Kapitel 1
Am Samstagmorgen erwachte ich blind und halbseitig gelähmt. Ich bin schon oft blind
gewesen und auch schon oft halbseitig gelähmt, aber in letzter Zeit bin ich öfter beides
gleichzeitig, und das fängt allmählich an, mir Sorgen zu machen.
Ich lag auf der rechten Seite, das Gesicht halb im Kissen vergraben.
Alles, was ich bewegen konnte, war mein Kopf, der linke Arm und ein paar Muskeln, die mir
in dem Moment allesamt nichts nützten. Ziemlich ärgerlich. Ich war versucht, einfach
noch eine Weile zu dösen und zu hoffen, daß es sich von selber geben würde. Aber das
würde es nicht, das wußte ich. Außerdem drückte meine Blase.
Also ruderte ich mit der linken Hand umher, wühlte hinter mir über
Kissen und Matratze, bis ich das Bettgestell zu fassen bekam. Es ist alles andere als
leicht, sich mit nur einem und zudem halb verrenkten Arm in eine neue Position zu ziehen,
wenn man dreihundert Pfund schwer ist und starr wie eine Schaufensterpuppe, aber
unmöglich ist es auch nicht, wenn es eben sein muß. Ich zog mit aller Kraft, und kurz
vor dem ersten Muskelfaserriß kippte ich endlich und krachte mit dem linken Schulterblatt
auf die Bettkante, was weh tat, aber gut war, denn es bedeutete, daß ich günstig zu
liegen gekommen war, um mit der freien Hand unter das Bett zu fassen.
Dort bewahre ich seit Jahren einen unterarmlangen Holzprügel auf, für
Gelegenheiten wie diese. Bisher hatte es immer erstaunlich gut geholfen, mir einfach
dieses zollstarke Vierkantholz mehrmals über den Schädel zu ziehen. Oder damit auf
widerspenstige Gliedmaßen einzudreschen. Das ist bei mir nicht anders als bei einem alten
Getränkeautomaten: Ab und zu braucht er ein paar kräftige Tritte, und schon läuft alles
wieder wie eh und je.
Diesmal half es allerdings nicht. Ich hörte auf, mich zu verprügeln,
ehe es Schlimmeres gab als blaue Flecken, und war immer noch gelähmt und blind.
Die Blindheit war besonders ärgerlich, weil es dafür keinen wirklichen
Grund gab. Ich nehme an, daß es psychisch bedingt ist; jedenfalls, wenn mein künstliches
Auge einen seiner Abstürze hat und plötzlich keine Signale mehr liefert, schließt sich
ihm das andere bisweilen aus einer Art falsch verstandenen Solidarität heraus an und
versagt gleichfalls den Dienst. Ich kenne ein paar Leute, die sich brennend für dieses
Phänomen interessieren würden, aber ich werde mich auch weiterhin hüten, ihnen davon zu
erzählen.
Ich lag eine Weile unbequem da und überlegte. Das war alles
ausgesprochen lästig. Ein Traum fiel mir ein, der ein paar Wochen zurücklag, und auf
einmal fragte ich mich, ob das überhaupt ein Traum gewesen war: Ich hatte geträumt,
aufzuwachen, mitten in der Nacht, versteinert, zu Stahl geworden, doch dann hatte ich den geheimen
Schalter gefunden, der meinen Körper verflüssigte, alles war gut gewesen, und ich
war erleichtert wieder eingeschlafen. Seltsam. Ich tastete über den Bauch und befühlte
einige der Kabelstränge, die sich da ab und zu wulstig unter der Bauchdecke abzeichnen
wie Treibgut im Wogen der Gedärme, kleine, harte Wülste, die schon die nächste Bewegung
des Körpers zurück in die Tiefe zieht. Es mußte ein Traum gewesen sein. Es gab keinen
solchen Schalter.
Etwas anderes fiel mir ein, das einmal gegen diese Art Blindheit
geholfen hatte. Ich ließ den Bauch und begann, das linke Auge bei geschlossenen Lidern
sanft zu massieren, so lange, bis Sternchen kamen. Dann hielt ich inne, öffnete es, und
siehe da, aus grauen Nebeln schälte sich ein Bild. Die Decke meines Schlafzimmers.
