Kapitel 1
»Was den heutigen Abend anbelangt«, sagte Wolfgangs Vater, »gibt es noch etwas, das
du wissen solltest.« Er kramte in einer Schublade. »Julia?«, rief er dann nach hinten,
»wo sind meine Manschettenknöpfe?«
Aus Richtung des Badezimmers war eine undeutliche Antwort zu hören.
»Was denn?«, fragte Wolfgang. Das Jackett gebürstet, die Schuhe
blitzblank gewienert, die Haare frisiert stand er seit mindestens einer halben Stunde
abmarschbereit, wippte auf den Zehen und wäre am liebsten längst unterwegs gewesen.
»Julia?«, rief Dr. Richard Wedeberg, Chefarzt am örtlichen
Krankenhaus und von Kollegen hinter seinem Rücken »Beethoven« genannt wegen seiner
wallenden grauen Haare. »Ich suche meine Manschettenknöpfe. Die mit der
Perlmuttauflage.«
Eine Tür öffnete sich, ein Duft nach Lavendel wehte heran. »Sie sind
entweder in der Garderobenschublade«, rief Wolfgangs Mutter entnervt,
»oder ... «
»Da sind sie nicht.«
»Dann würde ich in deinem Arbeitszimmer nachsehen.«
»Wie sollen meine Manschettenknöpfe denn in mein ... ?«
»Schau einfach nach.« Die Tür schlug zu.
Wolfgang verfolgte, wie sein Vater mit mißbilligendem Gesichtsausdruck
davonrauschte und mit seinen Manschettenknöpfen zurückkam. »Na also«, sagte er
zufrieden. »Sie waren in meinem Arbeitszimmer.« Er stellte sich vor den großen
Ankleidespiegel und nestelte an seinen Hemdsärmeln. »Also, was das Konzert heute abend
anbelangt, solltest du wissen, das der Solo-Cellist, Hiruyoki ... Julia!«, rief er
erneut, »ich finde meine Fliege nicht! Die dunkelrote seidene.«
Wieder die Badtür. Wieder ein Schwall Lavendel. »Du hast sie
wahrscheinlich in der Tasche.«
»Ah, ja. Richtig. Hab' sie!«
Wolfgang verdrehte die Augen. Wenn das so weiterging, würden sie zu
spät kommen. Es brauchte bloß einen Stau zu geben auf der Autobahn, und sie würden
ankommen, wenn das Konzert gerade vorbei war.
»Hiruyoki Matsumoto«, vervollständigte er den Namen, als sein Vater
keine Anstalten dazu machte.
»Er ist erst siebzehn, mußt du wissen«, sagte der, völlig darauf
konzentriert, seine Fliege zu binden. »Ein Wunderkind, schreibt die Presse. Naja, was die
eben so schreiben. Jedenfalls entstammt er einer alten, hochangesehenen japanischen
Familie, die weitläufig mit dem Kaiserhaus verwandt sein soll. Vor sieben Monaten ist er
zum ersten Mal öffentlich in Erscheinung getreten, und nun macht er schon eine
Welttournee.«
»Oha«, machte Wolfgang ahnungsvoll. Er spielte nämlich auch Cello,
und das seit frühester Kindheit. Sein Lehrer bescheinigte ihm großes Talent. Eine
Karriere als Konzertmusikers galt als ausgemachte Sache.
»Du weißt, ich halte nichts davon, Kindern ihre Kindheit zu rauben,
nur um eines Effektes willen. Eine künstlerische Laufbahn ist etwas fürs ganze Leben,
gerade in der Musik. Das geht nicht ohne solide Ausbildung«, fuhr sein Vater fort. Er
wandte sich seinem Sohn zu und lächelte mit funkelnden Augen. »Aber du bist auch bald
soweit. Du wirst auch bald an die Öffentlichkeit gehen können. Und sie werden dich
genauso feiern wie jetzt den jungen Japaner.«
Wolfgang hatte plötzlich einen trockenen Mund. »Meinst du?«
»Ich habe nicht den geringsten Zweifel«, erklärte sein Vater. »Heute
abend wirst du einen Blick in deine Zukunft werfen.«
Er ahnte nicht, wie recht er damit haben sollte.
Und wie sehr er sich zugleich irrte.
Am anderen Ende der Stadt trafen sich an diesem Abend zwei Männer in einer dunklen
Kneipe, in der es nach altem Fritierfett roch und jeder sich um seinen eigenen Kram
kümmerte, sobald das Bier auf dem Tisch stand.
Der eine Mann war schlank, beinahe mager, hatte eine scharf geschnittene
Nase, einen wolligen Vollbart und mehr Falten um die Augen, als seinem Alter - er war kaum
über Dreißig - angemessen gewesen wären. Er schob einen Zettel, auf dem ein paar
gekritzelte Zeilen standen, über den Tisch. »Der Junge heißt Wolfgang Wedeberg«, sagte
er. »Das ist die Adresse, die Schule, in die er geht, und so weiter.«
Der andere Mann war untersetzt und hatte ein leicht aufgedunsenes
Dutzendgesicht. Er nahm den Zettel an sich und überflog, was darauf stand. »Nur
beobachten?«, fragte er.
»Nur beobachten. Und Fotos. Er darf Sie nicht bemerken.«
Der andere faltete den Zettel zusammen und schob ihn in die Brusttasche
seines grauen Kaufhaushemdes. »Davon lebe ich«, sagte er und langte nach seinem
Bierglas. »Daß man mich nicht bemerkt.«
© 2002 by Arena
Verlag, Würzburg
Mit freundlicher Genehmigung |
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