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Ronald M. Hahn

Anschlag auf die Götter

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Als der Zynische Routinier über die Stadt hinwegfliegt, fühlt er sich wie im Höhenrausch. Den entsetzlichen Gestank, der über den zyklopenhaften Türmen lastet, riecht er nicht. Er fühlt auch nicht das Kratzen der pestgeschwängerten Luft, die sich knirschend an der schützenden Hülle reibt, denn das Kraftfeld, das ihn schweben läßt, ist stark genug, um alles Störende fernzuhalten.

Der Zynische Routinier ist groß, schwarzhaarig und stark, aber dies ist nur eine Maske, die er für den heutigen Abend angelegt hat. Er fühlt sich wie ein zum Angriff übergehender Hai, und in gewissem Sinne ist er es auch. Er atmet gesunde, würzige Luft, bläst den kraftstotzenden Oberkörper auf und nickt den schillernden Lichtkaskaden zu, die die Stadt mit bunten Strahlen überschütten.

Unter ihm – und dessen ist er sich in jeder Sekunde seines Daseins bewußt – liegt die Hölle, die jeden wie ihn vernichten muß. Die Luft der Stadtmenschen besteht zu einem dermaßen hohen Teil aus Stickstoff und Abgasen, daß er ohne Kraftfeld auf der Stelle ersticken würde.

Und dennoch liebt er diesen Stadtmoloch. Er lauscht seinem Pulsieren, ertastet das Leben, empfindet eine fast schmerzhafte sexuelle Erregung und malt sich aus, was ihm die Nacht wohl bescheren wird. Erinnerungen drängen sich auf. Er denkt an das Hurenrudel, das ihm auf der letzten Orgie des Größten Aller Bluffer die Stunden versüßt, und an Kay, die ihn verlassen hat. Sie hat eh nie zu ihm gepaßt.

Die Türme werden höher. Die Lichter verdichten sich. Der Zynische Routinier durchstößt die Schicht der städtischen Gasablagerungen, hält auf die weit ausladende Landeplattform des Multimedia-Glasturms zu und winkt den Leuten zu, die unter ihm gerade in den Lift steigen, der sie hinunter bringt. Das Gebrodel der Straßen liegt so tief unter ihm, daß er es nur anhand des grellen Lichtgeflackers wahrnehmen kann.

Millionen gesichtsloser kleiner Käfer bevölkern das Unten; schmutzige kleine Wesen auf zwei Beinen; Wichte mit unreiner Haut und Plattfüßen. Der Zynische Routinier kennt eine Menge Leute, die sich bei der Vorstellung, zu ihnen hinabsteigen zu müssen, vor Entsetzen schütteln würden.

So niedrig wie ihr Dasein, denkt er leidenschaftslos, ist auch ihr Geist. Sie sind tückisch, gemein und nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Fressen, Ficken, Fernsehen ist ihr Leben. Die Segnungen der Zivilisation sind viel zu schade für sie. Sie wollen das genaue Gegenteil dessen, was wir ihnen geben könnten: Die tiefstmögliche Form von Sex, Crime, Action und Horror. Und Gewalt, Gewalt, GEWALT.

Nur mit starkem Unbehagen wagt er sich auszumalen, was passieren würde, wenn sein Kraftfeld nun versagte und er sich gezwungen sähe, in die Untiefe hinabzusinken.

Die Landeplattform des sich zwei Kilometer in den Himmel hochschraubenden Glasturms ist rundum mit Prallfeldern versehen, die den in dieser Höhe herrschenden Wind abhalten. Der Zynische Routinier landet ohne Schwierigkeiten, nähert sich einem goldbetreßten Lakaien-Clone und läßt sich zur Liftkabine führen. Wohlige Wärme streichelt seine Haut, als er das Kraftfeld abschaltet. Im Lift duftet es nach Savoir Vivre. Dezente Musik hüllt ihn ein, als die Tür sich schließt und der Aufzug ihn zwei Stockwerke tiefer trägt.

In der Violetten Halle wimmelt es von Leben. Anwesend ist alles, was in den Medien Rang und Namen hat. Man ist gekommen, um letzte Unklarheiten auszuräumen, einen netten Abend zu erleben, oder einfach deswegen, weil man beschlossen hat, dem isolierten Dasein am Terminal für ein paar Stunden zu entfliehen.

Die Feste, die Multimedia inszeniert, sind beliebt. Hier kann man Kontakte knüpfen, Freundschaften vertiefen, sich bis zur Besinnungslosigkeit betrinken, die besten stimulierenden Drogen schniefen oder sich über die Horden der Dilettanten lustig machen, die keine Gelegenheit auslassen, sich auf die Macher zu stürzen, um ihnen Betriebsgeheimnisse abzuschwatzen.

