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Rob Alef

Bang Bang stirbt

Leseprobe

Shayol | Stories und Romane
Der Bereich um das Pandahaus war weiträumig abgesperrt worden. Pachulke und Zabriskie zückten ihre Ausweise vor dem größten der vier Securitatis-Männer, die mit ihren schwarzen Hunden auf den Kieswegen Wache standen und unablässig vor sich hin malmten. Einer fischte einen Kaugummi aus der Jackentasche und schob ihn seinem bettelnden Hund ins Maul: »Hier, rohe Leber, das magst du doch so. Aber lass mir was übrig.«
   Die beiden Ermittler gingen weiter zum Pandahaus. Ein Kollege von der Spurensicherung hüpfte in gebückter Haltung über den Boden und pickte kleinste Erdkrümel mit einer Pinzette auf. Ein Fotograf machte seine Aufnahmen. Aber Spuren auf Kies waren fast nicht nachzuweisen. Vor der Tür des Pandahäuschens stand Engine Plink, die Leiterin der Spurensicherung. Sie trug wie immer Jeans und ein weißes Herrenhemd, dessen Ärmel sie hochgekrempelt hatte. Als sie Pachulke und Zabriskie sah, entblößte sie ihre Zähne zu einem strahlenden Lächeln und hielt Pachulke zwei kleine Plastikbeutel unter die Nase: »Diesmal haben sie etwas hinterlassen. Endlich.« Sie hatte Recht. Außer vollständiger Verwüstung hatte die Rote Bete Fraktion am Tatort bisher bei keiner ihrer Aktionen irgendetwas hinterlassen. Plink fuhr fort: »Das Bekennerschreiben und – eine Gabel.«
   »Eine Gabel?«, echote Pachulke.
   »Vielleicht ist das ein Zeichen für eine neue Phase der Eskalation, eine Art verschlüsselte Kriegserklärung«, sagte Zabriskie schnell.
   »Wie dem auch sei. Mit ihr wurde jedenfalls das Bekennerschreiben in die Zielscheibe im Käfig gesteckt«, sagte Engine Plink zu Pachulke. »Morgen früh kann ich Ihnen Genaueres sagen. Wir jagen die Gabel durch unseren Rasterblasterspektralperforator, und dann wissen wir mehr.« Pachulke warf einen Blick auf das Bekennerschreiben. Es war ein einfaches Blatt Papier, die Schrift ein Computerausdruck: Heute Nacht haben wir Bang Bang aus den Händen des kannibalischen Establishments befreit. Es ist bärenverachtend und zynisch, wenn mit der Gefangenschaft unschuldiger Tiere Millionen verdient werden. Kampf dem zoologischen System. Kampf seinen Helfershelfern und Spießgesellen. Freiheit für alle Tiere. Rote Bete Fraktion.
   »Vielleicht hilft uns die Tintenanalyse weiter«, sagte Engine Plink, während Zabriskie das Erdreich zu ihren Füßen studierte und Pachulke einen Punkt hinter Plinks Schulter zu fixieren schien.
   »Warten wir’s ab«, sagte Pachulke. »Wo ist der Wärter?«
   »Pfleger, unsere Mitarbeiter heißen Pfleger«, schnarrte der Zoodirektor, der unbemerkt herangetreten war. Er trug einen Overall im grünlich gefleckten Tarndesign und ein Namensschildchen: Hier verwahrt Sie Dr. Ukas Kern, Direktor Zoologischer Garten.
   Er zeigte keinerlei Zeichen von Erschütterung, sondern quetschte die Hand von Pachulke, als wollte er sie abschrauben. Auch Zabriskie verzog das Gesicht.
   »Wo Menschen arbeiten, werden Fehler gemacht. Und ein großes Unternehmen macht auch einmal einen großen Fehler«, sagte er in einem Ton, als würde er diese Erkenntnis einem vollbesetzten Vortragssaal mitteilen. »Kaiser!« Er winkte einen Mann heran, der hinter ihm in Wartestellung stand. Auch er trug einen Tarnanzug, allerdings hatte er auf den Schultern nur zwei Streifen. Dr. Ukas Kern hatte fünf. »Die Herrschaften von der Polizei haben sicherlich jede Menge Fragen an Sie.«
   Der Mann stellte sich als Nils Kaiser, Pandapfleger, vor. Kern ergänzte: »Unser Tier hatte einen Einzelfallbetreuer. Besondere Gefahrenlage, Sie verstehen.«
   »Hatte?«, fragte Pachulke.
