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Christian von Aster

Armageddon TV. Eine bitterböse Mediensatire

Roman • 2004 • Leseprobe

VI*

Der Sieg steckte Davidson in den Knochen, ein glattes 9:1. Außerdem war da natürlich die Sache mit Bruford, den sie nicht hatten zurückholen können. Er war nicht wirklich gut drauf, als er mit seinem Sturmgewehr und seiner Sporttasche über der Schulter aus der Schnellbahn stieg. Der Gedanke an den armen Bruford machte ihn fertig. Zumal er ihm noch Geld geschuldet hatte.

Der Rückweg war anstrengend gewesen. Mignola hatte darauf bestanden, ihm eines dieser Larsen-Dorn Gedichte, »knöcherne Halbzeit«, vorzutragen. Wahrscheinlich war es so eine Art Übersprungshandlung gewesen. Das Gedicht jedenfalls hatte Davidson in seiner Meinung nur einmal mehr bestätigt.

Als Mignola ausstieg, war Davidson kurz davor gewesen, ihm Schläge anzudrohen, so sehr hatte sein Teamkamerad sich in die Dichtung hineingesteigert, deren Wertschätzung ihm irgend einen intellektueller Kick versetzen musste.

Und das Schlimmste war, dass Davidson selbst jetzt noch einen Satz aus der knöchernen Halbzeit im Kopf hatte: »Pumpender Atem, schweißgekrönt, das Auge flackernd, verschmelzend mit dem Ziel, klickt leise der Abzug den Takt der Hoffnung.« Gequirlte Scheiße. Er wäre ungleich lieber mit nichts im Kopf nachhause gekommen, hätte sich aufs Sofa fallen lassen, sich von Cybilll einen Tee kochen lassen und die Show der TITANIC BABES geschaut. Ihm war nach Frauen mit Waffen, irgend einem warmen, weichen Geschöpf, dem er sein Gewehr in die Hand drücken konnte. Er wollte sich zurücklehnen, ihr zusehen, wie sie sich bewegte, sich lasziv um die Waffe wand und mit ihren harten Nippeln Larsen-Dorns knöcherne Halbzeit aus seinem Kopf vertrieb.

Stattdessen fand er zuhause einen Zettel in der Küche, auf dem Cybilll ihn bat, bei seiner Heimkehr noch einmal den Hund auszuführen. Sie wäre nicht dazu gekommen und noch beim Sport, George wäre schließlich noch im Camp und sie würde ihm später schon zeigen, wie dankbar sie war ...

Davidson nahm sich ein Winner’s Choice aus dem Kühlschrank, riss es auf und nahm einen Schluck. Eigentlich hasste er Winner’s Choice. Slingshot war mit Abstand das bessere Bier, aber wahrscheinliche war es mal wieder aus gewesen. Es war eigentlich immer aus. Und er hasste es, den Hund ausführen zu müssen, wenn er vom Sport heimkam. Es kam selten genug vor, aber wenn Cybill tatsächlich mal unterwegs und George bei einem seiner Freunde war, blieb grundsätzlich alles an ihm hängen.

Mit der Dose in der Hand ging Davidson auf der Suche nach dem Hund ins Wohnzimmer hinüber. Bucephalus lag neben dem Sofa und starrte mit leerem Blick auf den leeren Bildschirm. Das Tier war total bescheuert.

Eigentlich hatten sie ihn für George gekauft, aber der hatte sich einen Scheißdreck dafür interessiert. Natürlich hätten sie den Hund wieder zurückgeben können, wenn Cybilll ihn nicht plötzlich hätte leiden können. Na ja, und inzwischen durfte er das halt ausbaden.

Er nahm noch einen Schluck, überlegte kurz, ob er vorher noch duschen sollte, kam dann zum Schluss es sein zu lassen und pfiff nach Bucephalus. Der hob den Kopf, schaute ihn an, schaute noch einmal zurück zum Fernseher, dann wieder zu ihm, erhob sich langsam und trottete an Davidsons Seite Richtung Haustür.

Die nächste Hundehalle lag zwei Blocks weiter.

Davidson brauchte knapp 4 Minuten und noch ein Bier.

