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Rainer Erler

Die unbefleckte Empfängnis der Angelina de Castillo y Cortez

Seite 1 »

Sie schritt aufrecht und selbstbewusst durch den breiten Eingang vom Parkplatz her direkt auf mich zu. Ihre langen, tiefschwarzen und leicht gekräuselten Haare hatte sie zu einem dicken Zopf gebunden, der über ihre linke Schulter zwischen ihre Brüste fiel. Eine weiße Bluse mit langen Ärmeln, aufreizend gespannt über ihrem Busen, war sittsam zugeknöpft, in der Taille aber nur lässig geknotet. Das schmale Becken und die langen, schlanken Beine steckten in superknappen, tiefsitzenden Designer-Jeans. Die nackte Haut darüber war samtbraun.

Erinnern Sie sich an die junge Elizabeth Taylor? Die alten Filme? Genau dieses Gesicht. Große, rehbraune Augen. Kräftige Augenbrauen. Nicht so modisch schmal gezupfte Striche. Dunkler Flaum über der Nasenwurzel. Elizabeth Taylor in jung. Sehr jung. Nur eben etwas weniger kaukasisch. Mehr Mexiko. Der schräge Augenschnitt der Indios, fern in ihrer Ahnenreihe, nur eine vage Andeutung.

Die Frau war atemberaubend!

So etwas läuft hier in Los Angeles frei herum.

Langweile ich Sie, Doktor, mit dieser rein äußerlichen Beschreibung?

Aber nein ... Erzählen Sie weiter! Wir haben Zeit.

Sie ging also dicht an mir vorüber. Sehr dicht. Sehr nah. Und sie sah mich nicht an. Sie sah niemanden an. Sie schwebte gewissermaßen herein und an allen vorbei, zog einen leeren Einkaufswagen aus der Reihe und ging durch die Sperre, an diesem sich automatisch öffnenden Balken vorbei, hinein in unseren Supermarkt. Und ich hinterher.

Nein, nicht was Sie jetzt denken, Doktor. Ihr zu folgen, das ist mein Job. Ich hatte so ein Gefühl. Ich habe manchmal so ein Gefühl! Und das hat mich noch nie betrogen.

Sie ging nach rechts. Alle gehen erstmal nach rechts. Und alle gehen im umgekehrten Uhrzeigersinn durch den ganzen Laden und zweigen nur zu den einzelnen Reihen ab, wenn sie etwas Bestimmtes suchen.

Rechts beginnt es mit den Grundnahrungsmitteln, erst Brot, dann in den Kühlregalen Milch, Yoghurt, Fruchtsäfte. Ich denke, das ist in allen Supermärkten der Welt das Gleiche.

Sie hielt sich fest am Griff ihres Trolleys, ging langsam, nachdenklich, Schritt um Schritt, mit lasziv wiegenden Hüften an den endlosen Regalen entlang, und da erst bemerkte ich: Sie war barfuß. Schlanke Fesseln, schmale Füße. Barfuß ist ja nicht allzu ungewöhnlich hier in Southern California, allerdings üblich nur in gewissen Kreisen und in einem gewissen Alter. Sie hatte dieses Alter. Alles stimmte an ihr ... Das dachte ich wenigstens ... damals.

Bin ich zu ausführlich, Doktor? Ich meine, im Hinblick auf mein eigentliches Problem?«

Sprechen Sie alles aus, was Ihnen spontan einfällt! Deshalb sind Sie ja hier.

Ich folgte ihr also. Ging nur wenige Schritte hinter ihr her, schob ebenfalls einen Einkaufswagen, zur Tarnung halb gefüllt. Es war eine Lust, sie von hinten zu beobachten. Sie griff zu Brot, zu Milch, zu Yoghurt. Und bei Pasta passierte schließlich, was ich von Anfang an erwartet hatte: Etliche Packungen Spaghetti landeten nicht in ihrem Trolley, sondern in ihrer großen, ledernen Tasche, die sie an ihrer linken Schulter trug.

Da greift man natürlich noch nicht ein. Man wartet ab.

