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| Berlin > Geschichte |
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Die Hoffnung -- Havelabwärts von Oranienburg, schon in Nähe Spandaus, liegt das Dorf Tegel, gleich
bevorzugt durch seine reizende Lage wie durch seine historischen Erinnerungen. Jeder kennt
es als das Besitztum der Familie Humboldt. Das berühmte Brüderpaar, das diesem Fleckchen
märkischen Sandes auf Jahrhunderte hin eine Bedeutung leihen und es zur Pilgerstätte
für Tausende machen sollte, ruht dort gemeinschaftlich zu Füßen einer granitenen
Säule, von deren Höhe die Gestalt der »Hoffnung« auf die Gräber beider
herniederblickt. |
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| Schloß
Tegel, ursprünglich ein Jagdschloß des Großen Kurfürsten, kam, wenige Jahre nach dem
Hubertusburger Frieden, in Besitz der Familie Humboldt. Alexander Georg von Humboldt,
einem adeligen pommerschen Geschlechte angehörig, das im Fürstentum Cammin und im
Neustettiner Kreise seine Besitzungen hatte, brachte es im Jahr 1765 durch Kauf an sich.1)
1767 wurde Wilhelm, 1769 Alexander von Humboldt geboren, aber nicht in Tegel, sondern in
Berlin, wo der Vater aller Wahrscheinlichkeit nach in Garnison stand. Nach dem Tode der
Eltern wurde Schloß und Rittergut Tegel gemeinschaftliches Eigentum der beiden Brüder
und blieb es, bis es im Jahr 1802 in den alleinigen Besitz Wilhelms von Humboldt, der
damals Gesandter in Rom war, überging. Alexander von Humboldt hat sich immer nur
besuchsweise in Schloß Tegel aufgehalten, und die historische Bedeutung des Orts wurzelt
überwiegend in der vieljährigen Anwesenheit Wilhelms von Humboldt daselbst, der die
letzten fünfzehn Jahre seines Lebens (von 1820 bis 1835), zurückgezogen von Hof und
Politik, aber in immer wachsender Vertrautheit mit der Muse und den Wissenschaften, auf
dieser seiner Besitzung zubrachte. Die Kunstschätze, die Schloß Tegel bis diesen Augenblick umschließt, gehören, wie ich bei Aufzählung derselben noch weiter hervorheben werde, nicht unwesentlichen Teils in das Gebiet des Familienportraits. Wilhelm von Humboldt selbst, seine Gemahlin, seine drei Töchter (jüngerer, in Rom verstorbener Kinder zu geschweigen) haben alle, sei es in Stein oder Farbe, eine so mannigfache Darstellung gefunden, daß es nötig sein wird, behufs besserer Orientierung, dem Leser einen kurzen Überblick über die Familienverhältnisse Wilhelms von Humboldt zu geben. Wilhelm von Humboldt war mit Karoline Friederike von Dacheröden (geboren am 23. Februar 1766, gestorben am 26. März 1829) vermählt. Aus dieser Ehe wurden ihm, mit Ausschluß der früh verstorbenen Kinder, drei Töchter und zwei Söhne geboren. Die beiden Söhne erhielten die großen oberschlesischen Güter, die Töchter Tegel. Die älteste Tochter, Karoline von Humboldt, blieb unverheiratet und überlebte ihren Vater um kaum zwei Jahre. Die zweite Tochter, Adelheid von Humboldt, war mit dem Generallieutenant von Hedemann vermählt und besaß Schloß Tegel als väterliches Erbteil von 1835 bis zu ihrem Tode 1856. Nach ihrem Tode (sie starb kinderlos) ging Tegel nunmehr auf die dritte Schwester, Gabriele von Humboldt, Witwe des ehemaligen Gesandten in London und Staatsministers von Bülow, über. Das schöne Gut wird aber nicht im Besitz ihrer Deszendenz verbleiben, sondern