ALIEN CONTACT

... mehr als nur der Stöpsel im Nacken

Interview mit Myra Çakan

von Hardy Kettlitz

Science Fiction > Alien Contact
Interview
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Hardy Kettlitz: Du hast bisher ca. 20 Kurzgeschichten verfaßt und in zahlreichen Anthologien, Magazinen und Zeitschriften veröffentlicht. Warum hast du erst zehn Jahre später Deinen ersten Roman geschrieben?

Myra Çakan: So war das gar nicht. Ich habe den ersten Luke-Roman (Zwischenfall an einem regnerischen Nachmittag) - der dann zum zweiten Teil der Reihe geworden ist - bereits Ende der achtziger Jahre (1988) geschrieben. Begegnung in der High Sierra schrieb ich im Anschluß. Allerdings war der Science-Fiction-Markt zu dieser Zeit für deutsche Autoren sehr schlecht, und alles was mir das Romanmanuskript damals einbrachte, war das Angebot, für Perry Rhodan zu schreiben. Bei einem Verlag wie Argument zu veröffentlichen, der die Bücher am Markt hält, und obendrein noch die Filmrechte zu verkaufen, macht entschieden mehr Spaß. Da lohnt es sich auch ein paar Jahre auf die Veröffentlichung zu warten.

HK: Schreibst du immer noch Short Stories, oder konzentrierst Du Dich ganz auf Deine Romane?

MÇ: Ich habe erst in diesem Sommer eine Short Story geschrieben. DER SPIEGEL wollte eine Geschichte zum Thema Nanotechnologie von mir. Leider ist sie dann im letzten Augenblick, sehr zum Ärger des Redakteurs, rausgeflogen, weil die Chefredaktion Science Fiction dann wohl doch »bah« fand. Ich befinde mich aber in erlauchter Gesellschaft: Die Storys von Bruce Sterling und Stanislaw Lem wurden auch gekippt. Ein SF-Magazin in den USA ist aber an der Geschichte interessiert, warten wir mal ab, was draus wird.

HK: In der Süddeutschen Zeitung stand in einer Rezension zu Luke Harrison »sprachlich äußerst gelungen«. Wie wichtig ist Stil für dich?

MÇ: Stil ist etwas, was sich beim Schreiben findet. Was ich sagen will, jede Geschichte hat eine bestimmte Stimme. Auf diese Stimme zu hören und sie umzusetzen ist genauso wichtig, wie der Inhalt der Geschichte. Das eine könnte ohne das andere nicht existieren. Am deutlichsten erkennbar ist dies, glaube ich, beim Cyberpunk.

HK: Helmut Ziegler von DIE WOCHE hat auf dem Cover vom When the Music's Over (Argument-Verlag) die Frage gestellt: »Welche Drogen nimmt eigentlich Myra Çakan? Und wo bekommt man die?« Was ist deine Droge?

MÇ: Eine Prise Sternenstaub auf Sklak Derivat. Nein, im Ernst: Das ist das Geheimnis aller Schriftsteller. Glaub mir, diese Droge kann man nicht beschreiben, man muß sie erleben, und leider kann man sie auch nirgendwo kaufen.

HK: Von einigen Lesern und Kritikern wurde der Schluß des Romans bemängelt, weil er Parallelen zum Film Independence Day aufweist und angeblich unglaubwürdig wäre. (Jemand behauptete sogar schadenfroh, daß sich Roland Emmerich freuen könnte, daß auch mal jemand bei ihm abkupfert.)

MÇ: Ist schon witzig, was manche Leute in dem Roman zu entdecken glauben. Allein die ganzen Autoren, die ich mir zum Vorbild genommen- bzw. von denen ich abgeschrieben haben soll. Hätte ich die alle gelesen, hätte es vermutlich noch mal acht Jahre gedauert, den Roman fertig zu schreiben. Was mich allerdings gefreut hat, ist das H. J. Alpers in seiner Rezension J. G. Ballard als mein Vorbild erkannt hat. Es gibt in Music eine Vignette, die eine Hommage an Ballards »Vermillion Sands«-Stories ist. Was Independence Day anbelangt: Sicher, hat es mich etwas geärgert, daß Emmerich eine ähnliche Idee hatte - bestimmte Dinge liegen eben einfach in der Luft. Da ich meine Idee aber immer noch für gut hielt und halte, sah ich keine Veranlassung, meinen Roman umzuschreiben. Nur um mal den Zeitrahmen aufzuzeigen: Ich habe die Story-Outline für Music im Herbst 1992 geschrieben. Ich schreibe immer zuerst den Anfang und den Schluß eines Romans. Insgesamt entstanden hundert Seiten Music - einschließlich des Showdowns - 1993. ID4 kam, glaube ich, 1997 in die Kinos.

