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Walter Müller

Wenn wir 1918 ... eine realpolitische Utopie

1930

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Die sozialistischen Utopien seit Bellamy

In dem Buch schildert Müller eine Parallelweltgeschichte, in der die Novemberrevolution von 1918 bis zum vollständigen Sieg der Sozialisten erfolgreich war. Ausgehend von den Aufrufen der Novemberrevolution im sozialdemokratischen VORWÄRTS entwickelt er in einer Folge fiktiver Leitartikel zwischen 1918 und 1929 das Bild einer weltweit siegreichen sozialistischen Bewegung. Setzt er sich zum Anfang noch kritisch mit der Haltung der Mehrheitssozialisten auseinander, so schaffen der Waffenstillstand und die Verbrüderung nicht nur mit den russischen Revolutionären sondern auch mit den Proletariern Westeuropas die Voraussetzungen für einen sozialistischen Aufbau in Europa. In atemberaubendem Tempo – im Zeitraffer – schreitet der Aufbau voran. In fünf Kapiteln wird »Das Alte« gestürzt und das Neue gebaut. Da bleiben Fehlschläge und falsche Planungen mangels Erfahrungen nicht aus. Und »Der Wirtschaftskrieg« mit den USA fordert alle Kräfte der Union. Sabotage kann den Aufbau nicht stoppen, wohl aber forcierte Rüstung. Die letzte kapitalistische Macht setzt auf die Konfrontation und den »Endkampf« der Systeme. Giftgasraketen bedrohen die Welt, im letzten Moment kann der Krieg abgewendet werden und die ganze Erde ist kommunistisch.

Neben der Tatsache, dass hier eine Utopie so ganz ohne handelnde Personen, ohne Raum- oder Zeitversatz, ohne die typischen Requisiten der Staatsromane vorgelegt wird und sich als Folge von reinen Zeitungsartikeln präsentiert, ist das Buch auch hinsichtlich des Gegenentwurfs zum tatsächlichen und bekannten Verlauf der Geschichte interessant. Es gibt kein Friedensdiktat von Versailles, keine Reparationslasten, keine Inflation, keine Anleihepolitik der USA und – keine Spaltung der Arbeiterbewegung. Die realen Dawes- und Young-Pläne finden Anklang in der Anleihe- und Zinspolitik der sozialistischen Europäischen Union gegenüber den USA, die aber von der Stärke der sozialistischen Wirtschaft diktiert werden. Und die damals wachsende Besorgnis über einen Luft- und Gaskrieg kommt in der Bedrohung und dem Angriff mit Interkontinentalraketen, bestückt mit Giftgasköpfen, zum Ausdruck. Eine für die damalige Zeit ungeheure Prognose weltweiter Bedrohungsszenarien.

Es gelingt dem Autor, in der Form der Leitartikel alle gesellschaftlich relevanten Bereiche – Wirtschaft, Staat, Finanzwesen, Bildung, Militär, Recht oder Familie – zu beleuchten. Er erkennt die Bedeutung von Automatisierung und Logistik. Die Schilderungen der Baukombinate, die kilometerlange Straßenzeilen errichten, ist beeindruckend. Die Eroberung der Wüste ist ein Beispiel für modernes Terraforming. Heute wissen wir mehr über die Umwelteinflüsse globaler Veränderungen, hier regiert noch der Fortschrittsoptimismus. Und er fordert 1929 den Einsatz von Einheitstransportbehältern für Bahn, Schiffe und Lkw – diese werden 1956 von der US-Army eingeführt. Heute sind Container Standard im internationalen Stückguttransport.

Im Unterschied zur klassischen Utopie der Spätrenaissance hat er kein statisches Gemeinwesen gleichberechtigter Bürger mit Gemeinbesitz aller Produktionsmittel entworfen, sondern er beschreibt den dramatischen und dynamischen sozialen Transformationsprozess hin zum kommunistischen Ideal. Dabei lässt er Irrtümer und Fehler nicht aus. Letztlich siegt aber die Weltrevolution.