fällt, nach dem Ableben der Frau von Bülow, an die ältere männliche Linie, will sagen an den Besitzer der schlesischen Herrschaft Ottmachau zurück. Wir haben inzwischen die Ahorn- und Ulmenallee durchschritten und stehen nunmehr, rechts einbiegend, unmittelbar vor dem alten Schloß. Die räumlichen Verhältnisse sind so klein und die hellgelben Wände, zumal an der Frontseite, von solcher Schmucklosigkeit, daß man dem Volksmunde recht geben muß, der sich weigert, von »Schloß Tegel« zu sprechen, und diesen Diminutivbau beharrlich »das Schlößchen« nennt. Man erkennt deutlich noch die bescheidenen Umrisse des alten Jagdschlosses, dessen einzig charakteristischer Zug, neben einem größeren Seitenturm, in zwei erkerartig vorspringenden Türmchen oder Ausbuchtungen bestand. Diese Erkertürmchen sind dem Neubau, der 1822 unter Schinkels Leitung begonnen wurde, verblieben, während der große Seitenturm das hübsche Motiv zur Restaurierung des Ganzen abgegeben hat. An den vier Ecken des alten Hauses erheben sich jetzt vier Türme von mäßiger Höhe, die derart eingefügt und untereinander verbunden sind, daß sie im Innern nach allen Seiten hin die Zimmerreihen erweitern, während sie nach außen hin dem Ganzen zu einer Stattlichkeit verhelfen, die es bis dahin nicht besaß. Wir treten nun ein und befinden uns auf dem niedrigen, aber ziemlich geräumigen Hausflur, der ganz im Charakter eines Atriums gehalten ist. Kurze dorische Säulen tragen Decke und Gebälke, eine einfach gemusterte Steinmosaik füllt den Fußboden, und Basreliefs aller Art und Größe schmücken zu beiden Seiten die Wand. Ziemlich in der Mitte des Atriums erhebt sich, auf einem Sockel oder Fußgestell, die eigentliche Sehenswürdigkeit desselben: eine antike, mit bacchischen Reliefs verzierte Brunnenmündung, die sich vormals in der Kirche St. Calisto in Trastevere zu Rom befand. Der Sage nach soll der heilige Calixtus in dieser marmornen Brunnenmündung ertränkt worden sein, weshalb das Wasser, das aus derselben geschöpft wurde, lange Zeit für wundertätig galt. Wilhelm von Humboldt, während seines langjährigen Aufenthalts in Rom, brachte dieses interessante Kuriosum käuflich an sich und schmückte dasselbe mit folgender lateinischer Inschrift: »Puteal, sacra bacchica exhibens, idem illud, in quo, ad martyrium patiendum, circa A. CCXXIII, S. Calistus immersus traditur, ex eiusdem S. Calisti aede Romana Transtiberina emptionis iure hue devectum.« (Also etwa: »Diese Brunnenmündung, einen Bacchuszug auf ihrer Außenseite darstellend, ist dieselbe, in welcher, einer Sage nach, der heilige Calixtus ertränkt wurde und das Martyrium erduldete, etwa 223 nach Christus. In der Kirche des heiligen Calixtus zu Trastevere bei Rom käuflich erstanden, wurde sie -- die Brunnenmündung -- hierher gebracht.«) Zu beiden Seiten des Atriums befinden sich verschiedene Räumlichkeiten, die alle ohne Bedeutung sind, mit Ausnahme des nach rechts hin gelegenen Studierzimmers Wilhelms von Humboldt. Vieles darin erinnert noch an seinen ehemaligen Bewohner, der hier die reifsten seiner Arbeiten überdachte und niederschrieb. Hier entstanden, seiner Familie selbst ein Geheimnis und nach seinem Tode erst aufgefunden, jene Sonette, die Alexander von Humboldt gewiß mit Recht »die Selbstbiographie, die Charakteristik des teuren Bruders« genannt hat. Hier