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Greg Egan

Diaspora

Diaspora • 1997 • Auszug


Kapitel 15 • 5 + 1

Carter-Zimmerman-Polis, Swift-Orbit
85 803 052 808 071 KSZ
3. April 4953, 4:33:25.225 WZ

Ein Megatau vor dem Klonen war es Paolo endlich gelungen, Orlando in die Große Makrosphären-Ausstellung zu schleifen. Eine Gruppe von Physikern hatte die Landschaft errichtet, einen langen Saal mit gewölbtem Dach aus Bleiglas mit Gußeisenstreben, vollgepackt mit Demonstrationen jener Eigenschaften der Makrosphäre, die sich mit einiger Gewißheit vorhersagen ließen. Obwohl Orlando entschlossen war, sich an der Expedition zu beteiligen, schien er durch die Aussicht auf eine Konfrontation mit der exotischen Realität entmutigt zu werden, in die der neue C-Z-Klon sich begeben würde.
   Paolo überblickte den Saal. Weniger als hundert Bürger hatten beschlossen, sich klonen zu lassen, obwohl schon die Hälfte der Polis in der Ausstellung gewesen war. Jetzt war sie jedoch nahezu menschenleer, und der Lichtwinkel, der sich an die Anzahl der Besucher anpaßte, vermittelte den Eindruck eines späten Nachmittags.
   Sie näherten sich dem ersten Exponat, einem Vergleich von Gravitationsmulden in drei und fünf Dimensionen. Die mit einem Gitternetz überzogenen Oberflächen zweier kreisrunder Tische waren elastisch, so daß sich trichterförmige Dellen bildeten, wenn man ein kugelförmiges Gewicht darauf plazierte. Die Neigung simulierte die Gravitationskraft rings um einen Stern oder einen Planeten in den unterschiedlichen Universen. Die Kraft verringerte sich mit der Entfernung, als würde sie sich immer feiner verteilen - umgekehrt proportional zum Quadrat über eine zweidimensionale Oberfläche und mit sichtlich steilerer Wirkung in der vierten Potenz über eine vierdimensionale Hyperfläche. Es war ein simplifiziertes pseudo-newtonsches Modell, aber Paolo lag es fern, sich abfällig darüber zu äußern - nachdem es ihm schwergefallen war, Blancas detaillierter Abhandlung über sechsdimensionale Raumzeit-Krümmung zu folgen, und die schwierigsten Stellen, in denen die Einsteinsche Tensorgleichung durch eine Approximation der Interaktionen zwischen Masseteilchen und virtuellen Gravitonen abgeleitet wurde, hatte er lediglich überflogen.
   Das Exponat sagte: »Diese Diagramme demonstrieren das reine Gravitationspotential, das stets eine anziehende Kraft erzeugt.« Eine körperlose Hand erschien und plazierte jeweils eine Testkugel an den Rand jeder Mulde. Die Konsequenz war mühelos vorherzusehen: Beide Kugeln fielen hinein. »Wenn sich die Partikel zu Beginn in Ruhe befinden, ist eine Kollision unvermeidlich. Wenn jedoch eine seitliche Bewegung vorhanden ist, wird die Dynamik völlig verändert.« Die Hand legte eine weitere Demonstrationskugel auf den Rand der ersten Mulde, versetzte ihr diesmal jedoch einen kleinen Stoß, worauf sie sich in einem elliptischen Orbit um die Zentralmasse bewegte.
   »Was eigentlich geschieht, läßt sich am besten erkennen, wenn wir dem Körper auf seiner Bahn folgen.« Das Gitternetz der Oberfläche begann zu rotieren, immer auf der Spur des Objekts, worauf sich die Form der Mulde auf dramatische Weise veränderte. Das Zentrum des Trichters kehrte sich zu einer steilen, hohen Spitze um und hob die Masse über die umgebende Oberfläche hinaus. »In einem rotierenden Bezugsrahmen verhält sich die Zentrifugalkraft für einen bestimmten Bahnimpuls wie eine Abstoßung in der umgekehrten dritten Potenz.« Eine umgekehrte zweite Potenz überstieg die umgekehrte dritte Potenz bei kleinen Entfernungen, also wurde die Zentrifugalkraft in der Nähe des Zentrums stärker als die Gravitation. Der Stern oder Planet in der Mulde lag nun auf einem hohen Gipfel. Die äußeren Regionen des Trichters waren jedoch weiterhin nach oben geneigt, so daß es einen kreisförmigen Graben rings um die Spitze gab, wo sich dieser ursprüngliche Fall in einen Anstieg umkehrte.
