El wollte sie nicht töten. Das verwirrte ihn. Sie lagen einfach so da in der Staubebene hinter der felsigen Anhöhe. Sie hatten keine Panzer, wie alle anderen. Alles an ihnen war weich, und sie waren viel kleiner als El und die Mitglieder seiner Rotte oder die anderer Rotten. Vielleicht waren sie ja Heranwachsende, denen man die Panzer abgerissen hatte. Aber warum waren sie dann nicht gefressen worden? Ihre Haut war auch anders. Am schlimmsten aber war, dass keiner aus Els Rotte sie töten wollte. Irgendetwas war falsch an ihnen.
Hinter den fünf weißen, weichen Körpern, die im Staub der Ebene lagen, ragte eine Felsnadel in die Höhe. Auch mit ihr stimmte etwas nicht. Sie war viel glatter als gewohnt und ganz gerade. Unten hatte sie vier eigene Beine, so als könnte sie laufen und ein Loch, das vollkommen kreisrund war. Die Sonne spiegelte sich in der Nadel, wie sonst nur in den Augen von Els Kameraden. Die weißen Körper im Staub krochen beinlos auf El und die anderen zu. Auch in ihren Gesichtern spiegelte sich die Sonne, obwohl keine Augen zu sehen waren. Dann blitzte aus ihnen ein Licht hervor, dessen Farbe El nicht kannte. Er wich zurück und spürte, dass er sich viel leichter bewegen konnte. Auf der rechten Seite war sein drittes Bein wieder völlig unverletzt. Auch das Loch in der linken Facettenhülle verschwand. Er konnte klar sehen, wie ein Heranwachsender. Die weißen Körper krochen wieder von der Rotte weg. El und die anderen schauten ihnen zu. Sie wussten nicht, was sie tun sollten. Dann verschwanden die Fünf in der Höhle innerhalb der seltsamen Felsnadel.
»Du hast etwas auf Deinem Kopf«, sagte Fon zu El. Sein Sprechlicht schimmerte matt, so als machte es ihm Mühe, etwas zu sagen. »Es sieht so aus, wie wenn jemand schwarze Seile um deinen Kopf gebunden hat.«
El schaute seinen Rottenführer an und stutzte. »Meinst du meinen oder deinen Kopf?«
Fon befühlte mit seiner linken Zange sein Haupt. Dann sah er sich um. Sie hatten alle diese Stricke um den Kopf, allesamt schwarz wie der Himmel. »Was machen die mit uns?«, fragte Fon.
»Sie haben meine Zange wieder ganz gemacht«, meldete sich Bran. »Ich kann wieder richtig greifen.«
»Das gleiche mit meinem Schulterpanzer«, ergänzte Rok. Viele weitere Stimmen führten verschwundene Verletzungen an, ehe El sein Bein und Auge erwähnen konnte.
»Ich habe noch nie von einer Rotte gehört, die so etwas macht, oder die so aussieht«, wunderte sich Fon.
»Vielleicht ist es ein Trick, ein Hinterhalt«, vermutete Rok. »Wir sollten sie alle töten. Die Heranwachsenden müssen noch viel fressen, bevor es Nacht wird.«
»Dann werden wir die Stricke um unsere Köpfe vielleicht nie los.« Fon zerrte mit der Zange an den fremden Bändern. Dann versuchte er es mit dem Messer, wieder ohne Erfolg. »Es ist besser, wir schärfen jetzt unsere Waffen und kommen nach der Jagd hierher zurück.« Niemand widersprach.
El nahm das Netz von seinem Rückenpanzer und packte Hammer und Amboss aus. Er legte die Kohlen in das Sauerstoffpulver und schlug die Flintsteine aneinander. Als der Sauerstoff anfing zu verpuffen, stellte er den Ambosskopf auf den Ofen und fing an, die ihm hingehaltenen Klingen mit dem Hammer zu bearbeiten. Das Schmieden war gut, um sich von seiner Verwirrung abzulenken. Alle wussten, dass er der beste Schmied war, weil er seine Arbeit gerne tat. Obwohl sie ihn in Anspruch nahm, starrte er immer wieder zu der seltsamen Felsnadel herüber, und mit ihm die anderen. Fon gab ihm sein Messer, wie immer, als letzter.
»Selbst wenn wir sie töten, haben wir nicht viel davon«, dachte der Rottenführer laut. »Es sind nur fünf und sie haben fast kein Fleisch. Trotzdem, irgendetwas müssen wir mit ihnen tun und zwar bald. Sonst werden die anderen so krank im Kopf, dass sie nicht mehr jagen können. Es wird bald Nacht und wir haben noch lange nicht genug gefressen.«
»Finden wir von hier aus überhaupt genügend Rotten, die wir jagen können?«, fragte El. Er wusste, dass Fon immer als letzter zu ihm kam, weil er seinen Rat wollte, oder seine Fähigkeit, zuzuhören. Diesmal fielen ihm auch nur Fragen ein. Immerhin waren es Fragen zu Dingen, die sie alle kannten.
Fon zögerte. »Es sind immer weniger geworden. Die Sonnenstrahlen sind hart in diesem Jahr. Es gibt nicht so viele Heranwachsende wie sonst. Trotzdem, wir müssen von hier aus jagen. Wenn wir zurückkommen, erfahren wir vielleicht etwas über diese Wesen und die Dinger auf unseren Köpfen.«
El beendete seine Arbeit und Fon rief die Anderen zum Sammeln. Alle steckten ihre Messer ein und nahmen Aufstellung. Bran hatte Spuren gefunden. Sie endeten zwei Zangen breit neben dem Sonnenaufgang am Horizont. Dort musste eine andere Rotte sein. Die Heranwachsenden sollten ihnen in sicherem Abstand folgen und beim Kampf zusehen, entschied Fon. Er wollte sie auf keinen Fall bei der seltsamen Felsnadel lassen.
El freute sich auf die Jagd. Die Wildheit des Kampfes würde alle ihre Köpfe wieder klar machen. Doch bevor sie aufbrechen konnten, sah er, wie die anderen Wesen wieder aus der Höhle in der Felsnadel heraus krochen. Etwas stach ihn in seinen Gaumen, wie ein brennender, schöner Schmerz. Es war der unwiderstehliche Geschmack eines Feindes im Augenblick seines Todes. El konnte nicht anders als vorwärts gehen, obwohl dort gar kein Feind war. Er hielt auf die Felsnadel zu, in deren Höhle die weißen Wesen gerade wieder verschwanden. Er sah, wie ihm Fon, Rok und zwei andere verwundert folgten. Dann stand er direkt zwischen den Beinen der Felsnadel, über sich ihr düster drohendes Gewicht. Sie senkte sich langsam, und es gab nichts, was er dagegen tun konnte.