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Epilog für
die S-Bahn:

Myra Çakan

When the Music’s over

1999 • Leseprobe

Seite 1 »
Die rasende Johanna
Es geschah ganz unmerklich. Irgendwie hatte das sinkende Bruttosozialprodukt damit zu tun, so genannte gute Beziehungen waren allerdings auch schuld. Es wurde immer schwieriger, Gesetzesvorlagen zum Flut-Schutz durchzubringen, und ein kleines Land wie Holland hatte nur geringes Mitspracherecht in der EU. Seit einigen Jahren galt da, was bissige Wirtschafts-Journalisten »das Faustrecht der Prärie« nannten. Nachdem die Nordseeküste mit schöner Regelmäßigkeit von den Herbst-, Winter- und Frühjahrsstürmen heimgesucht wurde, hofften die Anrainerstaaten auf Zuschüsse der EU. Stattdessen wurde die Idee einer Gruppe experimentierfreudiger Wissenschaftler erneut auf die Tagesordnung gesetzt. Da der Leidensdruck der Niederländer am größten war, sollten sie es sein, die als Erste in den zweifelhaften Genuss des Projektes »Steel-Sand« kamen. Was die innovativen Wissenschaftler mit guten Beziehungen zur damaligen Regierung nicht bedachten, war die Verseuchung des Bodens und des Grundwassers durch emsige Tulpen- und Tomatenanbauer. Die Dünger- und Pestizidrückstände gingen eine interessante Verbindung mit den Bakterien von Projekt »Steel-Sand« ein, und der zunächst erfolgreich »aufgeschäumte« Sand fiel wie ein Soufflé zusammen. Das Ergebnis konnten rund dreihunderttausend Hochwasser-Touristen bei der nächsten Sturmflut bewundern. Es war das Letzte, was sie in ihrem Leben sehen sollten. Der Name des Sturmes, der die Flut auslöste, war Johanna gewesen. Doch es kamen neue Touristen, im Winter, als das Wasser zu Eis wurde und ganz Holland eine gigantische Eisbahn. Mit Speedslidern rasten sie um die Wette, und es gab in jeder Woche mehr Tote als früher zur Urlaubszeit auf Deutschlands Autobahnen.
Beam mich hoch, Scotty

Das Erste, was in sein Bewusstsein drang, war die kühle Feuchtigkeit zwischen seinen Schultern. Zuerst glaubte Blue, es sei der Luftzug der Klimaanlage, dann bemerkte er, dass er schwitzte. Es war ungesunder Schweiß, er ließ alle Energie aus seinem Körper strömen.

Der Traum, er hatte wieder diesen Traum gehabt, einen Traum, der immer wiederkehrte und jedes Mal diese Leere in seinem Kopf zurückließ. An jenen seltenen Tagen, an denen er einigermaßen klar war, dachte er, dass dieser Traum und die damit verbundene Leere eine Metapher für sein jetziges Leben sei. Zum Glück kamen diese drogenfreien Tage nicht oft vor, und meistens hielt er den Traum und sein körperliches Schwächegefühl für die Folgen des Entzugs. Doch gegen dieses Gefühl gab es ein einfaches und immer griffbereites Mittel, und das gleiche Mittel verhinderte auch, dass er über die andere Seite des Traumes nachdachte.

Tonia schnarchte, er konnte nur ihre schwarzen Locken sehen, die die Kissen und ihr Gesicht bedeckten. Er wusste, ihr Mund würde halb geöffnet sein, er versuchte sich vorzustellen, dass sie irgendwie unschuldig aussah, wie ein kleines Mädchen, aber das Bild wurde unscharf, die Ränder zerflossen vor seinem inneren Auge und er gab auf.

Sie war stoned und, wenn er Glück hatte, für diese Nacht befriedigt. Sie war gleichzeitig prüde und unersättlich und sie hatte ihn gekauft.

»Blue erledigt seine Auftritte immer mit vollem Körpereinsatz.« Lachende Stimmen, spöttisch und neidisch zugleich – die Mitglieder seiner Band.