   Ein Teil des Fußbodens, auf dem sie standen, begann sich um den Tisch zu drehen, wobei er geneigt wurde, damit sie nicht das Gleichgewicht verloren. Orlando stöhnte über diesen Effekt, schien sich aber trotzdem zu amüsieren. Sie holten den rotierenden Bezugsrahmen ein, so daß sich das Teilchen nun scheinbar entlang einer fixierten, radialen Bahn bewegte. Es rollte im Graben vor und zurück, gefangen in dieser Senke der Energieniveaus, und nun zeigte sich, daß die Extreme des elliptischen Orbits nicht mehr waren als die fernsten erreichbaren Punkte, während es versuchte, entweder die Steigung zur zentralen Spitze oder die sanftere Neigung der äußeren Schräge zu erklimmen.
   Als die Vorführung stoppte, bot ihnen die Demonstrationssoftware drei Chancen an, einen Körper in einen Orbit um die zweite Gravitationsmulde zu bringen. Orlando nahm die Herausforderung an. Die ersten beiden Kugeln, die er auf den Weg brachte, rasten auf einer spiralförmigen Bahn der Kollision entgegen, und die dritte schoß über den Rand des Tisches hinaus. Er murmelte etwas, daß er am liebsten blind, taub und gefühllos wäre.
   Die Oberfläche wurde verändert, um die Auswirkungen der Zentrifugalkraft zu zeigen. Die Gravitation in der umgekehrten vierten Potenz war in der Nähe des Zentrums stärker als die Abstoßung in der umgekehrten dritten Potenz. Das hatte zur Folge, daß die Mulde, selbst als der Bezugsrahmen in Rotation versetzt wurde, eine Mulde blieb. Doch in etwas weiterer Entfernung gewann die Zentrifugalkraft die Oberhand und verwandelte die nach unten führende Neigung in einen Anstieg. Und dort, wo sich dieser Anstieg umkehrte und die Oberfläche eindellte, befand sich anstelle des Grabens im ersten Beispiel ein kreisförmiger Wall. Im Vergleich zum dreidimensionalen Universum war die gesamte Struktur der Energiepotentiale auf den Kopf gestellt.
   Nun drehten sie sich wieder mit dem Bezugsrahmen um das Exponat. Dann legte die körperlose Hand, die diese Bewegung mitmachte, eine Kugel auf den äußeren Rand des Walls: Wie erwartet, entfernte sie sich sofort vom Zentrum. Eine zweite Kugel, die auf den inneren Rand plaziert wurde, stürzte direkt in die Mulde.
   »Kein stabiler Orbit möglich.« Orlando fing die davonrollende Kugel auf und versuchte sie genau auf dem Grat zu positionieren, was ihm jedoch nicht gelang. Paolo sah, wie es in seinen Augen ängstlich aufblitzte, doch er sagte trocken: »Zumindest ist Lacerta damit ausgeschlossen. Alles, was kollidieren könnte, hat es schon vor langer Zeit getan.«
   Sie gingen zum nächsten Exponat weiter, einem Modell der kosmologischen Evolution der Makrosphäre. Als sich die Materie unter der gegenseitigen Massenanziehung durch die primären Quantenfluktuationen der frühen Makrosphäre zusammenballte, machte sich entweder irgendwann die Rotation bemerkbar und riß die kondensierenden Gaswolken auseinander, oder der Prozeß überschritt die »kritische Grenze« und führte zu einem unkontrollierten Kollaps. Sternensysteme, Galaxien, Cluster und Supercluster, die durch Rotationsbewegungen stabilisiert wurden, waren hier unmöglich. Doch die fraktale Verteilung der ursprünglichen Inhomogenitäten hatte zur Folge, daß die kollabierten Endprodukte ein weites Spektrum unterschiedlichster Massen aufwiesen. Neunzig Prozent der Materie endete in gigantischen Schwarzen Löchern, doch nach den Vorhersagen mußten sich zahllose kleinere Körper bilden, die isoliert genug waren, um für längere Perioden überdauern zu können, einschließlich mehrerer hundert Billionen, deren Stabilität und Energieausstoß mit Sternen vergleichbar waren.
