in Ruhe lassen und sowieso die meiste Zeit in ihrer isolierten Anlage bleiben, ist es uns ziemlich egal, auf welche Weise sie dort freier zu leben versuchen. Das überzeugendste Argument ist ohnehin die stattliche Summe, die sie für die Nutzung einiger Quadratkilometer arkadischen Bodens zu zahlen bereit sind.

Es gelingt mir sogar, zwanzig Prozent mehr als vorgesehen auszuhandeln. Ich weiß nicht, ob das irgend etwas mit der Tatsache zu tun hat, daß ich unter meiner oberflächlich neutralen Toga immer noch mit männlichen Attributen ausgestattet bin. Angeblich sollen Männer ja durchsetzungsfähiger als Frauen sein, obwohl ich in meiner gewohnten weiblichen Gestalt schon mehr als einen Kerl über den Tisch gezogen habe.

Ich werde ein wenig mißtrauisch, als Stein darauf besteht, daß wir einen auf echtem Papier gedruckten Vertrag handschriftlich unterzeichnen. Aber obwohl ich das Dokument von allen Seiten mustere, kann ich keinen Hinweis auf irgendwelche illegalen Tricks entdecken. Was soll’s? Im Streitfall entscheidet sowieso nur der elektronische Vertrag, ganz gleich, welche Geschäftspraktiken in diesem Land üblich sein mögen.

Nachdem wir in die Hotelbar umgezogen sind, um mit einem Bier auf unseren erfolgreichen Geschäftsabschluß anzustoßen, machen sich die Herren Stein, Wetter und Eiche bald auf den Rückweg, um nicht mehr Zeit als nötig im Sündenbabel Berlin verbringen zu müssen, wie sie sich ausdrücken. Ich wage mir gar nicht vorzustellen, welche Eindrücke ich von diesem Land gewonnen hätte, wenn wir uns nicht auf Internationalem Territorium, sondern auf urdeutschem Boden getroffen hätten.

*

»Ich glaube, ich hatte gestern nacht einen ziemlich verrückten Traum«, sagt Hermann, als wir nach dem offiziellen Teil des Tages erstmals die Gelegenheit zu einem Privatgespräch haben.

»Wenn du willst, können wir ihn heute nacht noch einmal träumen«, sage ich. »Ich habe meine maskuline Maskerade noch nicht wieder abgelegt.«

»Heißt das, ich war gar nicht so betrunken, daß ich mir alles nur eingebildet habe?«

»Ich hatte den Eindruck, daß ich sehr reale Spuren an deinem Körper hinterlassen habe«, erwidere ich. »Trozdem wäre es mir sehr lieb, wenn du es nicht weiterzählst. Ich möchte nicht als wissenschaftliche Sensation in irgendeinem Labor dahinvegetieren.«

Hermann betrachtet mich eine Weile schweigend, weil er offenbar einige Zeit braucht, um sich zu seiner nächsten Frage durchzuringen.

»Könntest du so etwas auch mit mir machen?«

Zunächst schweige ich ebenfalls, weil ich mir genau überlegen muß, wie ich ihm antworte.

»Wenn ich richtig informiert bin, müßtest du in jeder besseren Klinik der Erde eine Geschlechtsumwandlung durchführen lassen können. Oder ist so etwas in Deutschland verboten?«

»Das meine ich gar nicht«, sagt Hermann. »Wie soll ich es erklären? Ich habe einige recht unangenehme Erfahrungen gemacht, wenn ich an die falschen Männer geraten bin. Es wäre sicherlich einfacher für mich, wenn ich in solchen Situationen als Frau auftreten könnte.«

»Ich glaube, du stellst es dir etwas zu einfach vor«, sage ich. »Ich wäre zwar in der Lage, dich in eine Frau oder auch etwas anderes zu verwandeln, aber meine Fähigkeit der Verwandlung kann ich dir leider nicht mitgeben, weil ich selbst nicht weiß, wie ich dazu gekommen bin. Du müßtest dich schon für eine Möglichkeit entscheiden.«

»Warum kann es nicht mal etwas anderes sein als immer nur A oder B?« klagt Hermann verzweifelt.