traten, in mitternächtiger Stunde, jene stillen Klagen und Bekenntnisse ans Licht, zu deren sorglicher Konzipierung und Gestaltung ihm die Arbeit des Tages keine Muße gegönnt hatte; hier schrieb er in Dankbarkeit gegen die Stille und Verschwiegenheit der Nacht: Das Leben ist an Möglichkeit gebunden, Allein der Mitternacht geheime Stunden stille, durch poetische Innigkeit ausgezeichnete Bekenntnisse, an denen sich glücklicherweise die bescheidene Hoffnung des Dichters: Vielleicht geschieht's, daß freundliches Gefallen und nicht die Resignation der zwei folgenden Zeilen erfüllt hat: Sonst in des Zeitenstromes breitem Bette In der Nähe der Fensterwand steht der Schreibtisch, kein elegantes
Tischchen, sondern ein schwerer, massiver Bau aus Mahagoniholz, ersichtlich »ein Krieger
für den Werkeltag«. Auf ihm, und zwar in der Mitte desselben, erhebt sich eine antike
Doppelherme, rechts daneben ein Torso, links aber die berühmte, vom Maler Asmus Carstens
herrührende Statuette einer Parze, die am Sockel die Namensinschrift des Künstlers und
die Jahreszahl 1795 trägt. An der gegenüberliegenden Wand, so daß das Auge des
Schreibers, sooft er aufblickte, darauf fallen mußte, befinden sich die Statuen der
Kapitolinischen Venus und der Venus von Milo, zwischen beiden ein Panorama von Rom und die
Konstantins-Schlacht, nach dem berühmten Raffaelischen Bilde. Die Gesamtheit der in
diesem Zimmer vorhandenen Kunstschätze aufzählen zu wollen hieße den Leser ermüden;
nur einer Kreidezeichnung Thorwaldsens, »Bacchus, welcher dem Amor zu trinken gibt«, sei
noch, ihrer besonderen Lieblichkeit und Grazie halber, erwähnt. |
1.) Es scheint zweifelhaft, ob Tegel 1765 durch Kauf oder 1766 als Frauengut an den Major von Humboldt kam. Ich finde nämlich anderen Orts, aus ersichtlich guter Quelle, folgendes: »1766 vermählte sich der Ohristwachtmeister (Major) von Humboldt mit Marie Elisabeth, geborne Colomb, verwitwete Frau von Hollwede. Aus dieser Ehe wurden Wilhelm und Alexander von Humboldt geboren. Die Mutter der beiden Brüder war, als Erbtochter des Direktors Johann Heinrich Colomb, Besitzerin von Ringenwalde in der Neumark, Tegel und Falkenberg (anderthalb Meilen von Berlin). In der Falkenberger Kirche ließ Frau von Humboldt 1795 ein Erbbegräbnis bauen, in dem sowohl sie selbst wie ihre beiden Ehemänner: Hauptmann von Hollwede, gestorben 1765, und Obristwachtmeister von Humboldt, gestorben 1779, beigesetzt wurden. Frau von Humboldt starb 1796.« |
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| Antiken. Die
Statue der Nymphe Anchyrrhoe mit einem Wassergefäß, gefunden vor Ponte Molle bei der
Osteria la Finocchia. Ihren Namen (Anchyrrhoe) hat diese Statue nach einer Bezeichnung,
welche Ennio Quirino Visconti auf einem andern, lebensgroßen, jetzt im Louvre
befindlichen Exemplar derselben Statue, von übrigens viel geringerer Arbeit, gefunden
hat. Diese Statue hingegen zeichnet sich ebensosehr durch das graziöse Motiv wie durch
