Der
Bereich um das Pandahaus war weiträumig abgesperrt worden. Pachulke und Zabriskie
zückten ihre Ausweise vor dem größten der vier Securitatis-Männer, die mit ihren
schwarzen Hunden auf den Kieswegen Wache standen und unablässig vor sich hin malmten.
Einer fischte einen Kaugummi aus der Jackentasche und schob ihn seinem bettelnden Hund ins
Maul: »Hier, rohe Leber, das magst du doch so. Aber lass mir was übrig.«
Die beiden Ermittler gingen weiter zum Pandahaus. Ein Kollege von der
Spurensicherung hüpfte in gebückter Haltung über den Boden und pickte kleinste
Erdkrümel mit einer Pinzette auf. Ein Fotograf machte seine Aufnahmen. Aber Spuren auf
Kies waren fast nicht nachzuweisen. Vor der Tür des Pandahäuschens stand Engine Plink,
die Leiterin der Spurensicherung. Sie trug wie immer Jeans und ein weißes Herrenhemd,
dessen Ärmel sie hochgekrempelt hatte. Als sie Pachulke und Zabriskie sah, entblößte
sie ihre Zähne zu einem strahlenden Lächeln und hielt Pachulke zwei kleine Plastikbeutel
unter die Nase: »Diesmal haben sie etwas hinterlassen. Endlich.« Sie hatte Recht. Außer
vollständiger Verwüstung hatte die Rote Bete Fraktion am Tatort bisher bei keiner ihrer
Aktionen irgendetwas hinterlassen. Plink fuhr fort: »Das Bekennerschreiben und
eine Gabel.«
»Eine Gabel?«, echote Pachulke.
»Vielleicht ist das ein Zeichen für eine neue Phase der Eskalation,
eine Art verschlüsselte Kriegserklärung«, sagte Zabriskie schnell.
»Wie dem auch sei. Mit ihr wurde jedenfalls das Bekennerschreiben in
die Zielscheibe im Käfig gesteckt«, sagte Engine Plink zu Pachulke. »Morgen früh kann
ich Ihnen Genaueres sagen. Wir jagen die Gabel durch unseren
Rasterblasterspektralperforator, und dann wissen wir mehr.« Pachulke warf einen Blick auf
das Bekennerschreiben. Es war ein einfaches Blatt Papier, die Schrift ein
Computerausdruck: Heute Nacht haben wir Bang Bang aus den Händen des kannibalischen
Establishments befreit. Es ist bärenverachtend und zynisch, wenn mit der Gefangenschaft
unschuldiger Tiere Millionen verdient werden. Kampf dem zoologischen System. Kampf seinen
Helfershelfern und Spießgesellen. Freiheit für alle Tiere. Rote Bete Fraktion.
»Vielleicht hilft uns die Tintenanalyse weiter«, sagte Engine Plink,
während Zabriskie das Erdreich zu ihren Füßen studierte und Pachulke einen Punkt hinter
Plinks Schulter zu fixieren schien.
»Warten wirs ab«, sagte Pachulke. »Wo ist der Wärter?«
»Pfleger, unsere Mitarbeiter heißen Pfleger«, schnarrte der
Zoodirektor, der unbemerkt herangetreten war. Er trug einen Overall im grünlich
gefleckten Tarndesign und ein Namensschildchen: Hier verwahrt Sie Dr. Ukas Kern,
Direktor Zoologischer Garten.
Er zeigte keinerlei Zeichen von Erschütterung, sondern quetschte die
Hand von Pachulke, als wollte er sie abschrauben. Auch Zabriskie verzog das Gesicht.
»Wo Menschen arbeiten, werden Fehler gemacht. Und ein großes
Unternehmen macht auch einmal einen großen Fehler«, sagte er in einem Ton, als würde er
diese Erkenntnis einem vollbesetzten Vortragssaal mitteilen. »Kaiser!« Er winkte einen
Mann heran, der hinter ihm in Wartestellung stand. Auch er trug einen Tarnanzug,
allerdings hatte er auf den Schultern nur zwei Streifen. Dr. Ukas Kern hatte fünf. »Die
Herrschaften von der Polizei haben sicherlich jede Menge Fragen an Sie.«
Der Mann stellte sich als Nils Kaiser, Pandapfleger, vor. Kern
ergänzte: »Unser Tier hatte einen Einzelfallbetreuer. Besondere Gefahrenlage, Sie
verstehen.«
»Hatte?«, fragte Pachulke.
