Kapitel 1
An dem Nachmittag, als die ganze Geschichte ihren Anfang nahm, war ich mit meinem alten
Freund Leonard Pine auf dem großen Feld hinter meinem Haus. Ich schoß mit einer
zwölfkalibrigen Flinte, und er zog die Vögel hoch.
»Zieh«, sagte ich, und er zog, und die nächste Tontaube flog gen
Himmel. Ich riß die Flinte hoch und holte sie runter.
»Mann«, sagte Leonard, »triffst du eigentlich nie daneben?«
»Nur wenn ich will.«
Ich hatte schon vor langer Zeit von echten Tauben auf tönerne
umgesattelt. Ich hatte keine Lust mehr, irgend etwas zu töten, aber das Schießen machte
mir immer noch Spaß. Anlegen, abdrücken, den Rückstoß an der Schulter spüren und
sehen, wie dein Ziel in der Luft zerfetzt wird das hat schon etwas sehr
Befriedigendes.
»Ich muß ne neue Kiste aufmachen«, sagte Leonard, »die
Täubchen sind alle tot.«
»Dann lade ich jetzt mal ne Zeit lang nach, und du schießt.«
»Ich habe zweimal so lange wie du geschossen und nicht mal halb so viel
erwischt.«
»Mir egal. Mir verziehts allmählich schon die Optik.«
»Blödsinn.«
Leonard stand auf, wischte sich die großen schwarzen Hände an seiner
Khakihose ab, schlenderte zu mir herüber und nahm die Flinte. Wir waren gerade dabei zu
laden, er die Flinte und ich die Startschleuder, als Trudy um eine Ecke des Hauses bog.
Wir sahen sie im selben Moment. Ich hatte mich gerade umgedreht, um eine
weitere Kiste Tontauben zu öffnen, und Leonard hatte sich gerade umgedreht, um eine
Schachtel mit Munition aufzuheben. Und da kam sie im Sonnenlicht auf uns zugeschlendert.
»Scheiße«, sagte Leonard, »jetzt gibts Ärger.«
Trudy war ungefähr vier Jahre jünger als ich, sechsunddreißig, aber
sie sah immer noch aus wie sechsundzwanzig. Langes blondes Haar und Beine bis zum Hals
tolle, dunkel gebräunte Beine mit kräftigen Schenkeln. Und sie verstand sich zu
bewegen. Sie beherrschte diesen speziellen Hüftschwung, der auch ihre Brüste sanft
mitwippen ließ, gerade so, daß Männer von der Straße abkamen, weil sie es nicht lassen
konnten, ihr hinterherzuschauen.
Sie trug ein enges, beigefarbenes Sweatshirt, und man konnte sehen, daß
sie nach wie vor keinen BH brauchte. Dazu, wie es gerade modern war, einen kurzen
schwarzen Rock, der mich an die späten 60er und ihre Minirock-Zeiten erinnerte an
damals, als ich sie kennenlernte. Als sie noch eine große Künstlerin werden und ich
irgendwie die Welt retten wollte.
Soweit mir bekannt war, hatte sie es in puncto Kunst nie weiter als bis
zu einem Zeichentisch und zum Ankleiden von Schaufensterpuppen gebracht. Und was meine
Weltrettungsaktionen betraf die beschränkten sich im wesentlichen auf ein paar
Unterschriften unter alle möglichen Petitionen, vom Metall-Recycling bis zur Rettung der
Wale. Inzwischen warf ich meine Dosen in den Müll, und ich hatte keinen blassen Schimmer,
wie es den Walen ging.
»Nimm dich vor ihr in acht«, sagte Leonard, bevor sie in Hörweite
war.
»Sowieso.«
»Du weißt, was ich meine. Komm bloß nicht heulend zu mir gerannt,
wenn sie dich wieder rumkriegt und dann wieder hängen läßt. Hör auf mich, kapiert?«
»Ich hab schon verstanden.«
»Ja, ja, und das Hirn setzt aus, wenn der Schwanz steht.«
»So ist das nicht, und das weißt du auch.«
»Dann ist es eben so ähnlich.«
Trudy kam näher, und jetzt, als ihr die Mittagssonne voll ins Gesicht
schien, sah ich, daß sie doch nicht mehr ganz wie sechsundzwanzig aussah. Die Poren auf
ihrer Nase waren etwas größer, unter ihren Augen hatte sie Krähenfüße und um die
Mundwinkel herum Lachfältchen. Sie hatte immer gern gelacht, und sie konnte über alles
lachen. Eine meiner glücklichsten Erinnerungen war ihre Art zu lachen, wenn wir
miteinander schliefen. Dann war ihr Lachen hell und klar wie der Gesang der Vögel. Ich
wollte nicht daran denken, aber die Erinnerung war sofort wieder da, wie ein Dorn in
meinem Hinterkopf.
Sie lächelte uns zu, und ich spürte, wie der kalte Januartag ein wenig
wärmer wurde. Sie konnte einem Mann dieses Gefühl geben, und das wußte sie auch. Trotz
Emanzipation hatte sie diese Fähigkeit nie bekämpft.
