Links vom Eingang, sortiert in ordentlich überschaubaren und durchweg verkrampften Gesprächstrauben, die Damen und Herren aller Fächer, die Philologen, Geologen, Philosophen, Mediziner, Theologen, Pädagogen - appetitlich verpackt in Smokings und knapper Seide. Man nickt sich freundlich zu. Und siehe da: Nina steht im westlichen Zentrum aller Aufmerksamkeit. Östlich steht ja auch das Rednerpult. Das goldene Haar im Strähnchenlook, das beiderseits tief ausgeschnittene Paillettenkleid noch goldener im Grundton. »Wie eine Sonne sehen Sie heute abend aus«, sülzt Ansorge, mein Chef und einer der sechs aktuellen Verehrer, die sich für eine solche Zurschaustellung maskulinen Interesses nicht zu schade sind. Die anderen Herren registrieren mich, erwägen zum Teil eine Kursänderung, bis sie sich von meinem akademischen Gewicht einschüchtern lassen, als wären es sichtbare Pfunde. Nina, die man nach all dem Hin und Her nun doch mit »Frau Doktor« ansprechen muss. Oh, ihr Studenten männlichen Geschlechts - was kommt da auf Euch zu! Auch wir nicken uns freundlich zu, überspielen lächelnd die Konkurrenz auf den Feldern der Wissenschaft und der Lust. Ich weiß, wie sie tuscheln werden, wenn ich vorbei bin. »Schau an, die Frau Hondrachek. Sie ist ja schon irgendwie brillant, sieht auch gut aus, aber immer so abweisend, so ganz für sich, ich kann mir nicht helfen. Habe mir sagen lassen, sie steht sowieso eher auf ältere Semester...«
Die offiziellen Reden zum Jubiläum der Universität sind längst gehalten. Staatssekretäre, Stadträte, Direktoren und Stiftungskuratoren haben längst begonnen, sich gegenseitig das Geld aus der Nase zu ziehen, sich zu charmieren, zu umgarnen, Posten zu verschachern, geheime Intrigen zu spinnen, in vollem Bewusstsein, dass sie an diesem Abend die Welt sind, die Mächte, die alles in Bewegung halten. Und mittendrin steht er, groß und schlaksig, mit hängenden Schultern und Kopf, den buttergelben Scheitel halb im Gesicht, das immer noch ganz gefüllte Champagnerglas auf Halbmast, aus wasserblauen Augen sehnsuchtsvoll nach Westen starrend. Er steht so ungedeckt, dass meine Annäherung nur absichtsvoll erscheinen kann. Was solls? Auf in den Kampf!
»Ich glaube, wir sind uns noch nicht vorgestellt worden.« Als ob das ein unverzeihliches und offenbares Versäumnis wäre. Aber er lässt sich tatsächlich überrumpeln, erzwingt ein höfliches Lächeln.
»Ricarda Hondrachek«, fahre ich fort. »Fachbereich 5.«
»Oh«, macht er. Gerade noch rechtzeitig fällt ihm ein, dass meine hingehaltene Hand zum Schütteln da ist. Und er tut es etwas zu heftig, so als wäre ihm diese Sitte gänzlich unvertraut. »Degenhardt«, fällt es ihm schließlich ein, »Volker Degenhardt.«
War doch gar nicht so schwer, hätte ich am liebsten geantwortet. Ruckartig, schüchtern und traurig wendet sich sein Blick wieder nach Westen. Die markante Adlernase so abrupt ins Profil gerückt zu sehen, erweckt den Anschein, als könne sie durch die Bewegung Wellen schlagen, als habe Volker Degenhardt vor, als nächstes im Sturzflug auf sein Opfer herabzustoßen. Ich lasse mich nicht ignorieren. Ich habe mein Programm.
»Wie ich gehört habe, sind Sie Experte für lateinamerikanische Geschichte.«
»Hm«, kommt es zurück. Endlich zwingt er sich, mich als Gesprächspartnerin zu betrachten. »Ja, insbesondere Peru vor der Eroberung durch die Spanier, das Inka-Reich.« Der Akzent ist seltsam, die Vokale gedehnt und an den unpassendsten Stellen mit einem angedeuteten »H« versehen, als wolle er ErHoberung sagen. Volker Degenhardt ein durch und durch teutonischer Name...