   Dr. Kern formte seinen Mund zu einem lautlosen Äh.
   Kaiser presste die Lippen zusammen. Offenbar durfte er seinen Chef nicht mit Fragen behelligen.
   »Nun ja, jetzt wo er weg ist, kann Kaiser ja nichts machen.«
   Pachulke nickte vage und wandte sich an Kaiser. »Seit wann war Bang Bang bei Ihnen eingesperrt?«
   Kaiser runzelte die Stirn. »Mein Klient befindet sich seit etwas mehr als vier Jahren in meiner Obhut.«
   »Das ist bestimmt eine große Herausforderung für den Zoo?«
   »Ja, das kann man so sagen. Ein derart gefährliches Tier hatte ich noch nie. Um so schlimmer«, er warf einen Blick auf den Zoodirektor, »dass er jetzt weg ist.«
   Dr. Kern fügte hinzu: »Kaiser hat Recht, wir haben hier einen Ruf zu verlieren. Wir sind der führende Hochsicherheitszoo in Europa. Was hatten wir hier nicht schon alles.« Er nickte einem nur für ihn sichtbaren Auditorium zu.
   Pachulke kratzte sich am Ohr. Der Zoo war 1844 eröffnet worden. Erster Insasse war ein riesiger Orang-Utan gewesen, der drei Jahre zuvor in Paris zwei Frauen ermordet hatte. Hier im Zoo war er dann, grauhaarig und verfettet, siebenunddreißig Jahre später gestorben. Diese erfolgreiche Verwahrung hatte den Ruhm der Institution begründet. Eine Bronzeskulptur des Orang-Utan stand heute vor dem Affenhaus.

Zabriskie betrachtete das Pandahäuschen, das ein bisschen aussah wie ein chinesischer Tempel, den sie vor langer Zeit einmal in Legoland gesehen hatte. Sie überlegte, ob sie Kaiser in die Eier treten sollte, dessen Blick im Ausschnitt ihres T-Shirts eine dünne Schleimspur hinterließ. Doch die ewigen Dienstaufsichtsbeschwerden stahlen ihr zu viel kostbare Lebenszeit. Glotz doch, armer Schlucker. Sie betrat das Pandahaus, nachdem ihr Engine Plink bedeutet hatte, dass die Spurensicherung hier fertig war.
   Bang Bangs Zelle war sauber, aber unordentlich. Auf einer roten Veloursschlafcouch lagen ein paar alte Decken, an denen schwarze und weiße Haare klebten. Ein Rolltisch, darauf ein Fernseher mit einem Videorecorder. Drei Videokassetten lagen vor der Couch auf dem Boden und Zabriskie entzifferte Peking Opera Blues.
   An der rückwärtigen Wand, in der sich auch die Klappe befand, die zum Freigehege führte, hing eine selbst gemalte Zielscheibe aus Pappe. Sie war fast genau kreisrund zurechtgebissen, Zabriskie konnte die Zahnspuren am Rand erkennen. Im Bull’s Eye war ein kleines Männchen aufgemalt. Es konnte ein Polizist sein oder ein Einzelfallbetreuer. Sie begutachtete die drei Löcher, die von den drei Zinken der Gabel stammten. Der geflieste Boden war mit irgendwelchen Kernen übersät.
   Über dem Bett hing ein alter Jahreskalender des Bamboo Garden Restaurant in Hongkong. Drum herum an der Wand klebten zahllose kleine Zettelchen, wie man sie in Glückskeksen findet. Zabriskie las: Wer sich am Morgen ärgert, beschmutzt den neuen Tag.
   Ihr Fuß stieß unter dem Sofa gegen etwas Weiches. Sie bückte sich und sah zwei graue Filzpantoffeln, etwa Größe 56. Sie zog einen Einweghandschuh und eine Plastiktüte aus ihrer Hosentasche und packte die Schuhe ein.