»Hallo Hap«, sagte sie.
»Hallo«, antwortete ich.
»Leonard«, sagte sie.
»Trudy«, antwortete Leonard.
»Was treibt ihr Jungs denn gerade?«
»Wir schießen auf Tontauben«, antwortete ich. »Willst du auch mal?«
»Klar.«
Leonard reichte mir das Gewehr. »Ich muß los, Hap. Ich meld mich
später nochmal. Vergiß nicht, was ich dir gesagt habe, okay?«
Ich blickte in das Gesicht mit den harten Zügen und der dunklen Haut,
die an die Farbe einer Dörrpflaume erinnerte, und sagte: »Das vergeß ich schon nicht.«
»Na dann. Tschüß Trudy.« Mit langen Schritten ging er über die
Wiese Richtung Haus zu seinem Wagen.
»Was sollte denn das jetzt?« fragte Trudy. »Ist er wegen irgendwas
sauer?«
»Er mag dich nicht.«
»Ach ja, hatte ich ganz vergessen.«
»Hattest du nicht.«
»Okay, hatte ich nicht.«
»Willst du zuerst schießen?«
»Eigentlich würde ich lieber ins Haus gehen und eine Tasse Kaffee
trinken. Es ist ganz schön kalt hier draußen.«
»Du bist nicht gerade angezogen, als ob es kalt wäre.«
»Ich hab Strümpfe an. Die sind wärmer, als du glaubst. Nur eben nicht
warm genug. Außerdem habe ich dich ziemlich lang nicht gesehen ...«
»Fast zwei Jahre.«
»... und ich wollte unbedingt gut aussehen.«
»Das tust du.«
»Du auch. Du könntest ein paar Pfund mehr auf den Rippen vertragen,
aber ansonsten siehst du gut aus.«
»Tja, bei dir ist kein Gramm zuviel oder zuwenig. Du siehst super
aus.«
»Jazzgymnastik. Ich habe eine CD, nach der ich trainiere. Wir älteren
Damen müssen schon was tun für unsere Schönheit.«
Ich lächelte. »Okay, alte Dame, laß uns den Kram einsammeln, und dann
gehen wir ins Haus.«
Sie saß am Küchentisch und lächelte und machte Small Talk. Ich holte den Kaffee raus
und versuchte, nicht daran zu denken, wie es mal zwischen uns gewesen war, aber das gelang
mir nicht sonderlich gut.
Sobald die Kaffeemaschine lief, setzte ich mich ihr gegenüber hin. Die
Gasöfen erwärmten die Küche halbwegs, und so nah, wie ich ihr jetzt saß, stieg mir ihr
Geruch in die Nase eine Mischung aus Minzseife und einem Hauch von Parfüm, das sie
vermutlich hinter den Ohren, in den Kniekehlen und unterhalb des Bauchnabels aufgetragen
hatte. Jedenfalls hatte sie ihr Parfüm früher immer so aufgetragen, und beim Gedanken
daran wurde mir ganz flau.
»Arbeitest du noch immer auf den Rosenfeldern?« fragte sie.
»Vor kurzem haben wir sie umgegraben, aber die letzten Tage war nichts
mehr zu tun. Der Mann, für den Leonard und ich arbeiten, ist mit dem Abschnitt erstmal
fertig. Wird ein paar Tage dauern, bis er uns wieder braucht.«
Sie nickte und fuhr sich mit ihren langen Fingernägeln durchs Haar. Ein
kleiner goldener Ring blitzte in einem ihrer Ohrläppchen auf. Ich weiß nicht, was mich
an dieser Geste oder dem Glitzern des Schmucks so sehr berührte, jedenfalls wünschte ich
mir sehnlichst, sie in den Arm zu nehmen, auf den Tisch zu ziehen und ihre zweijährige
Abwesenheit ungeschehen zu machen.
Statt dessen begnügte ich mich mit einer meiner liebsten Erinnerungen:
An jenem Abend gingen wir zu einer Party, und Trudy hatte eine gestreifte Bluse und einen
gestreiften Minirock angezogen. Ich war dreiundzwanzig und sie neunzehn. Die Art, wie sie
tanzte, die Art, wie sie sich bewegte, wenn sie nicht auf der Tanzfläche war, ihr Geruch,
das alles hatte in mir eine irre Lust geweckt.
Ich flüsterte ihr etwas ins Ohr, und sie lachte, und dann gingen wir
raus zu meinem Chevy und fuhren zu unserem Lieblingsparkplatz auf einem mit Pinien
bestandenen Hügel. Ich zog sie aus, und sie zog mich aus, und wir liebten uns lange und
genüßlich auf der warmen Motorhaube meines Autos. Der Mond schien auf uns herab, als
hinge er in dieser Nacht nur für uns am Himmel, und eine kühle Sommerbrise strich wie
der Flügelschlag eines Vogels über unsere Körper.
Am tiefsten eingeprägt hat sich mir abgesehen vom Liebesakt
selbst , wie gottverdammt stark und unsterblich ich mich damals gefühlt hatte.