Die Türen glitten auf eröffneten Davidson und Bucephalus den Blick in die Lobby der Hundehalle. Überall an den Wänden hingen großformatige Bilder von Pinschern, Pudeln und Rassen, die Davidson nicht kannte. Über dem Tresen verkündete ein überdimensionaler Bildschirm, dass gerade Dackelwochen waren. Das bedeutete den halben Preis. Davidson konnte sich auch nicht erinnern, dass hier jemals Riesenschnauzerwochen stattgefunden hätten.

Bucephalus jedenfalls hatte sich hingesetzt und starrte abwesend auf den Bildschirm mit den Dackelwochen.

Unmutig fingerte Davidson die Leine hervor, legte sie an und zerrte den Hund am Tresen vorbei in Richtung Automatenfront, wobei er am Rande mitbekam, wie eine schwerhörige ältere Dame versuchte, ihren Dackel anzumelden versuchte und damit eine Mitarbeiterin des Hundecenters zur Verzweiflung trieb.

»Nein, nein, gute Frau, den Namen des Hundes müssen sie hier oben hinein...«

Frau Töppel schrieb den Namen offenbar nicht zum ersten Mal ins falsche Feld.

Davidson führte sein Chipkarte in den Meldeautomaten, bekam das Ticket mit seiner Startzeit und dem Namen seines zuständigen Hundebetreuers.

Carlos. Großartig, die Töle ausführen und dann auch noch Carlos, das Backpfeifengesicht.

Mit ungebrochenem Unmut zerrte er Bucephalus zum Fahrstuhl hinüber und sah gerade noch, wie die Mitarbeiterin der Alten das Anmeldeformular abnahm um es selber auszufüllen.

»Wie heißt der Hund? Zille? Gut, warten Sie, ich mache das schon...«

Davidson war froh, als die Fahrstuhltüren sich hinter ihm schlossen er Frau Töppel, Zille und die Dackelwochen erst einmal hinter sich lassen konnte.

Das Hundecenter hatte 80 Stockwerke.

Die größeren Tiere wurden auf den obersten 20 Stockwerken ausgeführt. Im Bestreben so schnell wie möglich von hier unten fortzukommen drückte Davidson die 75.

Der Fahrstuhl setzte sich mit einem dumpfen Summen in Bewegung. Bucephalus setzte sich und Davidson begann sich umzusehen.

Neben ihm befanden sich noch zwei andere Leute im Fahrstuhl. Ein älterer Herr mit einem Schäferhund und eine schlanke, hochgewachsene Frau mittleren Alters mit einem noch recht jungen Irish Terrier. Sie hatte augenscheinlich Probleme, den Hund im Zaum zu halten, der schon während der Fahrt nach oben immer wieder winselnd an der Fahrstuhltür kratzte. Wenn sie seinen Namen sagte, schaute er sie kurz mit großen Augen an und fuhr gleich danach wieder fort zu kratzen.

Bucephalus machte kurz Anstalten, mit dem Schäferhund spielen zu wollen. Ein Ansatz, den dieser mit einem Biss quittierte, worauf die beiden Tiere sich noch kurz kläffend am Boden balgten, bis ihre Herrchen sie schließlich zur Räson brachten.

Es folgte ein kurzer Blickkontakt zwischen Hunden und Männern, und dann herrschte wieder eisiges Schweigen in dem emporsummenden Käfig.

Auf der, der Fahrstuhltür gegenüber liegenden Wand forderte ein Plakat Hundehalter auf, ihr Tier für die DOG FORCES trainieren zu lassen. Das waren speziell für die Spiele ausgebildete Hundeeinheiten. Aber tatsächlich gab es nur wenige Mannschaften, die überhaupt mit Hunden spielten. Werbung machten die Dog Forces immer noch mit Lobo, einem Husky, der vor fünf Jahren das Match der Trembling Tsunamis gegen die Leicester Lepreachauns entschieden hatte, indem er die Flagge der Tsunamis unbemerkt von den Spielern und trotz Kugel in der Hüfte bis zur Homebase der Lepreachauns geschleift hatte. Ein Einzelfall. Jeder, der professionell spielt wusste das. Es war einfach zu aufwendig, Hunde und Spieler aufeinander abzustimmen, und genau das war nötig, damit die Tiere nicht irgendwann ihre eigenen Leute anfielen. Aber die Leute waren grundsätzlich auf der Suche nach etwas, in das sie ihr Geld stecken konnten. Und so ließen sie ihre Dobermänner, Doggen und Pitbulls für gutes Geld für irgendwelche Spiele ausbilden, an denen sie voraussichtlich niemals teilnehmen würden.

