ALIEN CONTACT

Mehr als Laßwitz...

Ein Gespräch mit dem Sammler Heinz-Jürgen Ehrig

Science Fiction > Alien Contact
Interview
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1897 erschien Kurd Laßwitz´ Roman Auf zwei Planeten. Laßwitz wird ja gern als Vater der deutschen Science Fiction bezeichnet, und sein Roman Auf zwei Planeten, der zahlreiche Nachauflagen erlebte, auch wenn nach 1945 erschienene Ausgaben oft stark bearbeitet waren, dürfte nicht nur sein bekanntestes Buch sein, sondern für viele Leser auch der älteste deutsche SF-Roman, den sie kennen. Dieses Datum war Anlaß für uns mit Heinz-Jürgen Ehrig, einem ausgewiesenen Kenner deutscher SF-Geschichte ein Interview zu führen. Heinz-Jürgen Ehrig, der mit der Schriftstellerin Marianne Sydow verheiratet ist, besitzt die größte bekannte Sammlung von in deutscher Sprache erschienener Phantastik. Deshalb interessierten wir uns in dem Gespräch auch für den Aspekt des Sammelns von Science Fiction und Phantastik.
Alien Contact: Vor ziemlich genau 100 Jahren ist von Laßwitz Auf zwei Planeten erschienen, für viele SF-Leser eines der ältesten Science Fiction-Bücher in Deutschland überhaupt. Gab es denn davor noch mehr?

Heinz-Jürgen Ehrig: Natürlich gab es vor Laßwitz einiges, wobei man berücksichtigen muß, was man unter Science Fiction versteht. Die Faszination geht sicher bei vielen Lesern älterer Bücher von der Weltraumfahrt aus. Romane, die auf der Erde spielen, aber meinetwegen in der Zukunft, sind ja auch Science Fiction. Eines der ersten Raumfahrt-Bücher in Deutschland ist Grimmelshausens Der fliegende Wandersmann nach dem Mond, wobei dieses 1659 erschienene Werk eine Bearbeitung von Godwins The Man in the Moon ist. Grimmelshausen hat es übersetzt, ohne seine Quelle anzugeben. Aber er hat noch 1660 den eigenen Roman ... Kurtzweilige Beschreibung der zuvor unerhörten Reise des Herrn Bilgram von Hohenwandern in die Neue Ober Welt dess Mondes geschrieben. Nur leider ist es so, daß diese und viele spätere Weltraumfahrten-Bücher durchweg so kleine Auflagen hatten, so unbekannt geblieben sind, daß man heute nur noch den Titel kennt oder auch nur noch eine Handvoll Exemplare existieren, so daß sie auch früher kaum bekannt waren. Breitenwirkung hatte eben der Laßwitz Auf zwei Planeten.

AC: Nun bist du Sammler. Hast du die vorlaßwitzschen Bücher alle?

HJE: Ja, die wichtigsten Texte, wenn auch meist als Neudruck oder Kopie. Im Original sind diese alten Sachen natürlich sehr schwer zu bekommen.

AC: Wieviele solcher alten Titel, die vor 1900 erschienen sind, gibt es denn überhaupt? Nicht nur mit Raumfahrt-Themen, sondern allgemein Phantastik?

HJE: Das ist eine sehr schwierige Frage. Der erste und älteste Sammler utopisch-phantastischer Literatur lebte im deutschen Sprachraum. Sammler dieser Art hat es laut Auskunft von Forrest J. Ackerman zum Beispiel in den USA nicht gegeben. Es war Ludwig Hevesi, ein österreichischer Schriftsteller, der bis zu seinem Tod im Jahr 1910 phantastische Literatur gesammelt hat. Nun gab es zum damaligem Zeitpunkt nicht das, was man heute unter Fandom versteht. Das heißt, er war nur auf sich allein gestellt und hat all die Literatur gesammelt, die für ihn utopisch-phantastisch war. So auch einige merkwürdige Sachen wie z.B. Schildbürgerstreiche, Prophezeiungen, Lügengeschichten und so weiter. Von seiner Sammlung existiert ein Versteigerungskatalog, der vor einigen Jahren nachgedruckt wurde und der 1850 Bände beinhaltet. Nun waren auch einige fremdsprachige Bücher dabei, in deutscher Sprache werden es also demzufolge etwa 1400 Titel gewesen sein. Wobei er interessanterweise ein typisch deutscher Sammler war. Er hat nämlich nur Bücher, Flugschriften und kleine Broschüren gesammelt, aber zum Beispiel keine Schundliteratur. Also den Luftpiraten, der zu seinen Lebzeiten noch erschienen ist, hat er nicht gesammelt. Spätere Sammler waren die Jakob Bleymehl und Prof. Stammer. Bleymehl hat 1920 angefangen zu sammeln und Prof. Stammer 1922. Beide waren ähnliche Sammler wie der Hevesi, und sie kannten einander nicht; das heißt, auch sie haben nur für sich selbst gesammelt.
Beide hatten riesige Sammlungen von Büchern, darunter die seltensten Sachen, aber Bleymehl sammelte zum Beispiel keine Hefte. Obwohl er sicher ab 1920 Serien wie Hans Stark, der Fliegerteufel, Phil Morgan, der Herr der Welt, Jim Buffalo, der Mann mit der Teufelsmaschine, Jack Nelson vom Tric-Trac-Tric oder Bill Cnox, der Gummimensch bequem hätte sammeln können.