Dr. Kern formte seinen Mund zu einem lautlosen Äh.
Kaiser presste die Lippen zusammen. Offenbar durfte er seinen Chef nicht
mit Fragen behelligen.
»Nun ja, jetzt wo er weg ist, kann Kaiser ja nichts machen.«
Pachulke nickte vage und wandte sich an Kaiser. »Seit wann war Bang
Bang bei Ihnen eingesperrt?«
Kaiser runzelte die Stirn. »Mein Klient befindet sich seit etwas mehr
als vier Jahren in meiner Obhut.«
»Das ist bestimmt eine große Herausforderung für den Zoo?«
»Ja, das kann man so sagen. Ein derart gefährliches Tier hatte ich
noch nie. Um so schlimmer«, er warf einen Blick auf den Zoodirektor, »dass er jetzt weg
ist.«
Dr. Kern fügte hinzu: »Kaiser hat Recht, wir haben hier einen Ruf zu
verlieren. Wir sind der führende Hochsicherheitszoo in Europa. Was hatten wir hier nicht
schon alles.« Er nickte einem nur für ihn sichtbaren Auditorium zu.
Pachulke kratzte sich am Ohr. Der Zoo war 1844 eröffnet worden. Erster
Insasse war ein riesiger Orang-Utan gewesen, der drei Jahre zuvor in Paris zwei Frauen
ermordet hatte. Hier im Zoo war er dann, grauhaarig und verfettet, siebenunddreißig Jahre
später gestorben. Diese erfolgreiche Verwahrung hatte den Ruhm der Institution
begründet. Eine Bronzeskulptur des Orang-Utan stand heute vor dem Affenhaus.Zabriskie
betrachtete das Pandahäuschen, das ein bisschen aussah wie ein chinesischer Tempel, den
sie vor langer Zeit einmal in Legoland gesehen hatte. Sie überlegte, ob sie Kaiser in die
Eier treten sollte, dessen Blick im Ausschnitt ihres T-Shirts eine dünne Schleimspur
hinterließ. Doch die ewigen Dienstaufsichtsbeschwerden stahlen ihr zu viel kostbare
Lebenszeit. Glotz doch, armer Schlucker. Sie betrat das Pandahaus, nachdem ihr Engine
Plink bedeutet hatte, dass die Spurensicherung hier fertig war.
Bang Bangs Zelle war sauber, aber unordentlich. Auf einer roten
Veloursschlafcouch lagen ein paar alte Decken, an denen schwarze und weiße Haare klebten.
Ein Rolltisch, darauf ein Fernseher mit einem Videorecorder. Drei Videokassetten lagen vor
der Couch auf dem Boden und Zabriskie entzifferte Peking Opera Blues.
An der rückwärtigen Wand, in der sich auch die Klappe befand, die zum
Freigehege führte, hing eine selbst gemalte Zielscheibe aus Pappe. Sie war fast genau
kreisrund zurechtgebissen, Zabriskie konnte die Zahnspuren am Rand erkennen. Im
Bulls Eye war ein kleines Männchen aufgemalt. Es konnte ein Polizist sein oder ein
Einzelfallbetreuer. Sie begutachtete die drei Löcher, die von den drei Zinken der Gabel
stammten. Der geflieste Boden war mit irgendwelchen Kernen übersät.
Über dem Bett hing ein alter Jahreskalender des Bamboo Garden
Restaurant in Hongkong. Drum herum an der Wand klebten zahllose kleine Zettelchen,
wie man sie in Glückskeksen findet. Zabriskie las: Wer sich am Morgen ärgert,
beschmutzt den neuen Tag.
Ihr Fuß stieß unter dem Sofa gegen etwas Weiches. Sie bückte sich und
sah zwei graue Filzpantoffeln, etwa Größe 56. Sie zog einen Einweghandschuh und eine
Plastiktüte aus ihrer Hosentasche und packte die Schuhe ein.