   In einem kleinen Nebenraum befand sich ein gemauertes Geviert, das mit Katzenstreu gefüllt war. Das Oberlicht hatte kein Glas und war vergittert. Das Pandaklo.
   Zabriskie ging zurück zu Pachulke, der offenbar im Stehen döste, während er den Erläuterungen von Nils Kaiser lauschte.
   »Nein, es gab überhaupt keine Anzeichen für eine Entführung. Die regelmäßigen Besucher, die jeden Tag kommen, hätten jeden Neuankömmling, der etwas hätte ausspionieren wollen, sofort eifersüchtig unter die Lupe genommen. Auch Bang Bang hat sich verhalten wie immer. Ich kenne ihn.«
   »Gab es besondere Vorkommnisse?«
   »Nein, gar nicht.«
   Zabriskie merkte, wie Kaisers Blick seine Wanderung über ihren Brustkorb wieder aufnahm.
   »Das Einzige, was anders war als in den vergangenen Wochen, war die bevorstehende Reparatur des Wassergrabens, der Bang Bangs Freigehege vom Publikum trennt. Wir haben hier keine Mauer mehr, wie Sie sehen«, sagte Kaiser.
   »Der Graben war kaputt?«, fragte Pachulke.
   »Nein, eigentlich nicht kaputt, aber es gibt einen größeren Riss, der verfugt werden muss. Außerdem muss man das ganze Essen herausholen, das die Leute hineinwerfen. Bang Bang hätte in der Zeit Hausarrest gehabt, insofern ist das jetzt nicht unpassend, dass er weg ist.«
   Dr. Kern schmatzte zweimal und Kaiser zog den Kopf zwischen die Schultern.
   »Aber das Wasser ist noch da.«
   »Das soll morgen abgelassen werden.«
   Kaiser beugte seinen Kopf leicht in Zabriskies Richtung, und ihr fiel auf, dass er Mundgeruch hatte.
   »Kennen Sie jemanden, der ein Motiv für die Entführung von Bang Bang haben könnte?«, wollte Pachulke wissen.
   Kaiser bekam einen roten Kopf. »Wie bitte? Sie haben doch das Bekennerschreiben gesehen, oder etwa nicht?«
   Pachulke überging diesen Einwand und murmelte etwas, das vielleicht Zustimmung signalisieren sollte. Lauter sagte er dann: »Was für ein Typ war Bang Bang?«
   »Eigentlich ist er ein brutaler Killer«, sagte Nils Kaiser. »Aber die Haft hier hat ihn sehr ruhig gemacht. Er hat viel meditiert. Ich denke, unter meiner Obhut hat er sich mit seinem bisherigen Leben zum ersten Mal richtig auseinander gesetzt.«
   Der Zoodirektor mischte sich wieder ein. »Die lange und harte Haftzeit hier ist für viele unserer Klienten eine Art rituelle Reinigung. Ein Fundament für einen Neuanfang oder so. Deswegen haben ihn die chinesischen Behörden auch an uns überstellt. Bei uns hat das Wort Strafe noch eine Bedeutung.«
   »Hatte er besondere Kennzeichen?«, fragte Pachulke.
   »Nein«, sagte Dr. Ukas Kern.
   »Doch«, sagte Nils Kaiser. »Bang Bang hat eine lange Narbe am Hals. Kein Tierarzt hat sie richtig erklären können. Am ehesten könnte sie von einem Messer oder einer Klaue herrühren.«
   »Aha«, sagte der Zoodirektor.
   Zabriskie wechselte einen Blick mit Pachulke.
   »Vorlieben, Abneigungen, Feinde?«, fragte dieser.
   »Jemand mit so einem Vorleben hat natürlich Feinde, und natürliche Feinde auch. Die hat jedes Tier. Außerdem hasst Bang Bang Hunde. Er geht nicht ins Freigehege, wenn er einen Hund bei den Zuschauern sieht. Auch wenn er dadurch seine kleinen Vergünstigungen aufs Spiel setzt, die ich ihm gewähren kann.«
   »Sie meinen den Videorecorder?«, fragte Zabriskie.
   »Ja, unter anderem«, erwiderte Kaiser.