AC: Das heißt, daß du auch Hefte sammelst?

HJE: Ja, nicht nur Nachkriegsausgaben. Ich habe in meiner Sammlung aus der Vorkriegszeit jetzt ungefähr 1600 Hefte und mir fehlen ungefähr 400. Also umfassen allein die Hefte phantastischer Literatur der Vorkriegszeit ungefähr 2000 Bände.

AC: Sind da auch Lieferungsromane einzeln mitgezählt?

HJE: Nein. Nur eigenständige Heftromane.


Heinz-Jürgen Ehrig vor seiner 20.000 Stücke umfassenden Heftroman-Sammlung
AC: Wir haben irgendwo mal gehört, daß du die größte bekannte Sammlung in Deutschland besitzt. Stimmt das?

HJE: Ich unterstelle das einfach mal. Wobei ich ausschließlich deutschsprachige Titel sammle. Franz Rottensteiner zum Beispiel hat auch eine sehr große Sammlung, wobei er auch viele englischsprachige Sachen hat. Diese braucht er wahrscheinlich auch auf Grund seiner Übersetzer- und Herausgebertätigkeit, und es ist dann gut, bestimmte Sachen auch im Original zu haben. Hermann Urbanek sammelt auch vieles im Original von Autoren, die ihm gefallen und die im Deutschen bisher nicht erschienen sind. Wolfgang Thadewald hat eine sehr große Sammlung, aber sein Spezialgebiet ist Jules Verne. Ich sammle aber nicht nur Bücher, Taschenbücher und Romanhefte, sondern auch Comics, Filmprogramme, Werberatschläge, Sammelbilderalben, Fanzines und so weiter. Das sammeln die meisten eben nicht. Selbst Forrest J. Ackerman sammelt keine Comics. Man hat mich mal mit einem Zehnkämpfer verglichen. Zwar gibt es Spezialisten, die Teilgebiete kompletter gesammelt haben, etwa DDR-Publikationen oder Fanzines. Aber insgesamt ist meine Sammlung wohl am umfassendsten.

AC: Wieviele Stücke umfaßt die Sammlung?

HJE: Also nach meiner Zählung ungefähr 110.000 Einzelstücke. Dabei sind aber auch Pfennigartikel, die nach Jahren allerdings oft recht teuer werden, zum Beispiel Sammelbilder oder Piccolo-Hefte. Insofern ist das mit dem Zählen immer so eine Sache. Forrest J. Ackerman hat mir erzählt, als er seine Sammlung seinerzeit der Universität von Los Angeles angeboten hatte, kam eine Horde Studenten, und die haben alles gezählt und katalogisiert. Sie kamen auf eine Zahl von rund 500.000 Stücken, wozu aber auch Filmplakate und Aushangfotos gehören. Ackerman selbst hatte geschätzt, daß er 300.000 Stücke in seiner Sammlung hat.

AC: Wie und wann hat deine Sammelleidenschaft angefangen?