Vergilbte, mindestens dreißig Jahre alte Tapete. Wenn man es recht bedenkt, hätte ich
längst einmal neu tapezieren können. Zeit hatte ich ja wahrhaftig genug.
Nicht mehr völlig, sondern nur noch halb blind zu sein war zumindest
ermutigend, wenn auch nicht richtig hilfreich. Ich betrachtete meinen rechten Arm, der
verkrampft in die Höhe ragte wie ein abgebrochener Schiffsmast und sich anfühlte wie ein
solider Block Metall, und fluchte erst mal erbittert vor mich hin. Der Harndrang schien
nicht vorzuhaben, nachzulassen, also holte ich, in Ermangelung eines besseren Einfalls,
noch einmal den Holzprügel herauf und schlug damit auf mich ein, wieder ohne Resultat.
So etwas wie Panik begann, sich in mir auszubreiten. Wilde Visionen, wie
ich hier liegen bleiben würde, tagelang, eingenäßt und unfähig, um Hilfe zu rufen.
Verdursten würde ich. Mein Mund war jetzt schon ganz trocken. Wie lange es wohl dauern
würde, bis man mich fand? Ziemlich lange, vermutlich. Ich lebe allein, zurückgezogen -
man könnte sagen, einsam.
Panik, wie gesagt. Und das Sedierungssystem war logischerweise auch
nicht ansprechbar. Ich bemühte mich, langsam und tief zu atmen, konzentrierte mich auf
den Druck in der Blase, und es wurde besser.
Nachdenken war angesagt. Nicht unbedingt meine Stärke, aber man bemüht
sich. Das künstliche Auge ausgefallen, gleichzeitig der Bewegungsapparat blockiert: das
konnte fast keine andere Ursache haben als einen Stromausfall im gesamten System. Ein
Defekt der Nuklearbatterie war so gut wie ausgeschlossen; die ist der wahrscheinlich
zuverlässigste Bestandteil meiner Innereien und wird frühestens ausgetauscht werden
müssen, wenn ich an meinem 45. Geburtstag noch am Leben sein sollte. Blieb die
Stromverteilung. In den vergangenen Jahren hatten sich zwar tatsächlich einige der
angeblich unlösbaren Steckverbindungen in den Tiefen meines Körpers gelöst, aber die
dadurch verursachten Wackelkontakte oder Kurzschlüsse hatten stets nur begrenzte
Ausfälle zur Folge gehabt. Bisher hatte ich immer geglaubt, das System sei so
konstruiert, daß ein totaler Stromausfall überhaupt nicht vorkommen konnte.
Allerdings habe ich in meinem Leben schon eine Menge Dinge geglaubt.
Ich würde Hilfe brauchen.
Es sind nur ein paar Schritte, sagte ich mir. Schritte. Schon allein das
Wort klingt beruhigend. Nur drei, vier Schritte. Alles, was ich tun mußte, war, mich aus
dem Bett auf den Fußboden zu wälzen und mich dann Zoll um Zoll bis in den Flur zu
zerren. Dort war das Telefon. Dort war Rettung. Nichts leichter als das.
Bloß daß mein Körper in seinem augenblicklichen Zustand mehr
Ähnlichkeit mit einer tonnenschweren Metallplastik hatte als mit sonst etwas. Ich zerrte
und zog mit meinem einen Arm und manövrierte umher und versuchte den starren Rest von mir
ins Schaukeln zu bekommen und steigerte mich in einen wahren Rausch von Kraftmeierei
hinein, doch alles, was ich schließlich erreichte, war, mit dem Oberkörper aus dem Bett
zu fallen, den Nachttisch mit dem Kopf umzustoßen und mit meinem rechten Arm so
ungeschickt aufzukommen, daß er sich unter dem Bettgestell verkantete.