Sie sah sich nicht um, ging langsam weiter. Manche Dinge legte sie in den Trolley, manche verschwanden in ihrer Tasche.

Besonders bei Dosen griff sie schamlos zu. Die Ledertasche wurde sichtlich ausgebeult und immer schwerer.

Irgendwann blieb sie stehen, warf einen Blick nach allen Seiten, auch hinter sich, sah mich kurz an, aber ohne mich zur Kenntnis zu nehmen oder Verdacht zu schöpfen. Da wusste ich, es wird Zeit.

Ich erwartete sie im Vorraum, außerhalb der Kassen. Sie bezahlte, was alles so in ihrem Trolley war, bar, ohne Kreditkarte. Das war bereits verdächtig. Offensichtlich kein ständiges Einkommen. Dann nahm sie die beiden Plastiktüten mit der bezahlten Ware vom Tresen, schob den leeren Trolley zur Seite, wollte zum Ausgang.

Das war der übliche, der richtige Augenblick: Kurz bevor sie unseren Laden verließ, trat ich ihr in den Weg.

»Ein wunderschöner Tag, Miss. Ich hoffe, es geht Ihnen gut. Trotzdem muss ich Sie bitten, mich in mein Büro zu begleiten.« Ich zeigte ihr meinen Ausweis.

Sie sah mich aus ihren wunderschönen, dunklen Augen ganz ruhig und überaus unschuldig an. Und dann fragte sie mit jenem herrlichen Akzent, den die ganze Welt von den Latinos aus der Westside-Story kennt, und den die erste Generation nie verlieren wird: »Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?«

»Hausdetektiv. Und Sie wissen sehr genau, dass ich wissen will, was Sie da alles in Ihrer großen, schweren Ledertasche haben.«

»Lassen Sie mich in Ruhe!« Sie wollte einfach weitergehen.

»Halt, Miss!« Ich trat ihr in den Weg. »Wir können jetzt einen Skandal daraus machen. Ich drücke hier auf die rote Taste von meinem Security-Telefon und verständige die Polizei. Das dauert natürlich. Bis die endlich kommen und Sie festnehmen. Dann das Verhör. Personalien, Wohnsitz, undsoweiter. Zeitverschwendung für beide von uns. Und ziemlich viel Ärger für Sie. Oder wir gehen das Problem praktisch und diskret an. So, wie das hier im Hause üblich ist. Dort drüben. Kommen Sie mit.«

Sie kam mit. Kein Widerstand. Kein unnützes Gerede. Keine Ausflüchte. Ich öffnete die Tür, sie ging hinein.

»Nehmen Sie Platz, Miss.«

Sie setzte sich auf den so genannten Besucherstuhl, stellte die beiden Plastiktüten auf den Fußboden, und dann die Ledertasche daneben.

Ich blieb vorläufig stehen.

»Darf ich Sie bitten, Miss, alles, was Sie in dieser großen und offensichtlich sehr schweren ledernen Tasche haben, hier auf den Tisch zu legen?«

»Ich war vorher schon woanders einkaufen!«

»Ja. Das Argument kenne ich. Aber unsere Waren sind mit unserem und sehr speziellen Preis-Code ausgezeichnet. Keine Chance, Miss. Tut mir Leid.«

Also fing sie an auszupacken. Langsam. Sehr langsam. Dose um Dose. Packung um Packung. Und dabei weinte sie.

Auch das kenne ich.

»Es ist das allererste Mal ...! Wirklich!«

Das kenne ich auch.

»Es ist ein ... ein Versehen.«

»Natürlich.«

»Ein Notfall!«

»Wie peinlich!«

»Und ich verspreche Ihnen ...«

Das kenne ich auch.

Ich setzte mich an meine Rechenmaschine. Und ich addierte: 6 Dosen zu je fünfhundert Gramm Chili-con-Carne – ein Sonderangebot; 4 Dosen zu je 1 Kilo weiße Bohnen – wiederum Sonderangebot; 5 Packungen Spaghetti zu je 500 Gramm – Sonderangebot; 3 Ein-Liter-Packungen Milch; 7 Tafeln Schokolade, eine billige Sorte.