   »Aber das Video Rasierte Thai-Muschis, Teil IV in Bang Bangs Käfig gehört Ihnen?«
   Wieder schmatzte Dr. Kern, und Nils Kaiser wurde knallrot: »Nein ... das ist ... das soll ... in Gefangenschaft ... die Hormone ... zum Ausgleich ... ein geschlechtsreifes Tier.«
   »Ich sehe schon, Versorgung auf höchstem medizinischen Niveau.« Zabriskie hob die Tüte mit den Filzpantoffeln hoch. »Die nehmen wir mit, für die Spürhunde. Die Videos brauchen wir nicht. Vielleicht haben Sie ja noch einen Gorilla, der sich ab und zu mal einen runterholen möchte. Gibt es hier sonst noch persönliche Habseligkeiten von Bang Bang?«
   Kaiser zögerte einen Moment und sagte dann mit winziger Stimme: »Es gibt da noch ...«, er trat an einen kleinen Schrank und holte einen Pappkarton hervor, »... das hier.« Er hob den Deckel, und Zabriskie sah einen Berg Postkarten und Briefe. Sie waren in kindlicher Jungmädchenhandschrift An den knuffigen Bang Bang oder An das süße Bärchen adressiert.
   Kaiser sagte: »Alles Fanpost. Das hier ist nur das Aufkommen der letzten Monate. Er war der absolute Star hier.«
   Und du nicht, dachte Zabriskie. Ihr fielen die Pandaschneekugeln, Pandaradiergummis, Pandatopflappen und das andere Pandazubehör vorne am Kassenhäuschen wieder ein. Jeder Scheiß wird Merchandise. Sie nahm die Kiste mit der Fanpost in Empfang, ohne Kaiser dabei zu berühren.

»Weiß das Publikum, dass Bang Bang ein ehemaliger Mafiakiller ist?«, fragte Pachulke.
   »Nein«, sagte der Zoodirektor. »Das ist geheim. Das soll unseren Tieren den Neuanfang in ein unbescholtenes Leben ermöglichen. Außerdem sind sie nach außen hin natürlich Sympathieträger. Wer will schon ein Poster von jemandem kaufen, der Menschen bei lebendigem Leib Bambusschößlinge durch den Körper hat wachsen lassen?«
   Pachulke nickte. Das hätte Dorfner interessiert. Zum Glück war er nicht hier.
   Kaiser suchte in einem Ordner und überreichte Pachulke ein Foto von Bang Bang. »Das hier ist vier Wochen alt. Ich habe es für die neuen Autogrammkarten gemacht.«
   »Autogrammkarten?«
   »Ja, ein faksimilierter Pfotenabdruck.«
   »Vielen Dank, das ist uns eine große Hilfe.«
   »Wollen Sie eine Großfahndung nach ihm durchführen oder so?«, fragte der Zoodirektor.
   »Wir wissen noch gar nicht, was wir machen. Entführungen sind immer heikel«, sagte Pachulke und hob die Hände, als wollte er den Zoodirektor segnen.
   »Nicht dass die Entführer durchdrehen und ihn umbringen«, sagte der Zoodirektor.
   Kaiser schüttelte den Kopf. »Das größte Risiko für Bang Bang ist die Ernährung. Pandas haben einen ausgesprochen sensiblen Magen. Denen können Sie nicht einfach einen Sack Karotten oder eine Dose Hundefutter hinstellen.«
   Dr. Ukas Kern blickte auf seinen Mitarbeiter, als hätte dieser ihm gerade eröffnet, dass die Erde die Form einer Brezel habe.
   Kaiser ließ sich nicht beirren. »Ich habe lange herumexperimentiert, und mehr als einmal hat Bang Bang in seinen Käfig erbrochen oder Durchfall bekommen. Einer unserer Tierärzte war in dieser Zeit praktisch jede Nacht bei ihm. Die Ernährung eines Panda in Gefangenschaft ist eine Kunst.« Er strich seinen Overall über dem Bauch glatt.
   »Was kriegt er denn?«, fragte Pachulke.
   Nils Kaiser stellte sich in Positur: »Bang Bang muss alle zwölf Stunden frisches Futter erhalten. Ein Menü besteht aus sieben Gängen, die stets gleich bleiben und die er in der immer gleichen Reihenfolge verzehrt. Zu Beginn gibt es siebenmal die Acht Kostbarkeiten. Das ist eine gemischte Gemüseplatte, unter anderem mit Wasserkastanien und Cashewnüssen. Danach folgen sechs vegetarische Frühlingsrollen. Als nächstes gibt es fünf Portionen Bambus mit Glasnudeln und Pilzen.«
   Pachulke lief das Wasser im Mund zusammen.