Ich blieb eine ganze Weile keuchend so liegen. Mit meinem einen intakten
Auge sah ich mich um und konnte nicht glauben, was passiert war. Ich lag da wie
festbetoniert, den Körper so durchgebogen, daß mein Bauch spannte wie eine Trommel,
meinen starren rechten Arm unter dem Bett festgehakt wie ein Schiffsanker. Mit der Linken
tastete ich panisch umher auf der Suche nach einem Halt, einem Griff, irgendetwas, an dem
ich mich aus dieser Lage zerren konnte, und fand nichts. Da waren nur alte Socken, ein
rechter Turnschuh, ein paar Zeitungen und sonstige Zeugnisse meiner Abneigung gegen
haushälterische Tätigkeiten, und darunter glatter Linoleumboden. Es dauerte seine Zeit,
aber allmählich begriff ich, daß ich es versiebt hatte.
Der Anflug von Panik kehrte zurück. Eigentlich war es schon fast mehr
als nur ein Anflug. Wenn man einmal unbesiegbar gewesen ist, tut man sich schwer mit
Niederlagen, erst recht mit dem drohenden Untergang.
Ich weiß nicht genau, was dann geschehen ist und warum. Ich weiß nur,
daß ich mir mit der linken Hand über den Bauch strich, vielleicht, weil er so prall
gespannt war, oder in dem Versuch, meine Blase zu beruhigen. Ich fühlte der Kontur eines
Kabelstrangs nach und ertastete plötzlich etwas, eine Verdickung, die da nicht hätte
sein dürfen, soweit ich mich an die Pläne erinnerte.
Nicht, daß die Pläne zum Schluß noch viel bedeutet hätten. Da hat
sowieso jeder gemacht, was er wollte. Aber seltsam war es doch. Ich befühlte das
Implantat und erlebte dabei plötzlich einen dieser überaus eigenartigen Momente, in
denen man sich nicht mehr sicher ist, ob man wach ist und sich an einen Traum erinnert
oder ob man träumt und sich daran erinnert, einmal wach gewesen zu sein. Das fühlte sich
an wie der geheime Schalter in jenem Traum, der meinen Körper verflüssigt
hatte!
Ich drückte. Und schrie auf, als ein Rucken durch mich ging, das System
einen Herzschlag lang zum Leben erwachte. Nicht lang genug leider, um auch nur meinen
rechten Arm frei zu bekommen; im Gegenteil, den hatte ich vor lauter Überraschung eher
noch weiter verkantet.
Aber plötzlich ergab alles Sinn. Ich hatte einen Wackelkontakt im
Hauptstromkreis, so einfach war das! Irgendwann mußte jemand - vermutlich aus Versehen,
oder besser gesagt, in sinnloser Hektik - eines der Kabel durchtrennt haben, die
durchzutrennen nicht vorgesehen gewesen war, und um das zu reparieren, hatte er eine
Steckverbindung eingesetzt. Die ja als unlöslich galt. Also zwei gute Gründe, mir
nachher nichts davon zu sagen.
Genau diese Steckverbindung spürte ich gerade. Vermutlich hatte eine
der Bewegungen innerer Organe, wie sie im menschlichen Bauchraum nun einmal unvermeidlich
sind - selbst in meinem -, das betreffende Kabel in den Vordergrund gedrückt.
Das hieß, daß das damals überhaupt kein Traum gewesen war. Ich war
wirklich mitten in der Nacht aufgewacht, hatte schlaftrunken registriert, erstarrt zu
sein, und es hat noch genügt, ein wenig Druck auf die wackelnde Kabelverbindung
auszuüben, um sie wieder einschnappen und alles schön weiter funktionieren zu lassen.
Ganz offensichtlich saßen die Stecker aber inzwischen deutlich
lockerer. Mit jähem Schrecken begriff ich, daß meine letzte Chance darin bestand, sie
wieder ineinander zu bekommen, und zwar hier und jetzt, ehe die beiden Enden des Kabels
sich endgültig voneinander lösten und sich in die Tiefen meiner Eingeweide
verabschiedeten.