In den zwölf Jahren zwischen 1918 und 1929 wird hier komprimiert, was sich sonst nicht einmal in »12 × 12 Jahren« ereignet, wie Wieland Herzfelde feststellte.1 Ihm wurde das Exposé im Winter 1929 aus Breslau zugeschickt und er lehnte es erst mal ab. Aber der Autor blieb hartnäckig und sandte im Sommer 1930 das fertige Manuskript nach Berlin in der festen Überzeugung, daß dieses Buch beim Malik-Verlag richtig aufgehoben sei. Er schrieb dazu: »Das Buch spielt ja nicht in der Zukunft, sondern in den Jahren 1918-1929. Ich bin auch kein Träumer, sondern schon seit dem Umsturz Funktionär der SPD, stehe mit beiden Beinen im politischen Leben. Natürlich habe ich mir den Kopf zerbrochen, woran es liegt, daß wir Schritt für Schritt unsere Positionen aufgegeben haben. Mußte es denn alles so kommen, wie es kam? Nein! Wer das behauptet, ist Fatalist, nicht Sozialist!« Und so erschien der Roman im Herbst 1930 in einer Auflage vom 12.000 Stück zum Preis von 3,50 RM.

In diesem Jahr wurde Walter Müller nicht nur wegen dieses Buches bekannt, auch seine Rolle als SPD-Mitglied und Breslauer Parteifunktionär rückte in das Licht der Öffentlichkeit. Er arbeitete zu der Zeit als Kassenbeamter und wohnte in der Frankfurter Straße 74.2 Unter dieser Adresse ist er zwischen 1921 und 1934 eingetragen. Die SPD vertrug die massive Kritik an der Politik von 1918 und danach sowie an ihren Führern nicht, die KPD kritisierte gleichzeitig die sozialfaschistischen Positionen auch der linken SPD-Mitglieder. Beide Arbeiterparteien lieferten sich einen heftigen Schlagabtausch im Parlament, auf der Straße und in den Medien. Reichstagsabstimmungen zur Wirtschafts- und Sozialpolitik stellten die SPD vor eine innere Zerreißprobe. Davon blieben auch Landesverbände und Ortsgruppen nicht verschont (aktuelle Zeitbezüge sind rein zufällig). Auf einer Breslauer Funktionärskonferenz im Herbst 1930 eskalierte die Situation und Müller schreibt sich mit einem offenen Brief an das KPD-Organ ARBEITER-ZEITUNG frei.3 Um ein Exempel zu statuieren, wurde er daraufhin kurzerhand aus der SPD verstoßen. Am 22. November 1930 druckt die VOLKSWACHT den Brief des SPD-Parteivorstandes ab, der den Ausschluss kurz und knapp mit §28 des Statuts »Tätigkeit gegen die Partei« begründet.4 Die ARBEITER-ZEITUNG Breslau stellte dazu fest, dass »linke Funktionäre ohne Verfahren ausgeschlossen« werden, rechte Kräfte aber in der Partei verbleiben dürfen. Müller revanchierte sich mit einem Aufmarsch von 600 Getreuen und einer Rede im Gewerkschaftshaus in Breslau. Seine Anhänger wählten ihn zum Versammlungsleiter, der Breslauer SPD-Vorsitzende Dr. Eckstein erlitt eine schwere Abstimmungsniederlage. Das war eine kleine Palastrevolution, denn immerhin war Müller Mitglied des Breslauer Parteivorstandes. Schlussendlich erklärten Walter Müller und weitere sechs Genossen ihren Übertritt in die KPD. Ihr Bekenntnis ist der Aufmacher in der ARBEITER-ZEITUNG vom 13. Dezember 1930.5 Sie geloben dem schlesischen KPD-Führer Ernst Wollweber (in der DDR dann 1953 – 1957 Minister für Staatssicherheit) »mit ganzer Kraft für die Kommunistische Partei und die Weltrevolution zu arbeiten.«