   »Dann bekommt er vier Lychees als Zwischengang, gefolgt von drei Tellern Bambussprossensalat und zwei Portionen Wan-Tan-Suppe mit Krabbenfüllung. Bang Bang verabscheut Schweinefleisch.«
   »Die Suppe kommt zum Schluss?«, fragte Pachulke.
   »In der chinesischen Küche kommt die Suppe immer zum Schluss«, erklärte Kaiser und zog die Augenbrauen hoch. »Den Abschluss bildet ein Glückskeks.«
   Der Zoodirektor leckte sich die Lippen. »Was Sie nicht sagen, Kaiser. Was man nicht alles lernt, wenn man diesen ganzen Verwaltungskram mal hinter sich lässt und hinaus ins Leben tritt. Und wenn er das nicht bekommt?«
   »Da gibt es viele Möglichkeiten. Er wird krank oder er stirbt sofort. Mit ziemlicher Sicherheit wird er übellaunig und aggressiv. Ein falsch ernährter Panda ist das tückischste Tier, das ich kenne. Und ich habe lange bei den Wasserbüffeln gearbeitet.«
   Zabriskie hatte das Menü mitgeschrieben. »Und Sie kochen das für Ihren ... äh ... Klienten alles selbst?«
   »Um Himmels willen, nein. Bang Bang hat einen chinesischen Leibkoch, er heißt Bolle. Hier.« Er zeigte auf eine kleine Metalltür neben dem Eingang zum Pandahäuschen. »Hier lebt und arbeitet er.«
   Pachulke öffnete die Tür und blickte in eine penibel aufgeräumte kleine Kochzeile mit einem zweiflammigen Gasherd. Auf den Wandregalen türmten sich Gewürz- und Konservendosen. Es roch nach Sesamöl und Austernsoße. Durch einen schmalen Durchgang, der mit einem Glasperlenvorhang abgetrennt war, blickte er in eine winzige Kammer mit einer ordentlich gemachten Pritsche und einem kleinen Tisch, auf dem das Buch Deutsch für Chinesen, Band 3 und ein Schreibblock lagen: Wenn ich ein Vöglein wär‘ und auch zwei Flügel hätt‘, flög‘ ich zu Dir. stand darauf. Wär‘, hätt‘ und flög‘ waren rot unterstrichen. Über dem flög befand sich ein kleines Fragezeichen. Auf einem Bücherbrett standen drei offenbar auf Chinesisch verfasste Bücher.
   »Bolle heißt der Koch?«, fragte Pachulke und wandte sich an Dr. Kern.
   »Ja, das ist ein Teil des Assimilationsprogramms. Damit sich neue Facharbeiter schneller eingewöhnen, bekommen sie regionaltypische Namen verliehen. Wie Sie bemerkt haben dürften, enthält Bolle kein ›R‹, extra chinesenfreundlich.«
   »Wir müssen diesen Bolle unbedingt sprechen.«
   »Das ist leider nicht möglich«, sagte der Zoodirektor und studierte die Fingernägel seiner rechten Hand. »Er hat letzte Woche ein Schreiben der Ausländerbehörde erhalten. Nichts Besonderes, eine Routinesache wegen des Sprachkurses. Ich habe ihm das vorgelesen und erklärt. Aber er muss es falsch verstanden haben. Er ist seit vorgestern nicht mehr zur Arbeit erschienen.«
   »Und wie ernähren Sie den Panda seither?«, fragte Zabriskie.
   »Ich habe einen ... äh ... Lieferservice beauftragt«, antwortete Nils Kaiser.
   »Ist das nicht gefährlich? Könnte man nicht einen Dietrich oder eine Pistole in einer Frühlingsrolle verstecken?«
   »Könnte man schon, aber der Laden ist absolut zuverlässig. Die haben schon das Catering für unseren Faschingsball der Einzelfallbetreuer gemacht. Die gehören quasi zur Familie«, sagte Kaiser.
