Emil Dominik

Quer durch und ringsum Berlin

Eine Fahrt auf der Berliner Stadt- und Ringbahn von 1883

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Kapitel 1.2
Gräfin Lichtenau, Madame du Titre und die Charlottenburger Schloßkarpfen

An einem frühlingswarmen Nachmittage machten wir uns auf die Reise nach dem Stadtbahnhofe »Westend«. Von hier aus sollte die Fahrt durch die Stadt nach dem Schlesischen Bahnhofe und dann im weiten Kreise um ganz Berlin mit der Ringbahn erfolgen.
   Wir fuhren vom »Brandenburger Thore« mit der Pferdebahn nach dem freundnachbarlichen Charlottenburg, und in dieser bald zweihundert Jahre alten Stadt durch die »Berliner Straße« welche »geboren wurde am 9. Juli 1708.«
   Wir huschten vorbei an dem alten Palais der schönen Gräfin Lichtenau, an dem jetzigen »Floraetablissement« und dann weiter an dem Hause Nr. 54, das einst der Madame du Titre gehörte, der bekannten spaßhaften Freundin Friedrich Wilhelms III.
   Am 18. März 1789 war´s, da weihte man das Sommerpalais der »gnädigen Frau«, das alte Eckardt´sche Palais mit einer schwülstigen Rede auf die »verehrungswürdige Baufrau, Madame Rietz« die nachmalige Gräfin Lichtenau ein, und am Schlusse der Baufeier sang man das folgende Lied:

Er breite über dieses
Die Flügel seiner Allmacht aus!
Er schütze es mit starker Hand
Für Unglücksfälle, Sturm und Brand
Gott Zebaoth, du wirst den Wunsch erhören,
Und dafür wollen wir stets deinen Namen ehren!

   Wenige Jahre darauf saß die »Gnädige Frau« auf der Festung Glogau, wohin sie Friedrich Wilhelm, der Gerechte, gesendet hatte. --
   Madame du Titre wohnte im Winter in ihrem Berliner Hause Poststraße 26 und im Sommer in ihrer Charlottenburger Besitzung in der Berlinerstraße Nr. 54.
   Sie hatte zwei Töchter, von denen eine an den Banquier Beneke von Gröditzberg und die andere an Herrn Beyrich verheirathet war, und war selber eine geborene »Mademoiselle George«.
   Als Herr Dutitre um Mamsell George anhalten wollte, fand er sie in der Küche beim Petersilienhacken, denn es sollte »Grünfisch« zu Mittag geben. »Mamsellken, möchten Sie denn auch einst in meiner Küche jrine Petersilie hacken?« lautete seine Bräutigamsfrage, und mit einem freudigen »Ja« antwortete Mamsell George.
   »Das F.D.R. thuts nicht,« behauptete Madame Dutitre immer, »aber das l´argent.« Und ihrem alten Hausarzte Heim ersparte sie das Treppensteigen damit, daß sie ihm aus ihrem Fenster die Zunge zeigte, um ihn zu beruhigen, daß sie immer noch wohl und munter sei. Und ihren König begrüßte sie stets mit: »Gu´n Morjen Seine Majestät, König Friedrich Wilhelm der Dritte!«
   Sie hatte auch ein Gesellschaftsfräulein, zu deren Obliegenheiten es gehörte, daß sie der Gebieterin niemals widersprechen durfte. Einst fuhren beide Damen an einem windigen Tage im offenen Wagen nach Charlottenburg. Madame D., schön geputzt, trug einen mit drei Maraboutfedern gezierten Hut. Sehr bald entführte der Wind eine derselben, und die Eigenthümerin, die etwas weißes in der Luft flattern sah, fragte: »Mamsellken, war det nich eine Taube?« Antwort: »Ja wohl, Madame Dutitre!« Nach einigen Minuten entführte Zephyros die zweite Feder: »Mamsellken, war det nich en Stiksken Papier?« »Ja wohl, Madame Dutitre!« Als nun gleich darauf auch die dritte Feder sich empfahl, wurde die Sache verdächtig. »Herr Jees, Mamsellken, war det nich en Marampuff?« »Ja wohl, Madame Dutitre, es war der letzte!« --

Quer_durch_und_ringsrum_Berlin_S005.jpg (13255 Byte) Blick auf Charlottenburg
Gez. von H. Lüders
Und endlich, als ihr Mann sterben wollte, wünschte er seine Frau noch einmal zu sprechen. Die Aerzte theilten Madame D. diesen Wunsch ihres Mannes mit. Sie aber weigerte sich, ins Krankenzimmer zu gehen und erst auf ernstes Zureden des »alten Heim« entschloß sie sich hierzu. Sie ging aber nur bis zur Thür, öffnete dieselbe etwas und rief dann ihrem Manne zu: »Jott Vater, wat soll denn das! Du weest doch, ick kann keene Dodten nich sehen!«
   So viel von Madame Dutitre, an die wir erinnert wurden, als unser Gefährt vor ihrem Charlottenburger Hause - vorüberschlich.
   Auch von den Karpfen im Charlottenburger Schloßgarten plauderten wir etwas, von den »Mooskarpfen«, die König Friedrich Wilhelm I. hier 1715 eingesetzt hatte, und die auf ein gegebenes Zeichen mit der Glocke an der sogenannten »Klingelbrücke« gravitätisch und stets hungrig an der Oberfläche erschienen, um die ihnen gespendeten Brosamen zu verschlingen. Der harte Winter von 1864 ließ bekanntlich auch diese alten Veteranen -- 36 an der Zahl, und keiner von ihnen war unter vier Fuß lang -- erfrieren. Sie wurden am Uferrande eingescharrt.
   »Hören Sie mal, lieber Historienschreiber,« sagte mein Freund Lüders, »das ist eine traurige Geschichte, die mir Hunger gemacht hat. Ich schlage Ihnen vor, bevor wir uns auf die Stadtbahnfahrt begeben, essen wir etwas in Westend bei Moritz, damit es uns nicht ergehe wie den Abgeordneten, welche Excellenz Maybach durch eine Stadtbahn-Busfahrt fast getödtet haben soll, und die doch alle neuen Bahnerwerbungen für den Staat ohne Redensarten acceptirt hatten. Ich rathe zu Karpfen in Bier, aber keine seligen Schloßgartenkarpfen.«
pf_home.gif (839 Byte) Emil Dominik: Quer durch und ringsum Berlin
1.1 • Etwas Stadtbahngeschichte
1.3 • Westend vor 75 Jahren und das von heute
Siehe auch
Eisenbahnstadt Berlin
Stadtbahn
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