Stuart Nickels, der gut gebaute, braun gebrannte Endvierziger mit dem strahlenden Lächeln der Marke erfolgreicher Entertainer, lief mit erhobener Faust quer über die Showbühne. Wie immer war sein Outfit perfekt: grau meliertes, lässig gestyltes Haar, dreiteiliger Anzug, blitzblaue Krawatte und glänzende schwarze Schuhe mit klappernden Metallsohlen. Das Saalpublikum tobte, die Menschen trampelten mit den Füßen, vereinzelt ertönten sogar Pfiffe und Schreie. Die Kamera schwenkte für einen Moment ins Publikum. Wie jede Woche war die Robert Sheckley Hall in Los Angeles mit fünfzehntausend Besuchern randvoll besetzt. Plakate wurden in die Höhe gehalten, Banner entrollt. Nickels, nimm die Ruten lass die Schweine bluten. Über einigen, vermutlich derberen Bannern lag der schwarze Zensurbalken des Fernsehsenders.
Stuart Nickels grinste breit in die Kamera. Der Glanz seiner weißen Zahnreihe wurde nur durch das Blitzen seiner Goldringe übertroffen. Es war seine Show, sein Abend, und dieses Mal würde er wieder sämtliche Einschaltquoten-Rekorde brechen. Obwohl ein Mikro an seinem Kehlkopf klebte, hielt er wegen des Showeffekts ein Stabmikrofon in der Hand, mit dem er durch die Luft wedelte, um das Publikum zu beruhigen.
»Diesmal!«, rief er. »Diesmal haben wir wieder drei ebenbürtige Kandidaten für die Show gefunden, und ich verspreche Ihnen im Saal und unseren Zusehern zu Hause vor den Bildschirmen: Es wird sensationell, es wird grandios, es wird einmalig!«
Die Menge johlte, als die Pyrotechnikwand in einem Funkenregen aufging. Aus markierten Bodenvertiefungen erhoben sich drei Schalensitze mit jeweils einem Kandidaten darin. Zugleich entbrannte im Saal eine grelle Lasershow, sodass die Kandidaten geblendet die Augen schlossen.
»Ja, ja, ja!«, brüllte Stuart Nickels, um die Stimmung im Publikum weiter anzuheizen. Dann streckte der Showmaster den Arm aus. »Doktor Beebott!«
Hinter einer Wand tauchte ein Mann im weißen Kittel auf, der im Vergleich zu Stuart Nickels unspektakulär wirkte. Ob Mr. Beebott ein echter Arzt war, wusste niemand so genau, jedenfalls tat er so. Cecille, Stuart Nickels Assistentin, eine langbeinige Blondine, die stets so knapp bekleidet war, dass es beinahe zu früh war, die Show um 22.30 Uhr auszustrahlen, kam ebenfalls hinter dem Vorhang hervor. Im Publikum erklangen einige anzügliche Pfiffe.
»Ja, ja, ja! Das gefällt euch!« Stuart Nickels grinste.
Cecille assistierte Dr. Beebott, als er den Kandidaten den Ärmel aufkrempelte, ihnen eine Blutprobe aus der Armbeuge und eine Speichelprobe aus dem Mund entnahm. Als die Mitspieler die obligatorische Urinprobe abgaben, schwenkte die Kamera diskret zur Seite. Nickels kam groß ins Bild.
»Heute kämpfen wieder einmal drei Kandidaten um das große Finale: Sam Mendez aus Mexiko, Steve Gordon aus New York und Albert Weinman aus Maine.«
Eine kurze Einspielung zeigte die drei Männer in ihrer gewohnten Umgebung. Sam Mendez, ein schlanker Mexikaner mit pechschwarzen Rastalocken und zugleich der jüngste der Teilnehmer, saß in einem ärmellosen weißen Shirt auf der Veranda einer Blockhütte, die von Mangroven umgeben war. Er trug einen Strohhut und grinste in die Kamera. Steve Gordon, ein hoch gewachsener, älterer Mann mit Halbglatze entstieg einem New Yorker Taxi und winkte in die Kamera. Zuletzt spazierte Albert Weinman, ein klein geratener, übergewichtiger Mann, mit einem Hund an der Leine vor einem Einfamilienhaus an der Küste Maines entlang. Die Einspielung verblasste. Zu sehen war wieder das blitzblaue, futuristische Logo von Weiter oder Raus.