Ich hörte auf, daran herumzudrücken. Ich konnte nicht wissen, ob ich
damit nicht mehr Schaden als Nutzen anrichtete. Jeder ungeschickte Druck mochte die beiden
Stecker genausogut ineinander schieben wie voneinander trennen. Nein, ich mußte wissen,
was ich tat. Was ich brauchte, war das richtige Werkzeug.
Also verrenkte ich mir den Hals auf der Suche nach einem spitzen
Gegenstand, den ich mir in den Bauch rammen konnte.
Bloß, wie viele spitze Gegenstände findet man für gewöhnlich im
Radius einer Armlänge um ein Bett? Mein Taschenmesser fiel mir ein. Dessen Klingen
schienen mir für Operationen nur bedingt geeignet, aber die Ahle war lang und so gut wie
unbenutzt, und was zum Stechen von Löchern in Ledergürteln taugte, dem würde eine
Bauchdecke schwerlich widerstehen. Und es mußte, wenn mich nicht alles trog, in der
Schublade des Nachttisches liegen.
Des mittlerweile umgestürzten Nachttisches, der zudem zu meiner Rechten
und damit weitgehend außer Reichweite lag. Ich streckte und wälzte mich, bekam den Griff
der Nachttischschublade zu fassen und zog sie auf. Zwei Packungen Papiertaschentücher
purzelten heraus, ein Hundert-Euro-Schein, den ich noch gar nicht vermißt hatte, und ein
paar Münzen. Nichts sonst. Vor allem kein Taschenmesser.
Hastig befingerte ich wieder meinen Bauch. War der Stecker noch da? Ja.
Ich hatte mich zwar bewegt, aber offenbar nicht stark genug, um das Kabel davonrutschen zu
lassen. Vielleicht tat die volle Blase das ihre, im Bauch alles unter Druck und am Platz
zu halten. Wo war das verdammte Taschenmesser?
Mein Blick streifte die Leselampe, ein dickes, in Jahrzehnten gelblich
angelaufenes Glasungetüm, hoch über dem Bett an die Wand geschraubt, und da fiel es mir
wieder ein. Vor ein paar Tagen hatte ich die Glühbirne ausgewechselt, und dazu hatte ich
vier Schrauben daran lösen und wieder festdrehen müssen. Das hatte ich mit dem
Taschenmesser gemacht, und danach hatte ich es einfach obenauf liegenlassen, anstatt es
zurück in die Schublade zu tun.
Ich blickte mich noch einmal um. Genau. Mitten in meiner männlichen
Unordnung lag es, neben dem Wecker, den es gleichfalls davongeschleudert hatte, als der
Nachttisch umgefallen war. Rot, klein, unübersehbar. Und ungefähr zwei Fuß von meinen
ausgestreckten Fingerspitzen entfernt.
Aber höhere Primaten zeichnen sich durch die Fähigkeit zur Verwendung
von Werkzeug aus; zumindest liest man das immer wieder. Ich versuchte es zuerst mit dem
Holzprügel, aber der war, wie ich übrigens von Anfang an vermutet hatte, zu kurz. Nicht
zu kurz immerhin, um eine Jeanshose, die eine glückliche Fügung achtlos auf den Boden
gelegt anstatt ordentlich in den Schrank gehängt hatte, so weit zu mir heranzuziehen,
daß ich sie mit der Hand greifen konnte. Ich fuhrwerkte ein wenig herum, bis ich sie fest
an beiden Hosenbeinen gepackt bekam, dann ging ich daran, sie wie eine Art Angel
auszuwerfen, um das Messer damit einzufangen. Einäugig und einarmig ist das nicht ganz
leicht, aber schließlich schaffte ich es. Mit unwilligen Rappeln kamen sowohl Zeitmesser
als auch Taschenmesser nahe genug, daß ich letzteres an mich bringen konnte.