HK: Red Beat Pictures hat die Filmrechte an Music erworben. Wie ist der Stand der Dinge? Wie weit ist die Umsetzung gediehen?

MÇ: Ich habe die erste Drehbuchfassung abgeliefert. Als nächstes wird sie übersetzt und an John Shirley weitergeleitet. Da auf englisch gedreht werden soll, ist es wichtig, daß ein erfahrener, englischsprachiger Drehbuchautor die endgültige Fassung schreibt. Ich habe auf meiner Homepage so eine Art Countdown, da kann man lesen, was bis jetzt passiert ist.

HK: Auf Deiner Homepage www.dardariee.de ist auch zu lesen, daß du die Songtexte für den Soundtrack des Films selbst schreiben willst. Welche Beziehung hast du zur Musik?

MÇ: Ich habe lange Jahre Musik gemacht und sogar zeitweise meinen Lebensunterhalt damit verdient. Wenn ich schreibe, höre ich meistens Musik. Im Augenblick höre ich viel Garbage, Skunk Anansie, HIM, Sisters of Mercy und Richard Ashcroft, um nur einige zu nennen. An der Musikauswahl merkst du wahrscheinlich schon, daß mein nächster Roman keine Fantasy sein wird.

HK: Ein Drehbuch zu schreiben ist sicherlich etwas ganz anderes, als einen Roman zu schreiben. Aber was genau ist anders?

MÇ: Zuerst das Offensichtliche: In einem Roman kannst du sehr gut die innere Welt Deiner Protagonisten schildern - im Film kannst du das nicht machen, es sei denn du möchtest, daß die Zuschauer nach 15 Minuten rausrennen. Sogenanntes »Voice Over« läßt sich auch nur ganz gezielt einsetzen. Film ist ein visuelles Medium, das heißt du mußt den Zuschauern die Geschichte zeigen. Ein schlimmer Fehler ist auch sogenannter »erklärender Dialog«. Außerdem, einen Film mußt du auch viel gradliniger erzählen, also nicht mit so vielen Rückblenden wie im Roman. Da ich aber generell sehr visuell schreibe, ist mir dies bei dem Drehbuch nicht sehr schwer gefallen, auch Dialoge machen mir keine großen Probleme. Du mußt dir darüber klar sein, daß Filme nach ganz anderen Gesetzen funktionieren. Wenn du meinst, dein Buch eins zu eins umsetzen zu müssen, stehst du eh auf verlorenem Posten. Zum Glück mußte ich nicht erst auf die harte Tour lernen, daß es so läuft, sondern hatte durch meine Arbeit als Filmjournalistin schon einiges vom »Filmgeschäft« mitgekriegt.

HK: Auf welche Elemente des Buches soll sich der Film konzentrieren?

MÇ: Ich glaube, für die meisten ist Skadi die Hauptfigur, und ohne zuviel über das Drehbuch zu verraten: Das wird auch so bleiben. Natürlich mußte ich ein paar liebgewonnene Charaktere killen - was mir übrigens leichter gefallen ist, als den Produzenten. Auf der anderen Seite hatte ich die Möglichkeit, neue Ideen in das Script einzubringen und bestimmte Aspekte mehr herauszuarbeiten, wie z. B. die Beziehung zwischen Skadi und Garfield. Abschließend kann ich sagen, daß mir das Schreiben des Drehbuchs sehr viel Spaß gemacht hat, mehr als ich erwartet hatte.

HK: Kürzlich ist Dein zweiter Luke-Harrison-Roman in der Jugendbuchreihe »Nachtbrenner« beim Argument-Verlag erschienen. Diesmal ist Luke eher als Detektiv tätig. Wie geht es weiter? Wird Luke wieder Weltraumabenteuer erleben?