Alter und Tod schienen so weit weg und so irreal wie die Geschichten eines Betrunkenen
über seine Spaziergänge auf fernen Planeten.
»Wie gehts ... wie heißt er doch gleich? Howard?« Ich wollte
sie das eigentlich nicht fragen, aber irgendwie platzte ich doch damit raus.
»Gut. Wir sind geschieden. Seit einem Jahr. Ich glaube, ich habe kein
Talent zur Ehefrau. Die Ehe mit dir habe ich ja auch in den Sand gesetzt.«
»Kein großer Verlust.«
»Dich habe ich wegen Pete verlassen, Pete wegen Bill, und Bill wegen
Howard. Mit keinem hats funktioniert, und mit denen zwischendrin, die ich nicht
geheiratet habe, auch nicht. Mit keinem war es auch nur annähernd so wie mit uns. Und
Männer, die wenigstens halbwegs so sind wie du, sind immer schwieriger zu finden.«
Die Schmeichelei war reichlich dick aufgetragen, also sagte ich lieber
nichts dazu. Der Kaffee war fertig, und ich goß uns beiden eine Tasse ein. Als ich ihre
auf den Tisch stellte, sah sie mir tief in die Augen, und ich wollte irgend etwas
Unverfängliches sagen, aber ich brachte einfach nichts über die Lippen.
»Ich hab dich vermißt, Hap, wirklich.«
Ich stellte meine Kaffeetasse neben ihre, sie stand auf, ich nahm sie in
die Arme, und wir küßten uns. Der Boden unter meinen Fuß begann nicht zu schwanken, und
mein Herz hörte auch nicht auf zu schlagen, aber es fühlte sich trotzdem gut an.
Dann waren ihre Hände überall auf meinem Körper, und meine auf ihrem,
und während wir uns gemeinsam in Richtung Schlafzimmer bewegten, flogen unsere
Kleidungsstücke schon quer durchs Zimmer. Im Bett tanzten wir diesen guten, alten,
langsamen Tanz, und als sie kam, lachte sie auf diese Art, die ich so liebte, glückselig
und rührend wie das Lied eines Vogels.
Und ich wollte partout nicht daran denken, daß sogar der größte
Räuber unter den Vögeln, der Würger, singen kann. |
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Sturmwarnung |
Kapitel 2
Gegen zwei Uhr in der Früh klingelte das Telefon. Ich stand auf und nahm in der Küche
den Hörer ab. Ich glaube, Trudy hatte das Klingeln nicht einmal gehört. Der Anrufer war
Leonard.
»Ist die Schlampe noch da?«
»Ja.«
»Scheiße. Dann bist du also wieder im Arsch.«
»Diesmal ist es anders. Ich hab sie nur flachgelegt. Weißt du noch,
was du zu mir gesagt hast daß das Hirn aussetzt, wenn der Schwanz steht? Du
hattest recht.«
»Son Schwachsinn. Komm mir bloß nicht mit diesem Macho-Scheiß.
Nur flachlegen ich krieg das vielleicht hin, aber du tickst ganz anders, und das
weißt du ganz genau. Für dich ist das immer was Besonderes. Mr. Hap Collins, Sie
sprechen gerade mit Leonard, nicht mit irgendeinem dahergelaufenen Rosenfeld-Nigger.«
»Leonard, du bist ein Rosenfeld-Nigger und ich auch. Ich bin die
weiße Variante.«
»Du weißt genau, was ich meine.«
»Wieso bist du eigentlich nachts um zwei noch wach und mischt dich in
meine Angelegenheiten?«
»Ich saufe, verdammt nochmal. Ich versuche, mich zu besaufen.«
»Und, klappts?«
»Auf einer Zehnerskala wäre ich jetzt in etwa bei fünf.«
»Höre ich da Hank Williams im Hintergrund?«
»Nicht persönlich, aber ja. Setting the Woods on Fire.«
»In Dur oder in Moll?«
»Du bist bei weitem nicht so witzig, wie du glaubst, Hap. Scheiße,
wäre die Hure doch bloß nicht wieder aufgekreuzt!«
»Nenn sie nicht Hure.«
»Sie ist doch eine. Und kaum taucht sie auf, fängst du an zu
spinnen.«
»Wieso fang ich an zu spinnen?«
»Du kriegst große runde Augen, glotzt treuherzig wie ein kleiner
Welpe, und dann redest du nur noch über die guten alten Zeiten und laberst mich mit
diesem ganzen selbstgerechten 60er Jahre-Mist zu. Ich hab die 60er Jahre auch erlebt,
Kumpel, und von den 80ern unterschieden sie sich gerade mal durch die Batik-T-Shirts.«
»Du schwafelst genausoviel von den 60ern wie ich, du dummer
Armleuchter.«
»Schon, aber ich hab sie gehaßt. Scheiße Mann, sobald Trudy
auftaucht, geht dir die richtige Perspektive flöten. Sie redet dir ein, wie es war, und
wie es jetzt sein müßte, und innerhalb kürzester Zeit glaubst du jedes Wort. Als
Zyniker bist du mir lieber. Da bist du nicht so abgehoben. Ich sags dir, die
Schlampe verspricht dir den Himmel auf Erden, um ihren Willen zu kriegen. Sie ist falsch
wie eine Schlange. Sie sitzt irgendwie in der Scheiße, Bruder, und wenn du nicht
aufpaßt, zieht sie dich mit rein. Und wenn die Scheiße dann anfängt zu kochen,
verbrennt ihr euch beide den Arsch. Komm wieder runter, Hap.«
»Sie ist schon in Ordnung, Leonard.«
»Vielleicht im Bett. Im Kopf nicht.«
»Nein, sie ist okay.«
»Klar und wow die 60er, Mann, echt Klasse!«
»Diesmal ist es anders.«
»Und wenn ich das nächste Mal zum Scheißen gehe, fallen lauter
aromatische kleine Würfel raus. Gute Nacht, du dummer Hurensohn.«
Er legte auf. Ich holte mir ein Glas aus dem Schrank, füllte es mit
Wasser und trank. Ich lehnte mich mit dem nackten Hintern an die Küchenarbeitsplatte und
versuchte, mir über ein paar Dinge klar zu werden. So richtig klar wurde mir aber nur,
wie kalt es war.