Auch überregional schlagen das Buch und der Übertritt Wellen. Der VORWÄRTS widmet der Utopie einen Schmähartikel über den »Traum-Müller« aus Breslau.6 Die ROTE FAHNE greift die Situation genüßlich auf und meint zu Müller: »Nein, der ist gewiß kein Utopist.«7 Während der VORWÄRTS die »für alle Sadisten höchst erfreuliche Ausrottung von hundert Millionen Amerikanern durch bolschewistisches Giftgas« geißelt, hält die ROTE FAHNE fest, dass »schließlich der gigantische Kampf zwischen dem schon sozialistischen Europa und dem noch kapitalistischen Amerika, der mit allen Mitteln der Technik geführt wird, die Entscheidung bringt.« Es wird eingeschränkt, dass nicht alles »marxistisch einwandfrei, manches noch sozialdemokratisch verschlackt [ist], aber alles in allem eines der packendsten Bücher, die die Arbeiterliteratur kennt.« Weitere Rezensenten bewerten das Buch je nach politischer Färbung. DIE LINKSKURVE meint, dass »das Temperament mit dem Verfasser durchgegangen [ist]. ... Aber trotzdem, das Buch gehört in die Hände aller Arbeiter, ..., das Buch ist ein Zeichen unserer Zeit.«8 Die VOLKSWACHT hält dagegen, dass »Walter Müllers Werk schriftstellerisch in die Gattung einzureihen [ist], in die Bücher wie Der nächste Weltkrieg, Deutsche Revolution oder Der rote Napoleon gehören.«9 Der Seitenhieb auf die Haltung der Mehrheitssozialisten in der Revolution wird als Verrat an der Partei empfunden: »Walter Müllers völlig unkritische, haßerfüllte, verneinende Schmähung jener Führer im Stile kommunistischer Hysterie geht allerdings weit über das hinaus, was irgend eine selbstbewußte Partei zu ertragen imstande ist.« Damit wurde die Begründung für seinen Parteiausschluss nachgeliefert. Das Buch ginge bis an »die Grenze eines Fiebertraums«, womit man die Einschätzung des VORWÄRTS noch übertrifft. Dies war die Reaktion auf die Aufforderung der ARBEITER-ZEITUNG, »von dem aufsehenerregenden Buche ihres Genossen Walter Müller Kenntnis zu nehmen.«10 In der NEUEN REVUE wiederum findet sich eine euphorische Betrachtung: »Es ist nicht nur die utopische Entwicklung eines utopischen Wenn. Die ersten 20 Seiten lesen sich wie Leitartikel der ROTEN FAHNE. Aber dann ist man gefangen. Und es wird von Seite zu Seite mehr. Gewiß, es ist nur eine Utopie. Aber wie sie angefaßt wird, das ist klug und vielseitig. Es ist nur ein phantasierendes Buch, aber trotzdem eins, dem die reale Grundlage nicht fehlt, das das Utopische aus der Umkehrung der historischen Tatsächlichkeiten ableitet. Und gerade aus der Gestaltung des Entgegengesetzten erfährt man das wirklich Gewesene mit um so erschreckender Impression. Das knüpft da an, wo Remarque endet. Es gibt Dinge in dem Buch, die – manche werden sagen: trotz aller »irrelevanten« Tendenz – groß und genial sind, von einer eminenten Vielseitigkeit der Gestaltung. Ein Buch mit stärksten Spannungsmomenten. Eine gute Literatur.«11 Die umfangreichste Besprechung bietet Die WELTBÜHNE Anfang November 1930. Über 1 ½ Seiten bewertet Alfons Goldhagen den Roman und stellt Geschichte neben Fiktion: »Man mag über Thesen und Einzelheiten in diesem Roman streiten. Aber es ist der erste Versuch, eine sozialistische Zukunft wissenschaftlich zu gestalten, mit allen Farben und Spannungen eines romanhaften Geschehens. Es ist ein Lehrbuch, bunt, aufregend und exakt. Vielleicht wird es anders werden, aber es könnte so sein.« Und Goldhagen prophezeit dem Autor, dass er nicht mehr lange Mitglied der SPD sein dürfte.12 Eine Prognose, die ins Schwarze traf.