HJE: Die ersten utopischen Hefte habe ich schon mit acht Jahren, also 1950, gelesen. Die gehörten zu der Kriminalheftromanserie Frank Kenney, die eine ganze Reihe utopischer Texte enthielt. Das eine war Heft 13 und hieß Himmelsinsel in Gefahr, also eine Geschichte um einen Satelliten, das andere war Heft 32, Gefahr vom vierten Mond. Es schilderte eine Invasion von irgendeinem Uranus- oder Neptunmond. Später kam die Serie Sten Nord - Abenteurer des Weltraums, von der drei Hefte erschienen sind. Aber das war noch nicht so die Initialzündung. 1954 habe ich irgendwann in den großen Ferien durch Zufall einen Utopia-Kleinband in die Hände bekommen, Heft 9, wenn ich mich recht erinnere, mit einem Abenteuer von Jim Parker. Ich war fasziniert, weil diese Heftserie nicht nur die Story enthielt, sondern auf der Innenseite wissenschaftliche Artikel über Raketen, Triebwerke usw. waren. Dadurch bekam man das Gefühl, daß die Geschichten nicht nur einfach Phantasterei waren, sondern einen Anstrich des Möglichen bekamen. Und das hat mich fasziniert, da bin ich also sofort losgerannt und habe mir von meiner Mutter die fehlenden Groschen besorgt, wilde Tauschgeschäfte gemacht und habe dann die bis dahin erschienenen Hefte im Schnellverfahren gebraucht in einem Schmökerladen besorgt. Ab dieser Zeit habe ich angefangen, die Serie gleich verlagsneu im Laden zu kaufen. Nun war es so, daß ich immer mit meiner Mutter am heutigen Türkenmarkt einkaufen gewesen bin, in der Nähe vom Kottbusser Tor, und da war einer der ältesten Schmökerläden Berlins, der heute noch existiert, Horst Schattner. Ich bekam oft ein paar Groschen von meiner Mutter und konnte mir wieder einen Schmöker holen. Jahrelang jeden Donnerstag, wenn die Pabel-Hefte herauskamen, trafen sich in diesem Laden sechs, sieben Leute, die diese Hefte regelmäßig kauften, quatschten über SF und alles mögliche. Da war ich immer dabei. - In den »Meteoriten« im UTOPIA-GROßBAND 22 hat der Herausgeber Walter Ernsting dazu aufgerufen, einen Verein zu gründen. In der gleichen Ausgabe war dann auch die erste Liste utopischer Bücher, zusammengestellt von Julian Parr. Aus heutiger Sicht natürlich erstaunlich wenig. Darunter viele Autoren, die damals recht bekannt waren, aber auch ein paar ganz unbekannte Bücher, sogar teilweise Sachen, die möglicherweise überhaupt nie erschienen sind. Ich habe Ernsting geschrieben, ob ich überhaupt Mitglied werden darf, denn ich war damals erst 13 Jahre alt. Natürlich durfte ich. Den Brief von ihm habe ich noch, in dem stand, daß ich am 11. Februar, also einen Tag vor meinem vierzehnten Geburtstag, als Mitglied Nr. 250 rückwirkend zum 1.1.1956 in den SFCD eingetreten bin. Nach dem ersten Fanzine des Clubs, ANDROMEDA 1, kam dann ein Sonderdruck mit einer Bibliographie mit ungefähr 600 phantastischen Titeln. Und die war so ein bißchen die Initialzündung, nicht bloß nach Heften zu suchen, sondern eben auch Bücher zu sammeln. Da gab es den Weiß Verlag, der neben dem Rauch Verlag der erste war, der SF regelmäßig brachte. Interessanterweise auch deutsche Autoren wie Hans Dominik oder Freder van Holk, Übersetzungen aus dem Amerikanischen und Englischen, aber auch einige französische Bücher und sogar den Atomvulkan Golkonda (Strana Bagrovych Tuc • 1959) von den Strugazkis, also eigentlich die ersten Russen, die nach dem Krieg auf dem SF-Sektor hier im Westen rauskamen.

AC: Als du angefangen hast, gebundene Bücher zu sammeln, hast du da alle Berliner Antiquariate abgeklappert?