Nächster Schritt. Die Ahle. Mit bloß einer Hand sind diese
Taschenmesser verdammt schwer aufzubekommen, besonders, wenn man eines der kleinen,
spitzen, wenig benutzten Instrumente herausklappen will und das Ding nicht mehr ganz neu
ist, nicht mehr ganz so gut geschmiert wie in jungen Jahren, im Gegenteil eher hier und da
schon etwas angerostet. Hier, so nahe am Meer, rosten Dinge unglaublich schnell. Aber ich
schaffte es schließlich, um den Preis, daß meine Hand danach zitterte und bebte vor
Anstrengung.
Jegliches Triumphgefühl verflog, als mir gleich darauf wieder einfiel,
was ich damit vorhatte. Ach ja, richtig. Ich war anscheinend wirklich ein Weltmeister
darin, unangenehme Dinge zu vergessen.
Ich ging noch einmal alles durch, um sicher zu sein, nichts übersehen
zu haben. Zeitgewinn. Letzter Aufschub. Und ich hatte natürlich nichts übersehen. Ich
würde von Glück sagen können, wenn mein Vorhaben auch nur irgendeine Veränderung
brachte. Wenn nicht, blieb nur noch, mir die Lunge aus dem Hals zu schreien in der
Hoffnung, daß mich jemand hören und mir zu Hilfe eilen würde - eine Alternative von
bestürzender Aussichtslosigkeit.
Ich tastete nach dem knotigen Ding unter meiner Bauchdecke. Da regte
sich nichts. Kein neuer Funke, der in die teflonummantelten Kabelsätze meines Systems
floß. Keine Rettung vor dem Skalpell. Seufzend erfühlte ich eine Stelle, an der ich
einen Stecker vermutete, setzte die Ahle auf, hielt die Luft an und stach zu.
Es tat verflucht weh. Ich glaube, daß ich geschrien habe; jedenfalls
erinnere ich mich an ein gurgelndes Gefühl in der Kehle und daran, danach heiser gewesen
zu sein. Ich stach zu, spürte, wie es feucht und heiß aus der Wunde kam, Blut
natürlich, und nicht wenig, und stocherte mit dem scharfen Stahl herum auf der Suche nach
dem Implantat darunter. Endlich ein Widerstand. Ich starrte an die Decke, wunderte mich
über die dunklen Wolken, die plötzlich darüber hinwegzogen, drückte und machte und
rührte in meinem Fleisch, ohne daß sich etwas tat, außer daß alles immer nasser und
klebriger wurde auf meinem Bauch. Plötzlich waren Fliegen da, die sich für gewöhnlich
nie ins Schlafzimmer verirren. Beim Müll in der Küche finden sie es sonst viel
interessanter, aber nun schwirrten sie über mir herum und kamen mir vor wie
mikroskopische Aasgeier. Und da, endlich, machte es Klick.
Von einem Moment zum anderen war die Starre verschwunden, gehorchten mir
Arme und Beine, sah mein rechtes Auge etwas, kam mein Körper mit einem vielstimmigen,
zischenden Geräusch in der Muskulatur in Bewegung. Wie herrlich, den Schmerz abschalten
zu können! Wie gut, den Blutstrom drosseln zu können! Ich kam auf die Beine,
schweißgebadet, blutüberströmt, und wankte hinüber ins Bad, wo ich, die Hand auf die
Wunde gepreßt, als erstes meine Blase erleichterte, ein unbeschreibliches Wohlgefühl.
Dann hockte ich auf dem Badewannenrand, betrachtete meinen Bauch und die
Ahle meines Taschenmessers darin und überlegte, ob ich es wagen konnte, sie wieder
herauszuziehen. Vorsichtshalber setzte ich mich auf den Boden und in eine stabile
Position, ehe ich es probierte. Und siehe da, die Lähmung kehrte nicht wieder. Auch
nicht, als ich tollkühn auf meinem Bauch herummassierte. Ich hatte mich wieder einmal
hinbekommen.
Trotzdem konnte das nicht so bleiben, sagte ich mir, während ich der
Wunde reichliche Mengen wasserklaren Desinfektionsmittels und eine Mullkompresse
angedeihen ließ. Es würde ein nächstes Mal geben. Vielleicht in einem Jahr, vielleicht
schon morgen früh. Und irgendwann würde ich mich nicht mehr hinbekommen. Nicht einmal,
wenn ich künftig nur noch mit dem Werkzeugkasten im Arm schlief.