   »Außerdem ist das nur eine Übergangslösung«, ergänzte Kern. »Wir suchen natürlich einen neuen Koch in Festanstellung oder so, wenn Bang Bang wiederkommt.«
   »Ein Foto von diesem Bolle haben Sie nicht zufällig?«, fragte Pachulke.
   »Doch, er war auf unserem Belegschaftsfoto im vergangenen Sommer drauf, natürlich sehr klein, bei mehr als zweihundert Leuten. Das könnte ich Ihnen selbstverständlich raussuchen«, sagte Dr. Ukas Kern und vermied den Blickkontakt mit Pachulke.
   Schließlich sah er hoch. »Das hier ist eine echte Katastrophe für uns. Und wenn Bolle nicht abgehauen wäre – diese Ausländerbehörde hat aber auch einen Ton drauf. Du nix besser Deutsch, Aufenthalt futschiweg tschüssikowski pardautz, schreiben die da einem gut ausgebildeten, fleißigen Spezialisten –, dann wäre Bang Bang vielleicht noch hier.«
   »Wahrscheinlich war es für Herrn Bolle besser, dass er nicht da war. Die Rote Bete Fraktion hat sich bisher nie von Leuten am Tatort abhalten lassen. Bis auf weiteres gehen wir davon aus, dass sie für Bang Bangs Verschwinden verantwortlich ist.«
   »Bis auf weiteres?«, fragte Kaiser.
   »Wir müssen in alle Richtungen denken«, sagte Pachulke. Er wollte gehen.
   »Wenn Ihnen noch etwas einfällt oder Herr Bolle auftaucht, rufen Sie uns bitte sofort an«, ergänzte Zabriskie. »Sie haben uns sehr geholfen.«

Als sie wieder vor dem Elefantentor standen, sagte Pachulke: »Dieser Kern ist aus allen Wolken gefallen, als er von Bang Bangs Speiseplan gehört hat. Das war ihm gar nicht recht.«
   »Ich denke, er steckt schwer in der Bredouille. Jede Informationslücke kann ihm als Versagen ausgelegt werden.«
   »Hätte er ein Motiv für eine vorgetäuschte Entführung?«
   »Das halte ich für ausgeschlossen. Er ruiniert ja seinen Ruf als Hardliner. An seiner Stelle müsste er dem Tierpark in Friedrichsfelde schaden, damit jeder sieht, dass reformierter Strafvollzug nicht sicher ist.«
   »Das stimmt. Für Kern wäre eine Befreiungsaktion im Tierpark genau das Richtige. Das hier muss ein Alptraum für ihn sein. Was ist mit Kaiser?«
   »Kaiser stinkt aus dem Mund und im Kopf, aber er weiß alles über Bang Bang. Wir müssen ihn noch einmal befragen, wenn Kern nicht dabei ist.«
   »Ich finde, das passt alles nicht zur Rote Bete Fraktion. Ein Tier entführen – verbunden mit dem Kampfschrei: Freiheit für alle Tiere, das ist doch Quatsch.«
   »Nö, Dialektik. Der Guerillakampf hat seine eigenen Gesetze. Sie wollen Härte zeigen.«
   »Dorfner soll den Zoodirektor überprüfen.«
   »Um Himmels willen.«
   »Nein, nur den Papierkram. Buchhaltung, private Finanzen, auf keinen Fall eine Vernehmung.«
   »Besser so. Ich muss jetzt los, sonst haben die Packer in der Beusselstraße endgültig Feierabend. Die haben heute Morgen um halb vier angefangen. Grüß mir die Kapotthütchen.«
   Sie ging davon, grinsend, wie so häufig.
   Pachulke wollte erst etwas essen, bevor er nach Charlottenburg fuhr. Schließlich waren Frühlingsrollen jetzt Ermittlungsarbeit.

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Rob Alef
Bang Bang stirbt

Roman
Lektorat: Lisa Kuppler
Redaktion: Hannes Riffel
Korrektur: Sara Schade, Anne-Minou Fengler
Satz, Umschlaggestaltung & Herstellung: Ronald Hoppe
Paperback • 254 Seiten • Euro 12,90
Erschienen im April 2005
Paria 3003 • ISBN 3-926126-44-2
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28.08.10 • 02.09.10