Ich ging wieder ins Schlafzimmer, um meinen Bademantel zu holen. Der
Mond warf genügend Licht ins Zimmer, daß ich Trudys Gesichtszüge erkennen konnte. Die
Decken waren nach unten gerutscht, sie lag auf der Seite und umarmte das Kopfkissen, als
wäre es ein Kuscheltier. Ich sah ihre sanft gerundete Schulter, den Umriß einer ihrer
schönen Brüste und die Wölbung ihrer Hüfte. Sie sah süß und unschuldig aus, und es
schien kaum vorstellbar, daß das dieselbe Frau sein sollte, die noch vor kurzem in meinen
Armen gestöhnt, geschrien und schließlich wie ein Vogel gesungen hatte.
So unschuldig sie auch aussah, ihr Anblick erregte mich trotzdem. Ich
überlegte, ob ich sie wecken sollte, ließ es dann aber bleiben. Ich deckte sie sanft zu,
nahm meinen Bademantel vom Bettpfosten, ging zurück in die Küche und schenkte mir ein
weiteres Glas Wasser ein. Ich setzte mich hin und starrte aus dem Fenster. Die Vorhänge
waren nicht zugezogen, und so konnte ich im Mondschein das Feld sehen, auf dem Leonard und
ich Tontauben geschossen hatten, und dahinter die Pinien, die jetzt wie die Silhouette
einer fernen Bergkette wirkten.
Ich saß da, trank mein Wasser und dachte nach über Trudy, über
die 60er Jahre und das, was Leonard gesagt hatte , und mir wurde klar, daß er
völlig recht hatte. Das letzte Mal, als sie bei mir aufgekreuzt war, nur um mich kurz
darauf wieder zu verlassen, war ich auf eine so exzessive Sauftour gegangen, daß sich
selbst die Penner bei der Mission unten am Highway für mich geschämt hatten. Genau dort
hatte Leonard mich aufgelesen drei Monate später. Ich konnte mich nicht mehr daran
erinnern, wie ich an das Geld für den Alkohol gekommen war oder wieviel ich getrunken,
geschweige denn daß ich überhaupt damit angefangen hatte.
Damals hatte ich mir geschworen, abstinent zu bleiben. Trudy-abstinent,
nicht Alkohol-abstinent. Aber jetzt war sie wieder da, in meinem Haus, in meinem Bett, und
wenn ich über sie nachdachte, dachte ich wieder nicht die richtigen Sachen, und ich
mußte mir eingestehen, daß ich rückfällig geworden war.
Bevor zwischen uns alles schiefgelaufen war und ich hatte immer
noch keine Ahnung, wann und warum das eigentlich genau passiert war war unsere
Beziehung wie ein wunderschöner Traum gewesen. Und manchmal kam mir der Verdacht, daß
sie nie mehr als das gewesen war: ein wunderschöner Traum.
Wir hatten uns an der LaBorde Universität kennengelernt. Ich hatte erst
spät angefangen zu studieren, weil ich kein Geld hatte und es mir erst in der
Eisengießerei verdienen mußte. Es war ein heißer und grauenhafter Job. Ich mußte die
ganze Zeit mit Schutzhelm herumlaufen, um mich herum stoben permanent Funken und
unaufhörlich verfolgte mich das Scheppern der Stahlrohre.
Aber ich verdiente gut und dachte mir, damit finanziere ich das College,
schaffe irgendeinen Abschluß, und später verdiene ich meinen Lebensunterhalt mal
leichter als mein Vater. So sollte ein Stückchen vom amerikanischen Traum für mich
Realität werden.