Stuart Nickels legte den Kopf schief, als lausche er den Regieanweisungen, die er über seinen Ohrstöpsel erhielt. Kaum bemerkte er, dass die Kamera sein Gesicht in einer Großaufnahme eingefangen hatte, hellte sich sein Blick auf. »Befragen wir unsere heutigen Kandidaten zu ihrem Motiv, bei Weiter oder Raus mitzumachen.« Er ging zu den drei Schalensitzen.
Soeben beendete Dr. Beebott seine Tätigkeit. Cecille stapelte neun Glasröhrchen auf einem Tablett, das sie graziös zum Labor trug, welches am Bildschirmrand zu sehen war. Während Dr. Beebott mit der Auswertung begann, trat Stuart Nickels zum ersten Kandidaten.
»Sam Mendez aus Mexiko, bist du überhaupt schon volljährig?« Misstrauisch hielt der Showmaster dem braun gebrannten Jugendlichen mit den schulterlangen, schwarzen Rastalocken das Mikrofon vors Gesicht.
»Ich bin zweiundzwanzig!« Sam Mendez Stimme klang schrill.
»Ich weiß, wir haben das geprüft.« Nickels lächelte. »Du wohnst bei deiner Schwester in San Río und züchtest Hunde. Was führt dich zu uns?«
»Spielschulden.«
»Spielschulden?«, wiederholte Nickels ungläubig. »Wie wärs mit Arbeiten, Sam?« Das Publikum lachte.
Mendez Gesicht wurde rot. »Ey, du Arschfi...« Ein rascher Piepton wurde eingeblendet. »... hast keine Ahnung, wovon du redest!«
Stuart Nickels blieb ruhig und souverän. »Also Spielschulden sind deine Motivation, hier mitzumachen. Du glaubst, du gewinnst?«
»Ey, Mann, ich muss gewinnen! Ich habe dreihundert Riesen bei einem Hundekampf verloren. Der Scheißköter hat in der sechsten Runde schlapp gemacht. Was bleibt mir anderes übrig?«
Stuart Nickels stieß einen Pfiff aus. »Dreihunderttausend Dollar sind kein Pappenstiel! Da wir jetzt sozusagen unter uns sind: Bei wem hast du die Schulden, Sam?«
»Ey Mann, ich bin tot, wenn ich das rausposaune. Und wenn ich nicht zahle, schicken die mir Jungs vorbei, die mir die Beine brechen, jeden Finger einzeln abschneiden und mich wie ein Schwein ausweiden.«
»Oh, wie grausam!« Nickels verzog das Gesicht, das Publikum begann zu applaudieren.
»Jedenfalls brauche ich das Geld!«, rief Mendez in das Mikrofon, als wollte er das Publikum auf seine Seite bringen. »Dreihunderttausend! Und den Rest, damit ich mich nach der Show wieder zusammenflicken lasse.«
»Du weißt aber, dass du keinen Cent bekommst, wenn du während eines Showblocks aufgibst«, erinnerte ihn Nickels.
Mendez nickte. »Ey, ich kann nicht aufhören, ich muss es bis zum Ende durchziehen. Die anderen können gleich aufgeben!« Er musterte seine beiden Nachbarn mit einem geringschätzigen Blick. »Vergesst es, Leute und verpi... !« Der eingeblendete Piepton schluckte den Rest des Satzes.
»Kommen wir zu unserem nächsten Kandidaten.« Nickels ging zum mittleren Stuhl. »Steve Gordon aus New York. Hallo Steve!«
Der ältere Mann mit dem grauen Haarkranz und dem Hawaiihemd verzog keine Miene. Mit stoischer Ruhe saß der Hüne aufrecht auf seinem Stuhl und blickte für einen Moment in die Kamera. Seine Augen hatten den scharfen, funkelnden Blick eines Raubtiers.
»Steve, Sie sind gut gebaut. Stemmen Sie Gewichte?«
Steve Gordon nickte knapp.
»Was ist Ihr Job?«
»Bin im Ruhestand«, knurrte Gordon.
»Aha.« Nickels grinste in die Kamera. »Ich erzähle Ihnen etwas über unseren schweigsamen Kandidaten. Steve Gordon ist Militärhelikopter für die Army geflogen. Er kannte die Apache und die Black Hawk noch von innen. Er spricht nicht gern über diese Zeit, aber Weiter oder Raus bringt es ans Tageslicht, und es ist meine Aufgabe, Sie zu informieren!« Nickels riss die Arme hoch, das Publikum tobte.