»Wie interessant«, versichere ich. Seine Schultern sinken noch ein bisschen weiter. Die Standard-Erwiderung lässt ihn nicht auf ein schnelles Ende des Gesprächs hoffen. »Wie sind Sie gerade auf dieses Gebiet gekommen?«
Stutzen. Ein schnelles nervöses Nippen am Glas. »Es ist auf mich gekommen, würde ich sagen.« Erstmals blitzten in seinen Augen Witz und Wachheit auf, ein Hauch von Selbstbewusstsein. »Gleich als ich anfing, mich damit zu beschäftigen, kam mir das Reich der Inkas wie mein Zuhause vor.« Ein unerklärliches, sarkastisches Grunzen. Dann der Rückfall in die Pose wohlerzogener Unterhaltung. »Diese Kultur ist diszipliniert gewesen, hat sehr auf Ehrenhaftigkeit und Anständigkeit gehalten, war bestens organisiert und fortschrittlich, offen gegenüber anderen Kulturen. Ihre Architektur war genial, Mode und Schmuck einfach, nüchtern aber elegant. Es gab Prunk und offen gezeigten Reichtum, aber nur in der Hauptstadt, nur zu bestimmten, passenden Anlässen. Glauben Sie nicht den Unsinn mit den Menschenopfern.« Er schüttelte den Kopf und streifte seine Umgebung mit einem geringschätzigen Blick. »Die gab es nur in absoluten Notzeiten, wenn sie sich gar keinen anderen Rat mehr wussten.«
»Sie müssen mehr als jeder andere hier in der Lage sein, sich vorzustellen, wie ihr Leben damals gewesen ist.«
Ein langer verblüffter, intensiver Blick, so als hätte ich mich gerade als die Reinkarnation von Ramses III. zu erkennen gegeben. »Tatsächlich habe ich vor, einen Roman darüber zu schreiben.« Diese Ankündigung hilft ihm, den Faden wieder aufzunehmen.
»Einen historischen Roman?«
»Einen Alternativweltenroman, Sie wissen schon, die Sorte, in der es darum geht, was passiert wäre, wenn Napoleon mit 12 an Syphilis gestorben oder Alexander der Große 120 Jahre alt geworden wäre.«
»Wie wundervoll, die mag ich!« Eine schnelle Lüge. Ich muss weiter plappern, um zu verdecken, dass ich keinen einzigen Autor oder Titel kenne. »Dann geht es bestimmt darum, dass es die Inka-Kultur noch heute gibt.«
»Ja, genau, sie ist über«, ein kurzes Zögern, »den...den Atlantik hierher gekommen, statt das wir nach Westen gegangen sind.« Keine Selbstbegeisterung, kein visionäres In-die-Ferne-Starren. Er ist traurig, während er von seinem Projekt erzählt.
»Spannend! Wer steht im Mittelpunkt?«
»Ein junger Meister der Erde. Wir würden Physiker dazu sagen.«
»Ein Kollege von mir!«
Verlegenes Lächeln »Ja. Er lebt genau hier, in der Zentralen Provinz von Atahuala.« Mein verständnisloser Blick bleibt nicht ohne Wirkung. »So habe ich diesen Kontinent hier bezeichnet. Der zehnte Sapa Inka, also Herrscher, teilte das ursprüngliche Reich einstmals unter seinen Söhnen Huascar und Atahualpa auf, wobei Huascar den Thron in Cuzco und Atahualpa ein kleineres Stück im Norden erhielt. So blieb es, bis Atahualpa das Reich mit Gewalt wieder vereinte. Das war 1532, rund hundert Jahre bevor die Inkas zu ihren Eroberungszügen jenseits des Atlantiks aufbrachen, 60 Jahre, bevor sie den Chinesen das Schießpulver stahlen. Nachdem sich das von den Inkas eroberte Europa vom Mutterland losgesagt hat, erinnert man sich an diese Episode und nennt es Atahuala, oder Das Kleine Reich. Das Mutterland wird Huascala oder Das Große Reich genannt. Es fällt wirtschaftlich bald hinter Atahuala zurück, schon allein, weil es sich mit der Eroberung Nordamerikas übernommen hat. Die Inkas von Atahuala steigen über die Jahrhunderte zu den Herren der Welt auf. Sie nehmen ihren Sitz erst in London, dann Paris, und bleiben schließlich hier, in Frankfurt, weil in der Paulskirche die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gekrönt wurden. Die sollten ja theoretisch Herrscher ganz Europas sein. Die Inkas haben überall geschickt die Gebräuche anderer Kulturen ausgenutzt, schon in Peru. Sie nennen Frankfurt in ihrer Sprache bald Stadt der nördlichen Sonne. Sie legen rundherum Terrassenfelder an, wie schon um andere Städte, ziehen ein rasterförmiges Straßennetz über das ganze Land, stellen Sonnentelegrafen auf, reformieren die Landverteilung, das Heer, Rechtsprechung und Verwaltung. Sie fügen die Erfindung des Mörtels ihrer Baukunst hinzu und errichten prachtvolle Sonnentempel. Die Ernteerträge steigen. Das ganze Reich funktioniert viel besser als vorher. Bald sprechen alle Kinder die Sprache der Inkas. Nur in Gegenden, die schon vor der Eroberung nicht sehr zivilisiert waren, regt sich weiter Widerstand - in Irland, Spanien, Bayern, dem östlichen Russland.«
»Phantastisch, wie Sie sich das alles ausgedacht haben! Und was macht nun ihr junger Physiker, der ... äh ... Meister der Erde in dieser Welt?«
»Er ist verliebt.« Ein entschuldigendes, jungenhaftes Lächeln. »Jeder ist das ja wohl mal. Es ist wohl nicht besonders originell, auch in seiner Welt nicht, wenn man bedenkt, in wen er sich verliebt hat.«
»In wen?«, frage ich artig.
