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Die
sozialistischen Utopien seit Bellamy
| Der Exilverlag der Prager-Brüder in Bratislava versuchte 1936 mit einer
neuen Reihe »Bunte Romane für Alle« ein breiteres Publikum zu gewinnen. Beide Brüder
waren 1934 vor der aufkommenden nationalistischen Bewegung aus Wien nach Prag gegangen.
Das erste Buch in der Reihe war Doberers Roman Republik Nordpol. Er beschreibt
darin die Flucht eines deutschen Kriegsschiffes in die Arktis und den Aufbau einer freien
Gesellschaft. Anläßlich des 20. Jahrestages der Skagerak-Schlacht gerät die Gedenkfeier an Bord des Panzerkreuzers »Kiel« ausser Kontrolle: Mit dem vergoldeten Kranz geht auch ein Mitglied der Delegation aus Berlin über Bord. Die Schiffsoffiziere setzen die beiden anderen braunen Landratten fest und hissen die Reichskriegsflagge. Der verfolgende Kreuzer »München« wird versenkt. Während die Reichsführung in Berlin versucht, die Lage unter Kontrolle zu bekommen, haben revolutionäre Matrosen und Offiziere das Kommando an Bord übernommen. Leutnant Verhagen und Heizer Schulz setzen den Kapitän fest und stellen der Mannschaft an Heim, auszubooten. Nachdem zahlreiche Offiziere und einige Maate Rettung in den Booten suchen, flieht die »Kiel« nach Norden. In Hammerfest statten Hafenkommandant und Bevölkerung das Schiff mit Proviant und Kohle aus der deutsche Gesandte tobt. Die Mannschaft steuert die Schnaps- und Champagnervorräte für ein rauschendes Abschiedsfest bei. Wieder auf See stellt die revolutionäre Kreuzerleitung fest, dass auch 20 junge Frauen mit an Bord geblieben sind. Noch einmal werden sie von sowjetischen Helfern im Nordmeer versorgt, dann schießen sie sich eine Passage ins Packeis. Sie driften Richtung Nordpol, wo sie am Ende des Polarwinters auf Nordland ankommen und sich auf den nächsten Winter vorbereiten. Faule Matrosen entpuppen sich als geschickte Handwerker und Gärtner. Aus Panzerschilden entstehen Sägen, aus Generatoren Kraftwerke. Bei den Expeditionen über Nordland entdeckt man Goldvorkommen. Und am Schluss empfängt man die erlösende Radiomeldung, dass die Wahlen 1939 zu einem Sieg der linken Parteien geführt haben: »Die Macht liegt nun in den Händen der führenden sozialistischen Mehrheit des Volksblocks.« Kurt Karl Doberer wurde 1904 in Nürnberg geboren. Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen (der Vater stirbt früh) bekundet er früh technisches Interesse als auch soziales Engagement. Die Schule schließt er mit guten Noten ab und beginnt eine Mechanikerausbildung. Er schafft es sogar, neben der Arbeit am Fließband 1927 eine Ausbildung als Maschinenbau-Ingenieur an der Höheren Polytechnischen Lehranstalt erfolgreich zu beenden. Bei Siemens-Schuckert in Nürnberg nimmt er daraufhin eine Anstellung als Überwachungsingenieur auf. Damit sein Kurzroman Pioniere in der FRÄNKISCHEN TAGESPOST veröffentlicht werden kann, tritt er in die SPD ein. Nach einer halben Welt- und Bildungsreise, die er u.a. als Heizer auf Schiffen finanzierte, ist er in Berlin als freier Mitarbeiter verschiedener sozialdemokratischer Zeitungen tätig. Sein Engagement im sozialdemokratischen Reichsbanner zwingt ihn 1933 in die Emigration. Zuerst geht er nach Prag und entkommt so seiner drohenden Verhaftung. Zuvor musste er mit ansehen, wie die Redaktion seiner Zeitung durch die Nazis zerstört wird. Mit Max Seydewitz schreibt er einen aufsehenerregenden Report moderner Kriegstechnik Todesstrahlen und andere Kriegswaffen. Im Jahre 1938 flieht er weiter nach London. Hier verfasst er mit Die vereinigten Staaten von Deutschland den Entwurf für eine Nachkriegsordnung und das Sachbuch Elektrokrieg. Erst 1949 kann er nach Deutschland zurückkehren und versucht, sich in die Entwicklung von Nachkriegsdeutschland einzubringen. In der Zeit des Wirtschaftswunders sind seine Mahnungen zur Vergangenheitsbewältigung aber nicht willkommen. Um zu überleben, entwickelt er sich auch zum profunden Sachbuchautor. Er engagiert sich im PEN, war Vorstand im Verband der fränkischen Schriftsteller und im Aufsichtsrat in seiner Nürnberger Gartenstadt. Er starb 1988 hochgeehrt und hinterließ ein umfangreiches Werk von Gedichten (auch in Perry-Rhodan-Heften) über Romane bis hin zu Zeitungsbeiträgen und Sachbüchern. Nur seine Heimatstadt Nürnberg konnte sich zu Lebzeiten nicht mit dem linken Querdenker anfreunden. Seit einigen Jahren aber trägt eine Straße im Stadtteil Sankt Leonhard seinen Namen. Wolfgang Both ALIEN CONTACT |
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