   Orlando drehte sich zu Paolo um. »Sterne ohne Planeten. Und wo halten sich die Transformer auf?«
   »Vielleicht im Orbit um einen Stern. Sie könnten einen Orbit mit Lichtsegeln stabilisieren.«
   »Woraus sollen die bestehen? Es dürfte keine Asteroiden geben, die sich als Rohstoffe verwerten ließen. Vielleicht haben sie zusammen mit der Singularität ausreichend Rohstoffe geschaffen, als sie den Übergang vollzogen, doch wenn sie neue Materie benötigen, müßten sie den Stern selbst anzapfen.«
   »Das ist nicht unmöglich. Sie könnten vielleicht sogar auf der Oberfläche leben. Dort dürfte sich auch einheimisches Leben finden, wenn sich welches entwickelt hat.«
   Orlando betrachtete wieder das Modell, daß eine Art Hertzsprung-Russell-Diagramm enthielt, in dem die Evolution der Temperatur und Leuchtkraft der Sterne dargestellt war. »Ich kann mir nicht vorstellen, daß viele Sterne kühl genug wären. Mit Ausnahme von Braunen Zwergen, die jedoch in kürzester Zeit völlig gefrieren müßten.«
   »Man kann die Temperaturen nicht wirklich vergleichen. Wir sind daran gewöhnt, daß nukleare Reaktionen um mehrere Größenordnungen heißer als chemische sind und sich extrem störend auf biologische Prozesse auswirken. In der Makrosphäre sind beide jedoch mit ähnlichen Energiemengen verbunden.«
   »Warum?« Orlandos Gestalt verriet immer noch ein gewisses Unbehagen, aber es war offensichtlich, daß nun seine Neugier geweckt war.
   Paolo deutete auf das nächste Exponat, über dem ein Schild mit der Aufschrift TEILCHENPHYSIK rotierte.
   Die vierdimensionale Standard-Faser der Makrosphäre erzeugte eine wesentlich kleinere Menge von Elementarteilchen als die sechsdimensionale des normalen Universums. Statt jeweils sechs Flavors von Quarks und Leptonen existierten nur eine Variante von jedem, plus die Antiteilchen. Es gab Gluonen, Gravitonen und Photonen, aber keine W- oder Z-Bosonen, die den Prozeß der Flavor-Veränderung von Quarks vermittelten. Drei Quarks oder Antiquarks bildeten zusammen ein geladenes »Nukleon« oder »Antinukleon«, ähnlich einem gewohnten Proton oder Antiproton, und das einzige Lepton und sein Antiteilchen entsprach in etwa einem Elektron und Positron, doch es gab keine Kombination von Quarks, die etwas ergeben hätte, was mit einem Neutron vergleichbar war.
   Orlando musterte die Teilchentabelle. »Das Lepton ist ebenfalls viel leichter als das Nukleon, das Photon hat eine Ruhemasse von null, und die Gluonen verhalten sich genau wie Gluonen ... Wodurch wird also die chemische Energie der nuklearen angeglichen?«
   »Du hast gesehen, was in der Gravitationsmulde geschieht.«
   »Was hat das damit zu tun? Aha! Dasselbe findet im Atom statt? Auch die elektrostatische Anziehung wirkt sich in der umgekehrten vierten statt der zweiten Potenz aus, so daß es keine stabilen Orbits gibt, richtig?«
   »Richtig.«
   »Einen Moment.« Orlando schloß die Augen, während er offenbar uralte Erinnerungen an seine Ausbildung als Körperlicher wachrief. »War es nicht die Unschärferelation, die Elektronen daran hindert, in den Atomkern zu stürzen? Selbst wenn kein Bewegungsimpuls vorhanden ist, kann die Anziehungskraft des Kerns die Elektronenwelle nicht zu eng zusammenquetschen, weil eine Eingrenzung ihrer Position nur den Impuls verstärken würde.«
   »Ja. Aber wie sehr wird er verstärkt? Die räumliche Eingrenzung einer Welle wirkt sich umgekehrt proportional auf die Impulsverteilung aus. Kinetische Energie ist proportional zum Quadrat des Impulses, woraus sich das umgekehrte Quadrat ergibt. Also wirkt die effektive 'Kraft', die von der Entfernung abhängige Veränderungsrate der kinetischen Energie, in der umgekehrten dritten Potenz.«