die vortreffliche Arbeit aus. Die Statuette einer tanzenden Bacchantin mit dem Thyrsus (der Kopf modern). -- Das Fragment einer antiken Sarkophagskulptur, welche den Raub der Proserpina darstellt. -- Der thronende Jupiter, ein Relief aus dem Palast Rondanini. -- Vulkan, ein Relief, ebendaher. -- Ein Rund, auf dessen einer Seite sich der Kopf des Jupiter Ammon, auf der andern eine opfernde Bacchantin befindet. -- Die antike Statue des Bacchus aus pentelischem Marmor. Der Kopf, nach Angaben von Rauch, ergänzt. -- Die drei Parzen, ein antikes Basrelief in Marmor. Dieses Relief ist besonders durch die Art der Auffassung merkwürdig. Die sitzende Klotho spinnt, und die in der Mitte stehende Atropos schneidet den Lebensfaden ab; die Lachesis aber steht an einem Globus und bezeichnet an demselben das menschliche Geschick. Hieran schließen sich, bevor wir zu den Arbeiten neuer Meister übergehen, jene wertvollen, wenigstens zum Teil der Antike angehörigen Geschenke, die von seiten Pius' VII., als Zeichen des Danks für wichtige, auf dem Wiener Kongreß und später in Paris ihm geleistete Dienste, an Wilhelm von Humboldt überreicht wurden. Diese Geschenke sind folgende: Eine Säule von orientalischem Granit, die eine moderne Kopie, in grünem Porphyr, von dem berühmten Kopfe der Medusa aus dem Hause Rondanini trägt, deren Original sich in der Glyptothek zu München befindet. -- Zwei andere Säulen aus rosso antico von großer Schönheit, die zwei zierliche Vasen aus jener Marmorart tragen, die den Namen giallo antico führt. -- Alle drei Säulen tragen, aufgehängt an einem Kettchen, das in Erz gegossene und vergoldete Wappen Pius' VII. Es besteht aus drei Feldern, in deren größerem sich das päpstliche Doppelkreuz und die Inschrift »Pax« befindet, während die zwei kleineren Felder drei Sternchen und drei Köpfe zeigen. Über jedem einzelnen Wappen kreuzen sich die Schlüssel Petri. Diese wertvollen Geschenke wurden an Wilhelm von Humboldt mit folgendem Schreiben überreicht: »An den Herrn Baron von Humboldt der Papst Pius VII. Der so nachdrückliche Beistand, welchen Sie dem Ritter Canova2) zu dem glücklichen Ausgang seines Auftrags haben angedeihen lassen, hat Uns nicht überrascht, denn da Wir Sie zur Genüge kennen, versahen Wir Uns mit Gewißheit, daß Sie sich der Sache Roms und Unserer Person mit Nachdruck annehmen wurden. Nichtsdestoweniger fühlen Wir Uns, nachdem Wir vernommen, wieviel Sie zu der Rückkehr der antiken Denkmale, Handschriften und anderer kostbarer Gegenstände beigetragen haben, verpflichtet, Ihnen in eigener Person Unsern Dank zu erkennen zu geben. Rom hatte sicherlich Ursache, Sie nicht zu vergessen, der Sie sich, während Ihres Aufenthaltes daselbst, so viel Liebe und Achtung erworben, es wird aber fortan noch einen andern gewichtigen Grund haben, Ihrer als des wohlverdienten Freundes des Sitzes der schönen Künste zu gedenken. Wir werden Ihnen ein dankbares Andenken für dasjenige bewahren, was Sie in dieser bedeutenden Angelegenheit gewirkt haben, wie Wir Ihnen ein Gleiches für alles dasjenige bewahren, welches Sie zu Unserm Frommen in Wien getan, wie der Kardinal Consalvi Uns berichtet hat. Wir werden mit der größten Freude jede Gelegenheit ergreifen, um Ihnen Unser besonderes Wohlwollen und Unsere Achtung zu bezeugen, und werden den Höchsten bitten, daß es ihm gefallen möge, über Sie seine Gaben und seine himmlische Erleuchtung in Fülle auszugießen und Ihnen die vollkommenste Glückseligkeit zu bescheren. Gegeben zu Castel Gandolfo, den 26. Oktober 1815, im sechzehnten Jahre Unseres Pontifikats. Pius P. P. VII.« |