»In eine Sonnenjungfrau.« Er hält inne, als sollte mir das etwas sagen. Tut es aber nicht. »Sie haben in Klöstern gelebt, könnte man sagen. Sie fertigten weiter die feinsten Stoffe für die Gewänder des Sapa Inka und des Hochadels an, die Vicuna-Wolle. In Zeiten der Massenproduktion war das nur noch eine rituelle Handlung. Es wäre nicht notwendig gewesen, dass der Herrscher sie für sich alleine reklamiert.« Eine Bitterkeit hat sich in seine Stimme geschlichen, die mit der fiktiven Geschichte nichts zu tun haben kann.
»Sie sieht bestimmt sehr gut aus, sehr, wie soll ich sagen exotisch.«
»Gut ja, aber exotisch eher nicht. Sie ist blond und damit bei den Inkas sehr angesehen, weil sie diese Haarfarbe als Geschenk des Sonnengottes Inti betrachten.«
»Blond?«
»Ja, sie sind beide blond etwas konventionell, fürchte ich. Sie ist eine reinblütige Einheimische, die wegen ihrer Schönheit zu Privilegien gelangt. Er ist ein Mischling, entstanden aus der Verbindung von Einheimischen mit Nachfahren der Eroberer.«
»Dann muss er ja so aussehen wie Sie. Sie haben ja auch eine ziemlich indianisch anmutende Adlernase.«
Ein kurzes Lachen, das in Traurigkeit verebbt. »Ja, so könnte man sagen. Auf jeden Fall kann er sie nicht erreichen. Selbst wenn sie keine Sonnenjungfrau wäre, würde sich immer noch jemand aus dem Adel sein Vorrecht sichern. Dagegen hat er keine Chance. Er ist in einem Ayllu geboren worden.«
»Einem was?«
Leichtes Seufzen. »Es handelt sich um eine autark lebende Sippe, die gemeinschaftlich ein Stück Land bebaut. Ein Drittel der Erträge ist für sie selbst, ein Drittel für den Sapa Inka und ein Drittel für den Kult, also die Kirche. Von seiner bäuerlichen Herkunft her ist er streng von adeligen Töchtern getrennt, und wenn er noch ein so guter Physiker ist. Also schließt er sich einer Reformbewegung an.«
»Einer Verschwörung?«
»Einer offenen Verschwörung. Die Bewegung besteht aus jungen Wissenschaftlern, Kaufleuten und Handwerkern, neue bürgerliche Stände, die über keinen politischen Einfluss verfügen aber zu wirtschaftlicher Bedeutung gelangt sind. Sie rebellieren gegen die starren gesellschaftlichen Strukturen.«
»Eine alternative französische Revolution.«
Seine Augen blitzen. »Wenn Sie so wollen. Mein jugendlicher Held versorgt die Aufständischen mit wichtigen neuen Erfindungen, die er eigentlich im Auftrag des Sapa Inka entwickelt hat: automatische Schusswaffen, Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren, motorisierte Flugzeuge. Bis dahin wurden nur lenkbare Ballons verwendet.«
»Der Aufstand gelingt, und die beiden können heiraten.«
Sein Gesicht ist schmerzverzerrt. »Er gelingt zwar, aber die Folgen sind viel blutiger, als er sich das vorgestellt hat. Und sie...« Ein brüsker Zug aus dem Glas, ein Blick westwärts, voller Zynismus und Verachtung. »Sie hat sich einen Gesandten des Großen Reiches ausgesucht, einen öligen Diplomaten aus dem guten alten Cuzco, einen echten Inka, groß, muskulös, dunkel, geheimnisvoll und dennoch völlig oberflächlich. Er hätte nicht gedacht, dass sie sich bis zuletzt derart systemkonform verhalten würde. Aber damit hat es ja auch nicht unbedingt etwas zu tun.« Ein weiteres Nippen am Glas. Langes düsteres Schweigen.