Ich beobachtete, wie die schweren Maschinen nacheinander auf dem Militärflughafen von Alexandria landeten und von Feldkardinal Pontini begrüßt wurden. Er stand auf einem Empfangspodium unter einem riesigen, von Flakscheinwerfern angestrahlten Kreuz und segnete jedes Flugzeug, das an ihm vorbeirollte. Er hatte alles aufgeboten, was ihm zur Verfügung stand: Glocken läuteten, Fahnen wurden geschwenkt, Chöre jubelten, das ganze Programm. Gute Inszenierung für die Abendnachrichten.
Das Geschwader hatte Ziele in der Küstenregion von Tansania angegriffen. Dort gab es größere Städte, die noch bewohnt waren. Militärisch nicht sehr wichtig, aber es war auch mehr eine psychologische Geste. So ein massiver Schlag ist immer schlecht für die Moral des Feindes.
Mit einer müden Bewegung schaltete ich die Aufzeichnung vom Vortag ab. Das Bild auf dem heruntergeklappten Visier meines Com-Helms erlosch, die Scheibe wurde wieder transparent und zeigte mir die unglaubliche Schönheit meiner Umgebung. Ich saß in einem Meer aus gelben Blumen, das sich bis zum Horizont erstreckte. Die Blumen waren hüfthoch, sodass ich gerade darüber hinweg sehen konnte. Es war wie ein Ozean, der im Wind wogte. Und mitten in diesem Ozean lag mein Bataillon. Das 2. Bataillon der 4. Polnischen Luftkavalleriedivision, der »Marien-Division«.
»Rittmeister Sikorski? Sir?«
Marek, mein Adjutant.
»Sollen wir Stellungen graben, Sir?«
»Nein«, sagte ich. Ich wusste, wie müde meine Männer waren. Seit Wochen zogen wir durch Usbekistan. Und vorher durch Kaschmir. Und Aserbeidschan. Eritrea. Tschad. Marokko. Jahre waren wir unterwegs, Kämpfer im Zeichen des Kreuzes. Gegen die Ungläubigen und ihren Dschihad. Ab und zu im Helikopter, immerhin waren wir die Luftkavallerie, aber meistens zu Fuß. Mit über 20 Kilo Ausrüstung, Gewehren, Munition, Mörsern, Minen, Verbandskästen, Feldaltären, Bibeln, Flakwesten, Helmen. Unter einer Sonne, die von Jahr zu Jahr mörderischer zu werden schien. Wir waren fertig.
»Nein«, sagte ich noch einmal. »Hier ist es sicher. Wir haben alles bis zur letzten Küchenschabe ausgerottet.«
Marek sah mich seltsam an, dann salutierte er und machte eine zackige Kehrtwendung, um meinen Befehl weiterzugeben.
Ich dachte an Pontini, dieses fette, mediengeile Etappenschwein mit seiner sinnlosen Bombardiererei. Afrika war erledigt. Afrika gehörte uns, und was nicht uns gehörte, war tot. Kaputt. Wehrlos. Aber für Pontini gab es nichts Schöneres als Wehrlose, denen er seine Macht zeigen konnte. Bombardierte fünfmal dieselbe zerstörte Stadt. Und bei uns an der Ostfront fehlte die Munition. Afghanistan, Pakistan, Usbekistan, Tadschikistan, das war immer noch die Hölle für uns. Dieses durchlöcherte Bergland mit seinen beschissenen Tunnels und Höhlen, wo wir in einen Hinterhalt nach dem anderen tappten, seit die Satellitenüberwachung zusammengebrochen war.
Unser Bataillon war zum Glück nicht mehr in den Bergen. Wir marschierten durch gesäubertes Gebiet, Richtung Samarkand. Der reinste Urlaub, und unser Nachtlager hier war wie ein Feriencamp. Meine Soldaten alberten zwischen den Zelten und den Kreuzen herum und verwandelten das Blütenmeer in einen Saustall. Das war normal. Wir verwandelten jeden Ort, an dem wir waren, in einen Saustall. Der Lärm von Boomboxen pulsierte in den sanft rosa leuchtenden Abendhimmel, es wurde gesoffen, der Weihrauch ging rund, ein paar prügelten sich, ein paar beteten. Ein wilder Haufen frommer Polen, fern der Heimat auf einem Kreuzzug, der nie endete.
Einige wollten sogar gegen meinen Befehl Verteidigungsgräben ausheben, aber als ich genauer hinsah, bemerkte ich, dass sie ein Loch für eine Latrine gruben. Ich musste grinsen. Es war so typisch für diesen Krieg, der voller Paradoxa war. Wir hatten Internet, GPS, Infrarot und eine Rechnerleistung in unseren Kampfanzügen, mit der man noch vor Jahrzehnten eine Marsexpedition gesteuert hätte, aber wir mussten täglich Scheißhäuser bauen. Wir waren Polen, aber unsere Sprache war vollgestopft mit amerikanischem Pidginslang wow, fuck, cool, man, shit, Sir, easy, okydoky , was um so seltsamer war, als es Amerika nicht mehr gab, jedenfalls nicht so, wie wir es aus den Filmen kannten. Ich war ein Rittmeister, der nie in seinem Leben auf einem Pferd saß. Und die zwei größten Religionen der Erde vernichteten sich gegenseitig, weil sie sich nicht einigen konnten, wer den besseren Weg ins Paradies verkündete. Heiliger Wahnsinn.
Nein, ich wollte so nicht leben. Wrong place, wrong time. Aber ich fand keine Lösung, ich wusste keinen Ausweg.
Und so ließ ich mich fallen in den Frieden der großen gelben Wiese.