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| 2.) Der berühmte Bildhauer Canova war im Jahr 1815 Kommissarius für die Zurückforderung der aus den päpstlichen Staaten nach Paris entführten Kunstdenkmäler. | |
| Ich fahre nun fort in
der Aufzählung der in Tegel vorhandenen Originalwerke der Skulptur sowohl wie der
Malerei. Zunächst von Thorwaldsen. Die Statue der »Hoffnung« im Stil der altgriechischen Kunst, mit der Lotosblume in der Rechten. Eine Kopie dieser Statue, von Friedrich Tieck herrührend, krönt die Säule auf dem mehrgenannten Begräbnisplatz der Familie. -- Die Marmorbüste der Frau von Humboldt. -- Die Marmorbüste Wilhelms von Humboldt. -- Zwei Kreidezeichnungen: Maria mit dem Kinde und dem kleinen Johannes, und Maria und das Christuskind, welche sich liebkosen. Die erste Zeichnung trägt die Unterschrift: »Albertus Thorwaldsen in. et del.«; die zweite: »Roma, 23 Febbrajo 1818, A. Thorwaldsen f.« Von Rauch. Venus, welche dem Mars ihre vom Diomedes verwundete Hand zeigt. Marmorrelief, in einem Rund ausgeführt. Eine der frühesten und reizendsten Arbeiten des Meisters. -- Die sitzende Statue eines jungen Mädchens, durch den Schmetterling in ihrer Rechten als Psyche bezeichnet (zu gleicher Zeit Portraitstatue der damals, 1810, zehnjährigen Adelheid von Humboldt). -- Die Marmorbüste Alexanders von Humboldt. -- Die Büsten der als Kinder verstorbenen Gustav und Luise von Humboldt. Von Friedrich Tieck. Die Statuen des Odysseus, des Achill, der Omphale und Iphigenie. -- Reliefbild Alexanders von Humboldt. -- Reliefbild des Grafen Gustav von Schlabrendorf. Von Gottlieb Schick. Adelheid und Gabriele von Humboldt als Kinder, Ölportraits auf einem Bilde, eines der vorzüglichsten Werke dieses leider so früh verstorbenen Künstlers. Durch das offene, weinumrankte Fenster sieht man auf Berg und See einer still heitern italienischen Landschaft hinaus. Die schlichten, einfachen Kleidchen verhüllen nur eben die jugendlichen Körper der beiden Mädchen, von denen die jüngere träumerisch mit Blumen spielt. -- Das Bildnis Karolinas von Humboldt, der älteren Schwester der beiden eben genannten. In Größe, Farbe und Auffassung dem vorigen Bilde sehr ähnlich, aber nicht ganz von demselben Reiz. Von Karl Philipp Fohr (1818 in Rom ertrunken). Hagen im Gespräch mit den Donaunixen (Federzeichnung). Von Karl Steuben. Das Bildnis Alexanders von Humboldt, damals (1812) zweiundvierzig Jahre alt, in lebensgroßer Figur. Vorn Basaltsäulen, im Hintergrunde der Chimborasso. Höchst brillant gemacht, aber nicht ohne Anflug von Manier. Vielleicht verlohnt es sich, und zwar speziell im Hinblick auf die zuletzt genannten Portraits, die ganze reiche Sammlung noch ein zweites Mal kurz an uns vorüberziehen zu lassen, lediglich um uns mit der Tatsache vertraut zu machen, daß neben einem Kultus der Schönheit, der unbestritten hier stattfand, zu gleicher Zeit ein Familiensinn, ein alle Glieder umschlingendes Liebesband hier anzutreffen war, das, wie in manchem andere, so auch namentlich in der reichen Ansammlung von Familienportraits einen sprechenden Ausdruck gefunden hat. Die Zahl dieser Portraits, mit Umgehung geringfügiger Arbeiten, ist siebzehn. Alexander von Humboldt: Zwei große Ölbilder von Steuben und einem Ungenannten, vielleicht Wach oder Krüger; eine Portraitbüste von Rauch; ein Reliefportrait von Friedrich Tieck. Wilhelm von Humboldt: Eine Büste