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Andreas Gruber

Ex Libris: Achtzehntausend Gigabyte

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Als der Winter für weitere sechs Monate herein brach, wurde es kalt, bitterkalt, sodass die Tränenflüssigkeit unter seinen Lidern gefror und der Atem vor seinem Gesicht zu einer Nebelwolke erstarrte. Er musste sich bewegen, ohne Pause, damit sich sein Blut in den Adern nicht zu einem dunkelroten Strang verhärtete.

Sein Weg führte ihn an den Ruinen der Menschenfabriken vorbei. Vor Jahrzehnten hatten sie dort den genetischen Schlüssel des menschlichen Gehirns geknackt, seine Struktur verändert, auf ein biologisch-maschinelles Niveau gehoben, genial, brillant, zukunftsweisend – der Evolution eine neue Richtung gegeben, ohne Gott gefragt zu haben. Man sprach nicht mehr länger von einer bloßen Nutzung des Gehirns von fünf Prozent, wie damals, im alten Jahrtausend, sondern nur noch von einer ungenutzten Reserve, die weniger als drei Prozent betrug. Mit dem Implantat einer komprimierten Speichererweiterung konnten die Datenträger sogar ihre Kapazität verdoppeln. Die Menschenfabriken waren überflüssig geworden. Mittlerweile gab es rationellere Verfahren. Seitdem war der Mensch zum Übermenschen mutiert, zum Sklaven der Rationalität geworden, entmenschlicht, entgeistigt, emotional tot, wie eine Nulllinie am EKG, die sich im Dunkel verliert.

Ausgetretene, viel zu große Soldatenstiefel trugen seinen knabenhaften Körper über schwarzen Schnee, von den Maschinen an den Straßenrand gepresst, zu Klumpen gefroren und gefärbt von den Pestiziden der Luft. Sein schmaler Schatten bewegte sich ruhelos weiter, durch die Schluchten, zwischen den Ruinen ausgebrannter Skelette hindurch, immer in Bewegung. Noch war er kein Datenträger, noch lagen fünfundneunzig Prozent seines Gehirns brach, doch arbeitete es daran, wartete wie ein Schwamm darauf, sich zu füllen, Informationen aufzusaugen und sich mit einem Hypersprung auf eine neue, zweckmäßigere Stufe der Evolution zu katapultieren.

Der Nebel verdichtete sich zu einer Wand, waberte durch den Luftzug seiner Bewegung auseinander und schloss sich hinter ihm, als hätte ihn der bleifarbene Dunst verschluckt.

... seltsam, im nebel zu wandern, leben ist einsam sein ...

Da waren sie! Blitzlichter, Gedankensplitter, Momentaufnahmen, allesamt Vorboten des Programms. Es begann zu wirken, der Datenhändler hatte nicht gelogen, die Synapsen und Eiweißzellen verschmolzen mit den Bits und Bytes der Siliziumleitungen, wie ein Milliarden-Teile-Puzzle, das sich durch Versuch und Irrtum langsam zusammen setzte. Als würde sein Gehirn neu formatiert, schossen ihm vage Ahnungen durch den Kopf, déjà-vus einer geborgten Realität.

Zwar wusste er, dass es keine Erinnerung sein konnte, dennoch erweckte das Programm diesen Eindruck. Dankbar wollte er daran glauben und sie festhalten. Tränen liefen ihm übers Gesicht, erstarrten auf den Wangen zu einem Gitternetz aus Eis. Er jubelte, lachte auf, hörte das Echo im Nebel versinken, ihn durchdringen und Sekunden später jenseits des Himmels an den Spitzen der Ruinen widerhallen. Er dachte an die Kälte, die Böen und den beißenden Wind, der vor kurzem noch an seinem Overall gezerrt und wie mit messerscharfen Eisklingen sein Gesicht zerschnitten hatte.

... verbraucht alle kohle; leer der kübel; sinnlos die schaufel; kälte atmend der ofen; das zimmer vollgeblasen von frost ...

Er atmete auf. Der Nebel schützte ihn vor seinen Verfolgern. So weit draußen würden sie ihn nicht finden. Jetzt fühlte er sich frei, von den Zwängen des Lebens gelöst. Kein Lager, keine Labors und Aufseher, keine Implantate und Injektionen mehr.

... ich wollte tief leben, alles mark des lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht leben war, in die flucht geschlagen wurde ...

Endlich war es so weit: Er war, wie alle anderen Klone seiner Generation auch, zu einem Datenträger geworden, jedoch völlig anders, nein, außergewöhnlich, einzigartig ... und er erinnerte sich an die Zeit, bevor er den Datenhändler getroffen hatte.

© Andreas Gruber 2000
Erstveröffentlichung in Die letzte Fahrt der Enora Time (Berlin: Shayol, 2000)
Erschienen in
Andreas Gruber: Die letzte Fahrt der Enora Time (Berlin: Shayol, 2001)
Andreas Gruber: Die letzte Fahrt der Enora Time [2. Aufl.] (Berlin: Shayol, 2003)
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