The phantastic Worlds of Science Fiction Roman - Leseprobe

Andreas Eschbach

Der Letzte seiner Art

Roman • 2003 • Leseprobe

Science Fiction
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Kapitel 1

Am Samstagmorgen erwachte ich blind und halbseitig gelähmt. Ich bin schon oft blind gewesen und auch schon oft halbseitig gelähmt, aber in letzter Zeit bin ich öfter beides gleichzeitig, und das fängt allmählich an, mir Sorgen zu machen.
   Ich lag auf der rechten Seite, das Gesicht halb im Kissen vergraben. Alles, was ich bewegen konnte, war mein Kopf, der linke Arm und ein paar Muskeln, die mir in dem Moment allesamt nichts nützten. Ziemlich ärgerlich. Ich war versucht, einfach noch eine Weile zu dösen und zu hoffen, daß es sich von selber geben würde. Aber das würde es nicht, das wußte ich. Außerdem drückte meine Blase.
   Also ruderte ich mit der linken Hand umher, wühlte hinter mir über Kissen und Matratze, bis ich das Bettgestell zu fassen bekam. Es ist alles andere als leicht, sich mit nur einem und zudem halb verrenkten Arm in eine neue Position zu ziehen, wenn man dreihundert Pfund schwer ist und starr wie eine Schaufensterpuppe, aber unmöglich ist es auch nicht, wenn es eben sein muß. Ich zog mit aller Kraft, und kurz vor dem ersten Muskelfaserriß kippte ich endlich und krachte mit dem linken Schulterblatt auf die Bettkante, was weh tat, aber gut war, denn es bedeutete, daß ich günstig zu liegen gekommen war, um mit der freien Hand unter das Bett zu fassen.
   Dort bewahre ich seit Jahren einen unterarmlangen Holzprügel auf, für Gelegenheiten wie diese. Bisher hatte es immer erstaunlich gut geholfen, mir einfach dieses zollstarke Vierkantholz mehrmals über den Schädel zu ziehen. Oder damit auf widerspenstige Gliedmaßen einzudreschen. Das ist bei mir nicht anders als bei einem alten Getränkeautomaten: Ab und zu braucht er ein paar kräftige Tritte, und schon läuft alles wieder wie eh und je.
   Diesmal half es allerdings nicht. Ich hörte auf, mich zu verprügeln, ehe es Schlimmeres gab als blaue Flecken, und war immer noch gelähmt und blind.
   Die Blindheit war besonders ärgerlich, weil es dafür keinen wirklichen Grund gab. Ich nehme an, daß es psychisch bedingt ist; jedenfalls, wenn mein künstliches Auge einen seiner Abstürze hat und plötzlich keine Signale mehr liefert, schließt sich ihm das andere bisweilen aus einer Art falsch verstandenen Solidarität heraus an und versagt gleichfalls den Dienst. Ich kenne ein paar Leute, die sich brennend für dieses Phänomen interessieren würden, aber ich werde mich auch weiterhin hüten, ihnen davon zu erzählen.
   Ich lag eine Weile unbequem da und überlegte. Das war alles ausgesprochen lästig. Ein Traum fiel mir ein, der ein paar Wochen zurücklag, und auf einmal fragte ich mich, ob das überhaupt ein Traum gewesen war: Ich hatte geträumt, aufzuwachen, mitten in der Nacht, versteinert, zu Stahl geworden, doch dann hatte ich den geheimen Schalter gefunden, der meinen Körper verflüssigte, alles war gut gewesen, und ich war erleichtert wieder eingeschlafen. Seltsam. Ich tastete über den Bauch und befühlte einige der Kabelstränge, die sich da ab und zu wulstig unter der Bauchdecke abzeichnen wie Treibgut im Wogen der Gedärme, kleine, harte Wülste, die schon die nächste Bewegung des Körpers zurück in die Tiefe zieht. Es mußte ein Traum gewesen sein. Es gab keinen solchen Schalter.