   Orlandos Gesicht hellte sich für einen Moment mit der puren Freude des Verstehens auf. »In drei Dimensionen kann ein Proton also niemals mit einem Elektron zusammenstoßen, weil die Unschärferelation praktisch als Zentrifugalkraft wirkt. In fünf Dimensionen genügt das jedoch nicht.« Er nickte langsam, als hätte er allmählich die Unvermeidlichkeit dieser Tatsache verstanden. »Das heißt, die Leptonenwelle schrumpft auf die Größe des Nukleons. Und was dann?«
   »Sobald sich das Lepton im Innern des Nukleons befindet, wird es nur noch durch den Teil der Ladung nach innen gezogen, der dem Zentrum näher ist als es selbst, was ungefähr der fünften Potenz der Entfernung vom Zentrum proportional ist. Das bedeutet, daß die elektrostatische Kraft nicht mehr in der umgekehrten vierten Potenz wirkt, sondern linear wird. Also ist die Energiemulde nicht bodenlos. Außerhalb des Nukleons ist sie zu steil, als daß sich das Lepton 'dagegenstemmen' könnte, so wie es ein Elektron in drei Dimensionen tut, doch im Innern des Nukleons krümmen sich die Seiten zusammen und treffen sich in einem Paraboloid.«
   Sie gingen zur ersten chemischen Demonstration der Ausstellung weiter, die die paraboloide Senke im Boden der Mulde zeigte, über die eine durchscheinende elektrisch-blaue Glockenform gestülpt war: die Leptonenwelle im Grundzustand der geringsten Energie. Orlando berührte das Gebilde, worauf es in einen angeregten Zustand sprang. Es teilte sich und entfernte sich vom Zentrum, um zwei isolierte Wölbungen zu bilden, von denen die eine rot eingefärbt war, um die entgegengesetzte Phase anzuzeigen. Nach ein paar Tau blitzte die Welle grün auf, emittierte spontan ein Photon und fiel in den niedrigsten Energiezustand zurück.
   »Das ist also das Äquivalent eines Wasserstoffatoms in dieser Makrosphäre?«
   Paolo stieß ebenfalls die Welle an, um sie auf das nächsthöhere Niveau zu bringen. »Eher eine Kreuzung aus einem Wasserstoffatom und einem Neutron. In der Makrosphäre gibt es keine Neutronen, aber ein positives Nukleon mit einem eingebetteten negativen Lepton, so daß sich die Ladung neutralisiert und das Ganze entfernt einem Neutron ähnelt. Blanca hat es als 'Hydron' bezeichnet. Wenn man versucht, zwei zu einem 'Hydron-Molekül' zu verbinden, erhält man etwas, das eher an Deuterium erinnert.« Das Exponat reagierte auf seine Worte und stellte gehorsam eine animierte Demonstration zur Verfügung.
   Orlando seufzte schwer. »Ich verstehe nicht, daß du diese Fakten so ruhig akzeptieren kannst. Glaubst du wirklich, daß jemand in C-Z es fertigbringt, eine komplette funktionierende Polis nach diesen Regeln zu konstruieren?«
   »Vielleicht nicht, aber wenn es schiefgeht, werden wir es nicht einmal bemerken. Ich kann mir nicht vorstellen, daß wir in der Makrosphäre stranden und zusehen können, wie sich die Hardware langsam auflöst. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: eine funktionierende Polis oder eine Wolke aus zufällig verteilten Molekülen.«
   »Du hoffst es. Wie wollen wir überhaupt Moleküle herstellen, wenn jede chemische Bindung eine nukleare Fusion auslöst?«