»Genau das habe ich dir gestern klarzumachen versucht. Es spielt überhaupt keine Rolle, ob jemand Mann oder Frau oder sonstwas ist - wir können in jedem Fall Spaß miteinander haben.«

»Leider ist das Leben nicht immer so spaßig, wie es sein könnte«, erwidert Hermann.

»Wem sagst du das ...«

»Könntest du mich wenigstens für eine Nacht zur Frau machen?« fragt Hermann.

*

Ich habe ihm seinen Wunsch erfüllt. Wenige Stunden nach dem Kuß der Zauberfee haben seine umprogrammierten Körperzellen die Verwandlung vollzogen, und Hermann, der nun Herr-Frau geworden ist, besteht darauf, daß ich all das mit ihm mache, was Männer mit Frauen machen. Er genießt das Kribbeln empfindlicher Brustwarzen unter meinen Händen, und erlebt, wie ich immer tiefer in seinen Leib eindringe. Und nachdem meine Zunge ihn zu einem Höhepunkt jenseits männlicher Vorstellungskraft gekitzelt hat, liegt er eine ganze Weile ermattet und nach Luft schnappend da.

»Hast du dich entschieden«, frage ich, als sich der Himmel über Berlin allmählich von Schwarz nach Dunkelgrau aufhellt.

»Am liebsten würde ich mich gar nicht entscheiden«, murmelt er, der vorübergehend sie ist, schläfrig zurück.

»Wenn ich den Zauber nicht mit einem zweiten Kuß aufhebe«, sage ich, »bleibst du für den Rest deines Lebens eine Frau.«

»Wie habe ich dir am besten gefallen?« will er wissen.

»Ich selbst bin am liebsten eine Frau, das ist für mich überhaupt keine Frage. Auch wenn ich mich als Frau rätselhafterweise mehr zu Männern hingezogen fühle, finde ich Frauen im allgemeinen viel attraktiver und ästhetischer als Männer.«

»Wollen wir es noch einmal als Frau und Frau miteinander versuchen?« schlägt Hermann vor.

»Ich glaube, diese Variante können wir uns ersparen. Als Frau-Weibchen bist du im Grunde nicht mehr als eine Karikatur, als Herr-Männchen warst du wesentlich überzeugender. Mehr du selbst. Herrlicher und männlicher.«

*

Letztlich hat sich Hermann von mir überzeugen lassen und wandelt nun wieder so durch deutsche Lande, wie ihn der Herrgott oder Mutter Natur - je nachdem, welche Perspektive man oder frau bevorzugt - erschaffen hat. Einige Monate später habe ich von ihm eine Nachricht erhalten, in der er mir schildert, daß er es inzwischen auch ein paarmal mit Frauen ausprobiert hat. Wenn wir uns irgendwann wiedersehen, würde er gerne eine Nacht mit mir in dieser Konstellation verbringen, in unserer wahren Gestalt - wozu mein kurzer Aufenthalt auf der Erde uns keine Zeit mehr gelassen hat. Als er mir seine heterosexuellen Erlebnisse beschreibt, kommt er mir fast wie die deutschen Nudisten auf Arkadia vor, die sich gelegentlich aus ihrer Ferienanlage wagen und feststellen, daß die richtigen Arkadier trotz gewisser Unterschiede auch nur Menschen sind, um sich nach diesem Abenteuer wieder in sichere Gefilde zurückzuziehen.

Trotzdem wurde die FKK-Anlage auf Arkadia inzwischen wieder geschlossen, nachdem die Firma Licht- und Luft-Reisen Konkurs anmelden mußte. Die Besucherzahlen ließen sehr zu wünschen übrig, da die meisten Urlauber es bei einem einzigen Besuch bewenden ließen, während ein kleiner, aber immer noch besorgniserregend großer Anteil sich das Ticket für den Rückflug erstatten ließ, um ein neues, wirklich freieres Leben auf Arkadia zu beginnen.

Seitdem konnte ich bei diversen Besuchen auf meinem Heimatplaneten zu meiner Überraschung feststellen, daß es außer Hermann auch noch viele andere nette Deutsche gibt. Wer hätte das gedacht?

Xenosys

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