Schon bald wurde ich ein eifriger Student, aber nicht aus
Karrieregründen. Bis dahin hatte ich mich vor allem für Kampfsportarten, die Sportseite
der Zeitung und die bunt bebilderten Artikel in der Fernsehzeitschrift interessiert. Aber
die Bücher und Vorlesungen eröffneten mir eine völlig neue Welt. Es gab mehr im Leben
als ein Bier mit den Kumpeln, eine goldene Uhr und eine sichere Pension. Es waren die 60er
Jahre. Love and peace. Soziale Umwälzungen. Gegensätze, die Hand in Hand gingen.
Frauenrechte. Bürgerrechte. Der Vietnamkrieg. Ich fing an zu glauben, ich könnte etwas
bewegen, den Unterprivilegierten helfen. Ich sattelte von Betriebswirtschaft auf
Soziologie um, ging zu Antikriegs-Meetings, sang ein paar Folksongs, sammelte
Beatles-Alben und ließ mir die Haare wachsen.
Bei einem der Meetings in einer Unitarier-Kirche lernte ich Trudy
kennen. Über eine Menge von langen, glatten Haaren und Afrofrisuren hinweg sah ich sie am
anderen Ende des Raums, wo sie sich mit einem birnenförmigen Mädchen in geblümtem Kleid
mit über den Boden schleifendem Glockenrock unterhielt.
Mein Gott, Trudy war schön! Unglaublich jung und das perfekte Modell
für Eva. Ihr langes, goldenes Haar kräuselte sich bis hinunter zur Taille, und ihre
Augen waren von einem schier übernatürlich hellen Grün. Silberne Pailletten baumelten
von ihren Ohren herab. Sie trug eine bauchfreie Bluse, einen Jeans-Minirock und hölzerne
Clogs. Zwischen Bluse und Hüfte sah man ihren flachen braunen Bauch und unter dem
Minirock ein paar Beine, wie Gott sie auch seiner eigenen Frau gegeben hätte.
Ich ging durch den Raum, wobei ich es gerade so schaffte, nicht zu
rennen, und stellte mich vor. Wir redeten beide hemmungslos drauflos, das meiste nur
dummes Gestammel, ein wenig auch über den Krieg.
Schon bald lagen wir uns in den Armen und verließen das Meeting. Wir
wohnten damals beide im Studentenwohnheim, und die Wohnheimmütter duldeten absolut keinen
Sex. Also fuhren wir zu einem Parkplatz, der unser Zufluchtsort werden sollte, und dort
taten wir, was wir schon vom ersten Augenblick an hatten tun wollen. Mich wundert noch
heute, daß die Funken, die auf dem mit Pinien bestandenen Hügel zwischen uns flogen,
keinen Waldbrand entfachten. Die Stoßdämpfer meines alten Chevys mußten jedenfalls
einiges aushalten.
Wir trafen uns öfter, und unsere Beziehung wurde besser und intensiver.
Und in jener Nacht, an die ich am liebsten zurückdenke, damals, als sie das gestreifte
Outfit trug, beschlossen wir, eine Wohnung zu mieten und zusammenzuziehen.
Wir legten unser Geld zusammen und mieteten ein kleines Apartment in
einem der heruntergekommenen Viertel der Stadt, und dort wohnten wir die nächsten zwei
Monate. Wir verstanden uns von Tag zu Tag besser und beschlossen zu heiraten. Es war eine
schlichte Hochzeit mit vielen Blumen und vielen barfüßigen Gästen und einer Priesterin,
die jünger war als Trudy.
Ach Gott, das waren irre Zeiten damals. Wenn du sie nicht miterlebt
hast, aber jemanden kennst, der dabei war, sie so richtig gelebt hat wenn du den
spät am Abend, vielleicht nach ein, zwei Bier oder wenn die Kinder alle im Bett sind,
fragst: Hey, wie war das eigentlich wirklich in den 60er Jahren?, dann kann es gut sein,
daß die Antwort lautet: Das war eine magische Zeit. Oder: Es war einzigartig.
Eine Zeitlang schien es wirklich so. Liebe und Frieden schienen mehr als
nur Worte zu sein. Wir glaubten, jeder könne in einer Welt gegenseitigen Respekts, langer
Haare und friedlichen Miteinanders leben. Es schien, als hätte sich der Himmel geöffnet,
und Gott hätte uns einen Lichtstrahl gesandt, in dessen Glanz die wundervollsten Dinge
passierten. Ein Beispiel dafür war der Zwischenfall mit dem Spatz am Abend nach unserer
Hochzeit.
Wir kündigten das Apartment und mieteten ein kleines Haus am Stadtrand.
Es machte nicht viel her. Die Decke im Wohnzimmer war zu niedrig, und die Leitungen
quietschten wie Riesenmäuse.
Trudy knipste das Licht auf der hinteren Veranda an und ging hinaus, um
ein paar Kartoffelschalen auf den Kompost zu werfen. Auf der Veranda saß ein Spatz. Er
ließ die Flügel hängen und war zu schwach zum Fliegen. Sie rief nach mir, und ich sah
ihn mir an. Es war ein Jungvogel, und soweit ich das feststellen konnte, war er nicht
verletzt. Aber er wirkte krank.