   Etwas anderes fiel mir ein, das einmal gegen diese Art Blindheit geholfen hatte. Ich ließ den Bauch und begann, das linke Auge bei geschlossenen Lidern sanft zu massieren, so lange, bis Sternchen kamen. Dann hielt ich inne, öffnete es, und siehe da, aus grauen Nebeln schälte sich ein Bild. Die Decke meines Schlafzimmers. Vergilbte, mindestens dreißig Jahre alte Tapete. Wenn man es recht bedenkt, hätte ich längst einmal neu tapezieren können. Zeit hatte ich ja wahrhaftig genug.
   Nicht mehr völlig, sondern nur noch halb blind zu sein war zumindest ermutigend, wenn auch nicht richtig hilfreich. Ich betrachtete meinen rechten Arm, der verkrampft in die Höhe ragte wie ein abgebrochener Schiffsmast und sich anfühlte wie ein solider Block Metall, und fluchte erst mal erbittert vor mich hin. Der Harndrang schien nicht vorzuhaben, nachzulassen, also holte ich, in Ermangelung eines besseren Einfalls, noch einmal den Holzprügel herauf und schlug damit auf mich ein, wieder ohne Resultat.
   So etwas wie Panik begann, sich in mir auszubreiten. Wilde Visionen, wie ich hier liegen bleiben würde, tagelang, eingenäßt und unfähig, um Hilfe zu rufen. Verdursten würde ich. Mein Mund war jetzt schon ganz trocken. Wie lange es wohl dauern würde, bis man mich fand? Ziemlich lange, vermutlich. Ich lebe allein, zurückgezogen - man könnte sagen, einsam.
   Panik, wie gesagt. Und das Sedierungssystem war logischerweise auch nicht ansprechbar. Ich bemühte mich, langsam und tief zu atmen, konzentrierte mich auf den Druck in der Blase, und es wurde besser.
   Nachdenken war angesagt. Nicht unbedingt meine Stärke, aber man bemüht sich. Das künstliche Auge ausgefallen, gleichzeitig der Bewegungsapparat blockiert: das konnte fast keine andere Ursache haben als einen Stromausfall im gesamten System. Ein Defekt der Nuklearbatterie war so gut wie ausgeschlossen; die ist der wahrscheinlich zuverlässigste Bestandteil meiner Innereien und wird frühestens ausgetauscht werden müssen, wenn ich an meinem 45. Geburtstag noch am Leben sein sollte. Blieb die Stromverteilung. In den vergangenen Jahren hatten sich zwar tatsächlich einige der angeblich unlösbaren Steckverbindungen in den Tiefen meines Körpers gelöst, aber die dadurch verursachten Wackelkontakte oder Kurzschlüsse hatten stets nur begrenzte Ausfälle zur Folge gehabt. Bisher hatte ich immer geglaubt, das System sei so konstruiert, daß ein totaler Stromausfall überhaupt nicht vorkommen konnte.
   Allerdings habe ich in meinem Leben schon eine Menge Dinge geglaubt.
   Ich würde Hilfe brauchen.
   Es sind nur ein paar Schritte, sagte ich mir. Schritte. Schon allein das Wort klingt beruhigend. Nur drei, vier Schritte. Alles, was ich tun mußte, war, mich aus dem Bett auf den Fußboden zu wälzen und mich dann Zoll um Zoll bis in den Flur zu zerren. Dort war das Telefon. Dort war Rettung. Nichts leichter als das.
   Bloß daß mein Körper in seinem augenblicklichen Zustand mehr Ähnlichkeit mit einer tonnenschweren Metallplastik hatte als mit sonst etwas. Ich zerrte und zog mit meinem einen Arm und manövrierte umher und versuchte den starren Rest von mir ins Schaukeln zu bekommen und steigerte mich in einen wahren Rausch von Kraftmeierei hinein, doch alles, was ich schließlich erreichte, war, mit dem Oberkörper aus dem Bett zu fallen, den Nachttisch mit dem Kopf umzustoßen und mit meinem rechten Arm so ungeschickt aufzukommen, daß er sich unter dem Bettgestell verkantete.