Es dauerte eine Weile, bis er die Schüsse hörte. Drogen, solange er es noch kontrollieren konnte – »lass die Finger von diesem Alien-Zeug«. Pierce. Gedankenfetzen, die eine Geschichte ergaben, deren Ende er nicht kennen wollte. Wieder Schüsse, Geschrei, sein Instinkt überwand die Kokslethargie und er rollte sich vom Bett. Wieder Schüsse, dann Schreie – Stille. Unsicher verharrte er, halb sitzend, halb liegend. Ein Summen war in seinem Kopf, das Summen der Stille. Er kroch wieder auf das breite Bett. Koksparanoia. Lässt einen Dinge hören, Dinge sehen, die nicht da sind, Dinge, die sich aus dem Drogenuniversum in die reale Welt materialisieren wollen.

»Beam mich hoch, Scotty.« Er lachte leise und dann, gerade als es im Haus wieder laut wurde, schlief er ein. Bis ihn ein weiterer Alptraum in die reale Welt zurückkatapultieren würde.

Er sah es kommen. Kaum standen sie auf der Bühne, spürte er sie. Es waren diese unterschwelligen Schwingungen, die er nur zu gut zu deuten gelernt hatte. Blue stand isoliert in der Lichtinsel des Punktscheinwerfers – Jeans, weißes T-Shirt und schwarze Lederjacke, das berühmte Loner-Outfit. Und sang mit diesem verlorenen Gesichtsausdruck, der keine Masche war, die Eröffnungsnummer: »Running Wild« – das Mantra der Bladerunner.

Tonia Sakamoto war auch da. Den Backstagepass wie eine Trophäe an einem der zahlreichen Reißverschlüsse ihres Latex-Overalls befestigt. Sie sah aus wie der teuerste Fick in der Stadt. »Und du bekommst mich ganz umsonst«, sagte ihr Körper, als sie seine Blicke bemerkte. Blue tänzelte zur anderen Seite der kleinen Bühne, es war Zeit für Shells Solo. Auch er hatte Tonia gesehen – wer hätte es nicht – und spielte nur für sie. Toto bleckte die Zähne zu einem Grinsen und schlenderte zu Blue.

»Wer ist sie?«

»Sakamoto, die Firma, die unseren Vertrag gekauft hat.«

»Scheiße.«

Blue ging zum Mikro und sang:

»Don’t leave me tonight
don’t leave our love behind,
lie to me, darling, but please don’t go.
Wrap yourself around me,
velvet shadow, hold me tight«

– die Schlusszeilen ihres ersten Hits. Pierce hatte den Text mit ihm zusammen geschrieben. Shells Stratocaster dehnte das »hold me tight« zu einem kreischenden Aufschrei nach Liebe in Cmaj7 und E-Dur. Es war immer noch ein verdammt starker Song, nach all den Jahren. Warum nur, Pierce – warum musstest du immer den ganzen Weg gehen, dich für immer in die samtschwarzen Schatten einwickeln?

Der erste Set war zu Ende. Früher wären sie jetzt hinter die Bühne, in ihre Garderobe gegangen. Doch früher gab es auch noch Roadies, die auf das Equipment aufpassten. Früher hatten sie auch das Digital Sound System von Sony und einen Power-Mac 20100 zum Lichtmischen und einen Drummer, keine billige Maschine, die den Sound versaute. Früher, da hatten sie Erfolg – und ihr Drummer hieß Pierce.

»- und hat sie auch die Band gekauft, Blue, und du hast vergessen, es uns zu erzählen?« Toto zeigte mit dem Kinn auf die Frau.

»Ja, sag an, Mann, hat sie?« Shell leckte sich die Lippen, ohne den Blick von Tonia Sakamoto abzuwenden. Sie erwiderte gleichgültig seinen Blick, drehte sich dann um und verließ mit ihren drei Bodyguards den Saal.