von Thorwaldsen; ein Relief von Martin Klauer in Rom; ein Kreideportrait von Franz Krüger. Frau von Humboldt: Ein Ölportrait von Schick; eine Marmorbüste von Thorwaldsen; ein Kreideportrait von Wilhelm Wach. Karoline von Humboldt: Ölbild von Schick. Adelheid von Humboldt: Ölbild von Schick; Marmorstatue (als Psyche) von Rauch. Gabriele von Humboldt: Ölbild von Schick. Gustav und Luise von Humboldt: Zwei Büsten von Rauch. Therese von Bülow: Büste von Rauch. Außer den fünf Zimmern, die alle diese Kunstschätze von Meisterhand enthalten, befinden sich im obern Stockwerk noch einige andere Räume, die nicht eigentlich zu den Sehenswürdigkeiten des Schlosses gehören, aber, unter dem Einfluß des Kontrastes, bei jedem, der zu ihrem Besuch zugelassen wird, ein lebhaftes Interesse wecken werden. Hier in den Zimmern, die nach außen hin nichts zu bedeuten, nichts zu repräsentieren haben, hängen die ersten Anfänge kurbrandenburgischer Malerkunst wie ebenso viele grob getuschte Bilderbogen an Wand und Pfeiler und zwingen selbst dem preußenstolzesten Herzen ein mitleidiges Lächeln ab. Sinn und Seele noch tief erfüllt vom Anblick idealer Schönheit, die in hundert Gestalten, und doch immer als dieselbe eine, eben erst zu uns sprach, werden wir, angesichts dieser blauroten Soldateska, irre an allem, was uns bis dahin als Aufgabe einer neuen Zeit, als Ziel einer neuen Richtung gegolten hat, und verlegen treten wir seitwärts, um des Anblicks von Dreimaster und Bortenrock nach Möglichkeit überhoben zu sein. Mit Unrecht. Nicht die Richtung ist es, die uns verdrießt, nur das niedrige Kunstmaß innerhalb derselben. Ein Modell der Rauchschen Friedrichs-Statue, eine Menzelsche Hochkirch-Schlacht würden uns auch vielleicht frappiert, aber doch noch im Augenblicke der Überraschung, durch ihren Eindruck auf unser Gemüt, uns ihre Ebenbürtigkeit bewiesen haben. |
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| Wir verlassen nun das
Haus und seine bildgeschmückten Zimmerreihen, um der vielleicht eigentümlichsten und
fesselndsten Stätte dieser an Besonderem und Abweichendem so reichen Besitzung
zuzuschreiten -- der Begräbnisstätte. Der Geschmack der Humboldtschen Familie,
vielleicht auch ein Höheres noch als das, hat es verschmäht, in langen Reihen eichener
Särge den Tod gleichsam überdauern und die Asche der Erde vorenthalten zu wollen. Des
Fortlebens im Geiste sicher, durfte ihr Wahlspruch sein: »Erde zu Erde.« Kein Mausoleum,
keine Kirchenkrypta nimmt hier die irdischen Überreste auf; ein Hain von Edeltannen
friedigt die Begräbnisstätte ein, und in märkisch-tegelschem Sande ruhen die Mitglieder
einer Familie, die, wie kaum eine zweite, diesen Sand zu Ruhm und Ansehen gebracht. Zwei Wege führen vom Schloß aus zu diesem inmitten eines Hügelabhangs gelegenen Friedhof hin. Wir wählen die Lindenallee, die geradlinig durch den Park läuft und zuletzt in leiser Biegung zum Tannenwäldchen hinansteigt. Unmerklich haben uns die Bäume des Weges bergan geführt, und ehe uns noch die Frage gekommen, ob und wo wir den Friedhof finden werden, stehen wir bereits inmitten seiner Einfriedigung, von dicht und wandartig sich erhebenden Tannen nach allen vier Seiten hin überragt. Das Ganze berührt uns mit jenem stillen Zauber, den wir empfinden, wenn wir plötzlich aus dem Dunkel des Waldes auf