   Ich blieb eine ganze Weile keuchend so liegen. Mit meinem einen intakten Auge sah ich mich um und konnte nicht glauben, was passiert war. Ich lag da wie festbetoniert, den Körper so durchgebogen, daß mein Bauch spannte wie eine Trommel, meinen starren rechten Arm unter dem Bett festgehakt wie ein Schiffsanker. Mit der Linken tastete ich panisch umher auf der Suche nach einem Halt, einem Griff, irgendetwas, an dem ich mich aus dieser Lage zerren konnte, und fand nichts. Da waren nur alte Socken, ein rechter Turnschuh, ein paar Zeitungen und sonstige Zeugnisse meiner Abneigung gegen haushälterische Tätigkeiten, und darunter glatter Linoleumboden. Es dauerte seine Zeit, aber allmählich begriff ich, daß ich es versiebt hatte.
   Der Anflug von Panik kehrte zurück. Eigentlich war es schon fast mehr als nur ein Anflug. Wenn man einmal unbesiegbar gewesen ist, tut man sich schwer mit Niederlagen, erst recht mit dem drohenden Untergang.
   Ich weiß nicht genau, was dann geschehen ist und warum. Ich weiß nur, daß ich mir mit der linken Hand über den Bauch strich, vielleicht, weil er so prall gespannt war, oder in dem Versuch, meine Blase zu beruhigen. Ich fühlte der Kontur eines Kabelstrangs nach und ertastete plötzlich etwas, eine Verdickung, die da nicht hätte sein dürfen, soweit ich mich an die Pläne erinnerte.
   Nicht, daß die Pläne zum Schluß noch viel bedeutet hätten. Da hat sowieso jeder gemacht, was er wollte. Aber seltsam war es doch. Ich befühlte das Implantat und erlebte dabei plötzlich einen dieser überaus eigenartigen Momente, in denen man sich nicht mehr sicher ist, ob man wach ist und sich an einen Traum erinnert oder ob man träumt und sich daran erinnert, einmal wach gewesen zu sein. Das fühlte sich an wie der geheime Schalter in jenem Traum, der meinen Körper verflüssigt hatte!
   Ich drückte. Und schrie auf, als ein Rucken durch mich ging, das System einen Herzschlag lang zum Leben erwachte. Nicht lang genug leider, um auch nur meinen rechten Arm frei zu bekommen; im Gegenteil, den hatte ich vor lauter Überraschung eher noch weiter verkantet.
   Aber plötzlich ergab alles Sinn. Ich hatte einen Wackelkontakt im Hauptstromkreis, so einfach war das! Irgendwann mußte jemand - vermutlich aus Versehen, oder besser gesagt, in sinnloser Hektik - eines der Kabel durchtrennt haben, die durchzutrennen nicht vorgesehen gewesen war, und um das zu reparieren, hatte er eine Steckverbindung eingesetzt. Die ja als unlöslich galt. Also zwei gute Gründe, mir nachher nichts davon zu sagen.
   Genau diese Steckverbindung spürte ich gerade. Vermutlich hatte eine der Bewegungen innerer Organe, wie sie im menschlichen Bauchraum nun einmal unvermeidlich sind - selbst in meinem -, das betreffende Kabel in den Vordergrund gedrückt.
   Das hieß, daß das damals überhaupt kein Traum gewesen war. Ich war wirklich mitten in der Nacht aufgewacht, hatte schlaftrunken registriert, erstarrt zu sein, und es hat noch genügt, ein wenig Druck auf die wackelnde Kabelverbindung auszuüben, um sie wieder einschnappen und alles schön weiter funktionieren zu lassen.
   Ganz offensichtlich saßen die Stecker aber inzwischen deutlich lockerer. Mit jähem Schrecken begriff ich, daß meine letzte Chance darin bestand, sie wieder ineinander zu bekommen, und zwar hier und jetzt, ehe die beiden Enden des Kabels sich endgültig voneinander lösten und sich in die Tiefen meiner Eingeweide verabschiedeten.
   Ich hörte auf, daran herumzudrücken. Ich konnte nicht wissen, ob ich damit nicht mehr Schaden als Nutzen anrichtete. Jeder ungeschickte Druck mochte die beiden Stecker genausogut ineinander schieben wie voneinander trennen. Nein, ich mußte wissen, was ich tat. Was ich brauchte, war das richtige Werkzeug.
