Emil Dominik

Quer durch und ringsum Berlin

Eine Fahrt auf der Berliner Stadt- und Ringbahn von 1883

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Kapitel 1.3
Westend vor 75 Jahren und das von heute

Und so geschah´s. Wir pilgerten den Berg hinan, dessen Seiten die Siemens'schen Stangen für seine nun doch endlich geglückte »Elektrische Bahn« nach dem Spandauer Bock zieren, und an dessen Fuße der etwas primitive »Bahnhof Westend« liegt, welcher die Unzahl Geleisebüschel, die von hier aus nach Nord und Süd, nach Hundekehle, Wilmersdorf und Berlin, nach der Hamburger-, Lehrter- und Nordringbahn auslaufen, zusammengefaßt hat.
   Vom Aussichtsthurm in »Westend« überschauen wir das Gestränge, erblicken wir die zahllosen Züge, die von Spandau und dem Charlottenburger Schloßgarten her, die auf der Nordhauser Bahn und von Wilmersdorf heransurren. Und von hier aus sahen wir auch die »elektrische Bahn« den Berg herauf kommen.
   »Wie ich glaube, lieber Lüders, hat diese elektrische Kraft, die hier auf dem alten »Versuchsfelde für alle möglichen Berliner Gefährte« auf das Transportieren von Pferdebahnwagen hin geprobt wird, doch alle Zukunft für sich. Seit die »transportable Elektricität« erfunden ist, welche alle bis dahin unbenutzt gebliebenen Naturkräfte, wie Wasserfälle, Ebbe und Fluth, Stromläufe und Winde an den Quellen auffängt, und seitdem diese in Elektricität umgewandelte Kraft im Kleinhandel wie jetzt die Mineralwässer, »auf Flaschen gezogen« nach allen Himmelsgegenden versendet werden kann, seit Camille A. Faure´s Entdeckung ist die Konstruktion der »Luftdroschke« nur noch eine Frage der Zeit.«
   »Trotz der verunglückten jüngsten Versuche in der Flora?«
   »Trotz alledem. Der Wunsch des Menschen, sich gleich dem Vogel in die Lüfte zu erheben und sich ungehindert über Wasser und Berge fortbewegen zu können, wird alle Schwierigkeiten überwinden, seitdem wir in der »transportablen Elektricität« die benöthigte Kraft entdeckt haben. Wir erleben´s vielleicht Beide noch, daß unsere Hausmädchen oder -- wenn unser Stadtbahnreisebuch 50 000 Abnehmer gefunden -- unser Kammerdiener meldet: Herr Meyer hängt mit einer Luftdroschke erster Klasse am Balkon, »soll er rein?«
   »Eine schöne, neue Einrichtung.«
   »Vor 180 Jahren fuhr Königin Charlotte mit der »Treckschuyte« nach ihrem Lieblingsschloß, das nun Charlottenburg heißt, und das vor uns liegt. Eine verdeckte Gondel oder Schute, die von Pferden auf einem Leinpfade am Spreeufer gezogen oder »getreckt« wurde, vermittelte den Verkehr. Ja es war sogar, um das Poetische mit dem Angenehmen einer solchen Fahrt zu verbinden, ein Gondolier aus Venedig verschrieben worden, welcher seine italienischen Kanzonen ertönen ließ. Und vor 100 Jahren fuhr man mit Karossen, Chaisen und Karreten, zu Anfang unseres Jahrhunderts mit der »Warschauer Droschke«, dann mit den »Kremser´schen Thorwagen«, mit dem »Omnibus«, mit den »Amerikanischen Pferdebahnwagen« nach Charlottenburg und nun mit der »Stadtbahn«. Der Weg von der »Treckschuyte« zur »Siemens´schen elektrischen Bahn« ist nicht weiter wie der von der letzteren bis zur »elektrisch bewegten Luftdroschke«.
   »Meinen Sie? aber nun wollen wir zum »Bahnhof Westend« gehen und uns bei dem Billetmädel zwei Stadtbahnbillets kaufen.« Und so geschah's.
   Vom Bahnhofe »Westend« schauen wir hügelaufwärts das freundliche »Westend«, mit dessen Aufbau man im Jahre 1867 den Anfang gemacht hatte. Der Plan wurde bekanntlich von dem Fabrikbesitzer Albert Werkmeister gefaßt, welcher mit dem Banquier Eichborn, dem Commerzienrath H. Quistorp in Stettin und dem Generallotteriedirektor Tuchen eine Bau-Gesellschaft gegründet hatte. Die Grundstücke auf dem »Spandauer Berg«, welche man für die neue Niederlassung ausersehen hatte, gehörten zum Theil Ackerbürgern Charlottenburgs, und man bezahlte 3--800 Thaler für den Morgen. Ein großer Theil, das sogenannte »Robertgut«, dessen Wirtschaftsgebäude heute noch stehen, gehörte dem Hoftischler Arnold in Berlin.
   Das Unternehmen scheiterte an der Ungunst der Zeitumstände und dem Mangel genügender Mittel. Die Gesellschaft mußte sich bereits im April 1868 wieder auflösen. Aber in richtiger Erkenntniß der gesunden Grundlage eines solchen Unternehmens wurde schon im Juli 1868 eine neue Gesellschaft durch H. Quistorp und F. Scheibler auf der Basis der alten in´s Leben gerufen. Westend nahm nun einen schnellen Aufschwung.
   Wege wurden geebnet und gepflanzt, Wasserwerke errichtet, der prächtige Wasserthurm »Germania« begonnen, eine eigene Chaussee nach dem »Teufelssee«, dessen reines, gesundes Wasser man benutzte, gebaut -- da kam das Jahr 1873 und mit ihm der Krach von Westend.
   Bis 1878 ruhte die Bauthätigkeit gänzlich, dann aber begann sich die Baulust wieder zu regen. Bald werden 100 Villen in »Westend« stehen mit einer Bevölkerung von 1000 Seelen; und seit der Eröffnung des Stadt-Bahnhofs »Westend« dürfte diese am gesundesten gelegene Berliner Villenkolonie einen noch erheblicheren Aufschwung erleben.

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1.2 • Gräfin Lichtenau, Madame du Titre und die Charlottenburger Schloßkarpfen
1.3 • Westend vor 75 Jahren und das von heute
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