Blue zuckte die Schultern, er sah, wie sich eine schmale Gestalt hinten im Saal vom Mischpult löste. Jaki, Shells Mädchen und die Ton- und Lichtfrau der Runners, drängte sich durch die Menge und kletterte auf die Bühne.

»Bad Vibrations, Mann, da draußen gibt’s jede Menge bad Vibrations.« Sie klang atemlos und knetete nervös ihre Rasta-Zöpfe.

»Weiß ich.« Jetzt konnte er fast nach ihnen greifen, aggressive Schwingungen, die wie eine stumme Drohung im Saal hingen. Sollte er den Gig abbrechen? Dann saßen sie nicht nur ohne Geld fest, sondern wurden obendrein vertragsbrüchig. Keine gute Basis, um den Tourbus wiederzukriegen.

Er wartete, bis Jaki wieder hinter ihrem Pult stand, gab der Band Zeichen und zählte die erste Nummer ihres zweiten Sets an: »Heartbreak Hotel«, ein Zugeständnis an die vielen King-Kulter im Publikum.

Sie kamen durch die Küche herein. Blue ahnte ihre Anwesenheit mehr, als dass er sie durch die Lichtschranke der Scheinwerfer sehen konnte – Neo-Punks, sechs oder sieben. Einer sprang auf die Bühne und stürzte sich auf ihn. Erst als die magere Gestalt, in Kunstleder und Metallfolie geschweißt, ihren Körper an seinem rieb, merkte er, dass es sich um ein Mädchen handelte. Als er sie von sich schob, schien er damit ein Signal gegeben zu haben. Übergangslos vermischten sich King-Kulter und Neo-Punks zu einer Explosion von Körpern, Eisenketten, Geschrei und Blut.

Und dann, plötzlich geeint, erkannten sie ihr Feindbild und sprangen auf die Bühne. Ein Springerstiefel malmte sich durch die Membrane des Fender-Amps. Der Drum-Computer flog wie ein Ufo durch den Saal und bohrte sich in das Mischpult. Für einen kurzen Moment empfand Blue bei dem Anblick Genugtuung. Der Gestank von verschmorendem Gummi mischte sich mit den Sklak-Dämpfen, die aus den Klamotten der Neo-Punks aufstiegen. Die veraltete Berieselungsanlage des Clubs schaltete sich ein und ruinierte, was die Schläger von dem Equipment der Band übrig gelassen hatten.

Shell war irgendwo im Saal unterwegs, um Jaki rauszuhauen. Blue sah, wie Toto seinen Bass wie eine Keule schwang und sich rückwärts zum Bühnenausgang bewegte. Er wollte ihm folgen, als das magere Groupie kreischend auf ihn losging. Ihre Augen waren wie zwei weiße Billardkugeln, ausgeblichen von hoch dosiertem Sklak, ihre Hände mit Stahl-Spikes auf den Fingerspitzen zuckten vor. Er tauchte unter ihnen weg, direkt zwischen die Beine eines fetten King-Kulters, der ihm seine Gitarre aus den Händen kickte. Auf Knien rutschte er über die Bühne, und für einen irren Augenblick wollte er sich auf die Gibson werfen, sie mit seinem Körper decken. Diese sinnlose Geste schien ihm um so vieles wichtiger, als seine Hände oder sein Gesicht zu schützen.

Hinten im Saal war es ruhig. Den Leuten gefiel die Show. Heute konnten sie sehen, wie ein gefallenes Idol Prügel bezog. Der Punktscheinwerfer war immer noch auf ihn gerichtet. Blue fühlte sich auf eine alberne Art heroisch und wusste, gleich würde er etwas Dummes tun. Doch er kam nie dazu, seine Faust in die johlende Fresse des Neo-Punks zu rammen.

© copyright 1999 Argument Verlag
• When the Music’s over erreichte Platz 2 beim Kurd Laßwitz Preis für den besten deutschsprachiger Roman 1999
Ausgaben
Myra Cakan: When the Music's over: Ein Cyberpunk-Roman (Hamburg: Argument, 1999)
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