HJE: Ich habe natürlich erst einmal alle Neuerscheinungen gekauft. Das ging damals noch, denn soviel kam nicht heraus. Ich habe von dem Zeitpunkt an, als ich angefangen hatte zu sammeln, nie wieder ein Eis gegessen und nie wieder geflippert oder so, sondern habe jeden Pfennig meines Geldes in die Sammlung gesteckt. Ja, so hart muß man das sagen. Und dann bin ich in die öffentlichen Bibliotheken gegangen und habe im Schnellverfahren erst einmal alle utopischen Sachen gelesen. Unter anderem auch den Laßwitz, Auf zwei Planeten. Das waren nicht viele Bücher und in zwei oder drei Wochen hatte ich das alles durch. Damals wurde keine Schundliteratur verliehen. Sowas wie später Goldmann-Taschenbücher hätten die gar nicht geführt. Neben den öffentlichen Bibliotheken gab es gewerbsmäßigen Leihbüchereien, in denen die sogenannten Supronyl-Schwarten verliehen wurden. Das waren speziell für solche Leihbüchereien hergestellte Bücher in einem bestimmten Format, die außen in einer durchsichtigen Supronyl-Kunststoffhülle eingeschlagen waren. Ich habe Bücher, die offensichtlich durch hunderte von Händen gegangen sind. Als Leihbücher kamen Romane von Bert Andrew, W.W. Bröll oder J.E. Wells raus, also schlimme, schlimme Autoren. Vielschreiber, die alles geschrieben haben, Arztromane, Frauenromane, Western usw., und die hatten von Naturwissenschaft absolut keine Ahnung. W.W. Bröll zum Beispiel schilderte eine einstufige Flüssigkeitsrakete, die gegen die kosmische Strahlung zwei Meter dicke Stahlwände hatte. Und die startet dann und fliegt zum Mond. Bei zwei Meter dicken Stahlwänden würde die wohl eher im Erdboden versinken. Neben den Leihbüchern haben mich natürlich auch noch ältere Bücher interessiert. Als ich mitgekriegt hatte, daß es Antiquariate gab, bin ich also losgezogen und habe geguckt, was ich auftreiben kann. Ich kann mich an einen Antiquar in Neukölln erinnern - Langnickel war sein Name -, der hatte zum Beispiel Robert Kraft komplett dastehen. Die habe ich ihm alle für fünfzig Pfennige das Stück abgeschwatzt, und schon hatte ich in Null komma Nix die Lieferungsromane von Robert Kraft komplett. Einmal gab es eine Zeitungsanzeige, »Leihbücherei aufgegeben«. Der verkaufte 50.000 Bücher für 20 Pfennig das Stück. Da habe ich dann acht Stunden gesucht, konsequent vom ersten bis zum letzten Buch. Und ich hatte dann drei Taschen voll. Und dann hatte ich natürlich Schiß, das alles nach Hause zu bringen, denn meine Eltern waren nach und nach mit meiner Sammelwut gar nicht mehr einverstanden, weil wir nur in einer kleinen Zweizimmerwohnung wohnten.

AC: Wo ziehst du beim Sammeln die Grenze, was nimmst du in deine Sammlung auf?

HJE: Das ist die schwerste Frage, die überhaupt jemand stellen kann. Also erstmal nehme ich nicht nur Science Fiction sondern auch Utopien und Phantastik. Oft läßt sich die Grenze nicht genau bestimmen. Ein Beispiel: Dracula und Frankenstein. Dracula als Vampir würde ich eindeutig zur Phantastik zählen, da ich also nicht davon ausgehe, das es sowas wirklich gibt. Frankenstein wäre eigentlich zur Science Fiction zu zählen, das ist ja eigentlich in gewisser Weise eine naturwissenschaftliche Erzählung: die Herstellung eines künstlichen Menschen aus Leichenteilen und die Wiederbelebung dieser Teile. Trotzdem gehört es doch, wenn man es genauer betrachtet, eher zum Gruselbereich als zur Science Fiction. Dann gibt es Geschichten um Mad Scientists, die man ja an und für sich zur Science Fiction zählen müßte, andererseits gehören sie jedoch viel mehr zum Horror. Und es gibt viele Grenzfälle, ähnlich wie zwischen Fantasy und Science Fiction. Da gibt es den Begriff »Science Fantasy«, die dann nicht in Hyperborea oder so spielt, sondern zehn Millionen Jahren in der Zukunft, und dort ist die Magie eigentlich nur die vergessene naturwissenschaftliche Entwicklung. Insofern nehme ich Utopie und Phantastik und Science Fiction als ein Gebiet. Auch Horror, aber es muß irgendwo etwas phantastisches sein.

AC: Also Dämonenkiller zum Beispiel?