»Sie haben keinen sehr teuren Geschmack, Miss. Fast alles sind billige Sonderangebote.«

»Ich dachte mir, wenn ich erwischt werde, wird es nicht zu teuer. Außerdem bemühe ich mich billig zu leben.«

»Das ist begrüßenswert. Allerdings ... mit gestohlenem Gut ... Ich weiß nicht, Miss. Ich komme hier auf 27 Dollar 22.«

Sie nickte nur.

»Ist das ein Strafverfahren wert, Miss? 27 Dollar und 22 Cent?«

Sie schüttelte den Kopf. Und wieder Tränen ...

»Ich schätze, Sie haben cirka 13 bis 14 Kilo in dieser Tasche herumgeschleppt. Ganz schön schwer. Und alles nur kräftige Sattmacher. Haben Sie eine so große Familie?«

»Ich bin alleinstehend. Keine Familie!«

Na bitte ... Ist doch Wahnsinn: So wunderbar und läuft frei herum!

Dann kam ich zur Sache.

»Wir regeln das in unserem Laden folgendermaßen, Miss: Sie zahlen den Kaufpreis und nochmals den gleichen Betrag als Strafe und unterschreiben mir hier, dass Sie mit dieser Regelung einverstanden sind. Und Sie verpflichten sich schriftlich und eidesstattlich, dieses Geschäft niemals wieder zu betreten.«

»Ich habe nichts mehr. Ich habe mein letztes Geld an der Kasse ausgegeben. Bis auf die drei Dollar achtzig, die brauche ich für den Bus.«

»Darf ich Sie um Ihre Sozialversicherungskarte bitten?«

»Ich habe keine.«

»Ihr Name, Ihre Adresse. Führerschein tut es auch.«

»Ich besitze auch keinen Führerschein. Ich fahre Bus.«

»Irgendeinen Ausweis müssen Sie doch haben. Oder sind Sie illegal hier?«

Sofort wieder Tränen. Dann suchte sie etwas am Grund ihrer Ledertasche, von der ich angenommen hatte, sie sei nun absolut leer, und wurde tatsächlich fündig. Ein dickes Kuvert kam da zum Vorschein. Etwas abgegriffen und fleckig. Und darin, zwischen allerlei amtlichen Papieren: ein mexikanischer Pass. Vermutlich sogar echt.

Angelina de Castilla y Cortez, las ich da.

Sie nickte.

»Der Name klingt gut. Geboren in Mexiko-City am ... nanu, so jung: Sie sind noch nicht mal 18.«

»Aber demnächst! In drei Wochen.«

Der Pass war ziemlich neu und er war leer: kein Visum der USA, kein Stempel, weder Ausreise Mexiko, noch Einreise Kalifornien.

»Wie sind Sie hereingekommen? Von Tijuana nach San Diego?«

»Von Ciudad Juarez nach El Paso.«

»Texas. Aha. Und durch den Schlamm des Rio Grande gewatet? Oder über den Grenzzaun geklettert?«

»Ein Laster mit Obst. Es war ziemlich teuer. Vor ein paar Monaten.«

»Ein Menschenschmuggler hat also an Ihnen verdient. Und jetzt? Karriere in Hollywood, so wie Sie aussehen?«

»Millionen junger Mexikanerinnen sehen so aus wie ich.« Und das wieder mit Tränen.

»Und die anderen Papiere?« Ich blätterte sie so durch: Geburtsurkunde, polizeiliches Führungszeugnis aus Mexiko-City, Taufschein: römisch-katholisch, Schulabschlusszeugnis: Lycee San Immaculata-di-Compostela, ein entwertetes Busticket von Mexiko-Stadt nach Cuidad Juarez, einige Peso-Scheine, Passfotos, Impfbescheinigung, Gesundheitsattest.

»Was ist das hier: Certificado de habilidad ... matrimonio ...

»Ehefähigkeitszeugnis!«

»Ehefähigkeitszeugnis ...?«

»Das bekommt man in Mexiko schon mit 16.«

Sie war also »ehefähig« ...