In einem kleinen Nebenraum befand sich ein gemauertes Geviert, das mit
Katzenstreu gefüllt war. Das Oberlicht hatte kein Glas und war vergittert. Das Pandaklo.
Zabriskie ging zurück zu Pachulke, der offenbar im Stehen döste,
während er den Erläuterungen von Nils Kaiser lauschte.
»Nein, es gab überhaupt keine Anzeichen für eine Entführung. Die
regelmäßigen Besucher, die jeden Tag kommen, hätten jeden Neuankömmling, der etwas
hätte ausspionieren wollen, sofort eifersüchtig unter die Lupe genommen. Auch Bang Bang
hat sich verhalten wie immer. Ich kenne ihn.«
»Gab es besondere Vorkommnisse?«
»Nein, gar nicht.«
Zabriskie merkte, wie Kaisers Blick seine Wanderung über ihren
Brustkorb wieder aufnahm.
»Das Einzige, was anders war als in den vergangenen Wochen, war die
bevorstehende Reparatur des Wassergrabens, der Bang Bangs Freigehege vom Publikum trennt.
Wir haben hier keine Mauer mehr, wie Sie sehen«, sagte Kaiser.
»Der Graben war kaputt?«, fragte Pachulke.
»Nein, eigentlich nicht kaputt, aber es gibt einen größeren Riss, der
verfugt werden muss. Außerdem muss man das ganze Essen herausholen, das die Leute
hineinwerfen. Bang Bang hätte in der Zeit Hausarrest gehabt, insofern ist das jetzt nicht
unpassend, dass er weg ist.«
Dr. Kern schmatzte zweimal und Kaiser zog den Kopf zwischen die
Schultern.
»Aber das Wasser ist noch da.«
»Das soll morgen abgelassen werden.«
Kaiser beugte seinen Kopf leicht in Zabriskies Richtung, und ihr fiel
auf, dass er Mundgeruch hatte.
»Kennen Sie jemanden, der ein Motiv für die Entführung von Bang Bang
haben könnte?«, wollte Pachulke wissen.
Kaiser bekam einen roten Kopf. »Wie bitte? Sie haben doch das
Bekennerschreiben gesehen, oder etwa nicht?«
Pachulke überging diesen Einwand und murmelte etwas, das vielleicht
Zustimmung signalisieren sollte. Lauter sagte er dann: »Was für ein Typ war Bang Bang?«
»Eigentlich ist er ein brutaler Killer«, sagte Nils Kaiser. »Aber die
Haft hier hat ihn sehr ruhig gemacht. Er hat viel meditiert. Ich denke, unter meiner Obhut
hat er sich mit seinem bisherigen Leben zum ersten Mal richtig auseinander gesetzt.«
Der Zoodirektor mischte sich wieder ein. »Die lange und harte Haftzeit
hier ist für viele unserer Klienten eine Art rituelle Reinigung. Ein Fundament für einen
Neuanfang oder so. Deswegen haben ihn die chinesischen Behörden auch an uns überstellt.
Bei uns hat das Wort Strafe noch eine Bedeutung.«
»Hatte er besondere Kennzeichen?«, fragte Pachulke.
»Nein«, sagte Dr. Ukas Kern.
»Doch«, sagte Nils Kaiser. »Bang Bang hat eine lange Narbe am Hals.
Kein Tierarzt hat sie richtig erklären können. Am ehesten könnte sie von einem Messer
oder einer Klaue herrühren.«
»Aha«, sagte der Zoodirektor.
Zabriskie wechselte einen Blick mit Pachulke.
»Vorlieben, Abneigungen, Feinde?«, fragte dieser.
»Jemand mit so einem Vorleben hat natürlich Feinde, und natürliche
Feinde auch. Die hat jedes Tier. Außerdem hasst Bang Bang Hunde. Er geht nicht ins
Freigehege, wenn er einen Hund bei den Zuschauern sieht. Auch wenn er dadurch seine
kleinen Vergünstigungen aufs Spiel setzt, die ich ihm gewähren kann.«
»Sie meinen den Videorecorder?«, fragte Zabriskie.
»Ja, unter anderem«, erwiderte Kaiser.
