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Emil Dominik

Quer durch und ringsum Berlin

Eine Fahrt auf der Berliner Stadt- und Ringbahn von 1883

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Kapitel 1.1
Etwas Stadtbahngeschichte

Stadtbahn-Enthusiasten theilen die Bevölkerung dieser Erde in solche ein, welche mit der »Berliner Stadtbahn« gefahren und in diejenigen, welche dieses Vergnügens noch nicht theilhaftig geworden sind; und wiederum Andere haben die Meinung ausgesprochen, daß die Reichshauptstadt das gewaltige Werk einige Jahrzehnte zu früh erhalten habe, daß der Berliner Verkehr bei all seinem rapiden Wachsthum während der letztvergangen fünfzehn Jahre doch noch nicht bedeutend genug sei, um eines so großartigen Verkehrsmittels zu bedürfen.
   Die Wahrheit -- wie allüberall -- möchte auch hier in der Mitte liegen. Der »Triumph der Technik, der Stolz der Reichshauptstadt,« wie der Eisenbahnminister Maybach einmal die Stadtbahn nannte, hat in Deutschland wie im Auslande die vollste Anerkennung gefunden. Die flotte Weltstadt an der Seine baut jetzt, weil sie sich von der deutschen Centrale nicht überflügeln lassen will, eine Stadtbahn, welche den Namen »chemin de fer métropolitain« führen und sich netzartig über ganz Paris ausbreiten soll; und auch die schöne Kaiserstadt an der Donau hat den Bau einer »Wiener Stadtbahn« concessionirt, und all das hat, kann man mit Heinrich Heine sagen,

»das hat mit ihrer Eröffnung
die Berliner Stadtbahn gethan.«

   Londons unterirdische, schmutzige, feuchte Stadtbahnen eiferten nicht sonderlich zur Nachfolge an; jetzt aber, nach Eröffnung der luftigen, höchst sauberen und geschmackvoll ausgeführten »Berlinerin« regt sich's allerorten, sei es mit Elektricität, mit Dampf oder mit condensirter Luft betriebene und über die Dächer weg geführte Bahnen zu bauen.
   Das Projekt der Berliner Bahn rührt von dem tüchtigen Baumeister Orth her, der vor zwölf Jahren in einer Broschüre »Berliner Centralbahn« den Bau anregte. Oberbaurath Hartwich nahm das Orth´sche Projekt auf, modificirte dasselbe und führte es in´s Leben. Es thut dem Verdienst der ersten Bauunternehmer keinen Abbruch, daß die Gesellschaft, welche den Bau begann, nicht in der Lage war, denselben bis zum Ende durchzuführen, und daß der besser ausgerüstete Staat den Weiterbau übernehmen mußte. Orth, Hartwich und Dircksen verdanken wir das kolossale Werk, welches 65 Millionen Mark kostete -- sechs Millionen Mark pro Kilometer, während die Londoner unterirdische Bahn 14 Millionen Mark für dieselbe Strecke verschlang --, und daß am 1. Juli 1882 für den lokalen Verkehr wie externen Verkehr fertig gestellt wurde. Der Betrieb der Berliner Stadtbahn -- das muß rückhaltlos anerkannt werden -- wird von dem Eisenbahndirektor Wex und seinem gesammten Stabe musterhaft verwaltet. Wenngleich aber sieben- bis achtmalhunderttausend Personen im Monat die Stadtbahn benutzten, war eine einigermaßen ins Gewicht fallende Verzinsung des Anlagekapitals im ersten Jahre nicht zu erzielen. Doch ist alle Hoffnung vorhanden, daß dies in der Folge geschehen wird. »Wer´s Recht hat und Geduld« sagt Göthe -- »für den kommt auch die Zeit«, und immer wird der alte Satz sich bewahrheiten, daß jede Erleichterung des Verkehrsbedürfnisses den Verkehr selbst in ungeahnter Weise steigert.
   Dringend nothwendig möchte es sein, daß ein weiterer Ausbau der Stadtbahn so bald wie möglich erfolge, daß auch der Süden und Südwesten wie der Norden Berlins Anschluß an die jetzige Strecke erhalte. Dieser Schritt wird ernsthaft in Erwägung gezogen. Der Erbauer der Stadtbahn selbst, Herr Geheimrath Dircksen, hat in einem Vortrage ausführlich dargelegt, wie er sich den weiteren Bau von »Berliner Hochbahnen« denke; und eine für die Erwerbung des Schinkelpreises ausgeschriebene Concurrenz behandelt ein Hochbahnprojekt »Spittelmarkt-Schöneberg« und »Hallesches Thor-Oranienburger Thor.« --
   Eine Fahrt mit der Berliner Stadt- und Ringbahn zählt nun zu dem Interessantesten, was die deutsche Reichshauptstadt zu bieten hat. »In Berlin gewesen und mit der Stadtbahn nicht gefahren sein« ist eine ebenso große Versündigung an den heiligen Vorschriften Bädekers, als »in Rom gewesen und den Papst nicht gesehen haben.« Vormals lernte der Berlin besuchende Fremde nur das kleine Stück kennen, welches sich in einem engen Kreise um die »Kranzlerecke dreht, jetzt sieht er in wenigen Stunden auf einer Stadt- und Ringbahnfahrt die ganze Weltstadt, den vornehmen Westen, wie das internationale Centrum, die Industriestadt im Norden und Osten wie die ganze hübsche Umgebung Berlins.
   Was wir auf einer solchen Fahrt von der aufblühenden deutschen Kaiserstadt schauen, ein wenig Geschichte über alle die im Gesichtskreise liegenden Oertlichkeiten und eine Menge daran geknüpfter Geschichten enthalten die nachfolgenden Blätter, die mein Freund Lüders mit Illustrationen versehen hat. Mögen die Aufzeichnungen freundliche Aufnahme finden.

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1.2 • Gräfin Lichtenau, Madame du Titre und die Charlottenburger Schloßkarpfen
Siehe auch
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