Über das weitere Schicksal von Walter Müller ist bisher nichts bekannt, verfügbare Angaben sind widersprüchlich. So weist ihn die Bibliografie des Malik-Verlages 13 als Sozialisten aus Karlsbad aus, der bald nach den Ereignissen in Breslau wieder in die Tschecheslowakei ging, nach der Okkupation von den Nazis verhaftet und im KZ Dachau ermordet wurde. Dieser Sachverhalt konnte von der Gedenkstätte anhand der Häftlingskartei aber nicht bestätigt werden. Dagegen erinnerte sich Wieland Herzfelde, dass Müller schon in der ersten Terrorwelle 1933 ermordet wurde.14 Aber auch dies findet sich nicht in den Listen schlesischer Opfer des Nazi-Terrors (wohl aber die Ermordung von Dr. Eckstein, der 1931 aus der SPD austrat und gemeinsam mit anderen, wie Heinrich Ströbel, die Sozialistische Arbeiter Partei – SAP gründete). Leider ist die letzte Meldung aus Breslau, dass alle Polizeiakten aus dieser Zeit im Keller des Polnischen Staatsarchivs der großen Oderflut von 1997 zum Opfer gefallen sind.

• Wolfgang Both • ALIEN CONTACT

Literaturverweise
1) Herzfelde, Wieland: »Wenn wir 1946 ...« , DAS MAGAZIN, Nr. 4, 1966, S. 22–24
2) Eintrag im Adreßbuch von Breslau 1928 und 1932, Scherl-Verlag Berlin
3) Müller, Walter: Offener Brief in der ARBEITER-ZEITUNG BRESLAU vom 8./9. November 1930
4) Walter Müller aus der Partei ausgeschlossen, VOLKSWACHT FÜR SCHLESIEN vom 22. November 1930
5) Müller, Walter: »Erklärung zum Übertritt in die KPD«, ARBEITER-ZEITUNG vom 13. Dezember 1930
6) Jonathan: Traum-Müller macht Politik, DER ABEND vom 14.11.1930
7) Anonym: Eine realpolitische Utopie, ROTE FAHNE vom 20.12.1930
8) bro.: »Walter Müller: ›Wenn wir 1918 ...‹«, DIE LINKSKURVE Nr. 6, Juni 1931, S. 29–30
9) Marck, S.: Auch eine Utopie, VOLKSWACHT FÜR SCHLESIEN vom 3. Dezember 1930
10) Wern.: »Realpolitische Utopie um den 9. November«, NEUE REVUE BERLIN, Nr. 10 vom 15. Dezember 1930, S. 230–231
11) muscha: Schlesischer Guckkasten, ARBEITER-ZEITUNG vom 22./23. November 1930
12) Goldhagen, Alfons: »Wenn wir 1918 ...«, DIE WELTBÜHNE, Nr. 46, 1930, S. 733–734
13) Hermann, Frank: Der Malik-Verlag, Neuer Malik-Verlag Kiel ,1989
14) Herzfelde, Wieland: »Wenn wir 1946 ...« , Das Magazin, Nr. 4, 1966, S. 22–24
Originalausgabe
Walter Müller: Wenn wir 1918 ... eine realpolitische Utopie. (Berlin: Malik-Verlag, 1930)
Neuauflage
Walter Müller: Wenn wir 1918 ... eine realpolitische Utopie. (Rostock: BS-Verlag, 2003) Bestellen
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