Ich konnte das Telefon ans Bett verlegen. Der Tag, an dem ich mich nicht
mehr hinbekam, würde dann der Tag der Kapitulation werden. Der Tag, an dem sie
mich zurückbekommen würden.
Die Vorschriften für ein Vorkommnis wie dieses waren nämlich eindeutig
und unmißverständlich. Hätte ich vorschriftsmäßig handeln wollen, ich hätte mir
gerade noch das Blut von den Händen waschen dürfen und dann aber sofort und ohne weitere
Verzögerung Lieutnant Colonel Reilly anrufen müssen. Der mich umgehend zur
Generalüberholung zurück in die Staaten beordert hätte, höchst luxuriös zweifellos,
an Bord einer Maschine der Luftwaffe, die eigens und nur für mich fliegen würde. Aber
eben nur in eine Richtung. Reilly würde mich unter direkte Kontrolle und Aufsicht
stellen, und ob ich der jemals wieder entkommen würde, war mehr als fraglich. Deshalb
hatte ich nicht vor, vorschriftsmäßig zu handeln. Reilly zu informieren hätte
geheißen, meine wenigen, mühsam errungenen Freiheiten auf einen Schlag einzubüßen, und
nichts wollte ich weniger als das. Deshalb wusch ich mir zwar das Blut von den Händen,
aber Lieutnant Colonel Reilly rief ich nicht an.
Stattdessen klebte ich abschließend ein festes Pflaster auf den
Verband, ging in den Flur und holte mein Mobiltelefon aus seinem Versteck. Über meinen
normalen Telefonanschluß führe ich nur selten und wenn, dann belanglose Gespräche, weil
ich davon ausgehen muß, daß man mich immer noch abhört, sicherheitshalber
selbstverständlich nur. Mein Mobiltelefon dagegen habe ich mir auf höchst verschlungenen
Wegen besorgt; es sollte nach menschlichem Ermessen unmöglich sein, es mir zuzuordnen.
Das erlaubt dann schon ganz andere Dinge.
Vierkanthölzer und anonyme Telefone sind nämlich nicht die einzigen
Hilfsmittel, die ich mir verschafft habe. Ich wählte die Nummer von Dr. O'Shea. »Duane
hier«, sagte ich, als er sich meldete. »Ich brauche dringend Ihre Hilfe.«
»Verstehe«, sagte er. »Können Sie zu mir in die Praxis kommen?«
»Zum Glück ja.«
»Dann kommen Sie um elf.« Ohne ein weiteres Wort legte er auf.
Reilly würde einen ernsthaften Herzanfall bekommen, wenn er wüßte,
daß ich einen hier im Ort ansässigen Allgemeinarzt - einen Zivilisten! - ins
Vertrauen gezogen habe. Und es würde ihn ohne Zweifel auf der Stelle dahinraffen zu
wissen, daß Dr. O'Shea Röntgenaufnahmen meines Körpers gemacht hat. Aufnahmen meines
Eine-Milliarde-Dollar-Körpers, für die eine Menge Leute auf diesem Planeten eine Menge
Geld zahlen würden. Aber, wie gesagt, Dr. O'Shea genießt mein Vertrauen.
Ich tappte zurück ins Bad, zog meinen blutigen Schlafanzug aus und warf
ihn in die Wanne. Ich machte einen Lappen naß und wischte mir das Blut von den Füßen,
dann ging ich hinüber ins Schlafzimmer, einer Spur dunkler Fußabdrücke und dicker roter
Tropfen folgend. Das Bett sah aus, als habe ein wahnsinniger Serienmörder darin gerade
sein jüngstes Opfer gefunden. Ich zog alles ab, warf Bettzeug und Laken auch in die Wanne
und ließ kaltes Wasser einlaufen. Blut darf man nur mit kaltem Wasser auswaschen, habe
ich gelernt.
Es war kurz vor neun, als ich mich daranmachte, die Blutflecken auf dem
Boden wegzuwischen.
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