   »Nicht jede Bindung. Wenn man eine größere Menge von Hydronen zusammenwirft, füllen die Leptonen alle Energiezustände aus, in denen sie fest in die Kerne eingebunden sind, so daß die äußeren schließlich weit genug herausragen, um zwei Atome mit einem respektvollen Abstand zwischen den Kernen verbinden zu können. Dazu müssen die ersten beiden Niveaus vollständig aufgefüllt werden, wozu zwölf Leptonen nötig sind - also muß jedes stabile Molekül aus einigen sinnvoll angeordneten Atomen der Ordnungszahl 13 oder höher bestehen. Das Atom 27 kann fünfzehn kovalente Bindungen eingehen, was es zur nächstmöglichen Entsprechung des Kohlenstoffs macht.« Das Exponat zeigte ihnen den dreidimensionalen Schatten eines fünfdimensionalen Moleküls aus sechzehn Atomen - ein Atom 27, das mit fünfzehn Hydronen verbunden war. Paolo sagte: »Stell es dir einfach als potenzierte Version von Methan vor. Wenn man einzelne Hydronen entfernt und durch Seitenketten ersetzt, kommt man zu immer komplexeren Strukturen.«
   Orlando schien sich allmählich geschlagen zu geben. Als er einen Blick in den Bereich des Saals warf, der Spekulationen über die Biochemie und Lebensbauplänen gewidmet war, fiel ihm etwas auf. »U-Stern-Polymere«, zitierte er. »Was bedeutet 'U-Stern'?«
   Paolo folgte seinem Blick. »Das ist nur eine andere Bezeichnung für die Makrosphäre. U ist das normale Universum, und der Stern ist das mathematische Symbol für den 'Dualraum', in dem umgekehrte Bedingungen herrschen. Das Universum und die Makrosphäre sind beide zehndimensional ... nur daß das eine sechs kleine und vier große Dimensionen besitzt und das andere sechs große und vier kleine. Es handelt sich also um von innen nach außen gekehrte Versionen.« Er zuckte die Schultern. »Vielleicht ist es ein besserer Name. 'Makrosphäre' deutet auf den Größenunterschied hin, aber das spielt letztlich kaum eine Rolle. Wenn wir einmal dort sind, werden wir uns ungefähr in denselben Größenordnungen wie jede vergleichbare Lebensform bewegen. Der größte Unterschied wird darin bestehen, daß die Physik von innen nach außen gekehrt ist.«
   Orlando lächelte schwach. »Was gibt es?« fragte Paolo.
   »Von innen nach außen. Es ist gut zu wissen, daß so das offizielle Urteil lautet. Denn genauso habe ich mich die ganze Zeit gefühlt.« Er drehte sich zu Paolo um und machte plötzlich einen sehr verletzlichen Eindruck. »Ich weiß, daß ich nicht aus Fleisch und Blut bestehe. Ich weiß, daß ich Software bin, genauso wie jeder andere auch. Aber ich glaube irgendwo immer noch daran, daß ich in die reale Welt zurückkehren kann, wenn der Polis etwas zustößt. Weil ich nie mein Vertrauen in die reale Welt verloren habe. Weil ich immer noch nach ihren Regeln lebe.« Er blickte auf seine geöffnete Handfläche. »In der Makrosphäre wird es all das nicht mehr geben. Das Außen wird eine Welt jenseits unseres Begriffsvermögens sein. Und im Innern werde ich nur ein weiterer Solipsist sein, der sich mit Illusionen umhüllt.« Er blickte auf und sagte offen: »Ich habe Angst.« Er beobachtete trotzig Paolos Gesicht, als wollte er ihn zur Behauptung provozieren, der Eintritt in die Makrosphäre wäre im Grunde nichts anderes als der Wechsel in eine exotische Landschaft. »Aber ich kann nicht zurückbleiben. Ich muß ein Teil dieser Zukunft sein.«
   Paolo nickte. »Gut.« Nach einer Weile fügte er hinzu: »Aber in einem Punkt irrst du dich.«
   »In welchem?«
   »Eine Welt jenseits unseres Begriffsvermögens?« Er verzog das Gesicht zu einem Grinsen. »Wo hast du diesen Unsinn aufgeschnappt? Nichts liegt außerhalb unseres Begriffsvermögens. Noch hundert Exponate, und ich verspreche dir, daß du in fünf Dimensionen träumen wirst!«

©  1997 by Greg Egan
© 1999 der deutschen Übersetzung:
Bernhard Kempen / Wilhelm Heyne Verlag

Greg Egan
Diaspora (London: Millenium/Orion, 1997)
Diaspora, deutsch von Bernhard Kempen (München: Heyne, 2000) [06/6338] Bestellen
Siehe auch
Rezension: Greg Egan: Diaspora (Diaspora • 1997)
Interview mit Greg Egan
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