Bucephalus sah seinen Herren an und beim Anblick seines fernsehsüchtigen Riesenschnauzers gedachte er der ruhmreichen Versprechungen der Dog Forces. Dann hielt der Fahrstuhl.

Es war die 70. Etage, wo die Frau mit dem Terrier sie verließ. Es ging weiter bis auf die 72. Etage, wo auch der Mann mit dem Schäferhund ausstieg. Dann fuhr Davidson weiter bis zur Schnauzeretage, wo er in den Vorraum der Halle trat. Eine große gläserne Schiebetür führte in die Kunstgrashalle, in der Davidson auf vielleicht 1000 Quadratmetern gut 50 Leute mit ihren Hunden umherstreifen sieht. Seit dem letzten Mal waren augenscheinlich einige neue künstliche Bäume aufgestellt worden, um welche die Hunde sich rotten pflegten. Im Vorraum gab es noch einige bequeme Sitzplätze, auf den Tischen waren Sports Unlimited und das Glory Mag ausgelegt. Eine weitere Tür führte zum Fernsehraum und den Videokabinen, in denen man die Zeit gegen Aufpreis verbringen konnte, während der zuständige Hundebetreuer sich um das Tier kümmerte. Wenn er überhaupt keine Lust hatte, den Hund seiner Frau in einer vollklimatisierten künstlich begrünten Halle herumzuführen, gönnte er sich hier das ein oder andere Taktik Video oder Aufzeichnungen der Titanic Babes, während Carlos oder irgend ein anderer von den Hundeknechten sich um Bucephalus kümmerte.

Auch heute stand ihm kaum der Sinn nach Spaziergängen. Ihm steckte noch immer das Spiel in den Knochen und die knöcherne Halbzeit im Kopf.

Und dann sah Davidson ihn kommen: Carlos, den Herren abervieler Tonnen Hundescheisse und kaum mehr als die menschliche Servicekraftergänzung der Kunstrasen-säuberungsdrohnen. Er löste sich aus einem kleinen Grüppchen Schnauzer, deren Leinen unentwirrbar miteinander verworren hatten. Carlos bewegte sich in Richtung Vorraum und winkte eine andere Servicekraft, sich um die Hunde zu kümmern.

Davidson sah ihn näherwanken, den unförmigen Körper, das linke Bein, ebenso wie der Arm künstlich und schlecht angepasst, eine alte mechanische Omniprot, wahrscheinlich vom Schwarzmarkt. Diese armen Schweine verdienten wirklich verdammt wenig dafür, dass sie sich den ganzen Tag um fremder Leute Hunde und die entsprechenden Hinterlassenschaften kümmern mussten... Hundecentermitarbeiter war wirklich ganz unten. Der Job für die Verlierer unter den Verlierern. Aber er stellte sich ernsthaft die Frage, in welchem Team Carlos wohl vor seinen Prothesen gespielt hatte. Er musste ihm diese irgendwann, wenn ihm danach war, einmal stellen.

Die Glastür zischte leise auf und da stand er, das schlichte Kakishirt mit dem Hundecenterschriftzug schlecht in die gleichfarbige Trainingshose gestopft und sein Namensschild mit einem völlig unangebrachten Stolz tragend.

»Mr. Davidson! Heute Mal wieder sie am Zug?«

Davidson hob mit einem übellaunigen Gesichtsausdruck eine Brau und reichte Carlos Bucephalus’ Leine.

»Ich seh’ schon, Mr. D., sind ein bisschen geschafft. Soll ich ihnen eine Massage nach hinten kommen lassen? Spiel war übrigens gut, aber sagen Sie, kennen Sie eigentlich auch ein paar von den Cheerleadern der Penguins persönlich?«

Davidson deutete ein Kopfschütteln an und schaute kurz auf die Uhr.

»Eine Stunde, Carlos, dann hol’ ich ihn wieder ab.«

Dann wand er sich ab und ging langsam zu den Videokabinen hinüber.

© 2004 by Christian von Aster
Mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlages
Ausgaben
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