HJE: Dämonenkiller nehme ich rein. Aber das Problem ist, es muß was phantastisches sein, nicht ein bloßer Thriller. Ein schönes Beispiel ist z.B. Die Affenpfote von Harvey. Da ist es so, daß ein Junge drei Wünsche äußert, mit so einer Affenpfote: Er will viel Geld haben, seine Eltern sterben und er erbt, damit hat er die Kohle usw. Also alles, was er sich wünscht, trifft zwar ein, aber immer zu seinem Nachteil. Eigentlich könnte man immer auch sagen, das alles Zufall war. Es deutet nichts darauf hin, das etwas Übernatürliches damit zu tun hat. Anders ist es beim Das Chagrinleder (La peau de chagrin • 1831) von Honoré de Balzac, wo das Leder sich bei jedem Wunsch, der ausgesprochen wird, verkleinert. Da tritt eigentlich ein übernatürliches Ereignis ein, es passiert etwas, woraus man schließen kann, daß die Legende, die um dieses Leder existiert, wahr ist.

AC: In Zweifelsfällen nimmst du ein Buch aber in die Sammlung?

HJE: Sozusagen. Ich versuche, es schon relativ genau zu machen, allerdings ist es so, daß ich gar nicht mehr alles lesen kann, was ich zu stehen habe. Wenn ich mir nicht ganz sicher bin, stelle ich es erstmal hin und würde es dann gegebenenfalls auch wieder rausschmeißen. Das passiert auch oft bei Filmen.

AC: Filme sammelst du also auch? Sind die mitgezählt bei der Sammlung?

HJE: Jaja, sicher. Da sind also ungefähr 6.000 Filme, Folgen von Fernsehserien mitgezählt.

AC: Wieviel Prozent deiner Sammlung hast du schätzungsweise wirklich gelesen?

HJE: Das ist eine böse Frage. Also ich habe nun seit dreiundvierzig Jahren ununterbrochen früh, mittags, abends, in der Frühstückspause und beim Mittagessen und auf der Fahrt zur Arbeit und von der Arbeit usw. immer gelesen, gelesen, gelesen, aber ... Das weiß ich nicht. Trotzdem werden es wahrscheinlich nicht mehr als zwanzig Prozent sein.

AC: Aber eine Sammlung zu besitzen ist ja eher etwas Passives. Was machst Du mit Deiner Sammlung?

HJE: Ich mache schon was damit. Vielleicht nicht soviel, wie ich ursprünglich mal wollte. aber ich habe zum Beispiel am Heyne-SF-Lexikon mitgearbeitet, einige Ausstellungen mitbestückt, auch einigen Leuten geholfen, die Arbeiten über SF geschrieben haben. Und dann habe ich im SF-Klub einiges gemacht, habe Vorträge gehalten.

AC: Schreibst du auch?

HJE: Was?

AC: Primärliteratur oder Sekundärliteratur.

HJE: Also wenn, dann würde ich eher sagen, sekundärliterarische Sachen. Ich habe bei vielen Fanzines mitgemacht: ANABIS, COUERL, GUUL, IXTL, SLAN, SLAN-NACHRICHTEN, ANDROMEDA, die ANDROMEDA NACHRICHTEN habe ich entwickelt, KALEIDOSKOP, die INCOS-Sachen ...

AC: Du blickst ja jetzt schon auf einige Jahrzehnte des Sammelns zurück. Überlegst du auch manchmal, was eigentlich das Ziel der Sammlung ist? Vollständigkeit kann man als Sammler wohl nie erreichen.

HJE: Als ich im letzten Jahr im Krankenhaus gelegen habe, habe ich überlegt, wo ich eigentlich hin will. Alles, was neu rauskam, habe ich immer zu kaufen versucht. Ich hatte immer die vage Vorstellung, mit dem Jahr 2000 aufzuhören. Nach dem Motto: dieses Jahrtausend sammle ich, das nächste soll dann ein anderer sammeln. Ich habe aber festgestellt, das ich das aus finanziellen Gründen nicht durchhalte und auch nicht mehr die Lust habe. Gerade heute durch die vielen Fernsehserien. Früher war es ja so, bei Star Trek hat sich ja im Lauf der Jahre ein Fandom entwickelt, das sehr begeistert ist. Heute kommt eine Serie heraus, und nachdem eine Folge gelaufen ist, heißt es schon Kultserie, es gibt plötzlich schon ein Fandom und zig Publikationen. Nach drei Folgen gibt es die ersten Bücher zu der Serie, Romane und dies und das. Da wird der Fan richtiggehend abgekocht. Das macht mir in der letzten Zeit keinen Spaß mehr. Also habe ich mir im Krankenhaus überlegt, daß ich seit ungefähr 1990 einige Bereiche vernachlässigen mußte. 1990 war aber auch das Jahr, in dem die DDR zu Ende ging, wo aber auch die deutschsprachigen Veröffentlichungen in den anderen sozialistischen Ländern aufhörten. Und so habe ich mir gesagt, daß das Jahr 1990 ein schöner Abschluß ist. Ältere Bücher vor 1871 habe ich zwar einige, aber diese komplett zu bekommen ist praktisch unmöglich. Und dann kam ich irgendwann da hin, daß das ein wunderbarer Zeitraum ist: 1871, das Jahr der Reichsgründung, bis 1990, Ende der DDR und auch Ende der Alt-BRD. Das sind 120 Jahre. Das ist ein schöner Zeitraum. Und ich kann sagen, ich bin zu circa 90 % vollständig. 1991 beim BärCon hatten wir eine Diskussion, ob die Sammlung mit ins Grab kommt. Das Ergebnis der Diskussion war, daß es ideal wäre, wenn die Phantastische Bibliothek Wetzlar einen Bestandskatalog hätte. Dann könnte ich aus meiner Sammlung vielleicht 5 % rausnehmen, um deren Lücken zu stopfen, und die verbleibenden 95 % verkauft man. Dann hätte der Erbe noch was, und Wetzlar wäre ein ganzes Stück weiter bei der Vollständigkeit.

