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Die
sozialistischen Utopien seit Bellamy
| Im Frühjahr 1930 erschien beim Bücherkreis der Roman Utopolis von
Werner Illing. Auf unterhaltsame und z.T. satirische Art nimmt er aktuelle
Auseinandersetzungen in der Arbeiterbewegung auf und entwirft zugleich ein Bild der
sozialistischen Zukunft. In der Tradition klassischer Utopien stranden zwei
Schiffbrüchige an unbekannten Gestaden, die sich als Insel Utopien entpuppt. Über ihre
Erlebnisse und Erfahrungen berichtet nun der Roman. Die Seeleute Karl und Hein werden
freundlich aufgenommen, verpflegt und neu eingekleidet. Die utopische Sprache lernen sie
schnell in einem Hypnose-Verfahren. Während Hein sich wieder den Fischern anschließt,
erkundet Karl das Land, lernt die Kindergärtnerin Jana kennen und erfährt die Geschichte
der Freien Arbeitergenossenschaft von Utopien. Den Arbeitern gelang die unblutige
Machtübernahme durch geschickte Ausnutzung der zyklischen Wirtschaftsschwäche des
früheren kapitalistischen Systems. Aber es gibt noch Reste des alten Systems. Die
Arbeiterrepublik wird von einem Zentralrat geleitet. Er sitzt mit der übrigen Verwaltung
im Turm, einem 100-Stockwerkehohen Gebäude aus Leichtmetall und Glas, dem Symbol der
Arbeiterherrschaft. Er dominiert die Hauptstadt Utopolis. Unter den Revolutionären im
Zentralrat gibt es aber unterschiedliche Auffassungen über die Sicherung der Macht.
Während die Fraktion um Joll die Revolution durch die vollständige Enteignung der
Kapitalisten vollenden will, strebt Noris eine evolutionäre Lösung durch ihre Einbindung
und Erziehung an. So lässt die revolutionäre Wachsamkeit gegen die Kapitalisten nach.
Heimlich bereiten die »Privaten« den Putsch und die Entmachtung der Arbeiterregierung
vor. In ihrem Stadtteil der Hauptstadt »U-Privat« errichten sie eine Strahlenkanone, die
mit ihren »Degenerationsstrahlen« die Arbeiterschaft desorientiert und in ihre Arme,
Geschäfte und Rekrutierungsbüros treibt. Die Kapitalisten unter der Führung des
schlitzohrigen alten Morgon versuchen, die Bastion des Zentralrates zu stürmen. Es
entstehen bürgerkriegsähnliche Zustände in Utopien, immer größere Landesteile werden
von der Strahlung erfasst. Nur der Zentralrat im Turm kann sich mittels eines
Energieschildes gegen die Strahlung abschirmen. Dort ist er aber auch gefangen. Karl
gerät in den Strudel der innerparteilichen und militärischen Auseinandersetzungen und
erhält Kundschafteraufträge gegen die Privaten. Währenddessen versuchen diese, den Turm
von unten anzubohren und zu sprengen. Karl gelingt es schließlich, das Kraftfeld bei
Morgon und den anderen Putschisten zu sabotieren. Joll ruft den Ausnahmezustand aus, die
letzten Kapitalisten werden festgesetzt und enteignet, die Revolution vollendet. Vom Turm
aus wird U-Privat als Relikt der Vergangenheit zerstört. Und Karl findet nach den
Kriegswirren seine Jana wieder. Werner Illing wurde 1895 in Chemnitz geboren. Fast unmittelbar nach dem Abitur erhielt er die Einberufung zum Militär und musste in den Ersten Weltkrieg einziehen. Als Funkoffizier wurde er demobilisiert und begann ein Studium der Medizin und Germanistik. Nach dem Tod seines Vaters 1922 musste er es abbrechen, um den väterlichen Betrieb zu übernehmen. Der Handel mit Baumaterial befriedigte ihn aber nicht, so dass er sich wieder seinen Interessen zuwandte, die bereits 1921 mit einem ersten Gedichtband deutlich wurden. Er übernahm die künstlerische Leitung eines Sprechchores und verfasste zahlreiche Texte. In Tageszeitungen erschienen seine Feuilletons und Kritiken. Über die Arbeit beim Rundfunk kam er 1929 über Leipzig nach Berlin. Vom Bücherkreis, einem sozialdemokratischen Verlag, erhielt er den Auftrag für einen Unterhaltungsroman. Er merkte dazu an, dass sowohl Thema als auch Gestaltung auf der Hand lagen: Die aktuellen Auseinandersetzungen zwischen und innerhalb der Arbeiterparteien, die Bedrohung durch den Faschismus sowie die Begeisterung für Technik und Raumfahrt (gerade war »Frau im Mond« mit einem riesen Erfolg in die Kinos gekommen). Während Bülow1 das Buch schlicht als »Schwachsinn in Reinkultur« bezeichnet, hat es zu seiner Zeit viele begeisterte Leser und positive Rezensionen gehabt. Die sozialdemokratische Bildungspolitikerin Anna Siemsen schrieb in der VOLKSWACHT u.a.: »Zum größeren schildert er den Kampf der Kapitalisten gegen die sozialistische Gemeinschaft, und diese Schilderung ist scharf politisch mit allerlei recht deutlichen Hieben gegen Kapitalismus, Volksgemeinschaft und demokratisches Versöhnlichtum. Ich halte das für einen technischen Vorzug des Buches: Gesinnungsdichtung und politisches Pathos.«2 Die TRIBÜNE merkte an: »Der Verfasser hat es vermieden, seine Utopie mit lehrhaften theoretischen Ausführungen zu belasten. Die Handlung ist abenteuerlich-spannend und hält sich bewußt innerhalb der Grenzen des Möglichen. Nur so gelang es, aus dem Wunschbild einer denkbaren Zukunft die Gegenwart satirisch und kritisch herauszuspiegeln. Der Roman ist mit einem Humor geschrieben, der das Buch in den Vordergrund der proletarischen Literatur rückt.«3 Die Kapitalisten nimmt er ebenso auf's Korn wie die Arbeiterbewegung. Hinter »Morgon« steckt der Großindustrielle Morgan, hinter »Ludo Stinkes« Hugo Stinnes. Sie müssen diffamierende Ehrentitel und (Karnevals-) Orden tragen. Ihre Stadt U-Privat ist ein Abbild des vergnügungssüchtigen Berlin. Scharf wendet er sich gegen billige Unterhaltung und Berufssport. Die Abrechnung mit den Arbeiterführern findet eher auf politischer Ebene statt. In der Auseinandersetzung zwischen revolutionären und reformistischen Elementen bezieht er eindeutig Stellung. In seiner Betrachtung der »Wege und Leistung deutscher Arbeiterschriftsteller 19181933« ordnet Klein den Roman von Illing dagegen der kleinbürgerlichen Arbeiterdichtung zu: »Der eine [Illing] setzt auf eine ferne Zukunft, ..., beide aber zeigen sich außerstande, die zeitgenössische Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit zu gestalten und der Arbeiterschaft den konkreten Weg zur Erfüllung ihres geschichtlichen Führungsanspruchs zu weisen.«4 Wolfgang Both ALIEN CONTACT |
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| Literaturverweise 1) SCIENCE FICTION TIMES 4/1990 2) SOZIALISTISCHE LITERATURSCHAU vom 28.5.1930 3) TRIBÜNE ERFURT vom 30.5.1930 4) Klein, Alfred: Im Auftrag ihrer Klasse, Aufbau Verlag Berlin/Weimar, 1976, S. 139 |
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