Widerstrebend hob ich den Vogel hoch und trug ihn ins Haus. Ich hatte
mal gehört, daß Vögel einen anderen Vogel, der Menschengeruch an sich hat, zu Tode
hacken. Ich kramte eine alte Schuhschachtel hervor, zerriß ein paar Zeitungsseiten, legte
sie auf den Boden der Schachtel und den Vogel obendrauf. Dann holte ich eine Pipette und
flößte dem Vogel kalte Rinderbouillon ein.
Ab da lief es jeden Tag so. Morgens gleich als erstes und dann wieder
zwischen den Seminaren bekam der Vogel Bouillon und frisches Zeitungspapier. Abends
standen wir über seine Schachtel gebeugt da und gurrten wie Eltern, die sich um ihr
krankes Kind sorgen.
Ungefähr zu dieser Zeit fing ich an, stundenweise in einem Restaurant
in LaBorde zu arbeiten. Von dort brachte ich Essensreste mit nach Hause, in der Hoffnung,
sie würden dem Vogel schmecken. Am Anfang weigerte er sich zu fressen, aber schließlich
fraß er sie mir aus der Hand. Nudeln wurden seine Lieblingsspeise. Vielleicht, weil sie
eine gewisse Ähnlichkeit mit Würmern hatten.
Der Vogel wurde kräftiger und fing an, im Haus herumzufliegen. Selbst
wenn wir die Türen und Fenster offen ließen, flog er nicht nach draußen. Er liebte das
Haus, und er liebte uns. Er ließ sich gern auf einer Schulter oder einer Handfläche
nieder. Er tschilpte viel, also nannten wir ihn Tschilp. Unruhig wurde er nur, wenn wir
mal nichts Schwarzes anhatten. In der Nacht, als wir ihn fanden, trug ich ein schwarzes
T-Shirt und Trudy ein schwarzes Bauernkleid, und ich nehme an, er hatte eine emotionale
Bindung zu dieser Farbe entwickelt.
Wir waren so begeistert von unserem Vogel, daß wir alles Schwarz
färbten. Und wenn wir mal neue Kleidung kauften, dann nur in Schwarz. So war Tschilp
immer glücklich.
Damals lag eine Magie in der Luft, die intensiver war als Radiowellen,
und um Trudy und mich herum schien sie besonders intensiv zu sein. Damals dachten wir, es
würde ewig so weiter gehen.
Aber auch im makellosesten Apfel kann sich ein Wurm verbergen.
Einige Wochen nach unserer Heirat begann das Jahr 1970, und der
Vietnamkrieg tobte unvermindert weiter. Viele waren vom relativ harmlosen Marihuana auf
Pillen und Nadeln mit allem denkbaren Scheiß drin umgestiegen. Woodstocks einzigartige,
wenn auch zugegebenermaßen kitschige Schönheit stand Seite an Seite mit der sinnlosen
Tragödie an der Kent State University.
Unser Vogel flog weiterhin im Haus herum, aber die Magie der 60er war
erloschen. Allmählich wurde uns bewußt, daß sie vielleicht nie existiert hatte. Wir
hatten einen flüchtigen Blick auf ein paar abgegriffene Karten im Ärmel des Zauberers
erhascht, und mit jedem Tag wurde der Eindruck, den die Vorstellung hinterlassen hatte,
schwächer.
Die 60er waren vorbei. Vielleicht hatte es sie nie gegeben.
Ich begann mich schuldig zu fühlen, weil ich mich mit meinem Studium
vor der Gefahr der Einberufung drückte, obwohl doch so viele in Vietnam ums Leben kamen.
Zu fordern, daß jeder in Frieden leben und den anderen lieben sollte, schien nicht mehr
genug. Ich wollte ein Zeichen gegen den Krieg setzen, und dabei wollte ich mich nicht
hinter einer Rückstellung verstecken. Ich war einer von denen, die glaubten, unser
ursprüngliches Engagement in Vietnam sei gerechtfertigt gewesen, daß es sich aber zu
einem politischen Alptraum entwickelt hatte. Die Regierung, die wir verteidigten,
unterschied sich trotz ihrer Behauptung, sie sei demokratisch, offensichtlich kaum von
der, die wir bekämpften. Unser Engagement dort war genauso ziellos wie der Fliegende
Holländer. Wir eroberten einen Hügel, wir verloren einen Hügel. Die Zahl der getöteten
Amerikaner stieg kontinuierlich. Ich hatte den Eindruck, wir hätten rechtzeitig
Schadensbegrenzung betreiben sollen.
Ich sprach lange und ausführlich mit Trudy. Sie liebte solche
Gespräche. Edles Rittertum. Sie war völlig aus dem Häuschen. Mit ihrem Segen verließ
ich die Uni und setzte mich damit der Möglichkeit aus, eingezogen zu werden. Sollte es
tatsächlich soweit kommen, würde ich mich weigern zu kämpfen und statt dessen ins
Gefängnis gehen. Das war das Zeichen, das ich setzen wollte.
Das ganze war ein Lotteriespiel. Schon nach kurzer Zeit bekam ich meinen
Musterungsbescheid. Ich war enttäuscht, daß er nicht mit »Glückwunsch!« begann. Ich
hatte immer gehört, das würde draufstehen.