Ja, sie sind alle da.

Das Aufstrebende Jungtalent steht, umringt von einer Meute blondgelockter Groupies, im Mittelteil der Violetten Halle, in der Hand ein großes Schnapsglas. Die Groupies sind leicht geschürzt und tun alles, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Eine silberhaarige Endzwanzigerin mit spitzen Brüsten und herzförmigem Mund schiebt unentwegt die Zunge zwischen ihre roten Lippen, um dem Aufstrebenden Jungtalent zu signalisieren, daß sie es kaum noch erwarten kann, mit ihm allein zu sein.

Der Zynische Routinier bleibt stehen und schaut sich um. Sein Blick fällt auf Redakteure und Rezensenten, Schwätzer und Schmarotzer, Kritiker und Scharlatane, Fließbandpoeten und Zornige Junge Männer, Literaten und Naive, Vermarkter und Verstörte, Revoluzzer und Abstauber.

Inmitten einer Traube lauschender Anekdotensammler steht der Müde Alte Autor, dessen übermäßiger Alkoholkonsum nicht nur für das Zittern seiner Hände, sondern auch dafür verantwortlich ist, daß er kaum noch etwas Neues schafft. Aber er kann recht gut von den Wiederholungen leben. An einer der fünf Bars macht sich der Geschwätzige Regisseur zu schaffen. Er ist der einzige in der Szene, der genauso spricht wie er schreibt. Eine Lektorenbande, die nur wegen des Freibiers und der Mädchen gekommen ist, nimmt die Stirnwand der Halle ein.

Der Zynische Routinier erkennt irgendwo zwischen ihnen den Angeblichen Kritiker, einen aufgeschossenen, stirnglatzigen, bebrillten Menschen, der für Journale schreibt, die gemeinhin kein Honorar zahlen, weswegen er auf die Gratiskassetten angewiesen ist, denn wenn er schon gratis rezensiert, will er wenigstens sie behalten dürfen. Der Angebliche Kritiker ist in erster Linie Sammler, und da er es sich nicht mit den Redaktionen verscherzen will, lobt er jede Neuerscheinung über den grünen Klee.

Der Blick des Zynischen Routiniers hellt sich auf, als er den dumpf vor sich hinbrütenden Fatalistischen Star-Rechercheur erkennt, der ein Weinglas in der Hand hält und sich zweifellos zum xten Mal fragt, wie er es schaffen soll, dem Branchenstreß und seinen hohen Schulden zu entkommen und den seit Jahren projektierten Roman des Jahrzehnts fertigzustellen. Der Zynische Routinier und der Fatalistische Star-Rechercheur sind verwandte Seelen, auch wenn beide sich nie darüber klar geworden sind, ob der jeweils andere davon weiß. Der Fatalistische Star-Rechercheur vermutet nicht nur hinter jeder Branchenneuerung einen gezielten Anschlag auf seine Existenz, sondern tendiert auch immer stärker zu der Ansicht, der Zynische Routinier habe bei ihrer Durchsetzung die Hand im Spiel. Der Fatalistische Star-Rechercheur ist im Laufe der Zeit etwas sonderbar geworden. Er achtet peinlichst auf den Erhalt seiner Gesundheit und macht manchmal einen ausgesprochen bissigen Eindruck.

Der Zynische Routinier und der Fatalistische Star-Rechercheur haben jedoch eins gemeinsam: Den deutlich verächtlichen Blick, mit dem sie auf jenen Teil der momentanen Akademikergeneration herabsehen, der in todtrauriger Selbstzerrissenheit eingebildete Wehwehchen pflegt und tiefsinnige Gespräche über das »System« führt, das schuld daran ist, daß man nächtens mit Herzklabastern aufwacht und den eigenen Tod nahen sieht – angesichts dessen es natürlich völlig unsinnig ist, für die Zukunft zu planen.

Der Fatalistische Star-Rechercheur und der Zynische Routinier begrüßen sich mit einem kollegialen Zähnefletschen und stoßen miteinander an. Sie verstehen sich auch ohne viele Worte. Sie haben gerade in stummem Einvernehmen das erste Glas geleert, als der Inkompetente Macher die Halle betritt: Ein Mann in der Blüte seiner Jahre, eine magere Gestalt mit schiefen Zähnen, dem Anflug eines Bartes, und einer Nickelbrille, die veranschaulichen soll, daß er sich den Intellektuellen zugehörig fühlt, sofern sie politisch nicht links von ihm stehen.

© 2000 by Ronald M. Hahn
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Erstveröffentlichung in: Friedel Wahren (Hrsg.): Asimovs Science Fiction 55 (München: Heyne, 2000)
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