»Aber das Video Rasierte Thai-Muschis, Teil IV in Bang Bangs
Käfig gehört Ihnen?«
Wieder schmatzte Dr. Kern, und Nils Kaiser wurde knallrot: »Nein ...
das ist ... das soll ... in Gefangenschaft ... die Hormone ... zum Ausgleich ... ein
geschlechtsreifes Tier.«
»Ich sehe schon, Versorgung auf höchstem medizinischen Niveau.«
Zabriskie hob die Tüte mit den Filzpantoffeln hoch. »Die nehmen wir mit, für die
Spürhunde. Die Videos brauchen wir nicht. Vielleicht haben Sie ja noch einen Gorilla, der
sich ab und zu mal einen runterholen möchte. Gibt es hier sonst noch persönliche
Habseligkeiten von Bang Bang?«
Kaiser zögerte einen Moment und sagte dann mit winziger Stimme: »Es
gibt da noch ...«, er trat an einen kleinen Schrank und holte einen Pappkarton hervor,
»... das hier.« Er hob den Deckel, und Zabriskie sah einen Berg Postkarten und Briefe.
Sie waren in kindlicher Jungmädchenhandschrift An den knuffigen Bang Bang oder An
das süße Bärchen adressiert.
Kaiser sagte: »Alles Fanpost. Das hier ist nur das Aufkommen der
letzten Monate. Er war der absolute Star hier.«
Und du nicht, dachte Zabriskie. Ihr fielen die Pandaschneekugeln,
Pandaradiergummis, Pandatopflappen und das andere Pandazubehör vorne am Kassenhäuschen
wieder ein. Jeder Scheiß wird Merchandise. Sie nahm die Kiste mit der Fanpost in Empfang,
ohne Kaiser dabei zu berühren.
»Weiß das Publikum, dass Bang Bang ein ehemaliger Mafiakiller ist?«, fragte
Pachulke.
»Nein«, sagte der Zoodirektor. »Das ist geheim. Das soll unseren
Tieren den Neuanfang in ein unbescholtenes Leben ermöglichen. Außerdem sind sie nach
außen hin natürlich Sympathieträger. Wer will schon ein Poster von jemandem kaufen, der
Menschen bei lebendigem Leib Bambusschößlinge durch den Körper hat wachsen lassen?«
Pachulke nickte. Das hätte Dorfner interessiert. Zum Glück war er
nicht hier.
Kaiser suchte in einem Ordner und überreichte Pachulke ein Foto von
Bang Bang. »Das hier ist vier Wochen alt. Ich habe es für die neuen Autogrammkarten
gemacht.«
»Autogrammkarten?«
»Ja, ein faksimilierter Pfotenabdruck.«
»Vielen Dank, das ist uns eine große Hilfe.«
»Wollen Sie eine Großfahndung nach ihm durchführen oder so?«, fragte
der Zoodirektor.
»Wir wissen noch gar nicht, was wir machen. Entführungen sind immer
heikel«, sagte Pachulke und hob die Hände, als wollte er den Zoodirektor segnen.
»Nicht dass die Entführer durchdrehen und ihn umbringen«, sagte der
Zoodirektor.
Kaiser schüttelte den Kopf. »Das größte Risiko für Bang Bang ist
die Ernährung. Pandas haben einen ausgesprochen sensiblen Magen. Denen können Sie nicht
einfach einen Sack Karotten oder eine Dose Hundefutter hinstellen.«
Dr. Ukas Kern blickte auf seinen Mitarbeiter, als hätte dieser ihm
gerade eröffnet, dass die Erde die Form einer Brezel habe.
Kaiser ließ sich nicht beirren. »Ich habe lange herumexperimentiert,
und mehr als einmal hat Bang Bang in seinen Käfig erbrochen oder Durchfall bekommen.
Einer unserer Tierärzte war in dieser Zeit praktisch jede Nacht bei ihm. Die Ernährung
eines Panda in Gefangenschaft ist eine Kunst.« Er strich seinen Overall über dem Bauch
glatt.
»Was kriegt er denn?«, fragte Pachulke.