Ich fuhr nach Dallas zur Musterung, wurde für tauglich erklärt, bekam
den Einberufungsbefehl und weigerte mich, ihm zu folgen. Die Armee versuchte, mir Auswege
aufzuzeigen, das muß ich ihnen lassen. Ein Offizier schlug sogar vor, ich solle mich nach
Kanada absetzen. Der Krieg hatte sogar ihn die Lust verlieren lassen, und er war immerhin
Berufssoldat.
Aber ich weigerte mich davonzulaufen.
Sie schlugen mir vor, ich solle mich als Kriegsdienstverweigerer
anerkennen lassen, aber auch das lehnte ich ab. Als Kriegsdienstverweigerer mußte man
jede Art Gewalt, auch die zur Selbstverteidigung, ablehnen. Das entsprach nicht meiner
Überzeugung. Hätte ich während des Ersten oder Zweiten Weltkriegs gelebt, wäre ich
dabei gewesen und hätte meine Pflicht getan. Damals ging es um eine gerechte Sache und
ein sinnvolles Ziel. Ich war idealistisch, nicht feige.
Also kam ich nach Leavenworth. Trudy und einige ihrer Freunde kamen mich
von Zeit zu Zeit besuchen, sagten »Weiter so«, und wie tapfer ich sei, und es tat gut,
das zu hören. Außerdem schrieben sie mir nette Briefe. Aber das gute Gefühl hielt nicht
an. Und es half mir auch nicht, wenn ich nachts die anderen Insassen schnarchen und
keuchen und schreien und furzen und sich gegenseitig vergewaltigen hörte. Und ein paar
der Typen da drin, die ihre Großmutter zu Tode geprügelt hatten, hielten es für ihre
patriotische Pflicht, mich umzubringen, weil ich mich weigerte, Schlitzaugen umzubringen.
Wäre ich nicht ein ziemlich kräftiger Bursche vom Land mit in der Eisengießerei
gestählten Muskeln gewesen, ich hätte vielleicht nicht überlebt.
Trudy besuchte mich weiterhin, aber die Freunde blieben nach und nach
aus. Sie schrieb mir, aber von den Freunden kam nichts mehr. Sie schickte mir
Zeitungsausschnitte, damit ich mitbekam, was draußen passierte, für was gerade gekämpft
wurde, und wieviel Erfolg oder Mißerfolg sie dabei hatten.
Dann wurden ihre Besuche seltener und hörten schließlich ganz auf. Im
vorletzten Brief, den ich von ihr bekam, schwadronierte sie, wie tapfer ich sei, und
verglich mich mit einigen Helden der Gegenkultur. Außerdem schrieb sie, daß Tschilp
gestorben sei und sie ihn in einer Maisbreidose hinterm Haus begraben habe, und daß sie
einen Mann namens Pete kennengelernt habe, einen der führenden Köpfe der
Ökologiebewegung, und daß sie sich auf eine Beziehung mit ihm eingelassen habe. Im
letzten Brief schrieb sie, daß die Beziehung zwischen Pete und ihr immer intensiver
geworden sei und sie die Scheidung einreichen wolle. Es sei nichts Persönliches.
Unterschrieben war er wie alle vorherigen: In Liebe, Trudy.
Ich saß meine Strafe ab, achtzehn Monate insgesamt. Den Tag meiner
Entlassung hatte ich mir schon lange Zeit ausgemalt: ein schöner, warmer Tag, ich
verlasse das Gefängnis mit erhobener Faust, und draußen wartet Trudy, süß und sexy in
einem kurzen Kleid, das der Wind leicht hochweht, so daß ich ihre langen braunen Beine
bewundern kann. Und dann, zu sanfter aber triumphierender Musik, rennt sie mit diesen
göttlichen Beinen auf mich zu und gibt mir einen Kuß, den ich bis in die Zehenspitzen
spüre. Dann packt sie mich ins Auto und fährt mit mir davon.
Aber als ich rauskam, war es kalt und regnerisch. Ich mußte den Wärter
bitten, jemanden anzurufen, der mich zum Busbahnhof fuhr. Nachdem ich den Fahrer und die
Busfahrkarte bezahlt hatte, war das Geld, das ich bei meiner Inhaftierung besaß und das
Geld, das mir der Staat für meine eintönige Arbeit im Knast gezahlt hatte, so gut wie
weg. Ich brauche wohl kaum zu erwähnen, daß mir der Sinn nicht nach gereckter Faust
stand.