   Also verrenkte ich mir den Hals auf der Suche nach einem spitzen Gegenstand, den ich mir in den Bauch rammen konnte.
   Bloß, wie viele spitze Gegenstände findet man für gewöhnlich im Radius einer Armlänge um ein Bett? Mein Taschenmesser fiel mir ein. Dessen Klingen schienen mir für Operationen nur bedingt geeignet, aber die Ahle war lang und so gut wie unbenutzt, und was zum Stechen von Löchern in Ledergürteln taugte, dem würde eine Bauchdecke schwerlich widerstehen. Und es mußte, wenn mich nicht alles trog, in der Schublade des Nachttisches liegen.
   Des mittlerweile umgestürzten Nachttisches, der zudem zu meiner Rechten und damit weitgehend außer Reichweite lag. Ich streckte und wälzte mich, bekam den Griff der Nachttischschublade zu fassen und zog sie auf. Zwei Packungen Papiertaschentücher purzelten heraus, ein Hundert-Euro-Schein, den ich noch gar nicht vermißt hatte, und ein paar Münzen. Nichts sonst. Vor allem kein Taschenmesser.
   Hastig befingerte ich wieder meinen Bauch. War der Stecker noch da? Ja. Ich hatte mich zwar bewegt, aber offenbar nicht stark genug, um das Kabel davonrutschen zu lassen. Vielleicht tat die volle Blase das ihre, im Bauch alles unter Druck und am Platz zu halten. Wo war das verdammte Taschenmesser?
   Mein Blick streifte die Leselampe, ein dickes, in Jahrzehnten gelblich angelaufenes Glasungetüm, hoch über dem Bett an die Wand geschraubt, und da fiel es mir wieder ein. Vor ein paar Tagen hatte ich die Glühbirne ausgewechselt, und dazu hatte ich vier Schrauben daran lösen und wieder festdrehen müssen. Das hatte ich mit dem Taschenmesser gemacht, und danach hatte ich es einfach obenauf liegenlassen, anstatt es zurück in die Schublade zu tun.
   Ich blickte mich noch einmal um. Genau. Mitten in meiner männlichen Unordnung lag es, neben dem Wecker, den es gleichfalls davongeschleudert hatte, als der Nachttisch umgefallen war. Rot, klein, unübersehbar. Und ungefähr zwei Fuß von meinen ausgestreckten Fingerspitzen entfernt.
   Aber höhere Primaten zeichnen sich durch die Fähigkeit zur Verwendung von Werkzeug aus; zumindest liest man das immer wieder. Ich versuchte es zuerst mit dem Holzprügel, aber der war, wie ich übrigens von Anfang an vermutet hatte, zu kurz. Nicht zu kurz immerhin, um eine Jeanshose, die eine glückliche Fügung achtlos auf den Boden gelegt anstatt ordentlich in den Schrank gehängt hatte, so weit zu mir heranzuziehen, daß ich sie mit der Hand greifen konnte. Ich fuhrwerkte ein wenig herum, bis ich sie fest an beiden Hosenbeinen gepackt bekam, dann ging ich daran, sie wie eine Art Angel auszuwerfen, um das Messer damit einzufangen. Einäugig und einarmig ist das nicht ganz leicht, aber schließlich schaffte ich es. Mit unwilligen Rappeln kamen sowohl Zeitmesser als auch Taschenmesser nahe genug, daß ich letzteres an mich bringen konnte.
   Nächster Schritt. Die Ahle. Mit bloß einer Hand sind diese Taschenmesser verdammt schwer aufzubekommen, besonders, wenn man eines der kleinen, spitzen, wenig benutzten Instrumente herausklappen will und das Ding nicht mehr ganz neu ist, nicht mehr ganz so gut geschmiert wie in jungen Jahren, im Gegenteil eher hier und da schon etwas angerostet. Hier, so nahe am Meer, rosten Dinge unglaublich schnell. Aber ich schaffte es schließlich, um den Preis, daß meine Hand danach zitterte und bebte vor Anstrengung.