Nils Kaiser stellte sich in Positur: »Bang Bang muss alle zwölf
Stunden frisches Futter erhalten. Ein Menü besteht aus sieben Gängen, die stets gleich
bleiben und die er in der immer gleichen Reihenfolge verzehrt. Zu Beginn gibt es siebenmal
die Acht Kostbarkeiten. Das ist eine gemischte Gemüseplatte, unter anderem mit
Wasserkastanien und Cashewnüssen. Danach folgen sechs vegetarische Frühlingsrollen. Als
nächstes gibt es fünf Portionen Bambus mit Glasnudeln und Pilzen.«
Pachulke lief das Wasser im Mund zusammen.
»Dann bekommt er vier Lychees als Zwischengang, gefolgt von drei
Tellern Bambussprossensalat und zwei Portionen Wan-Tan-Suppe mit Krabbenfüllung. Bang
Bang verabscheut Schweinefleisch.«
»Die Suppe kommt zum Schluss?«, fragte Pachulke.
»In der chinesischen Küche kommt die Suppe immer zum Schluss«,
erklärte Kaiser und zog die Augenbrauen hoch. »Den Abschluss bildet ein Glückskeks.«
Der Zoodirektor leckte sich die Lippen. »Was Sie nicht sagen, Kaiser.
Was man nicht alles lernt, wenn man diesen ganzen Verwaltungskram mal hinter sich lässt
und hinaus ins Leben tritt. Und wenn er das nicht bekommt?«
»Da gibt es viele Möglichkeiten. Er wird krank oder er stirbt sofort.
Mit ziemlicher Sicherheit wird er übellaunig und aggressiv. Ein falsch ernährter Panda
ist das tückischste Tier, das ich kenne. Und ich habe lange bei den Wasserbüffeln
gearbeitet.«
Zabriskie hatte das Menü mitgeschrieben. »Und Sie kochen das für
Ihren ... äh ... Klienten alles selbst?«
»Um Himmels willen, nein. Bang Bang hat einen chinesischen Leibkoch, er
heißt Bolle. Hier.« Er zeigte auf eine kleine Metalltür neben dem Eingang zum
Pandahäuschen. »Hier lebt und arbeitet er.«
Pachulke öffnete die Tür und blickte in eine penibel aufgeräumte
kleine Kochzeile mit einem zweiflammigen Gasherd. Auf den Wandregalen türmten sich
Gewürz- und Konservendosen. Es roch nach Sesamöl und Austernsoße. Durch einen schmalen
Durchgang, der mit einem Glasperlenvorhang abgetrennt war, blickte er in eine winzige
Kammer mit einer ordentlich gemachten Pritsche und einem kleinen Tisch, auf dem das Buch Deutsch
für Chinesen, Band 3 und ein Schreibblock lagen: Wenn ich ein Vöglein
wär und auch zwei Flügel hätt, flög ich zu Dir. stand darauf. Wär,
hätt und flög waren rot unterstrichen. Über dem flög
befand sich ein kleines Fragezeichen. Auf einem Bücherbrett standen drei offenbar auf
Chinesisch verfasste Bücher.
»Bolle heißt der Koch?«, fragte Pachulke und wandte sich an Dr. Kern.
»Ja, das ist ein Teil des Assimilationsprogramms. Damit sich neue
Facharbeiter schneller eingewöhnen, bekommen sie regionaltypische Namen verliehen. Wie
Sie bemerkt haben dürften, enthält Bolle kein R, extra chinesenfreundlich.«
»Wir müssen diesen Bolle unbedingt sprechen.«
»Das ist leider nicht möglich«, sagte der Zoodirektor und studierte
die Fingernägel seiner rechten Hand. »Er hat letzte Woche ein Schreiben der
Ausländerbehörde erhalten. Nichts Besonderes, eine Routinesache wegen des Sprachkurses.
Ich habe ihm das vorgelesen und erklärt. Aber er muss es falsch verstanden haben. Er ist
seit vorgestern nicht mehr zur Arbeit erschienen.«
»Und wie ernähren Sie den Panda seither?«, fragte Zabriskie.
»Ich habe einen ... äh ... Lieferservice beauftragt«, antwortete Nils
Kaiser.
