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Marie Majerová

Die Talsperre

1932

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Die sozialistischen Utopien seit Bellamy

In ihrem Roman Die Talsperre schildert die tschechische Autorin Marie Majerová einen gewaltlosen Umsturz sowie seine Vorbereitung in kommunistischen Zellen, in Fabriken und auf der Baustelle der Moldau-Talsperre vor Prag. Marie Majerová wurde 1882 in der Nähe von Prag geboren. Im Jahre 1907 erschien ihr erster Roman Panenstvi, der später auch verfilmt wurde. Schon früh etablierte sie sich als Autorin mit vorwiegend feministischer Thematik und fand den Weg in die sozialdemokratische Bewegung. Zu Beginn ihrer Laufbahn wurde sie stark von Anatole France beeinflusst. Nach dem Ersten Weltkrieg war sie eine feste Größe in der Prager deutsch-tschechischen Literatenszene. Ihr Werk umfasst mehr als 30 Romane und Erzählungsbände, darunter auch mehrere Kinderbücher.

Im Roman, den sie selbst gar nicht als Utopie einschätzt (»Die Talsperre ist keine Utopie, sie ist eine Gegebenheit, eine Tatsache aus der Zeit vor mehr als zwanzig Jahren«, antwortet sie einem Journalisten 1950), beschreibt sie die revolutionären Vorbereitungen des Proletariats. Der Ingenieur John Fer erhält den Auftrag, die seit Jahrzehnten geplante Moldau-Talsperre oberhalb von Prag zu errichten. Mehr als zwei Jahre sind Arbeiterkolonnen, Architekten, Baustofflieferanten und Verwaltungen mit dem Aufbau beschäftigt. Die Talsperre soll zukünftig nicht nur die Hochwasser regulieren, sondern die Elektroenergieversorgung der Region sicherstellen. Gleichzeitig arbeitet der Ingenieur Kral an einem Hochleistungsakkumulator, dessen mobiler Einsatz den Bau von Überlandleitungen überflüssig machen könnte.

Mit der Zeit mehren sich die Gerüchte, dass mit der Betonqualität nicht alles in Ordnung sei und der Damm beim Befüllen der Talsperre brechen könnte.

Parallel zu den Vorbereitungen für den 1. Mai treffen sich illegale Arbeiterzellen, lagern Waffen in Bauernhöfen und Fabriken ein, drucken Flugblätter, die auf die Gefahren der Talsperre hinweisen, und organisieren Kurierdienste zwischen den Zellen. Statt einer machtvollen Demonstration zum 1. Mai entvölkert sich die Stadt, da alle ein Brechen und Überfluten anläßlich der offiziellen Eröffnung befürchten. Selbst der Ministerrat ist zunehmend unsicher, immer neue Botschaften erreichen die letzte Kabinettsitzung.

Da auch die Prager Garnison anläßlich der geplanten Feierlichkeiten vor die Stadt gezogen ist, können die Arbeitermilizen in einer fast lautlosen Aktion Banken, Bahnhöfe und Fabriken besetzen. Sie proklamieren eine Arbeiterregierung, stellen der bürgerlichen Regierung ein letztes Ultimatum und erklären den Beitritt zur Union der Sozialistischen Republiken, der neben den sowjetischen Republiken auch bereits Deutschland und Österreich angehören. Letztlich stellt sich heraus, dass das Gerücht um den schlechten Beton gezielt gestreut worden war, um die Stadt ohne Aufsehen zu leeren und die Revolution/Machtübernahme fast ohne Blutvergießen durchzuführen. Während Verbannte und Emigranten in das sozialistische Prag zurückkehren, übernimmt John Fer neue Aufgaben bei der Flußregulierung in Sibirien. Und Kral widmet seine Akkumulator-Erfindung der Revolution.

Überraschend ist, dass Majerová für diesen Revolutionsfahrplan bereits im gleichen Jahr den tschechischen Staatspreis erhielt. Die bürgerliche Regierung honorierte damit allerdings ihren patriotischen Beitrag zu Moldau und Prag. Diese Hymne an ihre Heimat findet sich auch in anderen Büchern, ebenso wie ihre Hoffnung auf eine moderne Zivilisation in der Hand des Proletariats. Dabei setzt sie nicht auf das Individuum, sondern auf die gesammelte Kraft und Intelligenz der Arbeiterklasse. So treten in ihrem Roman eine Vielzahl von Personen auf, die eher symbolisch für eine bestimmte soziale Gruppe stehen, ohne deren individuellen Beitrag die Geschichte letztlich auch so verlaufen wäre. Wir erleben nicht die Entwicklung eines einzelnen literarischen Helden, sondern die der Klasse. Die Klassenkonfrontation findet nicht stellvertretend zwischen Einzelpersonen, sondern auf einer höheren, abstrakten Ebene zwischen Arbeiterklasse und Bourgeoisie statt. Anhand von unzähligen Einzelschicksalen und Begebenheiten schildert sie den Weg zur Revolution. Die vielen Einzelaktivitäten synchronisieren sich und kulminieren in der erfolgreichen Machtübernahme. Die Machtübergabe findet letztlich zwischen der provisorischen Arbeiterregierung und dem bürgerlichen Ministerrat am Abend des 1. Mai statt.

Damit legt sie ein neuartiges literarisches Konzept des sozialistischen Realismus (typische Charaktere unter typischen Umständen) vor. Die Talsperre ist nicht nur ein Motiv für Heimat und Moldau – sie ist auch ein Symbol für die Arbeit, Arbeiterklasse und Schöpfertum. Und sie ist Symbol für die Elektrifizierung als Voraussetzung für den Ausbau der Industrie und den sozialen Wohlstand, vergleichbar dem GOELRO-Plan Lenins. In die gleiche Linie fällt die Erfindung Krals. Die Elektrifizierung wiederum ist gemeinsam mit den Arbeiterräten die Voraussetzung für den erfolgreichen Aufbau des Kommunismus (Kommunismus = Sowjetmacht + Elektrifizierung). Damit findet sie eine andere Antwort auf die Konflikte ihrer Zeit als Karel Capek, der die bekannteste Größe der tschechischen Utopie ist.

Marie Majerová verstarb 1967 hoch geehrt in Prag.

• Wolfgang Both • ALIEN CONTACT

Originalausgabe
Marie Majerová: Die Talsperre (Prag: Cin, 1932)
Dt. Ausgabe
Marie Majerová: Die Talsperre (Berlin: Aufbau Verlag, 1956)
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