eine Waldwiese treten, über die abwechselnd die Schatten und Lichter des Himmels ziehen. Die Bergwand, die den Platz gegen Norden und Osten hin umlehnt, schützt ihn gegen den Wind und schafft eine selten unterbrochene Stille. Die Form des Ganzen ist ein Oblong, etwa dreißig bis vierzig Schritte lang und halb so breit. Der ganze Raum teilt sich in zwei Hälften, in eine Gartenanlage und in den eigentlichen Friedhof. Dieser besteht aus einem eingegitterten Viereck, an dessen äußerstem Ende sich eine dreißig Fuß hohe Granitsäule auf Quaderstufen erhebt. Von dem ionischen Kapitäl der Säule blickt die Marmorstatue der »Hoffnung« auf die Gräber herab. Blumenbeete schließen das Eisengitter ein. Die Zahl der Gräber, wenn ich richtig gezählt, beläuft sich auf zwölf, und wenig Raum ist gelassen für neu hinzukommende. Die Grabsteine, die sich der Säule zunächst befinden, darunter die Wilhelms von Humboldt seiner Gemahlin und der ältesten Tochter Karoline, haben keine Inschriften, sondern Name, Geburts- und Todesjahr der Heimgegangenen sind in die Quadern des Postaments eingegraben. Die mehr am andern Ende des Gitters gelegenen Hügel aber weisen kleine Marmortäfelchen auf, die einfach den Namen und die Daten tragen und in ihrer Schlichtheit an die Stäbchen erinnern, die der Gärtner dort in die Erde steckt, wo er um die Herbstzeit ein Samenkorn für den Frühling eingelegt hat. Alle Gräber sind mit Efeu dicht überwachsen; nur eines, der Gittertür und dem Beschauer zunächst, entbehrt noch des frischen, dunkelgrünen Kleides. Fahl gewordene Tannenreiser bedecken die Stätte, aber auf den Reisern liegen Lorbeer- und Eichenkränze und verraten leicht, wer unter ihnen schläft. Wenn ich den Eindruck bezeichnen soll, mit dem ich von dieser Begräbnisstätte schied, so war es der, einer entschiedenen Vornehmheit begegnet zu sein. Ein Lächeln spricht aus allem und das resignierte Bekenntnis: Wir wissen nicht, was kommen wird, und müssen's -- erwarten. Deutungsreich blickt die Gestalt der Hoffnung auf die Gräber hernieder. Im Herzen dessen, der diesen Friedhof schuf, war eine unbestimmte Hoffnung lebendig, aber kein bestimmter siegesgewisser Glaube. Ein Geist der Liebe und Humanität schwebt über dem Ganzen, aber nirgends eine Hindeutung auf das Kreuz, nirgends der Ausdruck eines unerschütterlichen Vertrauens. Das sollen nicht Splitterrichter-Worte sein, am wenigsten Worte der Anklage; sie würden dem nicht ziemen, der selbst lebendiger ist in der Hoffnung als im Glauben. Aber ich durfte den einen Punkt nicht unberührt und ungenannt lassen, der, unter allen märkischen Edelsitzen, dieses Schloß und diesen Friedhof zu einem Unikum macht. Die märkischen Schlösser, wenn nicht ausschließlich feste Burgen altlutherischer Konfession, haben abwechselnd den Glauben und den Unglauben in ihren Mauern gesehen; straffe Kirchlichkeit und laxe Freigeisterei haben sich innerhalb derselben abgelöst. Nur Schloß Tegel hat ein drittes Element in seinen Mauern beherbergt, jenen Geist, der, gleich weit entfernt von Orthodoxie wie von Frivolität, sich inmitten der klassischen Antike langsam, aber sicher auszubilden pflegt und, lächelnd über die Kämpfe und Befehdungen beider Extreme, das Diesseits genießt und auf das rätselvolle Jenseits hofft. |
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