»Ist das nicht gefährlich? Könnte man nicht einen Dietrich oder eine
Pistole in einer Frühlingsrolle verstecken?«
»Könnte man schon, aber der Laden ist absolut zuverlässig. Die haben
schon das Catering für unseren Faschingsball der Einzelfallbetreuer gemacht. Die gehören
quasi zur Familie«, sagte Kaiser.
»Außerdem ist das nur eine Übergangslösung«, ergänzte Kern. »Wir
suchen natürlich einen neuen Koch in Festanstellung oder so, wenn Bang Bang
wiederkommt.«
»Ein Foto von diesem Bolle haben Sie nicht zufällig?«, fragte
Pachulke.
»Doch, er war auf unserem Belegschaftsfoto im vergangenen Sommer drauf,
natürlich sehr klein, bei mehr als zweihundert Leuten. Das könnte ich Ihnen
selbstverständlich raussuchen«, sagte Dr. Ukas Kern und vermied den Blickkontakt mit
Pachulke.
Schließlich sah er hoch. »Das hier ist eine echte Katastrophe für
uns. Und wenn Bolle nicht abgehauen wäre diese Ausländerbehörde hat aber auch
einen Ton drauf. Du nix besser Deutsch, Aufenthalt futschiweg tschüssikowski pardautz,
schreiben die da einem gut ausgebildeten, fleißigen Spezialisten , dann wäre Bang
Bang vielleicht noch hier.«
»Wahrscheinlich war es für Herrn Bolle besser, dass er nicht da war.
Die Rote Bete Fraktion hat sich bisher nie von Leuten am Tatort abhalten lassen. Bis auf
weiteres gehen wir davon aus, dass sie für Bang Bangs Verschwinden verantwortlich ist.«
»Bis auf weiteres?«, fragte Kaiser.
»Wir müssen in alle Richtungen denken«, sagte Pachulke. Er wollte
gehen.
»Wenn Ihnen noch etwas einfällt oder Herr Bolle auftaucht, rufen Sie
uns bitte sofort an«, ergänzte Zabriskie. »Sie haben uns sehr geholfen.«
Als sie wieder vor dem Elefantentor standen, sagte Pachulke: »Dieser Kern ist aus
allen Wolken gefallen, als er von Bang Bangs Speiseplan gehört hat. Das war ihm gar nicht
recht.«
»Ich denke, er steckt schwer in der Bredouille. Jede Informationslücke
kann ihm als Versagen ausgelegt werden.«
»Hätte er ein Motiv für eine vorgetäuschte Entführung?«
»Das halte ich für ausgeschlossen. Er ruiniert ja seinen Ruf als
Hardliner. An seiner Stelle müsste er dem Tierpark in Friedrichsfelde schaden, damit
jeder sieht, dass reformierter Strafvollzug nicht sicher ist.«
»Das stimmt. Für Kern wäre eine Befreiungsaktion im Tierpark genau
das Richtige. Das hier muss ein Alptraum für ihn sein. Was ist mit Kaiser?«
»Kaiser stinkt aus dem Mund und im Kopf, aber er weiß alles über Bang
Bang. Wir müssen ihn noch einmal befragen, wenn Kern nicht dabei ist.«
»Ich finde, das passt alles nicht zur Rote Bete Fraktion. Ein Tier
entführen verbunden mit dem Kampfschrei: Freiheit für alle Tiere, das ist doch
Quatsch.«
»Nö, Dialektik. Der Guerillakampf hat seine eigenen Gesetze. Sie
wollen Härte zeigen.«
»Dorfner soll den Zoodirektor überprüfen.«
»Um Himmels willen.«
»Nein, nur den Papierkram. Buchhaltung, private Finanzen, auf keinen
Fall eine Vernehmung.«
»Besser so. Ich muss jetzt los, sonst haben die Packer in der
Beusselstraße endgültig Feierabend. Die haben heute Morgen um halb vier angefangen.
Grüß mir die Kapotthütchen.«
Sie ging davon, grinsend, wie so häufig.
Pachulke wollte erst etwas essen, bevor er nach Charlottenburg fuhr.
Schließlich waren Frühlingsrollen jetzt Ermittlungsarbeit.
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