MÇ: Klar, jede Menge. So wie es aussieht, steckt Lady Rhiannon in Schwierigkeiten von galaktischem Ausmaß. Da muß Luke doch einfach zur Hilfe kommen. Aber Luke wäre nicht Luke, wenn er auf der Suche nach Rhiannon nicht von einem Schlamassel ins nächste geraten würde - quer durch die Galaxis, übrigens. Einen kurzen Auszug konnte man bereits in dem zweiten Band lesen. Zu Deiner Bemerkung, daß Luke eher ein Detektiv ist - auch wenn ich diese Anglizismen nicht mag, würde ich meinen, daß die Luke-Harrison-Romane ein Crossover zwischen Hardboiled Detective und Space Opera sind. Die Süddeutsche Zeitung sah Luke sogar als eine Mischung aus Western-Held und Detektiv der fünfziger Jahre. Darin liegt für mich auch der Reiz der Figur. Auf den ersten Blick ist er dieser typische harte Kerl, in Wirklichkeit aber ein gebrochener Held mit einer guten Portion Selbstironie.

HK: Gibt es Vorbilder für Luke?

MÇ: Ja, und zwar steckt eine Portion Donald Lam in Luke - das ist eine Figur, die von Erle Stanley Gardner, dem Erfinder von Perry Mason stammt -, dazu je ein Schuß Phillip Marlowe und Han Solo. Das ganze wird dann mit meiner eigenen Phantasie abgerundet und gut durchgeschüttelt auf Eis serviert - oder so ähnlich. (Gardner hat die Romane Ende der fünfziger Jahre unter dem Pseudonym A. A. Fair geschrieben.)

HK: Schreibst Du schon am dritten Luke-Abenteuer?

MÇ: Ha, das wäre schön! Im Augenblick stecke ich bis über die Ohren in meinem nächsten Cyberpunk-Roman.

HK: Der hat den Titel Downtown Blues und ist für Mai 2001 beim Argument Verlag angekündigt, auch wieder mit einem »musikalischen« Titel. When the Music's Over war ein Song von den Doors. An wen hast du bei Downtown Blues gedacht?

MÇ: Wenn man in dieser Stadt lebt, Mann, kriegt man einfach den Blues. [Myra Çakan lebt in Hamburg.] Nein, im Ernst, diesmal habe ich an keinen bestimmten Song gedacht. Allerdings benutze ich die starke Bildersprache von Rocklyrics, um den Leser in eine bestimmte Stimmung zu versetzen.

HK: Die Kurzgeschichte »Downtown Blues« hast du vor über zehn Jahren geschrieben (erschienen in C'T). Wieviel hat der Roman damit noch zu tun?

MÇ: Die Story wird in den Roman »eingebaut«. Natürlich wird sie nicht eins zu eins übernommen. Donovan ist aber auch im Roman die Hauptfigur und ihr Partner Chan ist ebenfalls wieder dabei. Der Roman beginnt sozusagen vor der Geschichte - in einer Zeit, als Donovan neu zur City Force kommt. Was mich besonders freut: Martina Pilcerova hat wieder ein großartiges Cover gemacht. Da das Cover vor dem Roman fertig war, hat es mich auch inspiriert: Als ich diese Straßenschlucht sah, wußte ich, ich brauche »fliegende Autos« - und, nein, sie heißen bei mir nicht »Spinner«.

HK: Man kennt dich als »einzige Cyberpunk-Autorin Deutschlands«, obwohl Du auch viele andere Sachen geschrieben hast. In welche Richtung geht Downtown Blues?

MÇ: Ich nenne es Cyberpunk. Weil Cyberpunk für mich mehr als nur der Stöpsel im Nacken für den Surf im Cyberspace ist. Cyberpunk drückt sich durch einen ganz bestimmten Stil aus: visuell und sprachlich. Ich weiß, daß schon seit Jahren behauptet wird, daß Cyberpunk tot ist. Na und? »Ein Cyberpunkroman« stand nicht auf dem Cover von When the Music's Over, weil ich nicht auf der Höhe bin, was man heutzutage so schreibt, sondern weil ich schreibe, was ich will. Außerdem wollte ich die Allesbesserwisser etwas ärgern. Hat Spaß gemacht.

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