AC: Welches ist das älteste, welches das schönste und welches das seltenste Buch deiner Sammlung?

HJE: Das älteste ist von 1732. Das schönste und größte Buch ist eine Faust-Ausgabe von 1854, eine Jubiläums-Ausgabe, in rotes Ganzleder gebunden, mit dreiseitigen Kopfgoldschnitten. Am seltensten ist vielleicht der Percy Greg mit Jenseits des Zodiakus von 1882, eine Marsreise. Davon kenne ich nur zwei Exemplare. Auch sehr selten ist der Ferdinand Amersin, Das Land der Freiheit (1874). Davon hatte ich zwei Exemplare, aber eins habe ich verkauft. Ich habe das Exemplar mit der persönlichen Widmung des Ferdinand Amersin behalten. Bei den Romanheften ist wahrscheinlich das wichtigste der Luftpirat. Das sind 165 Hefte, erschienen von 1908 bis 1911. Mir fehlen nur vier Hefte. Selbst die größten Sammler haben keiner mehr als ein Dutzend in ihrer Sammlung.

AC: Verrätst du uns deine SF-Lieblingsbücher? Also nicht die schönsten und auch nicht die berühmtesten!

HJE: Das ist eine verdammt schwierige Frage. Es gibt ja diesen schönen Spruch: »Ein Buch, das man nicht zweimal liest, ist es nicht wert, daß man es überhaupt gelesen hat.« Ich habe eigentlich viele Bücher, die ich nicht missen möchte, aber ich nenne mal aus dem Handgelenk ein paar Titel, die ich immer wieder gern in die Hand nehme:

Top Liste

  • Fredric Brown: Der Unheimliche aus dem All (The Mind Thing • 1960)
  • John W. Campbell jr.: Der unglaubliche Planet (The Incredible Planet • 1949)
  • Arthur C. Clarke: In den Tiefen des Meeres (The Deep Range • 1957)
  • Jack Finney: Das andere Ufer der Zeit (Time and Again • 1970)
  • Gotthard Günther: Überwindung von Raum und Zeit (1952)
  • Robert A. Heinlein: Ein Doppelleben im Kosmos (Double Star • 1956)
  • Zenna Henderson: Wo ist meine Welt? (Pilgrimage: The Book of the People • ab 1952)
  • Freder van Holk: Kosmotron (1955)
  • Karl May: Ardistan und Dschinnistan (1909)
  • Anne McCaffrey: Drachengesang/Drachensinger (Dragonsong • 1976 / Dragonsinger • 1977)
  • Harold Mead: Marys Land (Mary´s Country • 1957)
  • George R. Stewart: Leben ohne Ende (Earth Abides • 1949)
  • Theodore Sturgeon: Die lebenden Steine (The Dreaming Jewels / The Synthetic Man • 1950)
  • John Wyndham: Die Triffids (The Day of the Triffids • 1951)

• Das Gespräch führten Hardy Kettlitz und Hans-Peter Neumann
ALIEN CONTACT 26 • 1997

Heinz-Jürgen Ehrig ist am 17. Oktober 2003 verstorben
In memoriam Heinz-Jürgen Ehrig
Siehe auch:
Das namenlose Chaos. Bevor die Science Fiction nach Deutschland kam von Heinz-Jürgen Ehrig
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