   Jegliches Triumphgefühl verflog, als mir gleich darauf wieder einfiel, was ich damit vorhatte. Ach ja, richtig. Ich war anscheinend wirklich ein Weltmeister darin, unangenehme Dinge zu vergessen.
   Ich ging noch einmal alles durch, um sicher zu sein, nichts übersehen zu haben. Zeitgewinn. Letzter Aufschub. Und ich hatte natürlich nichts übersehen. Ich würde von Glück sagen können, wenn mein Vorhaben auch nur irgendeine Veränderung brachte. Wenn nicht, blieb nur noch, mir die Lunge aus dem Hals zu schreien in der Hoffnung, daß mich jemand hören und mir zu Hilfe eilen würde - eine Alternative von bestürzender Aussichtslosigkeit.
   Ich tastete nach dem knotigen Ding unter meiner Bauchdecke. Da regte sich nichts. Kein neuer Funke, der in die teflonummantelten Kabelsätze meines Systems floß. Keine Rettung vor dem Skalpell. Seufzend erfühlte ich eine Stelle, an der ich einen Stecker vermutete, setzte die Ahle auf, hielt die Luft an und stach zu.
   Es tat verflucht weh. Ich glaube, daß ich geschrien habe; jedenfalls erinnere ich mich an ein gurgelndes Gefühl in der Kehle und daran, danach heiser gewesen zu sein. Ich stach zu, spürte, wie es feucht und heiß aus der Wunde kam, Blut natürlich, und nicht wenig, und stocherte mit dem scharfen Stahl herum auf der Suche nach dem Implantat darunter. Endlich ein Widerstand. Ich starrte an die Decke, wunderte mich über die dunklen Wolken, die plötzlich darüber hinwegzogen, drückte und machte und rührte in meinem Fleisch, ohne daß sich etwas tat, außer daß alles immer nasser und klebriger wurde auf meinem Bauch. Plötzlich waren Fliegen da, die sich für gewöhnlich nie ins Schlafzimmer verirren. Beim Müll in der Küche finden sie es sonst viel interessanter, aber nun schwirrten sie über mir herum und kamen mir vor wie mikroskopische Aasgeier. Und da, endlich, machte es Klick.
   Von einem Moment zum anderen war die Starre verschwunden, gehorchten mir Arme und Beine, sah mein rechtes Auge etwas, kam mein Körper mit einem vielstimmigen, zischenden Geräusch in der Muskulatur in Bewegung. Wie herrlich, den Schmerz abschalten zu können! Wie gut, den Blutstrom drosseln zu können! Ich kam auf die Beine, schweißgebadet, blutüberströmt, und wankte hinüber ins Bad, wo ich, die Hand auf die Wunde gepreßt, als erstes meine Blase erleichterte, ein unbeschreibliches Wohlgefühl.
   Dann hockte ich auf dem Badewannenrand, betrachtete meinen Bauch und die Ahle meines Taschenmessers darin und überlegte, ob ich es wagen konnte, sie wieder herauszuziehen. Vorsichtshalber setzte ich mich auf den Boden und in eine stabile Position, ehe ich es probierte. Und siehe da, die Lähmung kehrte nicht wieder. Auch nicht, als ich tollkühn auf meinem Bauch herummassierte. Ich hatte mich wieder einmal hinbekommen.
   Trotzdem konnte das nicht so bleiben, sagte ich mir, während ich der Wunde reichliche Mengen wasserklaren Desinfektionsmittels und eine Mullkompresse angedeihen ließ. Es würde ein nächstes Mal geben. Vielleicht in einem Jahr, vielleicht schon morgen früh. Und irgendwann würde ich mich nicht mehr hinbekommen. Nicht einmal, wenn ich künftig nur noch mit dem Werkzeugkasten im Arm schlief.
   Ich konnte das Telefon ans Bett verlegen. Der Tag, an dem ich mich nicht mehr hinbekam, würde dann der Tag der Kapitulation werden. Der Tag, an dem sie mich zurückbekommen würden.