Zurück in Osttexas stellte ich fest, daß ich keine Lust mehr hatte,
den Unterprivilegierten zu helfen. Inzwischen war ich selbst einer. Ich fand Arbeit auf
den Rosenfeldern in der Gegend von LaBorde, und dort lernte ich Leonard kennen. Er war
Vietnamveteran und knallharter Realist. Viele meiner Ansichten behagten ihm ganz und gar
nicht, aber er nahm sie mir auch nicht übel. In mir hatte er jemanden gefunden, mit dem
er diskutieren konnte. Er war Kampfsportler: Boxen, Kenpo, Hapkido, und so begann auch ich
mich wieder dafür zu interessieren. Damals in der Highschool und bis zu dem Zeitpunkt,
als ich Trudy kennenlernte, hatte ich regelmäßig trainiert. Vermutlich hörte ich damit
auf, weil es mir nicht mehr zu meinem neuen Love-and-Peace-Image zu passen schien, oder
irgend etwas in der Art. Jedenfalls hatte ich ziemlich lange nichts gemacht. Ich war froh,
wieder damit anzufangen. Ich wurde besser als je zuvor. Und es half mir, meinen Frust
loszuwerden.
Einige Zeit später fing Trudy an, mich zu besuchen, und jedes Mal, wenn
sie mich verließ, war ich ein noch schlimmeres Wrack als beim letzten Mal. Sie versprach
mir den Himmel auf Erden, dann ließ sie mich von einem Tag auf den anderen sitzen. Und
immer wegen eines Mannes, der in irgendeiner Bewegung ein großes Tier war. Egal ob er
Salatpflücker unterstützte oder Robben vor Baseballschlägern schützte.
Jedesmal, wenn sie mich verließ, sagte ich Leonard, ich sei jetzt
endgültig mit ihr fertig. Und jedesmal war es gelogen. Aber nach dem letzten Mal, nach
der großen Sauftour, hatte ich es wirklich selbst geglaubt.
Und jetzt war sie wieder da.
All das ging mir im Kopf herum, als sie splitternackt hereinkam, mir die
Arme um den Hals legte und sich herunterbeugte, um mir einen Kuß aufs Ohr zu geben. Sie
verströmte den Geruch nach frischer Minzseife und Sex. Ich streichelte ihre Hand, die sie
auf meine Brust gelegt hatte.
»Ich bin wach geworden, und du warst nicht da«, sagte sie.
»Ich war durstig.«
»Und ich bin geil. Komm zurück ins Bett.«
Ich nahm sie in den Arm und küßte sie. Sie bibberte vor Kälte. Ich
öffnete meinen Bademantel, wickelte uns beide so gut wie möglich darin ein und hielt sie
ganz fest an mich gepreßt. Ihre Finger glitten über meine Hüften und meinen Hintern und
schließlich nach vorn, um mich fest in die Hand zu nehmen.
»Du bist ganz schön gnadenlos«, sagte ich, »mit einem alten Mann so
umzuspringen.«
»Du fühlst dich überhaupt nicht alt an, mein Süßer.«
Wir gingen wieder ins Bett, aber diesmal lachte sie nicht auf diese Art,
die ich so liebte. Als wir fertig waren, lag sie einfach still da. Schließlich stand sie
behutsam auf, hob ihre Unterhose auf und zog sie an. Ich mochte das nicht, mir gefiel ihr
Anblick. Dieses flaumbedeckte Dreieck unter einer Unterhose zu verbergen war genauso
scheußlich, als würde man der Mona Lisa ein nasses Badetuch übers Gesicht hängen. »Es
ist kalt«, sagte ich, »komm wieder ins Bett.«
»Hap, ich war nicht ganz ehrlich zu dir.«
»Das ist ja ganz was Neues. Aber du brauchst kein allzu schlechtes
Gewissen zu haben. Soviel Zeit zum Lügen war ja noch nicht.«
Sie ging zum Fenster, drehte mir den Rücken zu, verschränkte die Arme
und starrte hinaus. Langsam drehte sie sich um, die Arme über ihren Brüsten gekreuzt.
»Du klingst ganz schön nachtragend.«
»Vermutlich hatte ich schon wieder angefangen, mir was vorzumachen.
Aber du hast mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.«
»Es war immer schön mit uns, nicht wahr, Hap? Der Sex, meine ich.«
»Eine Zeitlang sogar mehr als der Sex.«
Sie hob meinen Bademantel vom Boden auf, wo ich ihn hatte fallenlassen,
und zog ihn an. Sie setzte sich im Schneidersitz aufs Bett und sah mich an.
»Hap, ich brauche deine Hilfe.«
»Ich bin total pleite. Ich hab vielleicht fünfzig Dollar, das ist
alles. Plus fünfzig Cent Kleingeld.«
»Ich bin nicht wegen Geld hier.«
»Aber irgendwas willst du ja immer. Nur keine Beziehung mit mir.«
»Ich will nicht mir dir streiten. Ich brauche deine Hilfe. Ich weiß
nicht, wen ich sonst fragen soll.«
»Vielleicht wüßte ich jemanden.«
»Ich möchte aber, daß du mir hilfst, denn diesmal wirst du auch was
davon haben. Dieses Mal wird dich für all die anderen Male entschädigen.«
»Es gibt nichts, was mich für die anderen Male entschädigen
könnte.«
»Dies könnte einer Entschädigung aber ziemlich nah kommen.« Sie
legte mir die Hand auf die
Schulter. »Hap, mein Schatz, wie würden dir leicht verdiente
zweihunderttausend Dollar gefallen? Steuerfrei.« |
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