Ich hatte plötzlich unsägliches Mitleid mit ihr. Ich bin auch nur ein Mann. Und wir Latinos müssen schließlich zusammenhalten. Meine Eltern stammen aus Puerto Rico, waren auch illegal eingewandert. Aber das wäre kein Trost für sie gewesen. Ich könnte sie laufen lassen – und würde damit meinen Job riskieren. Wer weiß, ob ich in diesen schlechten Zeiten je wieder so einen bekommen hätte. Ich habe einen Universitätsabschluss mit Master-Degree in Philosophie. Damit fährt man in Los Angeles bestenfalls Taxi. Die Hälfte aller Taxifahrer in dieser Stadt haben Universitätsabschluss – und die andere Hälfte versteht kaum Englisch.

Und das alles wegen 27 Dollar 22. Weiße Bohnen und Chili-con-Carne und Spaghetti ... Sonderangebote!

»Miss, hier sind 50 Dollar. Die nehmen Sie jetzt. Und dann schnappen Sie sich einen Trolley und fahren wieder in den Laden hinein. Hinter der Eiscreme-Theke warte ich auf Sie mit der Tasche hier und den billigen Konserven. Die übernehmen Sie dort, fahren damit zur Kasse und bezahlen mit den 50 Dollar. Was Sie vorher eingekauft haben, holen Sie sich dann hier in meinem Büro ab, auch ihren Pass und die anderen Papiere. So werden wir das machen. Vamos!« Ich stand auf.

Sie nahm die 50 Dollar, sehr zögerlich. »Ich weiß nicht, wann ich Ihnen das zurückzahlen kann.«

»Das ist eine Spende. Unterstützung einer illegalen Immigrantin. Ein Geschenk. Für Bohnen und Chili-con-Carne. Sie müssen nichts zurückzahlen! Kommen Sie, los!«

Es lief alles nach Plan. Hinter der Eiscreme-Theke landete das gestohlene Gut in ihrem Einkaufswagen, und an der Kasse zahlte sie die 27 Dollar und 22 Cent.

In meinem Büro übernahm sie anschließend den legalen Kauf und ihre Papiere. Und dann versuchte sie mir das Wechselgeld zurückzugeben.

»Nein, lassen Sie nur. Fünfzig Dollar sind fünfzig Dollar und ich kann es mir leisten. Ich habe keine Familie. Und ich verdiene gut, weil ich Leute fange, denen es meistens sehr schlecht geht. Das belastet mein Gewissen. Jetzt habe ich endlich einmal die Chance, es zu entlasten. Und das ist gut so.«

»Sie sind nicht verheiratet?«

»Nein. Es hat sich bis jetzt noch nicht ergeben.«

»Wie alt sind Sie? Darf ich das fragen?«

»Vierunddreißig. Und ich heiße Eduardo Gonzalez.«

»Sie sind ein guter Mensch, Mister Eduardo Gonzalez.«

»Vielleicht ja, vielleicht nein ...! Wer weiß ...«

»Darf ich Sie zum Abendessen einladen, Mister Gonzalez?«

Es gibt also doch noch Überraschungen in meinem Leben. Es ist wunderbar. Und es gibt Chancen, die zu verpassen vergibt man sich nie. Ich sagte zu.

Ein Abendessen und vielleicht auch noch viel mehr, mit einer jungen Elizabeth Taylor. Einem Superweib. Einem Wahnsinnsweib. Das pleite ist, und das nun schüchtern und gehemmt auf die Rückseite des leeren Verpflichtungsformulars ihre Adresse schrieb. Und ihren Namen in großen Druckbuchstaben: ANGELINA DE CASTILLA Y CORTEZ.

© 2004 by Rainer Erler
Entnommen aus: Helmuth W. Mommers (Hrsg.): Der Atem Gottes und andere Visionen 2004 (Berlin: Shayol, 2004)
Erschienen in
Helmuth W. Mommers (Hrsg.): Der Atem Gottes und andere Visionen 2004 (Berlin: Shayol, 2004)
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