   Die Vorschriften für ein Vorkommnis wie dieses waren nämlich eindeutig und unmißverständlich. Hätte ich vorschriftsmäßig handeln wollen, ich hätte mir gerade noch das Blut von den Händen waschen dürfen und dann aber sofort und ohne weitere Verzögerung Lieutnant Colonel Reilly anrufen müssen. Der mich umgehend zur Generalüberholung zurück in die Staaten beordert hätte, höchst luxuriös zweifellos, an Bord einer Maschine der Luftwaffe, die eigens und nur für mich fliegen würde. Aber eben nur in eine Richtung. Reilly würde mich unter direkte Kontrolle und Aufsicht stellen, und ob ich der jemals wieder entkommen würde, war mehr als fraglich. Deshalb hatte ich nicht vor, vorschriftsmäßig zu handeln. Reilly zu informieren hätte geheißen, meine wenigen, mühsam errungenen Freiheiten auf einen Schlag einzubüßen, und nichts wollte ich weniger als das. Deshalb wusch ich mir zwar das Blut von den Händen, aber Lieutnant Colonel Reilly rief ich nicht an.
   Stattdessen klebte ich abschließend ein festes Pflaster auf den Verband, ging in den Flur und holte mein Mobiltelefon aus seinem Versteck. Über meinen normalen Telefonanschluß führe ich nur selten und wenn, dann belanglose Gespräche, weil ich davon ausgehen muß, daß man mich immer noch abhört, sicherheitshalber selbstverständlich nur. Mein Mobiltelefon dagegen habe ich mir auf höchst verschlungenen Wegen besorgt; es sollte nach menschlichem Ermessen unmöglich sein, es mir zuzuordnen. Das erlaubt dann schon ganz andere Dinge.
   Vierkanthölzer und anonyme Telefone sind nämlich nicht die einzigen Hilfsmittel, die ich mir verschafft habe. Ich wählte die Nummer von Dr. O'Shea. »Duane hier«, sagte ich, als er sich meldete. »Ich brauche dringend Ihre Hilfe.«
   »Verstehe«, sagte er. »Können Sie zu mir in die Praxis kommen?«
   »Zum Glück ja.«
   »Dann kommen Sie um elf.« Ohne ein weiteres Wort legte er auf.
   Reilly würde einen ernsthaften Herzanfall bekommen, wenn er wüßte, daß ich einen hier im Ort ansässigen Allgemeinarzt - einen Zivilisten! - ins Vertrauen gezogen habe. Und es würde ihn ohne Zweifel auf der Stelle dahinraffen zu wissen, daß Dr. O'Shea Röntgenaufnahmen meines Körpers gemacht hat. Aufnahmen meines Eine-Milliarde-Dollar-Körpers, für die eine Menge Leute auf diesem Planeten eine Menge Geld zahlen würden. Aber, wie gesagt, Dr. O'Shea genießt mein Vertrauen.
   Ich tappte zurück ins Bad, zog meinen blutigen Schlafanzug aus und warf ihn in die Wanne. Ich machte einen Lappen naß und wischte mir das Blut von den Füßen, dann ging ich hinüber ins Schlafzimmer, einer Spur dunkler Fußabdrücke und dicker roter Tropfen folgend. Das Bett sah aus, als habe ein wahnsinniger Serienmörder darin gerade sein jüngstes Opfer gefunden. Ich zog alles ab, warf Bettzeug und Laken auch in die Wanne und ließ kaltes Wasser einlaufen. Blut darf man nur mit kaltem Wasser auswaschen, habe ich gelernt.
   Es war kurz vor neun, als ich mich daranmachte, die Blutflecken auf dem Boden wegzuwischen.

© 2003 by Lübbe-Verlag, Bergisch-Gladbach
Mit freundlicher Genehmigung

Ausgezeichnet mit dem Kurd Laßwitz Preis

 
 
Ausgezeichnet mit dem Kurd Laßwitz Preis 2004
Bester deutschsprachiger Science-Fiction-Roman mit Erstausgabe von 2003
Kurd Laßwitz Preis
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(Bergisch-Gladbach: Lübbe, 2003) Bestellen
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